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Worte und Begriffe

Sprachen verändern sich im Laufe der Zeit, ob nun durch Kontakte mit anderen Kulturen oder durch wissenschaftlich begründete Änderungen der Ausdrucksweise und der Rechtschreibung. So findet seit dem 2. Weltkrieg eine deutliche Amerikanisierung der deutschen Sprache statt, von Älteren oft kritisiert, aber im Sprachgebrauch der Jugend inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Vieles davon wird sich verfestigen und in der Zukunft als Selbstverständlichkeit betrachtet werden.

Neu ist, dass allmählich auch eine Umkehrung der Inhalte stattfindet, die nichts mit den Sprachänderungen zu tun hat. Diese Umkehr der Inhalte ist gleichzeitig ein Spiegel einer sich ändernden Wertevorstellung, die Tabus enttabuisiert und damit den ursprünglichen Wert ins Gegenteil verkehrt.

Als Beispiel mag hier ein Werbeslogan dienen. "Geiz ist geil" ist der Slogan der Medienkette Saturn, gleich zwei Begriffe ins Gegenteil verkehrend. Geil war in der Vergangenheit ein Synonym der sexuellen Erregung und Geiz galt als unanständig, in seiner religiösen Bedeutung sogar als eine der sieben Todsünden. Dort galt Geiz als das Streben nach irdischen Gütern, Quelle und Wurzel der Hartherzigkeit, des Diebstahls, des Betrugs und der List. Auch in der Literatur wird Geiz immer wieder als absolut negative Eigenschaft, mal verspottet, mal als Quelle bösartiger Umtriebe dargestellt.

Natürlich zielte die Werbung von Saturn ursprünglich darauf ab, den Kauf billiger Waren als sexuelle Stimulans wahrzunehmen. Unterschwellig versucht die Werbung seit geraumer Zeit in vielen Bereichen, den Erwerb bestimmter Produkte mittels sexueller Wertvorstellung attraktiver zu machen, indem der Erwerb der Waren einer sexuellen Befriedigung gleichgestellt wird oder den Käufer wegen der Nutzung der Produkte begehrenswerter erscheinen lässt.

Die Saturnwerbung hat aber mehr gemacht. Sie hat gleichzeitig einen Mentalitätswechsel verursacht, etwas bisher Verpöntes als attraktiv und wünschenswert dargestellt. Geiz, früher als absolut negative Eigenschaft geächtet, wurde plötzlich zur positiven Eigenschaft, die Befriedigung verschafft. Neu in diesem Fall war nicht die Anstiftung zum Billigkauf, sondern die Verbalisierung. Geiz wurde salonfähig. Bei der zu einem Großteil jugendlichen Zielgruppe der Werbekampagne kam der Slogan sehr gut an. Der Begriff "geil" wurde aber nicht als unterschwellig sexueller Anreiz aufgenommen, sondern ging als Ersatz für gut, toll, fantastisch in den Sprachgebrauch ein. Wurde von der älteren Generation das Wort noch in Verbindung mit "lasterhaft" gesehen, gab ihm die Unbekümmertheit der Jugend eine völlig neue Bedeutung. Auch dieser Begriff, früher eher im negativen Sinne und meist nur hinter vorgehaltener Hand verwendet, hat seine ursprüngliche Bedeutung verloren und wird in immer stärkeren Maße auch von der älteren Generation und den Medien sinnverzerrt angewendet.

"Geil" wurde in seiner inhaltlichen Bedeutung verändert. Beim Geiz hingegen nur die Wertvorstellung. Dieser Prozess hat aber schon lange vor der Gründung von Saturn begonnen. Nur wurde in der Vergangenheit auf eine Tugend reflektiert, die im Prinzip eng mit der Untugend des Geizes verwandt ist, die Sparsamkeit. Bereits in den 50ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begannen Handelsketten wie Rewe, Konsum, Kaisers Kaffeegeschäft oder Edeka mit ihrem Appell an die Sparsamkeit der Verbraucher, indem sie durch die Ausgabe von Rabattmarken indirekte Preisnachlässe gaben, um ihr Angebot attraktiver für die Verbraucher zu gestalten. Da sich das, weil die anderen Ketten sofort nachzogen, sehr schnell wieder nivellierte, gelang damit nur in begrenztem Maße eine Kundenbindung. Weil die Gesetzgebung der damaligen Zeit Rabatte beschränkte, unterblieb ein ruinöser Wettbewerb. Das änderte sich, als sich die aus den USA übernommene Idee der Supermärkte auch in Deutschland ausbreitete. Der Supermarkt, Bäcker, Metzger Obst und Gemüsehändler und Lebensmittelladen in einem, brachte dem Verbraucher zwei scheinbare Vorteile, einmal war es bequem dort zu kaufen, weil man in einem Laden alles erstehen konnte, zum anderen konnten die Supermärkte aufgrund besserer Einkaufskonditionen die Waren billiger anbieten. Der Verbraucher nahm diese Vorteile dankbar an, ohne sich über die damit verbundenen Konsequenzen Gedanken zu machen. Die kleinen Läden blieben auf der Strecke, weil sie mit den Supermärkten nicht konkurrieren konnten, ein Umstand, den sich die damals als reine Zulieferbetriebe tätigen Handelsketten wie Rewe oder Edeka und andere zunutze machten. Indem sie die Modernisierung kleiner Läden anregten und vorfinanzierten, beschleunigten sie den Konkurs der Tante Emma-Läden und die Handelsketten kamen so billig in den Besitz von Verkaufsflächen, um eigene Supermärkte aufzubauen.

Die Folgen wurden vom Verbraucher nicht bemerkt oder teilweise sogar mit ein wenig Schadenfreude zur Kenntnis genommen. Der kleine Ladenbesitzer, der sich im Verständnis so manchen Verbrauchers als etwas "Besseres" dünkte, musste sich plötzlich um normale Arbeit bemühen. Besonders schlimm war es für die Älteren unter den Ladenbesitzern, denn sie hatten vielfach nicht "geklebt", also keine Altersvorsorge betrieben. Für einen Großteil der Bevölkerung war der Vorgang nicht tragisch. Es herrschte Vollbeschäftigung und niemand wäre auf die Idee gekommen, dass damit ein Prozess in Gang kam, der sich kontinuierlich fortsetzen sollte, die Vernichtung von Arbeitsplätzen.

Ein weiterer Umstand bescherte den Verbrauchern Sparmöglichkeiten beim Einkauf. Die von den Europäischen Regierungen mit der WTO (World Trade Organization) geschlossenen GATT-Verträge (General Agreement on Tariffs and Trade) machten die Zollbeschränkungen durchlässiger. Billigprodukte aus dem Ausland, vor allem Textil- und Spielwaren drängten auf den deutschen Markt zu Preisen, mit denen deutsche Hersteller nicht konkurrieren konnten. Deutsche Unternehmen eiferten nun den amerikanischen Konzernen nach, die schon lange Teile ihrer Produktion in die asiatischen Länder verlegt hatten, weil sie dort aufgrund fehlender Sozialstandards und mittels Hungerlöhnen zu billigsten Konditionen ihre Produkte herstellen lassen konnten. Damit konnten sie die auf dem Kontinent tätigen Unternehmen unterbieten und gleichzeitig noch traumhafte Gewinnmargen verbuchen. Die GATT-Verträge hinderten die Regierungen, mit Zollschranken einen Schutzwall gegen die Billigkonkurrenz aufzubauen. Erstmalig machte sich das Ansteigen der Arbeitslosigkeit bemerkbar.

Der Rest ist bekannt. Der bereits 19951/52 unterzeichnete Vertrag zum Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur Montanunion der EG bescherte Deutschland Mitte der 60ger Jahre die ersten Probleme mit den ersten großen Streiks der in der Kohle- und Stahlindustrie. Importe aus dem Europäischen Ausland bei Kohle und Stahl waren billiger, als die im Inland geförderten bzw. verhütteten Produkte. Diese Situation hatte die Ablösung der CDU/CSU als Regierungspartei zu Folge und führte zur ersten Sozial-liberalen Koalition unter Willy Brandt. Die fortschreitende Automatisierung der produzierenden Industrie ermöglichte quantitativ größere Produktionen bei gleichzeitig abnehmendem Personal. Die allmählich in den 70ger Jahren beginnende Computerisierung machte Stellen in den Verwaltungsbereichen überflüssig. Die Arbeitslosigkeit stieg stetig und immer schneller.

Parallel zu diesem Prozess wandelte sich das Kaufverhalten der Verbraucher von der Sparsamkeit hin zum Geiz. Wenn man billiger kaufen konnte, wurde auf Service verzichtet. Der Deutsche begann, sich auf Schnäppchenjagd zu begeben. So fanden die Discounter einen fruchtbaren Boden bei ihrer Gründung vor. Die Verbraucher störte nicht, dass sie sich aus Kartons statt Regalen selbst bedienen mussten. Die Frage des Preises war wichtiger als die der Qualität. Niemand machte sich Gedanken darüber, warum gerade die Inhaber der Discounter-Ketten blitzschnell bei den Milliardären landeten (Beispiel Aldi, Schlecker, Lidl) Dass ein Laden eines Discounters nicht einmal die Hälfte des Personals benötigt wie ein Supermarkt, wer denkt darüber schon nach? Dass der Discounter Preise diktiert und damit seine Lieferanten in einen ruinösen Wettbewerb stürzt, wer denkt schon darüber nach? Dass die Verbraucher mit ihrer Billigst-Mentalität den Abbau von Arbeitsplätzen forcieren, u. U. sogar den des eigenen, wer denkt schon darüber nach? Dass die Discounter wie Kraken ihr Angebot immer weiter ausweiteten, über das Angebot von Lebensmitteln hinaus und damit weitere kleine Unternehmen ruinierten, wer denkt schon darüber nach?

Geiz ist gar nicht geil

Ganz im Gegenteil. Geiz ist die Wurzel des Übels. Geiz ist ein Mitverursacher der Arbeitslosigkeit. Früher lautete mal das Motto: "Leben und leben lassen. Wir sollten zu diesem Motto zurück finden.

Zwei Dinge sind völlig aus dem Blickfeld der Menschen geraten:

Ursache und Wirkung. Wer nur an seinen eigenen Vorteil denkt (Ursache), schadet damit der Allgemeinheit (Wirkung). Da er selbst zur Allgemeinheit gehört, schadet er sich letztendlich selbst. Meist ist das eine Folge von Gedankenlosigkeit, weil der Mensch überwiegend vom Wunsch bis zur Erfüllung des Wunsches denkt, nicht aber über mögliche Folgen der Art der Verwirklichung. Dabei schadet es nicht, die grauen Zellen wesentlich öfter zu nutzen. Im Gegenteil, es nutzt, neben dem reinen Tunnelblick auch mal das Links und das Rechts zu betrachten. Das ist wie eine Fahrt auf der Autobahn. Wer nur starr auf die Straße schaut, dem entgehen die Schönheiten der Landschaft rechts und links.

Wir sind das Volk

Diesen Ausspruch haben wir als Folge der Reformen der Agenda 2010 oft gehört. Zu Recht. Die Politik macht entweder viel zu viele Fehler, oder sie arbeitet bewusst auf ein Ziel hin, das nicht im Interesse der Bevölkerung liegt. Aber dieser Ausspruch hat nicht nur bei Forderungen an die öffentliche Hand seine Berechtigung. Er gilt auch für die Mitverantwortung eines jeden Einzelnen an der Verwirklichung des gewünschten Staatswesens. Geiz ist auch hier nicht geil. Ob bei der Steuer, bei den Versorgungssystemen wie z. B. Krankenkassen, wir alle tragen einen Teil der Verantwortung für ein funktionierendes Staatswesen mit. Wer Steuern hinterzieht, macht dies auf Kosten der Allgemeinheit. Wer die Versorgungseinrichtungen über Gebühr belastet, tut dies auf Kosten der Allgemeinheit. Dies gilt für den Arzt, der einem Patienten Medikamente verschreibt, die dieser nicht benötigt oder die teurer als nötig sind eben so, wie für den Arbeitnehmer, der mal eben "Urlaub auf Krankenschein" macht. Wir sind das Volk gilt auch für die Arbeit der Politik. Politiker sind auch nur Menschen, mit allen Schwächen dieser Spezies. Deshalb müsste jeder Bürger sich mit Politik beschäftigen, um die Arbeit der Politiker auch beurteilen und, wenn nötig, auch kritisieren zu können. Würden das alle Bürger beherzigen, wären sie gegen die Aussagen so genannter Experten gewappnet, wenn diese versuchen, Wertvorstellungen zu implementieren, die nicht den Wertvorstellungen der Allgemeinheit entsprechen, sie könnten politische Vorhaben wie die Privatisierung von Volkseigentum frühzeitig attackieren, indem sie mit Protesten in Form von Kundgebungen oder Protestschreiben reagieren. Man würde lernen, zwischen Politikern und politischen Lobbyisten zu unterscheiden und bei Wahlen aufgrund von Wissen statt von vagen Vorstellungen seine Wahlentscheidung treffen. Wir sind das Volk und haben deshalb auch einen Teil der Verantwortung. Wir wählen Politiker als die Vertreter unserer Interessen in die Parlamente. Dann müssen wir aber auch deren Arbeit begleiten und ein Stück weit überwachen, um zu kontrollieren, ob sie ihre Arbeit auch ordentlich machen. Die Hausfrau, die sich eine Putzhilfe leistet, prüft auch, ob die Putzhilfe ordentlich arbeitet. Warum machen wir das bei Politikern anders?

Neid und Kritik

Neid, damit verbindet man eher negative Vorstellungen und oft ist das richtig, doch keineswegs immer. Werden Spitzensportler nicht um ihre Fähigkeiten beneidet, ohne dass dieser Neid negativ wäre. Beneidet der Ältere nicht die Jugend ein wenig um ihre Unbekümmertheit und eben diese Jugend, die er nicht mehr zurückholen kann? So ließen sich viele Beispiele bringen, wo Neid nicht negativ ist, sondern der Ausdruck für etwas oder für Eigenschaften, die man selbst nicht hat, bei anderen aber bewundert.

Die andere, negative Art von Neid hat meist materielle Ursachen. Kritik hat grundsätzlich nichts mit Neid zu tun, wird aber dennoch oft begrifflich mit ihm vermengt. Ist jemand auf einen Nachbarn neidisch, weil dieser sich ein neues Auto gekauft hat und schimpft bei anderen darüber, wird er das unter dem Deckmantel der Kritik tun. Unschön und eine krasse Art von Egoismus. So wird das auch von der objektiven Allgemeinheit wahrgenommen, neuerdings aber auch von einigen Kreisen missbraucht.

Berechtigte Kritik wurde in den Medien, von Politikern, von den Gutsituierten mit dem Totschlagargument einer Neiddebatte abgetan. Die krassesten Beispiele hierfür sind die Herren Schrempp, Ackermann, Schröder, Clement und Oetger.

Schröder und Clement kanzelten die Kritik an überzogenen Gehältern in den Vorstandsetagen, aber auch die Kritik an den überzogenen Pensionserwartungen bestimmter Politiker als Neiddebatte ab. Ackermann, angesprochen auf den von ihm mit zu verantwortenden Deal zwischen Mannesmann und Vodafone und die dabei transferierten Gelder tat das als Neiddebatte ab. Schrempp, kritisiert ob seiner sich selbst zugestandenen Bezüge und seine Aktion bzgl. der Aktienoptionen für Vorstandsmitglieder bei DaimlerChrysler, winkte ab: Nur eine Neiddebatte! Arend Oetger, milliardenschwerer Chef der Oetger-Werke antwortete in einem Interview bei der Anspielung auf sein Vermögen, das sei nur eine Neiddebatte.

Hier wird berechtigte Kritik mit dem Totschlagargument Neid abgewürgt. Doch sei die Frage gestattet, ob Herr Schrempp mit einem Jahresgehalt von 6,47 Millionen ohne Aktienoptionen * oder Herr Ackermann mit einem Jahresgehalt von 4,29 Millionen * dieses Einkommen im Sinne des Wortes wirklich verdienen. Verdienen Herr Schrempp oder Herr Ackermann dieses Einkommen damit, dass sie angesichts hoher Arbeitslosenzahlen die Belegschaft regelrecht erpressen, unbezahlte Mehrarbeit zu leisten (Schrempp) oder bei zunehmenden Gewinnen massiv Stellen abbauen (Ackermann)? Das hat nichts mit Neid zu tun, sondern ist berechtigte Kritik. Niemand verdient 100 mal so viel, wie seine normalen Mitarbeiter.
Wenn ein Milliardär in seiner Funktion als INSM-Botschafter weitere soziale Einschnitte fordert, ist das schon eher ein Zeichen von Gier, weil er als Unternehmer von diesen Einschnitten zusätzlich profitieren würde. Einen Profit, den er nicht benötigt Es wird Zeit, dass wir Bürger lernen, uns zu informieren, eine eigene Meinung herauszubilden und lernen, Fehlentwicklungen zu erkennen und gegen zu steuern. Wissen ist Macht, heißt es. Warum verzichten wir freiwillig auf diese Macht? Mit dem nötigen Wissen und einer erforderlichen Solidarität können wir uns einmischen, Politik mit gestalten und in Bahnen lenken, dass alle davon profitieren, ganz friedlich und ohne Gewalt.

Erst dann sind wir wirklich das Volk!


* lt. manager magazin Heft 7/2003