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Erstelldatum: 23.12.2010

Weihnachten 2010

Weihnachten ist eine merkwürdige Zeit, von der auch Menschen wie ich nicht verschont bleiben, obwohl ich an den angeblichen Hintergrund dieses Festes nicht glaube.

Das mag mit der Jahreszeit zusammenhängen, mit der Wintersonnenwende, was weiß ich. Irgendwie erfasst diese Stimmung auch mich. Sicher, den Hype um eine "Weiße Weihnacht" teile ich nicht, denn ich lebe in einer (kleinen) Großstadt und dort entwickelt sich die weiße Pracht schnell zum Ärgernis. Auf den Straßen verwandelt sie sich schnell in Matsch und auf den Bürgersteigen und kleinen Nebenstraßen in ein Rätselspiel: "Bleibst Du bei dem nächsten Schritt senkrecht oder machst du horizontale Erfahrungen?"

Ich war auf dem Markt einkaufen, hatte frische Eier gekauft, dazu ein Glas Marmelade und was man sonst so braucht, wenn man die Weihnachtsplätzchen selber backen will. Die Bushaltestelle ist nur ca. 50 m vom Hauseingang entfernt, ich muss lediglich eine kleine Nebenstraße überqueren. Allerdings muss man dabei schon auf den Verkehr achten, denn dort befindet sich eine Schule und die Kinder werden massenhaft von den Eltern mit dem Auto abgeholt. Also richtete ich mein Augenmerk auf die Hauptstraße, ob da vielleicht jemand Anstalten machte, einzubiegen und auch auf die kleine Straße, ob da nicht vielleicht gerade ein Wagen lospreschte. Nur auf den Boden habe ich nicht so recht geachtet und war dann erstaunt, wie schnell man von der Vertikalen in die Horizontale gelangen kann. Nun ja, ich bin auch gleich wieder aufgestanden, nicht ohne zuvor eine obszöne Bemerkung zu machen und habe, nun sehr vorsichtig, die restliche Strecke zum Haus zurückgelegt.

Der kleine Bluterguss an der Hüfte hat mich nicht sonderlich beeindruckt, wohl aber der Inhalt meiner Tragetasche. Dort mussten unsichtbare Heinzelmännchen schon mit der Vorbereitung für das Backen der Plätzchen begonnen haben, ohne allerdings eine Schüssel zu verwenden. In einer flüssigen Eiermasse hatte sich bereits ein Teil Mehl aus der geplatzten Mehltüte und Marmelade aus dem zerbrochenen Marmeladenglas vermischt. Die Butter hatte zwar auch nicht mehr die ursprüngliche Form, hatte sich aber entschlossen, die Verpackung nicht zu verlassen.

Trotz allem habe ich darauf verzichtet, von der solcherart bereits vorbereiteten Backmischung Gebrauch zu machen, sondern habe sie unter der Verwendung einiger unfeiner Bemerkungen entsorgt, die Tragetasche notdürftig gereinigt und für die nächste Wäsche vorgemerkt und mich dann erneut auf den Weg in die Stadt gemacht.

Vielleicht macht dieses kleine Erlebnis deutlich, warum ich der "weißen Pracht" in meiner unmittelbaren Umgebung nicht allzu viel abgewinnen kann.

Nun bezeichnet man diese Zeit ja auch als besinnliche Zeit, eine Zeit, in welcher man sich darauf besinnen soll, was wirklich zählt im Leben. Nun, ich habe mich besonnen und bin zu der Einsicht gekommen, Sie momentan nicht mit weiteren Berichten aus der Politik zu malträtieren, sondern das auf die Zeit nach Weihnachten zu verschieben und mich auf das zu konzentrieren, was jetzt wirklich wichtig ist, nämlich zwischen dem Weihnachtsbraten und den Weihnachtsplätzchen hin und her zu pendeln, die Waage in diesen Tagen zu meiden und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen, was mir natürlich besonders schwerfällt, weil es mir dazu am nötigen Glauben fehlt. Aber statt seiner einen anderen zu nehmen, z. B. Obama oder gar Schäuble oder de Maiziére, diese Selbstgeißelung tue ich mir nicht an. Aber auf die Glotze auszuweichen, geht auch nicht, da nicht vorhanden. Das sehe ich durchaus positiv, denn diese dümmlich bis idiotisch wirkenden US-Filme mit "Santa Claus", dem Rauschebart vom Nordpol und seinem Rentierschlitten, dem Typ, der zu dumm ist, durch die Tür zu gehen und stattdessen den Schornstein benutzt, die bleiben mir so erspart.

Erspart bleibt mir auch die allgemeine Hektik an "heilig Abend", die Vorbereitungen zum Fest, das Schmücken des Baumes, die Vorbereitung des Weihnachtsbratens und was sonst noch so anfällt. Ich muss keinen Baum schmücken, um damit die (mir abhanden gekommene) Frau oder Kinder zu entzücken, sonder lediglich den Weihnachtsbraten vorbereiten. Aber das ist keine Arbeit, sondern ein Vergnügen. Und dann fläze ich mich in den Sessel, nachdem ich mir zuvor ein Buch aus dem Schrank geholt und die Schüssel mit den Weihnachtsplätzchen in Reichweite gestellt habe und mache das, was ich ansonsten meist nur noch am PC mache; ich lese! Und ich habe einige Bücher, die bisher in meinem Bücherschrank ein eher kümmerliches Dasein fristeten, weil sie ungelesen vor sich hinstaubten.

Auch das Radio bleibt stumm, obwohl ich Weihnachtslieder eigentlich mag, allerdings nicht die von Big Brother importierten, sondern die teils wunderschönen deutschen Lieder. Aber die sind ja bei den heutigen Sendern eher selten geworden. Und wenn dann der Abend kommt, genieße ich zusätzlich einen guten Cognac oder Whisky, obwohl ich eher der Typ des anonymen Alkoholikers bin, der diese Gaben heimlich über das Essen zu sich nimmt.

Es kann dann sein, dass ich, gefesselt von der Lektüre, nicht aufhöre zu lesen, bis ich die berühmten 4 Buchstaben "ENDE" erreicht habe. Doch es kann auch sein, dass ich das Buch beiseitelege und meine Gedanken schweifen lasse, entfliehe in ein virtuelles Land, in dem nur kluge Menschen leben. Verwechseln sie Klugheit nicht mit Intelligenz. Klugheit ist die Einheit aus Intelligenz und Charakter, während Intelligenz offenbar immer öfter sich selbst genug ist und Charakter als lästig empfindet. Und in meiner Phantasiewelt bin ich dann ein Teil dieser Welt, kann mir Fähigkeiten andichten, die ich nicht habe, kann Abenteuer erleben, weitab jeder Wirklichkeit und wenn ich dann endlich ins Bett gehe, bin ich irgendwie mit mir und der Welt zufrieden, wohlverstanden, der virtuellen Welt.

Der erste Weihnachtstag wird nicht viel anders verlaufen, aber am zweiten Weihnachtstag werde ich dann wieder kribbelig. Die reale Welt holt mich wieder ein. Ich werde mich wieder über die Presse und die Politik aufregen und das in Worte fassen. Aber ich habe 2 Tage "besinnlich" verbracht, zumindest, was ich darunter verstehe.

Und das wünsche ich auch allen meinen Lesern, nein, eigentlich allen Menschen.