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Mit der Wahrheit lügen!

Was Politik und Wissenschaft, Großindustrie und Lobbyisten besonders auszeichnet, ist die Fähigkeit, mit der Wahrheit zu lügen und zwar auf eine oftmals derart dreiste Art, dass man getrost die Frage nach den wahren Absichten der mit den damit verbundenen Aussagen aufwerfen sollte.

Wie lügt man mit der Wahrheit? Nun, man präsentiert Statistiken. Statistiken sind Zahlen, nach verschiedenen Kriterien zusammengestellt und Zahlen sprechen die Wahrheit. Aber fast jeder kennt den Spruch: "Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast." Aber nicht die Statistik wird gefälscht, sondern der damit verbundene Zusammenhang. Ich will es zunächst an einem primitiven Beispiel verdeutlichen. Zwei Behälter sind mit Wasser gefüllt. Der erste Behälter enthält kochendes Wasser, 90 heiß. Der zweite Behälter enthält durch chemische Zusätze flüssig gehaltenes Wasser mit einer Temperatur von minus 90 . Betrachte ich statistisch jetzt nur die Grundlage Wasser, hat das Wasser einen Durchschnittswert von 0 , statistisch wäre also ein Eintauchen in das Wasser mit der Hand ungefährlich. Möchten Sie es versuchen?

Ich weiß, das Beispiel ist (sehr) primitiv und soll auch nur der einfachen Veranschaulichung dienen. Im Prinzip genau so primitiv, aber gerne genutzt ist die Statistik über die Demographie. Jeder kenn die Horrorszenarien, mit den vor allem die Herren Raffelhüschen und Rürup, beide Professoren und Mitglieder der Kommission zur Erarbeitung der Rentenreform bei jeder sich bietenden Gelegenheit auftischen. Der Tenor der Aussagen ist, dass die Menschen jetzt ja so viel älter werden, gleichzeitig aber zu wenig Kinder geboren werden und deshalb der Rentenkollaps unvermeidlich ist. Diese Aussagen haben zu erregten Diskussionen geführt und tun es noch. Sie haben den eigentlichen Hintergrund für die schrittweise Privatisierung der Rentenabsicherung geführt und die Riester-Rente gesellschaftsfähig gemacht, an deren Einführung die SPD ganz gut verdient hat und möglicherweise noch heute verdient und von der man heute nachlesen kann, dass sie evtl. zu einer Pflicht für alle werden soll Handelsblatt vom 22.10.02005.

Grundlage ist die statistisch erfasste durchschnittliche Lebenserwartung und diese Statistik möchte ich anhand der exakten Zahlen einmal genauer unter die Lupe nehmen und habe deshalb in Tabelle 1 mal 3 Eckpunkte herausgefiltert, aus denen das gravierende Ansteigen der Lebenserwartung deutlich wird. Angefangen mit dem Wert von 1871/81, dem Beginn der statistischen Auswertung, dann nach dem zweiten Weltkrieg, der Wert von 1949/1951 und danach der Wert zum Millennium 2000/2002.

Tabelle 1

Vollendetes Alter Geschlecht 1871/1881 1949/1951 2000/2002
0 Jahre
Männlich
Weiblich
35,58 Jahre
38,45 Jahre
64,56 Jahre
68,48 Jahre
75,38 Jahre
81,22 Jahre

Diese Zahlen belegen eindeutig die Thesen der beiden Herren Professoren, die ja Grundlage der Rentenpolitik und der Pressepublikationen waren und sind. Die Zahlen sind echt, wo ist also die Lüge? Die Lüge liegt in der Darstellung. Hier wird die durchschnittliche Lebenserwartung von Neugeborenen gezeigt und wer sich ein wenig mit der Vergangenheit auskennt, weiß um die Höher der Säuglings- und Kindersterblichkeit im 19. Jahrhundert, aber auch um die Sterblichkeitsraten der Altersgruppen zwischen 15 Jahren (früher mal der Beginn des Berufslebens) und dem Alter 65 (Beginn der Rente). also müsste man die Jahre 0 bis 15 grundsätzlich aus der Betrachtung ausklammern, denn ein Rentenanspruch entsteht ja nicht bei der Geburt (außer bei Waisenrenten), sondern durch die Berufstätigkeit. Man dürfte also erst mit dem Alter 15 Jahren beginnen, um zu sehen, welche Lebenserwartung hat ein 15-Jähriger im Durchschnitt. Das verdeutlicht Tabelle 2. Dabei sind die Zahlen aus der ersten Tabelle noch einmal an Position 1 eingefügt.

Tabelle 2

Vollendetes Alter Geschlecht 1871/1881 1949/1951 2000/2002
0 Jahre
Männlich
Weiblich
35,58 Jahre
38,45 Jahre
64,56 Jahre
68,48 Jahre
75,38 Jahre
81,22 Jahre
15 Jahre
Männlich
Weiblich
42,38 Jahre
44,15 Jahre
54,98 Jahre
57,99 Jahre
60,89 Jahre
66,68 Jahre

Was ist denn das? Nun hat der 15 Jährige (männliche) von 1871 plötzlich eine um knapp 7 Jahre erhöhte Lebenserwartung gegenüber dem Neugeborenen von 1871? Halt, stimmt ja auch nicht, denn er hat ja bereits 15 Jahre auf dem Buckel, das bedeutet, dass seine Lebenserwartung insgesamt 57,38 Jahre beträgt. Es zeigt, dass er die kritischen ersten 15 Jahre gemeistert hat, aber das gelingt zu dieser Zeit nur 60,89 % der Neugeborenen. Haben sie das geschafft, steigt ihre Lebenserwartung stark an.
Aber mit 15 hat er zunächst mal nur das Recht, für seine Rente vorzusorgen, also Beiträge zu zahlen. Wirklich Rente bekommt er erst, wenn er tatsächlich 65 Jahre alt wird. Also stellen wir doch mal die Lebenserwartung eines 65-Jährigen in Tabelle 3 dazu:

Tabelle 2

Vollendetes Alter Geschlecht 1871/1881 1949/1951 2000/2002
0 Jahre
Männlich
Weiblich
35,58 Jahre
38,45 Jahre
64,56 Jahre
68,48 Jahre
75,38 Jahre
81,22 Jahre
15 Jahre
Männlich
Weiblich
42,38 Jahre
44,15 Jahre
54,98 Jahre
57,99 Jahre
60,89 Jahre
66,68 Jahre
65 Jahre
Männlich
Weiblich
09,55 Jahre
09,96 Jahre
12,84 Jahre
13,72 Jahre
15,93 Jahre
19,55 Jahre

Nun zeigt sich, dass 1871/1881 von den 15-Jährigen immerhin noch etliche die 65 Jahre erreicht haben, obwohl ihre durchschnittliche Lebenserwartung eigentlich nur 57,38 Jahre betrug. Aber diejenigen, die das 65. Lebensjahr erreicht haben, konnten sich im Durchschnitt auf immerhin noch 9,55 Jahre Rente freuen. Der Unterschied der Rentner von 1871/1881 zu den Rentnern von 2000/2002 ist auf 6,38 Jahre geschmolzen und die der Rentner von 1949/1951 zu den Rentnern von 2000/2002 beträgt nur noch 3,09 Jahre. Immer noch ein beachtlicher Brocken, aber dem steht ein anderer Wert gegenüber. den sollen die nächsten Grafiken aufzeigen:

Grafik 1
Sterbetafel 1871/1881, 1949/1951, 2000/2002

Hier wird erkennbar, dass es zwei Enden der Demographie gibt. Der Steuerzahler kommt (natürlich ohne die von Eltern zu tragenden Kosten) für den Anfang der Lebensphase auf. Diese Kosten sind nicht geringer, als die Kosten für Rentner, denn sie enthalten das Kindergeld und alle übrigen Kosten wie Ausbildung, Studium, Schulbücher und mehr. die Rentenkasse plus steuerliche Zuschüsse für das Ende. Dabei sind die Steuerzuschüsse für die Rentenempfänger eine Folge der zusätzlichen Lasten, die man der Rentenkasse aufbürdet, obwohl sie aus Steuermitteln zu zahlen wären. Die nachfolgenden Zahlen belegen, getrennt nach Männern und Frauen, wie viele Neugeborene jeweils in realen Zahlen und prozentualer Angabe das Alter für den Berufseinstieg, den Mittelwert mit einem Alter von 40 Jahren und den Zeitpunkt der Inanspruchnahme der Rente erreichten.

  • Von 100.000 Neugeborenen erreichten 1871/1881 nur 60.892 Männer und 63.878 Frauen das Eintrittsalter in den Arbeitsprozess. 48.775 Männer und 51.576 Frauen erreichten ein Alter von 40 Jahren und 24.802 Männer und 29.703 Frauen erreichten das heute gültige Renteneintrittsalter (damals gab es noch keine Rente, die wurde erst 1891 eingeführt). Damit standen dem Arbeitsmarkt noch 80,1 % der Männer und 80,74 % der Frauen, die ein Berufsleben begannen (also 15 Jahre alt geworden waren), noch mit 40 Jahren zur Verfügung. Nur 40,73 % der Männer und 46,5 % der Frauen erreichten von den Berufseinsteigern das Renteneintrittsalter von 65 Jahren.
  • Von 100.000 Neugeborenen erreichten 1949/1951 92.097 Männer und 93.701 Frauen ein Alter, um in den Beruf einzusteigen. 87.102 Männer und 90.225 Frauen wurden 40 Jahre alt (94,58 % und 96,29 %) und 64.999 Männer und 73.875 Frauen erreichten schließlich das Rentenalter von 65 (70,58 % und 78,84 %).
  • Von 100.000 Neugeborenen erreichten 2000/2002 99.017 Männer und 99.289 Frauen das inzwischen veränderte Durchschnittsalter für den Berufseinstieg (jetzt mit ca. 20 Jahren). Das sind 99,02 % bei den Männern und 99,28 % bei den Frauen. 40 Jahre wurden 97.113 Männer (98,08 %) und 98.443 Frauen (99,15 %). Den Rentenbeginn mit 65 Jahren erreichten 81.282 Männer (82,09 %) und 90.226 Frauen (90,87 %).

Jetzt haben Sie schon ein genaueres Bild. Man erkennt, dass die Kurve 1871/1881 bei den Rentenbeziehern flacher verläuft. Die beiden Diagramme zeigen aber, dass die Zeit, die Menschen im Arbeitsleben verbringen (könnten, so man sie denn ließe), erheblich gestiegen ist. Mehr Menschen erreichen das Renteneintrittsalter, stehen damit aber auch für den Arbeitsmarkt zur Verfügung. Ab Beginn des Renteneinttrittsalters fallen die Kurven aus 1949/1951 und 2000/2002 ziemlich gleich stark ab. Hätten sie alle Arbeit, dann hätten Sie entsprechend in die Rentenkasse eingezahlt. Für die Menschen aus der Kurve von 1949/1951 stimmt das auch, der größte Teil von ihnen hat ein Leben lang gearbeitet, 40 Jahre und länger. Aber ihnen wird heute auf verschiedene Weise indirekt die Rente gekürzt, weil die Rentenkasse aufgrund der Selbstbedienung der Politik leer ist. Sie bekommen für ihre Einzahlung keine adäquate Leistung.

Aber auch die hier gezeigten Zahlen und Grafiken sind noch nicht ganz korrekt, denn für die Betrachtung der Lebensspanne der Rentner dürften nur Zahlen der abhängig Beschäftigten, als von den Arbeitnehmern, die auch in die Rentenkasse einzahlen, betrachtet werden. Die soziale Schicht spielt in der Lebenserwartung eine entscheidende Rolle. Es gibt nicht viele Rentner, die 90 Jahre und älter werden, wenn sie ein Leben lang gearbeitet haben. So ist das hier gezeigte Beispiel zwar schon genauer, als es Politik, Wissenschaft, Großindustrie und Presse verkünden. Aber immer noch nicht genau genug, weil sie auf Basis der Gesamtbevölkerung aufbaut und nicht auf der Basis derer, die in die Rentenkassen einzahlen.

Betrachtet aus der Gesamtsituation ist es gut, dass weniger Kinder geboren werden, denn die zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze werden weniger. Das bedeutet, weniger Neugeburten heißt in Zukunft weniger Arbeitslose. Die Hochrechnung von Rürup und Raffelhüschen ist auch schon deshalb falsch, weil sich die Sterblichkeitsrate in der Zeit von der Geburt bis zur Rente nicht mehr wesentlich verändern kann, womit die durchschnittliche Lebenserwartung keinesfalls in dem prognostizierten Maße wachsen kann. Die Aussagen wären Entschuldbar, wenn sie auf irrigen Annahmen beruhen würden. Aber die Herren wissen genau, worüber sie reden. Sinn der Aussagen ist Panikmache, um die angestrebte völlige Privatisierung der Soziallasten zu erreichen. Deshalb wird auch immer behauptet, Private können alles besser. Aber Private müssen Gewinn erwirtschaften. Das geht nur über die Preise. Will man die Preise stabil halten, wird Personal abgebaut und an der Qualität gedreht. Auf der Strecke bleibt immer der Verbraucher.

So wie an diesem Beispiel, wird in entsprechenden Publikationen auf allen Themenkreisen verfahren, die uns klar machen sollen, dass unsere Sozialansprüche zu hoch sind. Wir bekommen unrichtige Daten über die Arbeitslosigkeit, über das Gesundheitswesen, über Einnahmen und Ausgaben, kurz, über alle Themen, mit denen uns ein zu hohes Anspruchsdenken oder die wirtschaftlich angeblich erforderlichen Notwendigkeiten dargelegt werden. Sie basieren auf statistischen Werten, die zwar als Erhebung korrekt sind, nicht aber im präsentierten Zusammenhang. Und oft genug werden Aussagen gemacht, für die nicht einmal eine Datenbasis existiert. So beispielsweise Clements Aussagen über den Betrug durch ALG II Bezieher, wie diese Anfrage der Linken im Parlament zeigt: http://www.presseportal.de/story.htx?nr=770364.