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Erstelldatum: 09.02.2010

Der Mensch als Ressource

Durch eine Mail wurde ich auf ein Thema aufmerksam, von dem ich bisher keine Ahnung hatte.

Die oft hitzig geführte Debatte über die Transplantation von Organen ist allseits bekannt. Transplantation hat viele Befürworter aber auch viele Gegner. Ein nicht von der Hand zu weisendes Problem ist dabei die Gefahr eines aufblühenden Schwarzhandels mit Organen, weil bereits Fälle bekannt geworden sind, dass zwielichtige Organisationen Bewohner in den Ländern der Dritten Welt dazu bringen, mehr oder weniger freiwillig Organe zu "spenden" und dafür bestenfalls ein paar Scheine bekommen. Und zwielichtige Organisationen beschränken sich heute leider nicht mehr auf Verbrecherorganisationen a la Mafia.

Geht man weit in die Vergangenheit zurück, wird z. B. bei den Neandertalern darauf verwiesen, dass sie bereits einen Totenkult hatten und leitete daraus die parallele Entwicklung der Neandertaler zum Homo Sapiens als intelligentes Wesen ab.

Frühe Kulturen statteten ihre Toten, zumindest die aus der Elite, mit reichen Grabbeigaben aus, um ihnen den Weg in das nächste Leben nicht nur zu erleichtern, sondern überhaupt erst möglich zu machen. Krieger in der Bronze- und frühen Eisenzeit wurden in vielen Kulturen mit ihren Waffen, aber auch zusätzlichen Grabbeigaben bestattet. Bei den aufkommenden monotheistischen Religionen gab es leichte Änderungen. In diesen Religionen hat der Mensch eine körperliche Hülle, dazu aber noch ein zweites, transzendentes Ich, die Seele. Während die Hülle nach wie vor mit gewissen Zeremonien in der Erde begraben wird und ein Prediger zumeist darauf verweist, dass dieser Mensch aus Staub erschaffen, nun wieder zu Staub werde, ein religiöser Vorgang, der die Abläufe einer Geburt dabei völlig ignoriert und damit eigentlich die Frauen erneut missachtet, steigt das transzendente Ich hingegen auf oder ab, je nachdem, wie das Leben des Menschen gestaltet wurde. Das Oben und Unten wird in den christlichen Lehren als Himmel und Hölle bezeichnet. Dazwischen liegt noch das Fegefeuer, wenn man so will, eine Art Vorwäsche.

Das Wissen über die frühen Kulturen wurde durch Ausgrabungen belegt. Dabei ist die Frage zu stellen, wie es in wenigen tausend Jahren aussieht, wenn sich der Mensch zuvor wieder in die Barbarei verabschiedet hat, ein Weg, der beim derzeitigen Zustand der Welt unausweichlich scheint. Was werden dann, in ein paar tausend Jahren, wenn sich neue Kulturen entwickelt haben, die wiederum neugierig sind, was die Menschen früherer Epochen so getrieben haben, die Archäologen und Paläontologen sagen, wenn sie bei Ausgrabungen auf Friedhöfe der heutigen Zeit stoßen und dabei ausgeweidete Leichen finden? Ob sie den Zustand der Leichen als religiöses Ritual deuten?

Nun werden Sie zu Recht einwenden, dass man in ein paar tausend Jahren vermutlich nicht mehr erkennen kann, ob einem Toten ein Organ entnommen wurde. Das ist sicherlich richtig. Aber stellen Sie sich Tote vor, denen man alles Verwertbare entnommen hat, neben den Organen jede Art verwertbaren Gewebes einschließlich der Knochen, um sie anschließend für die zeremonielle Beerdigung ein wenig auszustopfen. Sie meinen, das sei absurd und makaber? Ich erwähnte es schon, ich wurde durch eine Mail auf ein Geschehen aufmerksam gemacht, das ich in dieser Form nicht für möglich gehalten hätte. Der WDR5 brachte einen Bericht über Vorgänge, dass Leichen heutzutage regelrecht ausgeschlachtet werden. Haben Sie zuvor schon etwas von einem Gewebetransplantationsgesetz gehört oder von einer EU-Richtlinie 2004/23 EG? Ja? Dann sind sie zweifellos besser informiert als ich.

Nun werde ich sicherlich wieder mit Argumenten überhäuft, dass das ja vielleicht schwer verständlich, aber sicher eine gute Sache sei, wenn man überlegt, wie vielen Menschen dadurch geholfen werden kann. Ich finde, es ist ein vielschichtiges Problem. Da ist zunächst einmal die grundsätzliche Frage, die sich jeder Einzelne stellen muss. Bin ich bereit, mich nach meinem Tode nahezu vollständig verarbeiten zu lassen? Eigentlich kann es mir ja egal sein, denn wenn ich tot bin, stört es mich ja nicht mehr. Doch dem ist nicht so, zumindest nicht bei allen Menschen. Ich selbst möchte das nicht. Warum nicht? Ich habe keine Ahnung, aber irgendetwas in mir sträubt sich dagegen. Eine rationale Begründung habe ich nicht. Aber ist es nicht gerade ein Problem dieser Welt, dass alles nur noch aus rationalen Gründen geschieht? Wenn ich dann dabei an die Mechanismen der Gewebetransplantation denke (hier spricht man bei der Auswahl von Verwertbarem von Exploration), dann habe ich dabei ständig das Bild eines Schlachthofes vor Augen. Aber auch für Verwandte ist es sicherlich nicht immer leicht, sich mit einem solchen Gedanken abzufinden, vor allem, wenn das Ganze illegal geschieht.

Doch vielleicht habe ich auch eine ganz rationale Begründung. Während mein toter Körper nach Verwendbarem durchsucht wird und lediglich das, was nicht zu gebrauchen ist, dann, vielleicht mit ein wenig Schaumstoff und Holz aufgepeppt, in einen Sarg gelegt wird, um bestattet zu werden, muss ich oder meine Angehörigen dieses teure Spektakel einer Beerdigung bezahlen, während sich Firmen und auch entsprechende Mediziner mit dem herausgenommenen Teilen meines Körpers eine goldene Nase verdienen. Schließlich können die "Ersatzteile" aus einem Toten, selbst bei Nichtverwertbarkeit der Organe einen Wert von 100.000 $ erreichen. Auch eine zweite Frage steht dabei im Raum. Wer profitiert eigentlich von den Ersatzteilen. Schon im Organhandel hat es mannigfaltige Hinweise gegeben, dass die Profiteure nicht die Durchschnittsbürger sind, sondern die Leute, die es sich leisten können. Es mag sein, dass bei Gewebetransplantationen auch einige Kassenpatienten in bestimmten Fällen in den Genuss solcher Dinge kommen. Aber immer, wenn etwas knapp ist, kommen zuerst die in den Genuss, die zahlen können. So langsam beginne ich zu begreifen, warum Sportler nach einer Meniskusverletzung, einem Kreuzband- oder Bänderriss schon nach kurzer Zeit wieder auf dem Spielfeld stehen können. Ich bin außerdem überzeugt, dass es bereits einige kriminelle Organisationen gibt, die auf Anforderung hin liefern, was gebraucht wird. Schließlich verschwinden täglich Menschen auf unerklärliche Weise.

Das alles erinnert mich an einen Film. Er hieß "Die Insel". Dort wurden Klone gezüchtet und bei Bedarf regelrecht geschlachtet, wenn das Original des Klons Ersatzteile benötigte. Man sieht, wir nähern uns diesen Vorstellungen, einer Mischung aus Science Fiction und Horror, in der Wirklichkeit immer mehr. Und ich sehe hinter all dem schwülstigen Gerede über die großen Vorteile im medizinischen Fortschritt auf diesem Gebiet immer nur eines: Den Profit, den die Akteure daraus schlagen. Auch glaube ich, dass so mancher, der sich zu einer Organspende bereit erklärt hat, das kleine Häkchen mit der gleichzeitigen Einverständniserklärung der Gewebeentnahme gar nicht bemerkt hat. Letzteres ist natürlich nur meine rein subjektive Vermutung.

Wenn wir weiter damit machen, den Menschen nur noch als Ressource zu sehen, wo bleibt dann die so oft zitierte "Würde des Menschen?"