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Erstelldatum: 20.12.2007

Hans und das Wunderauto

Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Hans setzte sich in sein Auto und fuhr los. Es war kein normales Auto, in welchem er saß, sondern ein Wunderauto. Sicher, es hatte einen Motor, Räder, Elektronik, fuhr mit Benzin und sah schrottreif aus. Das Aussehen passte zu der Umgebung, in welcher Hans startete, nichts als Trümmer. Trotzdem war Hans frohen Mutes, denn er wusste, der Motor konnte schier Unglaubliches leisten. Nicht nur das. Zwar verbrauchte der Motor Benzin, doch wenn er richtig auf Touren war, produzierte er es auch und zwar mehr, als das Auto verbrauchte. Auch konnte der Motor das Auto während der Fahrt regenerieren, wenn es nur ungestört fahren konnte, dann würde es bald wieder aussehen wie neu.

Deshalb war Hans auch frohen Mutes, sein Ziel zu erreichen, das Wunderland, das Land, wo alle Menschen glücklich und zufrieden waren, ein Land ohne Trümmer und jeder hatte reichlich von allem. Er fuhr los, im Tank das Benzin, das man ihm für die Reise überlassen hatte und als Wegzehrung ein paar eingewickelte Brote. Am Anfang war die Fahrt beschwerlich, denn der Weg war holprig und immer wieder versperrten Trümmer seinen Weg. Doch je weiter er fuhr, umso mehr veränderte sich die Landschaft. Die Straße wurde besser, der Schutt und die Trümmer links und rechts wurden weniger, dafür traten mehr und mehr neue Gebäude in den Vordergrund, Wohngebäude und Gebäude, in welche die Menschen strömten, um zu arbeiten.

Hans war schon eine ganze Weile gefahren, doch nun brauchte er eine Rast, um ein wenig zu essen und zu schlafen. Außerdem war der Tank inzwischen so voll, dass der Überschuss an Benzin abgeliefert werden musste. Also fuhr Hans auf den nächsten Rastplatz und stellte sein Auto ab. Das Auto war inzwischen schon viel ansehnlicher als zum Zeitpunkt der Abfahrt. Der Motor hatte gute Arbeit geleistet. Als Hans seine Brote auspackte, gesellte sich ein Mann zu ihm.

"Spar Dir Deine Brote auf", sagte der Mann. "Komm, ich lade Dich ein. Komm mit in die Schänke dort." Hans gefiel die Freundlichkeit des Mannes. Er packte seine Brote wieder ein und ging mit dem Mann in die Schänke. "Wo fährst Du hin?" fragte ihn der Mann, als sie am Tisch Platz genommen hatten. "Ich will ins Wunderland", antwortete Hans. "Der Weg, den Du fährst, ist aber falsch und gefährlich", sagte der Mann. "Aber iss und trink mal erst, dann ruhe Dich aus. Morgen zeige ich Dir einen kürzeren und ungefährlicheren Weg." Von der Freundlichkeit des Mannes war Hans sehr angetan. Ein anderer Gast der Schänke kam an ihren Tisch und sagte zu Hans: "Trau dem Kerl nicht, der will Dich betrügen." Hans war empört über diese Aussage und sagte dem Mann, er solle sich fortscheren, schließlich war der Mann, der ihn eingeladen hatte, sehr freundlich und generös. Er sah nicht die Traurigkeit des anderen Mannes, als dieser sich resigniert abwandte. Er aß und trank und der Mann an seinem Tisch zahlte alles. Schließlich ging Hans leicht berauscht zu Bett. Der Mann hatte ihm erzählt, dass Wegelagerer jeden, der auf der Straße weiter fuhr, überfielen und ausraubten. Er wollte ihm einen schnelleren und kürzeren, vor allem aber ungefährlicheren Weg zeigen. Um es ihm leichter zu machen, würde er (der Fremde) ein Stück des Weges mit fahren, bis er auf dem richtigen Weg sei.

Als Hans am nächsten Morgen erwachte, brummte ihm ein wenig der Schädel, aber er hatte nichts von dem vergessen, was ihm der Mann erzählt hatte. Er stand auf und fuhr als erstes zur Tankstelle, um einen Teil des Tanks zu entleeren. Als er das produzierte Benzin ablieferte, erzählte ihm der Tankwart stolz, dass man, basierend auf dem Wunder seines Motors, der Benzin produzierte, nun auch ein Mittel habe, das, dem Benzin zugesetzt, selbständig neues Benzin produzierte. Außerdem müsse er in Zukunft nicht mehr das produzierte Benzin abliefern, sondern man könne es direkt in die Räder leiten. Hans fand die Idee toll und der Tankwart bot sich an, den Umbau vorzunehmen. Der Umbau war schnell und einfach. Hans staunte nicht schlecht und freute sich über den Erfolg, hatte er doch nichts für den Umbau zahlen müssen.

Zurück in der Schenke wartete schon sein Gönner von gestern auf ihn. Wieder lud er ihn zu einem großzügigen Frühstück ein. Beim Frühstück zeigte er Hans eine Karte, die er angefertigt hatte, auf welcher der Weg eingezeichnet war, den Hans nun fahren sollte. Nach dem Frühstück fuhren sie los. Der Mann zeigte ihm den ersten Teil des Weges, steckte Hans dabei auch ein paar Geldscheine zu, damit er nicht in Verlegenheit geriete auf dem weiteren Weg. Sie fuhren, bis eine Polizeistreife sie anhielt. Die Polizei beschuldigte den Mitfahrer von Hans, Bestechungsgelder angenommen zu haben und wollte, dass er ausstieg und mit ihnen kam. Der Mann sagte zu Hans, daran sei nichts Wahres und er werde das schon aufklären. Hans solle getrost weiter fahren, den Weg wüsste er ja nun. Er habe ihn ja extra genau aufgezeichnet.

Hans fuhr also alleine weiter, aber nach einiger Zeit wurde die Fahrt langsamer, der Motor arbeitete schwerer, trotzdem nahm die Geschwindigkeit ab. Hans konnte sich das nicht erklären und hielt an, um nachzusehen. Als er ausstieg, wäre er fast gestolpert, denn der Abstand zum Boden war plötzlich viel größer. Ein Mann, der unweit der Stelle stand, wo Hans angehalten hatte, kam zu ihm rüber und fragte: "Na, Probleme?" Hans nickte und zeigte auf die Reifen. Die waren nun viel größer geworden und schliffen an der Karosserie. Hans erklärte dem Mann, dass das wohl damit zusammenhängen würde, weil das produzierte Benzin direkt in die Reifen geleitet würde. "Nein, nein. Das ist schon in Ordnung. Es sind die Schutzbleche hier. Die sind überflüssig. Am besten baust Du sie ab. Dann geht die Fahrt wieder wunderbar, sogar besser als vorher. Auch der Motor ist zu groß und zu schwer. Wenn Du einige Teile abbaust, geht es mit der Fahrt wieder weiter. Aber hier haben wir nicht das Werkzeug dazu, also nimm hier das Geld und lass das in einer Werkstatt machen." Damit steckte er Hans wieder einige Scheine zu, half ihm dann, die Schutzbleche abzubiegen, obwohl dabei Risse entstanden und einige Teile abbrachen. Auch vom Motor wurden einige Teile abgebaut und weggeworfen. Die Besorgnis von Hans beschwichtigte der Mann. "Du weißt doch, dass der Motor den Wagen regeneriert. Jetzt ist er leichter und kann wieder besser arbeiten, weil er die unnützen Teile nicht mehr mitschleppen muss." Dass sah Hans ein. Er bedankte sich für die Hilfe und fuhr weiter.

Doch nun musste er in immer kürzeren Abständen anhalten. Zum Glück waren immer freundliche Menschen in der Nähe, die ihm sagten, was er machen müsse und ihm halfen. Der Motor wurde immer kleiner, dafür die Reifen immer größer. Die Fahrt wurde immer schwerer und Hans entfernte sich immer weiter vom Wunderland. Inzwischen fuhr er nicht mehr alleine, Viele andere Autos nahmen den gleichen Weg wie er und kämpften mit den gleichen Problemen wie er. Doch obwohl immer genügend Helfer zur Stelle waren, die ihnen halfen, Teile abzubauen, von der Karosserie und von dem Motor, wurde die Fahrt immer beschwerlicher. Doch Hans und mit ihm die anderen Autofahrer erkannten nicht mehr, dass ein immer kleinerer Motor, der immer größere Reifen antreiben sollte, seine Leistung nicht permanent steigern kann. Dass die immer mehr reduzierten Schutzbleche den Schmutz nicht mehr abfangen konnten und deswegen das Auto immer stärker verschmutzte und unansehnlicher wurde. Sie erkannten auch nicht, dass der Motor nicht mehr in der Lage war, die Karosserie zu regenerieren, weil seine Leistung immer stärker gedrosselt wurde. Außerdem saugten die Reifen mehr Benzin ab, als der Motor noch produzieren konnte. Hingegen die Tankstellen produzierten mehr Benzin, als sie noch unterbringen konnten und liefen deshalb über und verwandelten die Straßen und Wege in Matsch, einen Matsch, der nur noch eines Funken bedurfte, um zu explodieren.

Noch war es nicht so weit. Aber bald würde der Motor nicht mehr in der Lage sein, den Wagen zu bewegen. Erst recht würde er kein Benzin mehr produzieren und die Karosserie nicht mehr regenerieren. Aber Hans und seine Kollegen konnten oder wollten nicht sehen, was die Folgen waren. Sie grüßten die Leute am Wegesrand freundlich, weil sie glaubten, es seien Helfer und nicht erkannten, dass es Schrotthändler waren, die nur darauf warteten, dass die Autos endgültig zum Stillstand kamen. Dieser Zeitpunkt war nicht mehr weit.

Hans war auf dem richtigen Weg gewesen. Aber er hatte immer denen vertraut, die ihn vom richtigen Weg abgebracht hatten. Er hatte ihre Einladungen, ihr Geld genommen und war immer mehr wie sie geworden. Er hatte nicht erkannt, dass sie die Wegelagerer waren und sein Auto nach und nach immer stärker ausgeplündert hatten. Vielleicht hatte Hans es auch erkannt, war aber inzwischen wie sie geworden. Ihm war das Auto nicht mehr wichtig, nur noch die falschen Freunde. Inzwischen wähnte er sich als einer der Ihren und würde erst erkennen, dass man ihn nicht mehr brauchte und wegwerfen würde, wie zuvor die Teile des Motors und der Karosserie, wenn das Auto endgültig schrottreif war.

So weit meine Weihnachtsgeschichte. Sie haben schon erkannt, Hier wurde deutsche Geschichte in etwas anderer Form erzählt. Das Wunderauto ist Deutschland selbst. Das Benzin für den Start war das Geld aus dem Marshall-Plan. Die Reifen sind die Wirtschaft, der Motor die Arbeitnehmer, die Elektronik sind die Dienstleistungen, das Benzin das Kapital und die Schutzbleche des Autos die Sozialsysteme. Die Helfer und Freunde von Hans sind die Arbeitgeberverbände und Experten wie Sinn, Rürup, Bertelsmann, die INSM und andere. Und Hans? Hans ist die Politik, die anfangs auf einem guten Weg war, bis der erste Helfer auftauchte, Graf Lambsdorff und die Karte, die er gezeichnet hatte, läutete die Wende im politischen Geschehen ein: "Das Lambsdorff Papier!" Dieses Papier enthielt den genauen Wegeplan zum Abbau, das Rezept des klassischen Liberalismus, bei uns als Neoliberalismus bekannt. Die anderen Autos sind die anderen Staaten der EU. Der Zusatz, den man dem Benzin an den Tankstellen zugesetzt hat, ist der Zins, der immer neues Kapital produziert, ohne Menschen zu ernähren außer dem Kapitalgeber, weil es nicht mehr in der Produktion untergebracht werden kann. Zins, der nicht nur Kapital produziert sondern in gleichem Maße auch Schulden. Irgendwann läuft es über, bildet Matsch in Form unsauberer Geschäfte und wer weiß, vielleicht ist die Immobilienkrise der USA der Funke, der den Matsch entzündet.

Schade, ich hätte gerne eine fröhliche und aufmunternde Geschichte erzählt, aber da ist mir nichts eingefallen, weil jede Geschichte einen Kern der Wahrheit enthält oder enthalten sollte. Sonst wäre es eine Münchhausen-Geschichte und ich bin nicht Münchhausen. Seine Nachkommen sitzen doch in den Regierungen und den Parlamenten.