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Schmerzlicher Verlust

Eine Nachricht erschüttert Deutschland: Sabine Christiansen dankt ab. Welch ein Verlust. Als geübter BILD-Leser hat man in der Fernsehzeitschrift nur die fett gedruckten Überschriften gelesen und dann stand dort: Tatort Sabine Christiansen und das soll nun auf den Tatort herunter gebrochen werden? Eine Verstümmelung!

Ich muss allerdings gestehen, dass ich mir die Sendung nicht angesehen habe, selbst als ich noch stolzer Besitzer eines Gehirnwäsche-Apparates mit der Bezeichnung Fernseher war. Es war für mich zu schmerzlich und ich musste immer weinen, wenn in bewegenden Worten geschildert wurde, wie Kapital und Great-Business schamlos von den Arbeitnehmern über zu hohe Löhne und zu hohe Lohnnebenkosten ausgebeutet wurden. Noch schlimmer. Wie gewissenlose Parasiten, die sich im Verein Hartz IV zusammengerottet haben dieses Land in den Ruin treiben und sich bereichern, ohne etwas dafür zu tun.

Sabine Christiansen war ja einmal Stewardess. Die Begegnungen in der First- und Business Class der Lufthansa haben sie vielleicht auf den Gedanken gebracht, mehr Zeit mit den gütigen Menschen dieser beiden Klassen zu verbringen und gleichzeitig den Kontakt zu der rüpelhaften Bagage der Economy Class, die vermutlich nur wegen der freien Getränke und/oder den freien Mahlzeiten (bei längeren Flügen) diese Flüge unternahmen, auf ein erträgliches Maß zu mindern.

Sicherlich ist ihr soziales Engagement ein wenig von der Zeit Ihrer Mitgliedschaft in der Jungen Union geprägt, in der ja soziales und christliches Engagement hoch im Kurs stehen, wie man es von Mitgliedern der Jungen Union wie Phillipp Missfelder oder Stefan Müller kennt. Vielleicht war der Gedanke an ihre soziale Verpflichtung auch der Grund, dass sie die Stewardess an den Nagel hängte und in den Jahren 1983 bis 1985 das wurde, wofür andere ein ganzes Studium benötigen: Journalistin. Danach moderierte sie verschiede Sendungen beim NDR und WDR, u.a. die Tagesthemen, bis sie schließlich von der ARD zur politischen Königin mit der Talk-Show "Sabine Christiansen" wurde.

Genau betrachtet legte sie aber die Stewardess nie ganz ab. Verständlich, denn es ist schwer, vor einem Millionenpublikum zu stehen. Also bemühte sie ihre Phantasie und stellte sich vor, das Studio sei ein Flugzeug der INSM-Airline. INSM-Airline deshalb, weil der Kurs der Sendung wohl weitgehend von der INSM bestimmt wurde und fast immer zumindest eine Schallplatte der INSM zu ihren Gästen zählte. Die Sitzverteilung stellte Sie sich so vor: Ganz vorne bei ihr war die First Class, direkt dahinter die Business Class und am Ende dann vielleicht einer, der sich in die Business Class verirrt hatte, aber eigentlich in die Economy Class gehört hätte, eine Klasse, die es in der INSM-Airline nicht gab, die saßen auf der anderen Seite des Bildschirms. Aufgabe war es, die Blähungen aus den Reihen der Gäste in Richtung der Economy Class hinter den Bildschirmen zu lenken. Mit den sparsamen Gesten, mit welchen Sie in der Vergangenheit den Fluggästen die Sicherheitshinweise moderiert hatte, bestimmte sie nun, wer gerade seiner Blähung freien Lauf lassen durfte. So kam ein melodisches Konzert neoliberaler Winde zusammen.

Wie gesagt, mit dieser Vorstellung, so denke ich, erleichterte sich Sabine Christiansen ihre Aufgabe. Ihre hochkarätigen Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kapital und fast immer von der INSM durften dann dem Volk die Welt erklären, den Abgrund, an welchem Deutschland stand, weil man einfach nicht begreifen wollte, dass man nur mit Löhnen wie in China oder zumindest in Polen global wettbewerbsfähig bleiben würde. Auch die völlig fehlgeleitete Anspruchshaltung der Deutschen in Bezug auf soziale Absicherung wurde kritisiert, welche die Deutsche Wirtschaft lähmt und die Gewinnspannen manchmal sogar unter die 20 % gerieten ließ. Nun ja, natürlich wurde nie über die Gewinne der Wirtschaft direkt gesprochen, sondern nur dargestellt, dass die Wirtschaft aufgrund der Ansprüche von Arbeitnehmern, Rentnern und Arbeitslosen kurz davor war, am Hungertuch zu nagen. Was ich vermisst habe, war ein Vergleich mit einer Blume. Es hätte so schön als Darstellung gepasst, wenn man am Beispiel einer Blume gezeigt hätte, dass sich die Blüte (Kapital) nur zu ihrer ganzen Pracht entfalten kann, wenn Wurzeln, Stängel und Blätter alle Nährstoffe in die Entfaltung der Blüte leiten. Dann kann die globale Biene kommen und die Blütenpollen auf eine andere Blumenwiese (irgendwo in der Welt) transportieren.

Noch bleibt uns Sabine Christiansen, nach eigener Aussage, für ein Jahr erhalten. Dann will sie in die weite Welt ziehen und dort mit ihren Talenten aufklären und, falls er seine Werbeverträge besser verheimlichen kann, wird dann Günter Jauch die Talk-Sendung oder eine ähnliche übernehmen. Günter Jauch, der ja zum "erotischten" Deutschen gekürt wurde (was viele nicht verstanden aber doch offensichtlich ist, wer hat schon so viel Geld verteilt, wie Günter Jauch?), wird dann die Sendung sicherlich ein wenig anders aufziehen Wollen wir hoffen, dass er nicht in die Versuchung gerät, wirklich kritische Fragen zu stellen. Das würde die Gäste und das Publikum schließlich völlig verwirren.

Es steht also fest, der Tatort Sabine Christiansen wird nur noch Tatort sein, welch ein schmerzlicher Verlust.