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Erstelldatum: 26.09.2007

Lebenslanges Lernen

Lebenslanges Lernen, eine der modischsten Worthülsen der Politik. Es klingt so positiv, so nach Intelligenz, aber im Sinne der Politik ist die Bedeutung dieses Vorganges, den jeder Mensch im Laufe seines Lebens erkennt, eine völlig andere.

Das Lernen beginnt bereits im Mutterleib und der Lernumfang eines Neugeborenen ist bis zum Schulanfang geradezu ungeheuer. Ich möchte es nicht im Einzelnen spezifizieren, weil ich es als bekannt voraussetze. Weniger bewusst dürfte sein, dass der politische Einfluss bereits im Babyalter beginnt. Nicht bei allen Menschen, sondern in der Hauptsache bei den Menschen, die von der Politik und von der Wirtschaft abgeschrieben wurden.

Jedes Kind entwickelt sehr schnell bestimmte Begehrlichkeiten. Es möchte haben, ein Spielzeug, eine Puppe, eine Süßigkeit. Diesem Begehren geben Eltern mit dem nötigen Kleingeld in begrenztem Maße nach. Eltern ohne dieses Kleingeld, z. B. die Hartz IV-Familie, die von Hartz IV oder Sozialgeld lebende allein erziehende Mutter, die Eltern mit einem unter dem Existenzminimum liegenden Einkommen können sich das nicht erlauben. Das Kind dieser Eltern muss also sehr frühzeitig eines lernen: "den Verzicht!" Aber wie soll so ein Wurm das verstehen? Andere bekommen, was ihm verwehrt wird. Was soll es mit den Worten anfangen, Mama/Papa haben kein Geld? Der Wert des Geldes ist doch für ein Kleinkind noch ein völlig abstrakter Begriff. Die Folge kennt jeder, das Kind quengelt. Es greift im Supermarkt nach dem Objekt der Begierde und versteht nicht, warum es ihm die Mutter wieder abnimmt. Bei Kindern armer Eltern ist das der Standard und löst deshalb bereits frühzeitig eine Aggression aus. Eltern mit dem nötigen Kleingeld lernen das in dieser Form nicht kennen, denn wenn sie nein sagen, geht die Reaktion des Kindes über ein Schmollen nicht hinaus. Für das Kind ist der Vorgang eine Art Liebesbeweis und das Kind, dessen Eltern ihm kaum das tägliche Brot bereitstellen können, empfindet die permanente Abweisung als Liebesverzicht.

Ein weiterer Punkt kommt hinzu. Dem Kind jeden Wunsch versagen zu müssen, geht an die Nieren und erzeugt ein Spannungsverhältnis bei den Eltern. Hinzu kommt, dass sie sich nicht vor das Kind hinknien können, um ihm zu erklären, warum sein Wunsch nicht erfüllt wird. Mama/Papa hat kein Geld, das werden sie ihm zuhause sagen, aber es in einem Geschäft zu sagen ist eine Entblößung, weil man die Blicke der anderen wie Nadelstiche auf der Haut spürt oder zumindest zu spüren glaubt. Diese Spannung löst Aggression aus, die sich dann durchaus in harschen Worten gegenüber dem Kind, manchmal auch in Form eines Klapses auswirkt.

Die Folge ist eine kleine Verletzung der Seele, auf beiden Seiten, denn auch Eltern haben nicht gelernt, Eltern zu sein. Sie haben sich zwar beim Übergang ins Erwachsenenalter geschworen, anders als ihre Eltern zu reagieren, nicht die gleichen Fehler wie ihre Eltern zu machen. Sind sie aber erst einmal selbst Eltern, haben sie plötzlich die gleichen Probleme, wie dereinst ihre Eltern und sie müssen erkennen, dass sie in vielen Dingen so reagieren, wie sie niemals reagieren wollten, oder neue Fehler begehen, denn ihre Empfindungen aus der Zeit der Kindheit sind im Dunkel des Vergessens verschwunden, geblieben ist nur noch das Bewusstsein, von den Eltern nicht verstanden worden zu sein.

Dieser Prozess schaukelt sich im Laufe der Zeit hoch. Es ist wie eine Hautabschürfung der Seele, der man keine Zeit zum Heilen lässt, sondern die ständig ausgeweitet wird. Natürlich ist das nicht bei allen armen Familien gleich. Ist die Armut neu, werden die Folgen abgeschwächt. Dort, wo Eltern die Armut bereits aus eigener Anschauung als Kind erlebten, ist die Folge nahezu unausweichlich. Man kennt den Begriff aus Hartz IV. Fördern und fordern. Wir fordern von Kindern Leistung, nicht nur, um unseren Stolz zu befriedigen, sondern, und das erklären wir auch den Kindern, zu ihrem eigenen Besten, denn sie lernen ja fürs Leben. Gleichzeitig fördern wir sie, mit unserer Liebe, mit kleinen Geschenken, mit Lob, mit unserem Verständnis und unserem Trost und mit vielen Dingen mehr. Sind wir zu dieser Förderung nicht mehr in der Lage, kommt die Weigerungshaltung der Kinder fast automatisch. Wir bezeichnen es als Trotz, aber es ist mehr. Es ist das Zeichen, dass sich ein Kind nicht verstanden und nicht geliebt fühlt. Trotz ist die Reaktion eines Kindes, wenn es auslotet, wo seine Grenzen gesteckt werden. Sieht es nur Grenzen, ohne Entfaltungsspielraum, wird es alles verweigern, was gefordert wird, offen oder verdeckt. Die Großen zu ärgern, wird dann das beliebteste Spiel, auf das die Großen zu oft mit Gewalt reagieren. Andere ziehen sich zurück und kapseln sich oder entwickeln eine ständige Furcht. Aber negative Auswirkungen hat Armut immer und zerstört in jedem Fall die betroffenen Familien.

Das Spiel geht in der Schule weiter. Mangelndes Interesse am Unterricht ist eine Fortsetzung dessen, was sich zuhause abspielt. Die Wissbegier eines Kindes ist damit nicht beendet, sie hat sich nur verlagert. Kinder wollen sehen, wie die Lehrkräfte und die Mitschüler auf ihr Verhalten reagieren. Sie stören den Unterricht, verweigern das Lernen, entwickeln Aggressionen gegen ihre Mitschüler. Viele dieser Kinder sind abgehärtet, weil ihre Eltern, oft aus Hilflosigkeit und Unverständnis über die Reaktionen ihres Kindes, mit Prügel reagiert haben. In der Schule ist man auf diese Form der Kinderpsychologie nicht eingerichtet. Die Verhärtung der Seele wird nicht aufgeweicht, sondern durch Ausgrenzung noch betoniert.

So wird mit Armut eine "Null Bock" Haltung gezüchtet. Diese Kinder gelten als nicht lernfähig, sind mangels schulischer Leistung unqualifiziert und gesellschaftlich abgeschrieben. Nicht selten rutschen sie ab ins Kriminelle. Es ist falsch, zu glauben, diese Menschen seien nicht lernfähig. Sie lernen wie jeder andere auch ununterbrochen, aber ohne Lernziel und ohne Anleitung. Sie lernen, die Angepassten zu hassen, sie lernen, sich zunehmen, was ihnen verweigert wird. Sie lernen, zu überleben. Oft sind sie stärker, als der übrige Durchschnitt, weil sie sehr früh eigene Wege gegangen sind und von der Ausgrenzung geformt wurden. Sie sind das ideale Material für alle Organisationen, die gegen die Masse gerichtet sind, denn Mitleid haben sie nicht wirklich kennen gelernt. Brutalität schon und die beherrschen sie. Irgendwann ist eine Umkehr nicht mehr möglich.

Wir alle lernen permanent, auch die so genannten Lernunwilligen. Intelligenz ist unterschiedlich verteilt und selbst der viel gerühmte IQ ist nicht wirklich der Spiegel der Intelligenz. Der IQ besagt allenfalls, dass jemand die Regeln der logischen Intelligenz beherrscht. Emotionale Intelligenz spielt beim IQ keine Rolle. Aber wir sollten uns erinnern. Geschichtlich gesehen ist die Schulpflicht eine relativ neumodische Angelegenheit. Die Forderung nach Schulen für alle Kinder wird Luther nachgesagt und in den protestantischen Ländern wurde die Schulpflicht im 16. und 17. Jahrhundert verwirklicht. Der Klerus der katholischen Kirche hingegen hat die Einführung der Schulpflicht noch lange verzögert. Dumme sind leichter zu leiten, war schon immer die Devise des Klerus. In Bayern wurde die Schulpflicht erst 1802 eingeführt, in Sachsen erst 1835.

Die Kinder vor dieser Zeit waren nach heutiger Auslegung ungebildet. Dennoch gab es Bäcker, Fleischer, Maurer, Tischler, Dachdecker, Schornsteinfeger und was es noch so alles gibt, seit undenkbaren Zeiten. Sie konnten nicht lesen und nicht schreiben und nur begrenzt rechnen und lernten ihr Handwerk von ebenso ungebildeten Meistern. Dennoch haben sie alle ihr Teil zur Entwicklung beigetragen.

Heute verlangt die Wirtschaft eine per Zeugnis nachgewiesene Vorbildung. Schlechte Schulnoten sind gleichbedeutend mit Ablehnung. Oft sind die Forderungen der Wirtschaft an die Ausbildung maßlos überzogen. Ein Zeugnis entscheidet, nicht die vielleicht für den Job notwendige handwerkliche Fertigkeit, denn dafür gibt es erst eine Ausbildung, wenn das Schulzeugnis stimmig war. Und das ist das politische Credo. Nicht das Können wird bewertet, sondern nur der Nachweis.

Wechselt ein Arbeitnehmer innerhalb eines Unternehmens die Position, muss er lernen, diese Position auszufüllen. In den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden in den Fabriken viele Hilfsarbeiter beschäftigt. Hilfsarbeiter, das waren entweder ungelernte Kräfte, oder auch Kräfte aus anderen Berufszweigen, die in die Industrie gewechselt waren, weil sie dort besser bezahlt wurden. Sie wurden für ihre Tätigkeit angelernt, meist nicht einmal eine Woche lang. Dann bedienten sie Fräsmaschinen Shapings (Metallhobler), Schleifmaschinen, Stanzmaschinen und was sonst noch so alles vorhanden war. Sie lernten nicht nur den eigentlichen Arbeitsgang, sondern auch das Einrichten der Maschinen, die Praktiken der Messung, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen und wechselten von einem Arbeitsplatz auf den anderen. Learnig by doing, wie der Amerikaner sagt. Es waren Hunderttausende, die am Aufbau nach dem Krieg so einen nicht geringen Anteil am Wirtschaftswunder leisteten. Nicht Wenige beschritten dann, trotz vormals schlechter Zeugnisse, erfolgreich den zweiten Bildungsweg, holten so das Versäumnis einer qualifizierten Ausbildung nach.

Heute hätten sie keine Chance mehr. Ein schlechtes Zeugnis ist der beste Weg in die dauerhafte Arbeitslosigkeit. Die Forderungen der Wirtschaft nach einer fundierten Schulbildung beruhen auf dem Überangebot von Arbeitskräften. Wenn nun im Flexicurity-Projekt der EU das lebenslange Lernen derart intensiv betont wird, ist damit vor allem die Verpflichtung für Arbeitnehmer und Arbeitslose gemeint, selbst etwas für ihre Ausbildung zu tun, natürlich so, dass die Wirtschaft das Ergebnis auch anerkennt. Das, was noch vor 50 Jahren mit diesem Learnig by doing sehr erfolgreich verwirklicht wurde, spielt heute keine Rolle mehr. Es ist das bürokratische Erfordernis: "Dokument = Arbeit, kein Dokument = keine Arbeit", weil unqualifiziert.

Fähigkeiten werden entwickelt, nicht in der Schule, sondern in der Praxis. Handwerkliches Geschick ist nicht zwangsweise gleichbedeutend mit guter schulischer Lernfähigkeit. Nehmen wir als Beispiel die Heimwerker. Darunter sind welche mit einer hervorragenden Schulbildung, die heimische Basteleien als Ausgleich zu einer geistigen Tätigkeit durchführen. Dazu gehören aber auch viele Leute, die keine guten Schulzeugnisse vorweisen können, aber bessere und ordentlichere Leistungen in manchen praktischen Tätigkeiten vollbringen, als so mancher Gelernte. Wer kennt sie nicht, die Motorrad-Gangs wie Hell Angels und ähnliche Organisationen. Dort hat so mancher von den Ausgegrenzten Zuflucht gefunden. Die Biker-Clubs bringen ihre Motorräder nicht in die Werkstatt, sondern bearbeiten sie selbst, stylen sie mitunter völlig um, nehmen die Bikes völlig auseinander und setzen sie wieder zusammen, ohne es je gelernt zu haben, oft ohne einen Schulabschluss zu besitzen. Sie lernen permanent, wie jeder andere auch. Sie haben Fähigkeiten, die man aber nicht anerkennt, weil Ihnen das Papier fehlt, das diese Fähigkeit nachweist.

Wenn die Politik und die Wirtschaft von lebenslangem Lernen spricht, sollte man eine andere Frage in den Raum stellen. Wie verhält es sich mit der Lernfähigkeit der so genannten Eliten? Warum muss die Politik, obwohl ein teurer und riesiger Apparat, sich so genannte Experten aus der Wirtschaft holen, deren Interessen nicht gleich dem Regierungsauftrag sind, sondern diesen meist diametral entgegen stehen? Warum werden Aussagen, die Irgendwer mal irgendwann zu Papier gebracht hat, völlig widerspruchslos und trotz nachweislicher Fehler in Politik, Wirtschaft und den Hochschulen als einzig wahre Lehre verkündet?

Stelle ich mir diese Fragen, werde ich an das Buch von Laurence J. Peter erinnert. Er hat in ironischer bis sarkastischer Weise in seinem Buch "Das Peter Prinzip" (engl. Original Titel: The Peter Principle) die Wahrheit über die Hierarchien beschrieben. Sein Credo: "Jeder wird solange befördert, bis er den Grad seiner Inkompetenz erreicht hat." Auf amüsante Weise schildert er die verschiedenen Auswirkungen, aber auch die Ursachen dieses Aufstiegs bis zu Inkompetenz. Allerdings glaube ich, dass er in einem Punkt irrte. Hat jemand den Grad seiner Inkompetenz erreicht, muss das nicht das Ende der Beförderung sein sondern kann durchaus noch weiteres Erklimmen der hierarchischen Stufen ermöglichen, abhängig von der für manche Oberen gesehenen Nützlichkeit.

Nach diesem Buch ist auch jede Regierung zum Zusammenbruch verurteilt, gleichgültig, ob kommunistisch, kapitalistisch, sozialistisch oder diktatorisch, wenn die Peter-Formel die Zahl 100 erreicht hat. Die Formel definiert Peter so:

Wenn der RQ 100 erreicht ist, kann überhaupt keine sinnvolle Arbeit mehr geleistet werden.

So humorvoll Laurence J. Peter diese Darstellung auch verfasst hat, sie stimmt und kann allerorten beobachtet werden. Nur, dass die nächste Stufe, die Über-Inkompetenz, zunehmend nach Brüssel, den Haag, und Straßburg ausgelagert wird.

Gerade in letzter Zeit wird in immer stärkerem Maße deutlich, dass in Berlin bei Anwendung der Peter-Formel die Zahl 100 erreicht wurde (na ja, in den Landesregierungen natürlich auch). In der Wirtschaft, zumindest bei den Multinationalen Konzernen sieht es nicht anders aus. Fusionen, Umstrukturierungen, Regelungen bis ins kleinste Detail sind typische Zeichen von erreichter oder überschrittener Inkompetenz. Über die Kompetenz bei den so genannten Experten, die stets zu Rate gezogen werden, möchte ich mich erst gar nicht auslassen. Nach Peter wird die produktive Arbeit von denen ausgeführt, die noch nicht die Stufe der Inkompetenz erreicht haben, aber diese Sorte Mensch wird mit jeder Beförderungsstufe seltener.

Das alles wäre verkraftbar, würde nicht die grassierende Inkompetenz das Leben, das Lernen und den Frieden von Millionen Menschen zerstören oder zumindest gefährden.