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Erstelldatum: 31.08.2010

Wieder Sarrazin

Das Theater in der Presse um das Buch von Sarrazin dient aus meiner Sicht vor allem der Verkaufsförderung, weil die aufgestellten Thesen dieses Mannes die Vorurteile einer bestimmten Sorte Mensch in diesem Land bedienen. Vorweg! Ich habe das Buch nicht gelesen und werde es mit Sicherheit auch nicht lesen. Also beziehe ich mich ausschließlich auf die in der Presse gemachten Aussagen. Da ist die in der WELT gemachte Aussage über das "Gen der Juden". Na und? Unbestritten ist doch wohl, dass Menschen aus unterschiedlichen Rassen bestehen. Dass Asiaten, Afrikaner oder Indianer einer anderen Rasse als die Weißen angehören, ist nicht zu leugnen. Aber sind die Weißen deshalb eine in sich genetisch nicht unterscheidende Rasse? Alle Tiere auf diesem Planeten (und dazu zähle ich auch den Menschen) sind mit der Fähigkeit ausgestattet, sich an bestimmte Voraussetzungen genetisch anzupassen. Das ist aus meiner Sicht abhängig von den Klimazonen, von den klimatisch bedingten Essgewohnheiten und sicherlich noch von etlichen anderen Faktoren. Die Essgewohnheiten z. B. sind eine Anpassung vor allem an die im jeweiligen Landstrich vorkommenden Pflanzen und Tiere. Ich denke, es dauert nur wenige Generationen, bis sich Menschen einer anderen Rasse genetisch an die Gegebenheiten anpassen, wenn sie in ein Land auswandern, dass klimatisch unterschiedlich zu dem eigentlichen Ursprungsland ist. Sind die europäischen Auswanderer nach Amerika immer noch genetisch gleich mit ihrem europäischen Ursprungsland, oder haben sie sich inzwischen genetisch an die Bedingungen des jeweiligen US-Staates angepasst?

Die Frage ist demnach nicht die eines "anderen Gens", denn genau betrachtet gibt es keine zwei Menschen mit absolut gleichen Genen. Was spielen da rassetypische Gene für eine Rolle? Eines ist hingegen allen Menschen gleich, sie verfügen alle über den gleichen Körperaufbau, die gleichen Organe, werden auf die gleiche Art geboren und werden irgendwann sterben und haben die gleichen Voraussetzungen für Denkprozesse (das Hirn). Insofern ist die Aussage über ein Gen der Juden weder auf- noch abwertend zu sehen.

Anders sieht es aus meiner Sicht mit der "Erblichkeit" der Intelligenz aus. Nach Sarrazin sind 50 bis 80% der Intelligenz erblich. Das halte ich für eine sehr dümmliche Aussage, auch wenn er behauptet, das sei statistisch erwiesen. Die Wissenschaft weiß nur wenig über das Hirn, seine Fähigkeiten, den Ablauf der Denkprozesse und wann es überhaupt zu Denkprozessen kommt. Jedermann hat sicherlich schon den Ausspruch gehört, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Das trifft wohl den Kern der Sache, denn Gewohnheiten werden zuerst gelernt und dann zu Automatismen, die erst dann abgelegt werden, wenn man sich selbst gegenüber über diesen Automatismus bewusst wird und gezielt darauf hinwirkt, ihn zu ändern bzw. abzuschaffen. Dass dieser Automatismus, den man erkannt und als falsch empfunden hat, nach der Änderung durch einen neuen Automatismus abgelöst wird, sei dahingestellt. Automatismen entwickeln sich zu Reflexen. Entsteht eine entsprechende Situation, reagiert man automatisch und weist andere Reaktionen vehement ab.

Rassismus und Fremdenhass ist aus meiner Sicht ein solcher Automatismus. Man sieht nicht den Menschen, der vor einem steht, sondern den Fremden, der anders ist, andere Werte vertritt, sich anders verhält, als es der Gewohnheit entspricht. Abwehr entsteht, statt dem Versuch, sich mit den anderen Werten und dem daraus resultieren Verhalten zu befassen. Ich komme darauf noch einmal zurück.

Sarrazin widerspricht sich im Grunde selbst. Einerseits hat er als Senator die globalisierte Welt propagiert und tut das als Banker noch heute, andererseits versucht er, Thesen zu vermitteln, die jeder "Globalisierung" Hohn sprechen. Das wiederum könnte die Leute bestätigen, die ihm eine Nähe zu den Nazis nachsagen. Betrachtet man aber die Thesen der Nazis genauer, stellt man leicht fest, dass sie lediglich eine Überspitzung der anglizistischen Thesen der Kolonialzeit waren, die den "Weißen" über alle anderen Rassen stellten und das insgeheim auch heute noch tun. Aber solche Einstellungen sind lediglich ein Versuch, eigenes unrechtes Handeln mit der angeblichen Überlegenheit über die anderen zu rechtfertigen. Das haben die Kolonialmächte auch stets hervorragend hinbekommen und praktizieren es bis heute, Automatismen eben. Dabei ist dieses Phänomen nicht auf die Weißen beschränkt. Alle Hochkulturen haben es irgendwann praktiziert und besser zu sein als andere, das übernimmt doch ein jeder gerne. Aber solange nicht ein jeder Mensch einem anderen gegenüber, egal, woher er kommt, seinen Respekt erweist, ist Globalisierung lediglich ein anderes Wort für Ausbeutung, nur machen die Ausbeuter auch vor der eigenen Rasse nicht halt.

Natürlich spricht Sarrazin auch von Bildung. Ich weiß nicht, was ein Mann wie Sarrazin als Bildung ansieht und es ist mir auch gleichgültig. Was ist das eigentlich: Bildung? Ist Bildung beschränkt darauf, auswendig gelerntes Wissen stereotyp anzuwenden? Ist es ein Zeichen von Bildung, wenn man für die Promovation für eine Doktorarbeit Bücher wälzt und die unterschiedlichen Thesen zum angestrebten Thema durcheinander mixt, was zu einer leichten Veränderung bestehender Theorien führt (und natürlich zum Titel)? Oder ist Bildung der grundsätzliche Versuch, ein Thema durch eigenes Denken und durch moralische und ethische Grundhaltung zu einem ökologischen, ökonomischen und menschlichem Ganzen zusammenzufügen? Ist z. B. die betriebswirtschaftliche Lehre heute noch Bildung oder nicht eher eine Fehlbildung, weil sie auf den Vorteil Einzelner und nicht der Gesamtheit abzielt? Muss nicht Gleiches auch bei der Volkswirtschaftslehre angenommen werden? Ist nicht das, was Gebildete der heutigen Zeit als Bildung ansehen, vor allem das Geschick, Unhaltbares schönzureden? Was leisten unsere "Gebildeten" denn heute wirklich? Ist nicht ein großer Teil damit beschäftigt, sein Wissen und sein Können ausschließlich für den eigenen Vorteil zu nutzen, ohne Rücksicht auf Verluste?

Wie sieht es eigentlich aus mit Bildungsverweigerung. Ich vertrete die Meinung, dass z. B. Religion zur Bildungsverweigerung führt. Das gilt für alle Religionen. Religion beruht auf der Verbreitung von Dogmen. Diese Dogmen wiederum führen zur Verweigerung von Erkenntnissen, wenn sie den aufgestellten und adaptierten Dogmen widersprechen. Auch das Staatswesen und damit die Kultur basiert auf solch religiösen Dogmen. Zwar ist Deutschland ein Land, in welchem offiziell die Trennung von Kirche und Staat vollzogen ist. In der Realität sieht das allerdings anders aus. Seit über 200 Jahren zahlt der Staat an die Kirche eine Abgeltung für die in der Säkularisation einbezogenen Besitztümer der Kirche. Ein Beitrag bei Panorama macht deutlich, dass die Subventionen für die Kirche nicht nur die oft genannten über 400 Millionen für die Gehälter von Bischöfen und ihren Hofstaat umfassen, sondern insgeheim ca. 20 Milliarden betragen und bei Einrichtungen, an denen die Kirche beteiligt ist, das Kirchenrecht maßgeblich ist, dass sich erheblich vom normalen Recht unterscheiden kann. Die Kirchensteuer kommt da noch hinzu. Die Macht und der Einfluss der Kirchen auf die Politik sind zwar heute nicht mehr so offensichtlich wie vor mehr als 200 Jahren, als die Landesfürsten fast immer gleichzeitig Kirchentitel trugen, aber sonderlich geschmälert ist dieser Einfluss nicht. Wäre es anders, würden Politiker endlich dem GG folgen und die Ablösung dieser uralten Schuldtitel bewerkstelligen, statt sie noch durch zusätzliche Verpflichtungen des Staates gegenüber der Kirche auszuweiten.

Ob nun Politiker, Wissenschaftler oder Normalbürger. Mit dem Glauben wird eine Schranke gegen Erkenntnisse aufgebaut, die den Glaubensdogmen widersprechen, Dogmen, deren Ursprung in Texten zu suchen ist, die vor 2.000 bis 5.000 Jahren geschrieben wurden, Dogmen, deren Wurzeln inzwischen den meisten wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen. Der rationale Verstand setzt dort aus, wo er gegen solch dogmatische Mauern stößt und die als Fundamentalisten bekannten "Gläubigen" beharren auf der wortgetreuen Interpretation der Glaubensdokumente, gleich, welche Glaubensgemeinschaft (Judentum, Christentum, Islam) man betrachtet. Wenn Sarrazin von "Kopftuchmädchen" spricht, vergisst er die Erwähnung der Halskettchen mit dem Kreuz, die von den christlichen Gläubigen getragen werden, analog zum Kopftuch der gläubigen Frauen des Islam. Beides sind äußerlich Symbole der Zugehörigkeit eines Glaubens und der Anspruch ihrer Träger, diese Glaubensregeln auch zu befolgen. Auch das Käppi der Juden gehört zu diesen äußerlich sichtbaren Glaubensbekenntnissen.

An kirchlichen Dogmen ist die beispielhafte Bildungsverweigerung am leichtesten zu verdeutlichen. Es gibt noch weitere und zwar in erheblichem Umfang. Beispiel Wissenschaft. Wissenschaft ist die Suche nach neuen Erkenntnissen, so lautet zumindest der offizielle Anspruch. Hat sich aber erst einmal eine wissenschaftliche "Erkenntnis" durchgesetzt, wird sie viel zu oft zum Dogma und führt unweigerlich dazu, neue Erkenntnisse zu blockieren, solange wie möglich. Ein Beispiel ist die Scheibentheorie der Erde, auch wenn da gesagt werden muss, dass es wiederum vor allem die Kirche gewesen ist, die die Erkenntnis über die Gestalt der Erde und die Funktionsweise des Sonnensystems lange Zeit blockierte. Aber bei so manchen anderen wissenschaftlichen Neuheiten wurden die Erkenntnisse blockiert, wie z. B. beim Kindbettfieber. Die Wissenschaftler, die solch neue Erkenntnisse zu etablieren versuchten, wurden als Spinner abgetan und ich möchte nicht wissen, wie manche medizinische Erkenntnis so bis heute nicht fruchten konnte, weil sie von den dogmatischen Fakultäten abgewürgt wurden.

Nicht immer ist das Festhalten an Dogmen und die Verweigerung anderer Erkenntnisse dem Glauben an die Richtigkeit der Dogmen geschuldet. So bin ich überzeugt, dass die Kirchenfürsten wohl zu den ungläubigsten Menschen gehören, aber für die Aufrechterhaltung der Dogmen eintreten, weil ihnen das Macht, Ansehen und beste finanzielle Voraussetzungen beschert. In der Politik möchte ich dieses Verhalten sogar als Standard ansehen, denn das, was Politiker so oft und so standhaft propagieren, widerspricht in vielen Fällen jeglicher Vernunft. Als Beispiel sollen die Rente mit 67 oder der demographische Faktor dienen. Nicht einmal 20% der über 60-Jährigen ist noch in einem versicherungspflichtigen Job beschäftigt. Die übrigen 80% sind entweder arbeitslos oder werden in prekären Jobs verschlissen, die zur Hälfte durch staatliche Subventionen geschaffen wurden. Folglich werden diese 80% aus Steuermitteln finanziert, bei sinkendem Rentenanspruch, weil Beitragszeiten fehlen. Die Rente mit 67 verlängert diese Arbeitslosigkeit um zwei Jahre, mindert dabei den Rentenanspruch weiter und führt unweigerlich zu Aufstockungen der Renten auf ein Mindestniveau, welches auch wieder aus Steuermitteln finanziert werden muss. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, muss man kein Rentenexperte sein, Dazu reicht einfaches Schulwissen. Wenn aber "Experten" und Politiker die Rente mit 67 als alternativlos bezeichnen, muss man sich fragen, wem sie denn letztendlich nutzt. Da sind die privaten Rentenversicherungen, die davon profitieren, dass diejenigen, die es sich leisten können, private zusätzliche Versicherungen abschließen, um möglichst die Zeit von 65 bis 67 Jahren überbrücken zu können. Da sind andere Versicherungen wie z. B. kapitalbildende Lebensversicherungen. Sie werden steuerlich subventioniert und jeder Politiker weiß, dass sie wesentlich unsicherer sind, als die gesetzliche und umlagenfinanzierte Rente. Jeder Politiker weiß auch, dass diese Beitragszahler, wenn sie in die Arbeitslosigkeit abstürzen, den Anspruch auf ihre Zusatzversicherungen aufbrauchen müssen, wenn sie arbeitslos werden und der Rentenanspruch aus Zusatzversicherungen das zugestandene Eigenkapital überschreitet. Ausgenommen davon sind die Riester- und Rürup-Rente, auf die jeglicher Zugriff vor dem 60. Lebensjahr nicht gestattet ist. Kommt sie aber mit 60 Jahren zur Auszahlung, wird diese Rente auf die Zahlung der Grundsicherung angerechnet.

Auch die demographische Keule wird aus meiner Sicht wider besseres Wissen geschwungen. Jede demographische Entwicklung nivelliert sich automatisch. Ob die Jugend durch Kriege massiv dezimiert wurde oder ob, wie noch 1871 (Start der gesetzlichen Rentenversicherung) die Lebenserwartung durchschnittlich auf 34 Jahre begrenzt war, immer stellte sich ein Missverhältnis der (arbeitsfähigen) Jugend zum Alter dar, weil die Todesfälle 1871 am stärksten Kindheit und die Jugend betrafen. Aber während die Kinder- und Jugendsterblichkeit drastisch zurückging, sterben die Alten immer noch und tun das auch weiterhin. Und am frühesten sterben die Alten, deren Leben von Arbeit, Stress und geringem Einkommen geprägt ist. Das aber blenden die Apologeten der Demographie aus. Sie stellen Zukunftsprognosen für 30, 40 und 50 Jahre auf, als würde eine derzeitige Situation bis in alle Ewigkeit gleichbleibend weitergehen. Die Prognosen werden von Leuten aufgestellt, deren übrige Prognosen nicht einmal einer Halbwertszeit von 6 Monaten genügt, die aber von ihren unhaltbaren Langzeitprognosen bereits sehr kurzfristig lang anhaltende Profite ziehen. Um nur drei Namen zu nennen: Rürup, Raffelhüschen, Riester. Nur eine Prognose ist absolut sicher. Werden heute weniger Kinder geboren, erreichen in 65 bis 67 Jahren weniger Alte das Rentenalter, denn es können nie mehr Menschen alt werden, als geboren werden. Früher gab es den Spruch: "Weil Du arm bist, musst Du früher sterben!" CDU, CSU und FDP, allen voran Herr Rösler und Frau von der Leyen geben sich aus meiner Sicht derzeit alle Mühe, den Grundgedanken dieses Spruchs nicht nur beizubehalten, sondern noch zu intensivieren. Hier werden also Dogmen gebetsmühlenartig verbreitet, um in der Masse Unsicherheit, aber auch Egoismen zu erzielen, die für einen Twist untereinander sorgen und die Politik und sonstigen Nutznießer aus der Schusslinie bringen.

Der Liberalismus, der Zins und Zinseszins, die Forderung nach Wachstum, das Gerede über Terrorismus in Verbindung mit den Sicherheitsbemühungen der Regierung, Lohnzurückhaltung, das alles sind zweckdienliche Dogmen, deren einziger Sinn es ist, die Masse beliebig melken zu können, bis das Euter der Masse absolut leer ist. Daraus resultierende, aber nicht eindeutig nachweisbare Zusammenhänge von Machenschaften bestimmter Kreise werden als "Verschwörungstheorien" abgewertet und erwartungsgemäß von einem breiten Spektrum der Masse abgelehnt, die sich erst gar nicht die Mühe macht, solche Zusammenhänge zu überprüfen und mit den Gegendarstellungen derer zu vergleichen, die als Verantwortliche für Situationen von "Verschwörungstheoretikern" benannt werden. Der Grund ist, dass die offiziell verkündeten Dogmen akzeptiert werden, ohne sie großartig zu überprüfen. Dass diese Akzeptanz ein Akt ist, die eigene Intelligenz selbst herabzuwürdigen und zu beschränken, wird selten jemandem bewusst, weil sie (die Masse) blind auf die Ehrlichkeit, die Kompetenz und das Verantwortungsbewusstsein der "gebildeten" Eliten vertrauen. Doch Vertrauen zu den Eliten kommt dem einer Forelle gleich, wie es mal ein Autor in einem Roman beschrieben hat. Da sitzen zwei Angler an einem Bach und der erste erklärt dem zweiten, wie man Forellen mit der Hand fängt. "Du musst nur ihr Vertrauen gewinnen und es dann enttäuschen", lautet seine einfache, aber wirkungsvolle Anleitung. So sehe ich auch das Wirken der Eliten und weigere mich einfach nur, die Forelle in dem Possenstück zu spielen.

Sarrazin spricht von der Erblichkeit der Intelligenz. Hätte er recht, gäbe es den Menschen nicht. Ich glaube, dass Intelligenz eine Frage der Erziehung ist, wenn nicht krankheitsbedingte Faktoren schon in der Schwangerschaft zu Hirnstörungen führen. Allerdings glaube ich, dass bereits vor der Entbindung eine embryonale Wahrnehmung zu Veranlagungen führen kann, ohne dabei einen wirklichen Einfluss auf die Intelligenz zu haben. Ich glaube, Intelligenz wird durch Förderung der Wahrnehmung von Geburt an entwickelt. Ist die Wahrnehmung eingeschränkt, kommen Verbindungen im Hirn nicht zustande, die aber auch noch erheblich später entwickelt werden können, nur eben nicht mehr so leicht, wie im frühesten Kindesalter. Wenn aber Kinder tatsächlich heute dümmer sein sollten als früher, liegt das wohl daran, dass sie einseitig stereotypem Fernsehkonsum ausgesetzt sind, keine Spiele mehr erfinden müssen, sondern fertiges Plastik vorgesetzt bekommen und viel zu oft der Ansprechpartner fehlt, der früher wie selbstverständlich da war, die Familie incl. Opa und Oma. Denn die Intelligenz, die Sarrazin vermutlich meint, ist die Messung des IQ. Diese Intelligenzmessung halte ich für unvollständig, ungefähr so, als wolle man vom Gewicht eines Menschen auf seine Körpergröße schließen. Mit dem IQ messe ich die rationale Intelligenz, was fehlt, ist die emotionale Intelligenz und da kenne ich kein Messverfahren, obwohl ich sie für den wichtigeren Teil der Intelligenz halte, weil sich in ihr auch ethische und moralische Kompetenz wiederfinden. In einem Punkt gebe ich der ehemaligen Moderatorin der ARD und jetzigen "Nachrichtensprecherin des Kopp-Verlages" recht, wenn sie meint, dass Kinder ihre Mutter brauchen, zumindest in den ersten Lebensjahren. Sie haben sicherlich schon mal davon gehört, dass Menschen, denen ein Glied amputiert wurde, noch Jahre später ein Jucken an einer Stelle verspüren, wo nichts mehr ist. So, vermute ich, besteht auch ein unsichtbares Band zwischen Mutter und Kind nach der Durchtrennung der Nabelschnur. Durch die permanente Abwesenheit der Mutter wird auch dieses unsichtbare Band aus meiner Sicht viel zu früh durchtrennt und damit die emotionale Reife von Kindern zu früh unterbrochen. Etwas, das keine "Nanny", keine Krippe und kein Kindergarten ersetzen kann.

Wenn Sarrazin das patriarchalische Prinzip bei den Türken anspricht, hat er teilweise recht. Ich kenne die Türkei nicht aus eigener Anschauung, glaube aber, dass dieses Patriarchat vornehmlich in den ländlichen Gebieten der Türkei besteht, weil sich die Großstädte dort nicht sonderlich von den Großstädten hier unterscheiden. Weil aber der Islam ein patriarchalische Struktur hat (wie übrigens die römisch katholische Kirche auch), ist das Patriarchat vor allem ein religiöses Dogma. Den von Sarrazin angeführten Zwang der Jungfräulichkeit, der es den jungen Türken verbietet, sich frühzeitig sexuell mit Mädchen türkischer Herkunft zu "beschäftigen", kennt er wohl aus eigener Anschauung, denn das war hier in Deutschland bis zu "Oswald Kolle" nicht anders. Auch hier wurde bis weit in die 60er Jahre hinein ein Mädchen, das vor der Ehe schwanger wurde, mehr als nur scheel angesehen, vor allem auf dem Land mit vorwiegend katholischer Bevölkerung. Und für die Katholiken ist das heute noch "eine Sünde", nicht anders, als im Islam. Auch hier wurden damals Mädchen, von denen man glaubte, dass sie sich "vor der Zeit" auf sexuelle Handlungen einließen, als Flittchen angesehen und gesellschaftlich geächtet, ganz ohne patriarchalische Struktur. Vor allem Frauen echauffierten sich laut gegenüber solchen "Personen".

Es gibt viele und unterschiedliche Auslegungen über patriarchalische Strukturen. In einem sind sich aber alle einig, dass sie vor allem in Frühzeit durch kriegerische Völker und durch die Einführung monotheistischer Religion (Judentum) begründet waren. Kriegerisch waren in der Frühzeit (bis heute) alle Stämme und Völker und dass die Krieger Männer waren, lag vor allem daran, dass körperliche Stärke eine Voraussetzung für das "Kriegshandwerk" war, das vorwiegend mit Schwertern, Äxten und Lanzen im Nahkampf ausgetragen wurde. Die Festlegung, dass die "Frau dem Manne untertan sei", wurde allerdings erst im Judentum getroffen und natürlich vom Christentum und später vom Islam übernommen. Ein gewichtiger Grund für die Struktur des Patriarchats war die Erbfolge, vor allem in den Herrschaftsbereichen. Das Erbe ging an den ältesten Sohn, während die Töchter an andere Herrschaftshäuser verheiratet und damit Allianzen aufgebaut wurden. Als die Fronherrschaft beendet wurde und auch Bauern über eigenen Lehen oder gar über eigenen Grund und Boden verfügten, wurde diese Form der Erbfolge übernommen. Weil die Namensgebung ebenfalls über das männliche Geschlecht erfolgte, war die Erbfolge wichtigster Grundstein für den Aufbau von Stammbäumen. Ich mutmaße allerdings, dass nicht viele Stammbäume echt sind, weil sicherlich so manches Kuckucksei in den Jahrhunderten ins "Nest" gelegt wurde. Ebenso unverständlich ist mir, dass eingefleischte Feministinnen sonntags in den Kirchen auf den Knien herumrutschen, aber das wäre ein anderes Thema.

Fest steht, dass die Aufweichung der Glaubensstrukturen im Westen auch dazu geführt hat, dass die patriarchalischen Strukturen allmählich endeten. Im Islam, in dem die Glaubensstruktur noch tief verankert ist, ist das anders. Ob das allerdings dazu führt, dass die Töchter zum Tragen der Kopftücher gezwungen werden, halte ich für fraglich, weil diesen Töchtern der Islam und seine Regeln von frühester Jugend an eingebläut wurden. Und sind sie gläubig, dann können sie es kaum erwarten, das Kopftuch als Zeichen ihres Glaubens und vor allem als Zeichen des Ablegens des kindlichen Status um den Kopf zu wickeln.

Es ist so, dass die Dogmen der Religionen bereits von Geburt an als ständige Mahnung in die Gehirne der Kinder eingehämmert, im erwachsenen Alter vielleicht ein wenig aufgeweicht aber nur selten ganz überwunden werden. Und gerade in den fundamentalistischen Kreisen der Religionen gehört der missionarische Eifer dazu, bis hin zur Gewalt, von der die 3 Weltreligionen in ihrer Geschichte eine Menge zu bieten haben. Nicht umsonst befindet sich der "Gottesbezug" auch heute noch in fast allen Verfassungen, kann man doch damit die Abschlachtung Andersdenkender zur heiligen Sache erklären.

Die patriarchalische Struktur der islamischen türkischen Familien ist ein Teil des Glaubens, der Glaubensregeln zu unverrückbaren Tatsachen erklärt und mögen sie noch so widersinnig sein. Je tiefer die Religiosität, umso leichter ist es für die Glaubensführer, Menschen zu absolut unheiligen Handlungen zu verführen, weil jedes Buch des Glaubens genügend aggressives und mörderisches Material enthält, mit denen man jegliches Tun als Gottes oder Allahs Willen zur heiligen Tat erklären kann. Solche Dogmen sind immer nahezu unüberwindbare Barrieren für den wirklichen freien Willen und sind immer eine Einschränkung der Intelligenz, weil bestehende Fakten nicht mit den bestehenden Dogmen übereinstimmen und deshalb auch nicht als Fakt wahrgenommen werden können. Doch das gilt nicht nur für den Islam. Nach meiner Kenntnis gibt es noch heute den Kirchenbann, der bei entsprechenden "Sünden" (aus rein kirchlicher Sicht) ausgesprochen wird und dem Betroffenen auch die Sterbesakramente und damit die "Einkehr ins Himmelreich" verweigert.

Wie immer, sollte man erst vor der eigenen Türe kehren und erst, wenn es dort sauber ist, vor den Türen anderer. Das ist ein Rat, den ich nun meinerseits Herrn Sarrazin gebe. Dabei werde ich aber das Gefühl nicht los, dass die eigentlich Motivation des Herrn Sarrazin die Befriedigung der eigenen Eitelkeit ist. Er sonnt sich wohl in dem Gefühl, von der Presse als Rebell dargestellt zu werden.