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Erstelldatum: 21.07.2003

Wie werde ich Politiker

Die Zeiten sind schlecht, hohe Arbeitslosenzahlen, leere Staatskassen, kollabierende Sozialsysteme, wie soll man da die Zukunft gestalten?

Ganz einfach! Werde Politiker.

Du weißt nicht, wie? Hier ist ein Leitfaden.

Politiker gibt es auf verschiedenen Ebenen, beginnend bei Stadt und Gemeinde, dann folgen die Kreise, dann die Länder und schließlich der Bund.

In einer Stadt oder Gemeinde gibt es den Stadt- bzw. Gemeinderat und der Boss ist der Bürgermeister oder in größeren Städten der Oberbürgermeister.

Bei Kreisen ist gemeinhin eine Stadt als Kreisstadt definiert und verwaltet somit die Anliegen des Kreises. Da in einem Kreis mehrere Städte oder Gemeinden implementiert sind, gibt es eine Teilung der Aufgaben, globale Angelegenheiten regelt die Kreisverwaltung, lokale Angelegenheiten der Stadt- oder Gemeinderat.

Darüber steht das Land (Bundesland). An der Spitze eines Landes steht der Ministerpräsident und dann die Landesminister. Bezeichnet wird das als Landeskabinett. Dort werden die Landesgesetze beschlossen, die Steuern verteilt, das Schulsystem festgelegt (soweit es in der Hoheit des Landes liegt) und noch vieles mehr.

Die Spitze ist natürlich die Bundesregierung oder das Bundeskabinett, bestehend aus dem Bundeskanzler und den Bundesministern. Die Aufgaben der Bundesregierung haben Bedeutung für das ganze Land. Manches können sie alleine bestimmen, bei anderen Beschlüssen benötigen sie die Zustimmung des Bundesrates und der Bundesrat ist wiederum zusammengesetzt aus den Ministerpräsidenten der Länder.

So, das war ein sehr grober Überblick über die Zusammensetzung des Staates. Wenn Du Politiker werden willst, musst Du zunächst einige Voraussetzungen erfüllen:

  1. Du solltest ein Studium abgeschlossen haben. Das ist zwar nicht unbedingt erforderlich, aber hilfreich, wenn Du die Karriereleiter hoch hinauf willst. Bestens ist dabei ein Studium, dass Dir den Einstieg in eine Beamtenlaufbahn ermöglicht. Zwar kann man auch Politiker werden, ohne zuvor Beamter gewesen zu sein, aber das ist ungleich schwerer. Man nennt diese Leute Seiteneinsteiger. Ist Dein Notendurchschnitt nicht gerade berauschend, werf nicht gleich die Flinte ins Korn, sondern studiere auf Lehramt. Bei einem guten Durchschnitt ist Jura eine gute Alternative. Du solltest aber das Studium von Volkswirtschaft oder Politikwissenschaft vermeiden. Wenn Du später Beschlüsse Deiner Partei zu vertreten hast, kann das hinderlich sein, weil Du erkennst, was diese Beschlüsse anrichten und dann fehlt Dir am Ende die nötige Überzeugungskraft. Selbst Betriebswirtschaft kann da schon schädlich sein.
  2. Du musst dich entscheiden, in welcher Partei Du Karriere machen möchtest. Nicht empfehlenswert sind die Parteien am linken oder rechten Rand des Spektrums. Das sind die Parteien, die mit konfusen und nicht realisierbaren Ideen versuchen, Wähler zu gewinnen. Dort wirst Du kaum Karriere machen können. Interessieren Sie Dich allerdings doch, weil Du gewaltbereit bist, gerne Springer-Stiefel und eine geschorene Glatze (keine natürliche) trägst, gerne viel Bier konsumierst und dann Parolen wie "Ausländer raus" brüllst, dann bist Du rechts außen gerne gesehen. Aber dann solltest Du eine Rückversicherung abschließen. Biete Dich als geheimer Informant beim Verfassungsschutz an, dann hast Du fast Narrenfreiheit. Die Burschen pauken Dich schon wieder raus, wenn Du Mist gebaut hast.
  3. Schreist Du lieber "Alle Macht dem Volke", wobei Du zum Volk gehörst, nicht jedoch der Bürger, der immer nur Bürger bleibt, dann solltest Du Dich links außen orientieren. Auch dort ist Gewaltbereitschaft bei Demos gefragt, hier brauchst Du aber lange, möglichst ungepflegte Haare. Bei jeder unpassenden Gelegenheit solltest Du dann Parolen über die Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die Kapitalisten loslassen. Sicherheitshalber solltest Du trotzdem versuchen, zusätzlich beim Verfassungsschutz eine Position als Informant zu bekommen. Das bringt unter Umständen auch die Kohle für den nächsten Joint.
  4. Doch der Karriere ist beides nicht zuträglich. Orientiere Dich zur Mitte hin. Dort werden die Ideen der Bürger aufgenommen und (besonders in Wahlzeiten) lauthals propagiert. Der Bürger freut sich und gibt Dir dafür seine Stimme, nun, nicht direkt, sondern zunächst der Partei. Dazu musst Du allerdings wissen, was der Bürger ist. Die Bürger, das sind die Leute, denen Du ständig auf der Straße, in den Restaurants usw. begegnest, die immer laut über die Regierung schimpfen, aber zu Wahlzeiten von einem bisher noch nicht diagnostizierten Gedächtnisverlust betroffen sind und ihr Kreuzchen bei der Partei machen, bei der sie es schon immer gemacht haben, egal, wie sehr sie begaunert und belogen wurden. Diese zeitlich begrenzte Amnesie verschont nur ganz wenige Bürger. Wenn Du Dich für eine Partei entscheidest, musst Du wissen, ob Du nur mit ein wenig Glück mitregieren willst (kleinere Parteien) oder lieber die Partei nimmst, von der Du glaubst, dass sie das Rennen macht(große Parteien).
    Eine Funktion in der Gewerkschaft ist zwar nicht unbedingt erforderlich, kann aber hilfreich sein.
  5. Es ist unwahrscheinlich, dass Du gleich ganz oben einsteigen kannst. Die Karriere beginnt meist in einem Stadt- oder Gemeinderat. Bist Du erst mal dort, dann beherzige eines: Habe niemals eine eigene Meinung. Wenn Du eine eigene Meinung hast, wird die Karriere schwieriger. Vertrete grundsätzlich die Meinung desjenigen, der an der Spitze steht. Damit schaffst Du Dir einen Fürsprecher. Allerdings ist das auch nicht immer hilfreich. Manche dieser Stadt- oder Gemeindefürsten sitzen wie festbetoniert auf ihrem Amtssitz, aber es ist absehbar, dass sie nicht weiter nach oben aufsteigen. Dann musst Du mit einigen Gleichgesinnten an seinem Stuhl sägen, bis er umstürzt. Doch das darf nicht offensichtlich sein, sonst schadet es Deiner Karriere. Dennoch, ein Mäzen ist hilfreich. Als Protegé eines einflussreichen Mannes oder einer einflussreichen Frau hast Du es leichter, Kontakte zu knüpfen, lernst unter Umständen schneller die Tricks, die Dich weiterbringen. Natürlich erwartet er oder sie, dass Du dafür loyal bist. Solange Dir Dein Mäzen nützlich ist, sei loyal. Erst danach darfst Du helfen, ihm eine Bein zu stellen.
  6. Reden! Als Politiker musst Du flüssig und viel reden können. Es muss nicht unbedingt einen Sinn haben, was Du sagst, es muss nur gut klingen. Lerne, mit vielen Worten wenig, am besten nichts zu sagen. Mach Dir keine Sorgen, in Deiner Partei gibt es Spezialisten, die ein Grundgerüst zu aktuell anstehenden Themen erarbeiten und den Parteimitgliedern zur Verfügung stellen. Wenn Du ein neues Fremdwort in Deine Reden einbinden kannst, dann informiere Deine Fraktion über die Bedeutung. Wenn Du es benutzt, wird Deine Fraktion begeistert Beifall spenden, die gegnerische Partei aber verunsichert sein. Sie müssen erst nachsehen, was das Wort bedeutet, denn theoretisch kann das Wort ja eine Position bezeichnen, die sie selber vertreten. Mach Deine Reden interpretierbar, das heißt, andere mit unterschiedlichen Meinungen müssen Deine Aussagen in ihrem Sinne interpretieren können. Egal, was hinterher dabei heraus kommt, Du kannst sagen: "Genau das habe ich gemeint". Wirst Du von einem Reporter interviewt, sage nichts, aber das ausführlich und mit Nachdruck.
  7. Wenn Du es schließlich geschafft hast und Politiker bist, steigen Deine Pensionsansprüche schneller als ein Heißluftballon. Du bekommst jetzt kein Gehalt mehr (ist ja klar, denn der Begriff "Gehalt" ist untrennbar mit erbrachter Leistung verbunden), sondern Diäten. Warum das so heißt, weiß ich auch nicht. Zwar haben schon die alten Griechen diesen Begriff verwendet, doch im heutigen Sprachgebrauch ist eigentlich eine Gewichtsabnahme damit verbunden, Vielleich meint man ja, Diäten mach Dich fett, den Steuerzahler aber schlank und dann ist es ja wieder eine schöne Geste.
  8. Hast Du es ganz nach oben geschafft, genießt Du Immunität. Verstehe das nicht falsch, das ist kein Schutz vor Krankheiten. Immunität heißt, Polizei und Staatsanwaltschaft haben es wesentlich schwerer, Dir was ans Zeug zu flicken. Bist Du bei irgendwas erwischt worden, genügt es meist, es vehement abzustreiten. Zwar wird es für kurze Zeit Dein Image schädigen, aber schon nach kurzer Zeit werden alle wieder von der geheimnisvollen Amnesie erfasst und Du bist wieder im Geschäft. Wenn Du gute Verbindungen zur Wirtschaft geknüpft hast, kannst Du einen ordentlichen Batzen Geld nebenher verdienen, darfst Dich allerdings dabei nicht erwischen lassen Denk dran, bist Du zu gierig, kann Deine Immunität auch wieder aufgehoben werden und die Staatsanwaltschaft hat freie Hand
Zum Schluss noch ein Wort. Wenn Du nach diesem Leitfaden eine Politikerlaufbahn anstrebst und es geht in die Hose, kannst Du keine Regressansprüche gegen mich geltend machen. Hätte ich wirklich eine Ahnung, wie man Politiker wird, wäre ich doch selbst einer, ist doch logisch, oder?