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Das Wesen der Solidarität

Solidarität ist ein viel genutzter Begriff, besonders im politischen Bereich und bei Verbänden. So sind beispielsweise die Sozialsysteme gleichzeitig Solidarsysteme. Aber ich glaube, über das Wesen von "Solidarität" haben sich bisher nur wenige Menschen Gedanken gemacht, etwas, was ich hier einmal versuche und natürlich ist es Gegenstand meiner rein subjektiven Betrachtungsweise.

Jeder kennt diesen Spruch: "Alle denken nur an sich, nur ich denk an mich." Ist das nun ein dummer Spruch oder eine hintersinnige Weisheit? Das muss jeder für sich selbst entscheiden, aber eines verdeutlicht der Spruch. Es gibt einen Gegenpart zur Solidarität, den "Egoismus." Auch beim Egoismus gibt es einen Spruch: "Das Hemd ist mir näher als der Rock."

Eine, so finde ich, interessante Aussage. Sie verdeutlicht klar den Egoismus und bei dieser Feststellung bleiben dann die meisten hängen. Aber man sollte den Faden weiterspinnen, weil man dann zwangsweise zu einem interessanten Schluss kommen muss. Es stimmt, das Hemd ist einem näher als der Rock, aber was wärmt sie an kalten Tagen mehr? Das Hemd oder der Rock? Das Hemd ist das Sinnbild für den Egoismus, der Rock für Solidarität. Nicht doch ein Grund, über diese Frage mal nachzudenken?

Wie kommt man aber zu der Entschließung, sich mit irgendetwas zu solidarisieren oder Solidarität zu verweigern? Dafür gibt es zwei Gründe: "Der Bauch und das politische Motiv." Menschen sind emotionale Wesen, in unterschiedlich starker Ausprägung. Ich will versuchen, das anhand von Beispielen zu verdeutlichen.

Man sieht auf der Straße, wie ein Mann eine Frau schlägt. Viele werden zwar das Gesicht verziehen, aber nicht einschreiten, weil sie denken, das geht mich nichts an. Sie entscheiden gegen ihren Bauch, also gegen ihre emotionale Kompetenz, bei manch einem ein Akt der Feigheit, aus Angst vor möglichen Folgen. Andere mischen sich ein. Sie versuchen, weitere Aggression gegen das vermeintliche Opfer, hier die Frau, zu verhindern. Eine solidarische Handlung, geboren aus dem emotionalen Gefühl, dass hier ein "Stärkerer" seine aus der Stärke geborene Macht missbraucht. Ein Urinstinkt, der die Frau als das schwächere Geschlecht vor dem Stärkeren zu schützen sucht. Traurig ist dabei schon eher, dass vermutlich mehr Frauen versuchen werden, weitere Aggressionen zu verhindern, als Männer. Insgesamt ist das aber eine rein emotionale Entscheidung, geboren aus dem Gefühl heraus, dass hier Unrecht geschieht.

Die emotionale Entscheidung verzichtet auf die Kenntnis von Fakten. Sie sieht oder erkennt etwas, der "Bauch" sagt, dass ist falsch und man solidarisiert sich mit einer (nicht politischen) Partei. Im Beispiel ist diese Entscheidung immer richtig, selbst wenn die Kenntnis der Fakten ein anderes Bild zeichnen würde. So könnte der Schlag das Ergebnis einer aus Hilflosigkeit geborenen Wut sein., denn das vermeintlich schwächere Geschlecht ist nicht wirklich schwächer, es verwendet nur andere Mittel. Eine permanente Provokation kann bei Männern ohne ausreichende Selbstbeherrschung eine gewalttätige Reaktion auslösen, also physische Gewalt als Reaktion auf psychische Gewalt. Sieger ist dann das Opfer, hat es doch aller Welt bewiesen, wie es leiden muss. Trotzdem ist die Entscheidung, weitere Gewalt zu verhindern, richtig, denn kein Mann sollte seine körperliche Überlegenheit nutzen, um seine psychische Unterlegenheit zu kompensieren. Gewalt ist nie ein probates Mittel.

Die andere Art der Solidaritätserklärung ist die politischer Natur und hierbei ist es ein Phänomen, dass die meisten Menschen selbst von sich sagen: "Ich interessiere mich nicht für Politik." Ob ich mich aber solidarisiere oder nicht, ist nicht mehr nur vom "Bauchgefühl" abhängig, sondern eine politische Entscheidung, welche die Kenntnis aller damit verbundenen Fakten voraussetzt und aus deren Abwägung heraus man die Entscheidung trifft. Ob es uns gefällt oder nicht, unser ganzes Leben ist Politik, denn wir sind Bestandteil eines politischen Systems. Wir sind Teil der Gesundheitspolitik, der Rentenpolitik, der Arbeitsmarktpolitik, der Familienpolitik usw. Die Verweigerung, uns mit den politischen Prozessen zu befassen, führt in vielen Fällen zu klaren Fehlentscheidungen, weil wir uns nicht als Bestandteil des Systems begreifen und seine Mechanismen nicht verstehen.

Lassen sie es mich mit einem Vergleich beschreiben (ich weiß, der hinkt). Betrachten Sie den Staat als Haus. Das Dach oben ist die Politik, das von sich behauptet, aufgrund seiner Position auch den nötigen Weitblick zu haben. Von oben sieht man eben mehr. Aber so ganz stimmt das nicht, denn der Blickwinkel geht nur in eine Richtung. Der Überblick ist also einseitig. Den Dachstuhl möchte ich mit der die Politik beratenden Wissenschaft vergleichen. Obwohl die Enden noch nach außen ragen, sehen sie ihren Sinn nur darin, das Dach, also die Politik zu tragen. Die Wirtschaft sind die Träger und Stützpfeiler, die dem Haus Stabilität verleihen sollen. Die Mauern sind die Arbeitnehmer. Fenster und Türen sind die Verbindungen nach draußen, also zu anderen Staaten. Dabei ist mein Haus ein eher altmodisches Haus, es ist aus Ziegel- bzw. Backsteinen gebaut.

Jetzt fragen Sie sich, wo ist die Solidarität? Sehen Sie, Sie sind ein Stein. Mit vielen Steinen wie Ihnen wurde das Gebäude errichtet. Aber es reicht nicht, die Steine einfach neben- und übereinander zu schichten. Es bedarf einer bindenden Masse. Diese Masse ist der Speis, der den Zusammenhalt des gesamten Hauses auch gewährleistet. Der Speis ist also sinnbildlich die Solidarität. Dass Sie sich als Deutscher fühlen, bei sportlichen Wettkämpfen vor allem dann jubeln, wenn ein Deutscher oder eine Deutsche Mannschaft gewinnt, das ist diese Solidarität, die das gesamte Haus zusammenhält. Weil aber dieses Solidaritätsgefühl bei den meisten Menschen nur dem aus dem Bauch heraus kommt, nutzt man es, es zu instrumentalisieren.

Sportliche Leistungen sind immer das Ergebnis einzelner Personen oder, bei Mannschaftskämpfen, das Ergebnis einer kleinen Gruppe von Personen. Für die Sportler bedeutet diese auf den Staat bezogene Ergebnisübertragung, dass sie entweder intensive Unterstützung für Vorbereitung, Trainingsmittel und entsprechende Popularität bekommen, was letztendlich auch in Sportarten, wo die Bezahlung schlecht ist, über Werbeverträge die finanzielle Basis verbessert. Den diktatorischen Staaten wird immer vorgeworfen, den Sport für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, um damit eine Außenwirkung zu erzielen und von dem System des Zwanges abzulenken. Das stimmt, nur die Kritiker machen es nicht anders. Betrachtet man die derzeitige Situation in Deutschland und dann das Trara um die Fußballweltmeisterschaft, sehe ich keinen großen Unterschied zu dem von Hitler 1936 mit den Olympischen Spielen veranstalteten Theater.

Es ist einfach, sich mit dem Erfolg zu identifizieren, auch wenn man selbst keinerlei Anteil daran hat. Bringt ein Sportler mal nicht die erwartete Leistung, hat er Millionen Kritiker, die wissen, was er falsch gemacht hat. Keiner seiner Kritiker kennt die Umstände, warum er an diesem Tag nicht gewonnen hat, ja vielleicht nicht einmal gewinnen konnte. Er hat nicht gebracht, was man erwartete, also entzieht man ihm die Sympathie, man "entsolidarisiert sich", kräftig gefördert von der Presse. Hat einer Erfolg, wie z. B. Michael Schumacher, oder seinerzeit Boris Becker, dann schwimmt er auf einer Welle der Sympathie, selbst wenn er sich ins Ausland verdrückt, weil dort die Steuern günstiger sind, damit also eigentlich dem Land und den Fans seine Solidarität um des persönlichen Vorteils willen aufkündigt.

Zurzeit läuft diese Kampagne: "Du bist Deutschland". Ich werde jedes Mal wütend, wenn ich diese wirklich üble Propaganda höre. Da stellen sich Leute hin, deren Jahreseinkommen mindestens im 5-stelligen, meist im 6-stelligen Bereich liegt, und erzählen was vom Flügelschlag eines Schmetterlings, der einen Taifun auslösen kann, dass man sein Bestes geben und es dann noch übertreffen solle und ähnlichen Schwachsinn. Es ist eine Kampagne, ins Leben gerufen von der Bertelsmann-Stiftung, Springer, Bauer-Verlag, Kamps, SPIEGEL, Burda, Gruner und Jahr und etlichen anderen, die selbst auf der Welle des Neoliberalismus schwimmen und davon profitieren. Der Leser oder Zuschauer soll sich mit der Kampagne identifizieren und damit mit den Zielen dieser Veranstalter. Dabei ist es eine indirekte Schuldzuweisung: "Wenn es Dir schlecht geht, bist Du selber Schuld. Du hättest Dich mehr anstrengen müssen, also höre auf, zu jammern." Man kennt die Figuren, die den Blödsinn verbreiten und identifiziert sich mit ihnen aus den unterschiedlichsten Gründen. Aber alle haben überproportional bezahlte Jobs (außer den Kindern) und keine Vorstellung davon, wie es ist, wenn man von Heute auf Morgen auf der Straße steht, rausgeschmissen wurde, weil ein Unternehmen mehr Profite einfahren will, um Leute zu bedienen, die hierfür keinerlei Leistung bringen, die Aktionäre und Anteilseigner von Fondsgesellschaften, zu denen auch die Mehrzahl der "Du bist Deutschland-SchwätzerInnen" gehören. Keine dieser Figuren kann sich vorstellen, wie sich ein Mittfünfziger fühlt, der unverschuldet seinen Arbeitsplatz verloren hat, ein Jahr lang eine Unmenge Bewerbungen eingereicht hat und mit dem Argument: "Zu alt" abgelehnt wird, obwohl er topfit ist, der jetzt, weil er auf die Politik gehört und für sein Alter privat vorgesorgt hat, dieses Angesparte erst einmal weitgehend aufbrauchen muss, bevor man ihm ALG II bewilligt. Den man aus seiner Wohnung vertreibt, weil sie nach Ansicht der Beamten zu teuer ist, der seinen Freundes- und Bekanntenkreis verliert, weil er an den Gemeinsamkeiten aus finanziellen Gründen nicht mehr teilnehmen kann. Der, wenn er mit den Flügeln schlägt, einen Sturm von Sanktionen gegen sich auslöst, die ihn noch tiefer ins Abseits drängen. Er ist nicht das "Wunder von Deutschland", sondern das "Opfer von Deutschland".

Hier bin ich wieder bei der Aussage: "Ich interessiere mich nicht für Politik." Die, die noch Arbeit haben, sich aber für Politik nicht interessieren, übernehmen die Aussagen aus der Kampagne. Es beruhigt ihr Gewissen, wenn sie meinen, sagen zu können: "Der hat doch selber Schuld. Würde er sich ein wenig anstrengen, hätte er die Probleme nicht." Es sind nicht wenige, die dann plötzlich erfahren mussten, dass das Wunder von Deutschland eine Farce ist. Die plötzlich mit der harten Realität der politischen Fakten konfrontiert werden.

Das ganze Leben ist Politik. Wenn man nur Schlagworte aufnimmt, unreflektiert Presse- und TV- Aussagen übernimmt, ohne abzuwägen, ob die Aussagen mit der Wirklichkeit übereinstimmen, dann solidarisiert man sich unter Umständen mit der Seite, die einen vielleicht kurze Zeit später brutal bestraft.

Die Jungen, die den Slogan von den gierigen Alten kritiklos übernommen haben, von den Alten, die immer mehr werden und ihnen ihre Zukunft rauben, die vergessen, dass auch sie mal alt werden. Vergessen, dass diese Alten zu einem großen Teil den gleichen Fehler gemacht haben, den sie heute machen, indem sie die sich ständig ändernden Parolen Interessengeleiteter Gruppen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft glaubten, ohne darüber nachzudenken. Die Jungen sehen nur die Beiträge, die man ihnen Monat für Monat abknöpft und glauben den Lobbyisten, die behaupten, dass sich die Alten davon einen guten Lenz machen. Würden sie sich mit den ganzen Fakten vertraut machen, wäre ihnen klar, dass man die Alten ihr Leben lang betrogen hat und noch heute betrügt und mit ihnen genau das Gleiche geschieht. Sie fallen auf das Geschwätz vom "Generationenvertrag" herein, ein Vertrag, der nicht existiert, der erfunden wurde, um die durch die Verschwendungssucht der Politik, um die zu Unrecht aus dieser Solidarkasse entnommenen Beträge für zweckfremde Finanzierungen zu kaschieren und diese Veruntreuung nun den Opfern anzulasten. Zu groß ist die Zahl derer, die sich in den Kreis derer einreihen, die von den "gierigen Alten reden, weil sie zu bequem sind, sich mit den Fakten vertraut zu machen. Dann würden sie sich nämlich mit den Alten solidarisieren.

Mit der Gesundheit ist es nicht anders. Da sind die, die dauerhaft auf medizinische Versorgung angewiesen sind und dafür wird man selbst ständig zur Kasse gebeten. Welcher Gesunde macht sich schon Gedanken darüber, dass er selbst von einer Minute zur anderen in eine Situation kommen kann, für lange Zeit, vielleicht sogar ein Leben lang, auf medizinische Betreuung angewiesen zu sein? Das dahinter stehende System, bestehend aus Pharmakonzernen, Ärzten, Apothekern und Krankenkassen mal einer genaueren Betrachtung zu unterziehen, auf diese Idee kommen (leider) nur wenige. Dass man an Kranken besser verdient als an Gesunden und deshalb nur die Symptome, nicht aber die Ursachen behandelt werden, darüber hat man zwar schon einmal gehört, aber sich mal damit zu befassen, würde zu viel Aufwand bedeuten.

Es ist wie im Kino. Man solidarisiert sich mit dem "Helden" der Geschichte und übersieht dabei, dass das Geschehen nicht real ist, weder der "Held", noch die Handlung. Es ist eine Fiktion, ein sorgsam aufgebautes Konstrukt, um eben diesen Effekt zu erzeugen. Hinter den Kulissen wurde mit mannigfaltigen Tricks gearbeitet, um Szenen zu inszenieren, die weitab jeder Realität sind. Die politische Bühne ist wie ein Filmstudio. Man entwirft ein Drehbuch (Rentenreform, Gesundheitsreform, Hartz I bis IV) und inszeniert dann die Szenen so, dass jede Unlogik normal und unausweichlich erscheint.

Aber die Realität ist anders. Mehr als die Hälfte der Menschen in diesem Land ist darauf angewiesen, den Lebensunterhalt für sich und (falls vorhanden) die Familie zu sichern. Um sich abzusichern, zahlt er Beiträge in Kassen ein, die seinen Lebensabend sichern sollen, ihm bei Krankheit weiterhin den Lebensunterhalt sichern. Verliert er seinen Job, soll eine weitere Versicherung so lange Sicherheit bieten, bis er einen neuen Job gefunden hat. Die Systeme zur Sicherung funktionieren, weil nicht jeder krank oder arbeitslos wird und weil man fürs Alter über eine lange Zeitspanne einbezahlt. Doch dann gehen Politik und Wirtschaft her und nehmen einem Teil der Menschen ihre Arbeit. Einem weiteren Teil geben sie nur noch ein wenig Arbeit, nicht genug, um weiter in die Sicherungssysteme einzuzahlen. Bei den Sicherungssystemen brechen die Einnahmen weg, dafür steigen die Ausgaben an. Von ehemals rund 45 Millionen Einzahlern in die Systeme bleiben nur noch knapp 30 Millionen übrig. Aus den ehemals weniger als 1 Million Leistungsempfängern sind nun über 10 Millionen geworden. Die Konsequenz ist einfach. Die fehlenden Einzahlungen aufgrund der Arbeitslosigkeit. Das Problem sind nicht die Ausgaben, sondern die fehlenden Einnahmen. Hätten mehr Menschen Vollzeitjobs, würden die Ausgaben sinken und die Einnahmen steigen.

Noch deutlicher ist es auf dem Arbeitsmarkt Jeder weiß, dass es keine Arbeit gibt und die Aussagen von Leuten wie Hundt, Henckel, Rogowski, Kannegießer usw., dass man verzweifelt nach "qualifizierten Arbeitskräften" sucht, nichts als leere Worthülsen sind, die sofort erkennbar werden, wenn man genauer hinschaut. Fast jede Woche verkündet ein Unternehmen, dass es Stellen abbauen will. In allen großen Unternehmen sieht man, wie die Zahl der Mitarbeiter immer weiter ausgedünnt wird und dennoch vertreten eine Menge Arbeitnehmer den Standpunkt, Arbeitslose sind zu faul. Sie sehen die Realität jeden Tag, aber es trifft ja immer die "anderen" und die sind selber Schuld. Klüger werden sie erst, wenn es sie selbst trifft.

Politik, Wirtschaft, Lobbygruppen und die in diesen Diensten stehende Wissenschaftler sprechen von einer sozialen Hängematte, behaupten, die sei noch viel zu komfortabel und zu viele würden sich darin ausruhen. Dieses Argument stößt auf viel zu viele offene Ohren, die nicht begreifen, dass mit Hartz ein Drohpotential aufgebaut wurde, das in Richtung der Betroffenen seine Wirkung mit Angst, Verzweiflung und Resignation bewirkt, aber auch als Drohpotential für die "noch Beschäftigten" verwendet wird, um längere Arbeitszeiten und Kürzungen der Löhne zu erpressen. Es ist so offensichtlich, dass man nicht verstehen kann, dass so Viele diese perfide System noch immer nicht durchschauen und den Betroffenen ihre Solidarität verweigern. Oder ist es vielleicht Feigheit, die Angst, wegen seines solidarischen Verhaltens selbst zur Zielscheibe zu werden?

Denken Sie an den Vergleich von Staat und Haus. Aus dem Haus Deutschland werden immer mehr Ziegel entfernt und man begründet es damit, sonst würde das Haus einstürzen, weil die Pfeiler und tragenden Säulen das Haus nicht mehr tragen könnten. Aber mit jedem entfernten Ziegel pfeift der Wind kälter in das Haus, zerstört den Putz, lässt die Träger rosten und greift auch die tragenden Säulen an. Mit jedem Ziegel, den man entfernt, verliert das Haus an Wert und Stabilität, bis nur noch eine Ruine dort steht. Wäre der Speis so fest, dass man die Ziegel nicht entfernen könnte, würde das Haus bleiben, wofür es gebaut wurde, ein Ort der Geborgenheit und der Wärme.

Solidarität ist nicht eine reine Frage des Bauches, sondern immer eine politische Entscheidung. Man muss alle Fakten kennen, die Querverbindungen zwischen scheinbar völlig unterschiedlichen Gegebenheiten erkennen und einbeziehen, dann den gesamtheitlichen Aspekt betrachten, die eigene Situation einbeziehen, nicht nur was ist, sondern auch das, was morgen sein könnte, wenn man die Gesamtsituation sieht, und dann kann man seine Entscheidung treffen, ob und mit wem man sich solidarisiert oder ob man auf eine eigene Meinung verzichtet. Aber ich glaube, die Mehrheit würde erkennen, dass keine Meinung zu haben die dümmste Entscheidung ist, weil man ohne Meinung zum benutzbaren Objekt wird, ein Zustand, der heute leider viel zu verbreitet ist. Die Kampagne "Du bist Deutschland" richtet sich nicht an Leute mit einer Meinung, sondern an Objekte. Die Kampagne wurde nicht gestartet, um Solidarität zu erzeugen, sondern um Opfer zu Tätern zu machen.

Packungsbeilage

Risiken und Nebenwirkungen:

Das Schlucken dieser bitteren Pille kann in einzelnen Fällen dazu führen, dass man eine eigene Meinung bekommt. In leichten Fällen reicht mehrmaliges stoßen des Kopfes an einem harten Gegenstand (Mauer oder Türe) aus, den vorherigen Zustand dumpfer Gleichgültigkeit wieder zu erreichen. Reicht diese Maßnahme nicht aus, schreiben Sie an BILD, die INSM oder die Bertelsmann-Stiftung wegen einer Gegenindikation.

In seltenen Fällen kann es dazu führen, dass man die eigenen Handlungsweisen überdenken muss. In solchen Fällen kann nur noch Roland Berger, McKinsey oder die INSM helfen.