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Arbeitslose (67%) wollen wegen neuem Job nicht umziehen

Das berichtete am 30.03.2005 der EXPRESS.DE. Und ich sehe vor meinem Geistigen Auge die Leute, die das von Kanzler Gerhard Schröder geschürte Vorurteil, alle Arbeitslosen sind ein faules Pack, dankbar registriert haben, weil es sich mit ihrem Vorurteil deckt. Das ist ja nun der Beweis, 2 Drittel würden nicht einmal umziehen, um wieder Arbeit zu bekommen.

Nun, sollte sich einer Derjenigen, die ihre Vorurteile hingebungsvoll pflegen, nicht nur auf diese Homepage, sondern sogar in diesen Beitrag verirrt haben, dann wird er nach meinem Ausspruch: Ab hier bitte ausnahmsweise mal das Hirn einschalten vermutlich empört meine Page verlassen. Selber denken? Warum, dafür hat man doch die Presse, die Medien und die in Berlin!

Sollte aber trotzdem einer der Vorgenannten noch weiter lesen (er ist ja vielleicht Masochist), dann sei ihm mal ein kleines Szenario vorgespielt:

Ausgangsort
ein kleines Dorf oder eine Kleinstadt in Niedersachsen
Ort des Arbeitsangebots
Eine Großstadt wie Frankfurt, Köln, Stuttgart oder München

Für einen Single (Person 1) ist das kein sonderliches Problem, vorausgesetzt, er ist noch jung und ein wenig abenteuerlustig. Ist er schon älter (Person 2) und lebt schon lange oder gar immer an dem jetzigen Wohnort, ist es schon schwieriger. Er muss sein Lebensumfeld verlassen, seine Wohnung aufgeben, in welcher er seit wer weiß wie vielen Jahren gewohnt hat. Hier leben alle seine Freunde, mit denen man im Rahmen der Möglichkeiten und der Interessen Sport treibt, gelegentlich ein Bier trinkt, mal ins Kino geht. Er wohnt nicht mehr, wie der Jüngere vielleicht, bei seinen Eltern, sondern hat sich eine Wohnung angeschafft, in die Wohnung investiert, z. B. mit der Einbauküche oder speziell auf die Wohnung abgestimmten Möbeln.

Noch schlimmer bei einem Familienvater (Person 3). Für ihn trifft alles von Person 2 ebenfalls zu. Aber nicht nur für ihn, sondern auch für die ganze Familie. Für die Frau und noch schlimmer für die Kinder. Das Bundesland, in welches sie jetzt ziehen sollen, hat ein völlig anderes Schulsystem, unter Umständen völlig anderen Unterrichtsstoff und völlig andere Lehrbücher. Der Vater ist ein Langzeitarbeitsloser. Als solcher hat er kein Geld. Um den Umzug zu finanzieren, muss er Schulden machen. Aber zuerst muss er mal am Zielort eine "angemessene" Wohnung finden. In München, Stuttgart oder Frankfurt ist das fast unmöglich. Trotz aller Widrigkeiten macht die Familie es. Sie zieht um, sagen wir in den Stuttgarter Raum. Das Unternehmen, in welchem Person 3 nun seinen Job aufnimmt, ist ein Zulieferbetrieb für DaimlerChrysler. Zwar haben die Kinder noch Schwierigkeiten in der Schule, noch hat man keine neuen Freunde gefunden und das Geld ist noch immer knapp, weil man ja den Kredit abstottern muss, aber man hat wenigstens wieder einen Job. Plötzlich, nach 3 oder 4 Monaten, bekommt Person 3 seine Kündigung. Grund: DaimlerChrysler hat sich einen billigeren Zulieferer im Ausland gefunden. Das Unternehmen, dass fast ausschließlich von den Aufträgen von DaimlerChrysler lebte, steht vor der Pleite. Person 3 mit Familie ist jetzt in einem fremden Umfeld, ist erneut arbeitslos und hat zusätzlich einen Kredit am Hals, von dem er nicht weiß, wie er ihn bezahlen soll.

Und jetzt, mein Vorurteilsbeladener Freund frage ich Dich: Ist es nicht verständlich, wenn Familienväter ein solches Risiko nicht eingehen wollen? Niemand gibt ihnen eine Garantie, dass die neue Stelle eine Dauerstellung ist. Es ist keine Seltenheit, dass Unternehmen, kurz bevor sie schließen, noch Leute einstellen. Das war so, als die VDM geschlossen wurde und bei etlichen anderen Betrieben auch. Stellt beispielsweise ein Siemensstandort in irgendeiner Stadt noch Leute ein, kann es sein, dass schon kurze Zeit später die Hiobsbotschaft kommt, dass wegen der geplanten Stellenkürzungen das Management in der Zentrale beschließt, diesen Standort zu schließen. Der Standort, der noch Mitarbeiter einstellte, erfährt das erst kurz vor der Schließung, denn Siemens will keine Negativpresse oder Unruhe unter der Arbeitnehmerschaft. Es wird erst im letzten Moment bekannt gegeben.

Nein, für einen Familienvater ist die Gefahr einfach zu groß, so lange ihm das Unternehmen nicht schriftlich versichert, dass er seinen Job lange genug behält. Und jetzt werfe mal Deine Vorurteile für eine Minute über Bord und frage Dich ehrlich, ob Du unter diesen Umständen Deinen eigenen Spruch: "Ich würde alles tun, um wieder einen Job zu haben" wirklich in die Tat umsetzen würdest.

Zum Schluss noch ein Hinweis: Es macht auch noch einen Unterschied, ob man nur gefragt wird oder ob einem tatsächlich ein Job angeboten wird. Die Antwort auf eine Meinungsumfrage ist das Ergebnis eines Augenblicks. In der Realität folgen Stunden der Überlegung und der Diskussion mit der Familie.