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Time: Merkel hat den Deutschen das Lachen zurückgeschenkt

So war ein Beitrag der Berliner Morgenpost betitelt. Da er nicht mehr angeboten wird, hier der gleiche Bericht in der Sueddeutschen

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie die Time zu diesen Aussagen kommt. Weiß sie überhaupt, was sich in Deutschland abspielt? Oder ist der Begriff "Mensch" bei Time anhängig von Status und Bankkonto? Letzteres erscheint mir wahrscheinlicher, weil sie Bush und Rice als "Revolutionäre" bezeichnet und den Kurs von Daimler-Chef Zetsche mit den Worten: „der prominenteste einer neuen Generation tatkräftiger deutscher Manager“, habe Konzern mit einer Kombination aus intelligentem Marketing und strengem Finanzmanagement aus der Krise gehievt beschreibt. Auch Beckenbauer wird lobend erwähnt.

Geht man also davon aus, dass das Time-Magazin Menschsein von Status und Bankkonto abhängig macht, dann schreibt es die Wahrheit. Auf die Lippen von Konzernbossen, Arbeitgeberfunktionären, und Kapitaleignern hat sie ein Lachen gebracht, auch auf die Lippen von Hedge-Fonds-Managern und Bankbossen hat sie das Lachen gezaubert. Wen wundert's? Die Gewinne sprudeln wie nie zuvor und Angie hat noch viel vor. Mit dem ab 1.8. gültigen Optimierungsgesetz für das SGB II, mit der Gesundheitsreform, mit den angestrebten PPP-Aufträgen wird sie weitere Milliarden in die Kassen der Konzerne versenken, abgezwackt bei "denen dort unten", die man aus den Elfenbeitürmen von Kapital, Konzernbossen, Politikern und Pressemanagern ja nur noch als krabbelndes Ungeziefer wahrnimmt und deshalb auch so behandelt. Längst ist es aus dem Blickfeld derer in den Elfenbeitürmen verschwunden, dass aller Wohlstand und alle Macht, die man besitzt, von "denen da unten" erwirtschaftet und vergeben wurde und auch wieder genommen werden kann.

Die Vorstellung, George W. Bush und Condoleezza Rice als Revolutionäre zu bezeichnen, ist so falsch auch nicht. Sie sind Revolutionäre im Stile eines Saddam Hussein oder eines Augusto Pinochet. Wie sehr Bush den Diktator herauskehrt, zeigt dieser Beitrag bei Telepolis. Unter der Überschrift "das Gesetz bin ich" wird aufgezeigt, wie Bush Gesetze unter dem Vorbehalt unterzeichnet, dass er sich nicht daran halten wolle, wenn es ihm opportun erscheine. Dass er die gleiche Einstellung zum Völkerrecht hat, hat er hinlänglich bewiesen. Ob der Krieg gegen den Irak, ob die Folter, ob Guantanamo, wo Kriegsgefangene entgegen dem Völkerrecht und entgegen der amerikanischen Verfassung ohne Rechtsbeistand und ohne Kontrolle der Haftbedingungen gehalten und gefoltert werden, ob die Entführung von Personen aus politischen Gründen, all das beweist, dass sich Bush, unterstützt von Condoleezza Rice und seiner ganzen Administration über das Völkerrecht und über die amerikanische Verfassung stellt. Ja, das ist schon revolutionär. Durch solche Revolutionen sind die meisten Diktaturen entstanden. Im Falle Bush könnte es zu einer Weltdiktatur werden.

Dass Time vor allem "Money-maker" als wichtig klassifiziert, zeigen die beiden weiteren Deutschen in der Studie der wichtigsten Persönlichkeiten, Zetsche (DaimlerChrysler-Chef) und Franz Beckenbauer. Dass Beckenbauer ein hervorragendes Talent hat, sich zu vermarkten, ist nicht unbekannt. Ihn mit Pelé auf eine Stufe zu stellen: Na, ich weiß nicht.
Bei Zetsche allerdings fällt auf, dass seine Strategie der Entlassungen, Produktbeschränkungen bei Smart, das Schlagwort von der Rückkehr zum "Kerngeschäft", und ähnliche Maßnahmen wohl das Wohlwollen des Time-Magazin auslösten.

Die Deutsche Presse ist natürlich glücklich über diese Schlagzeile. Nahezu wortgleich findet sich die Meldung in fast allen Deutschen Kolumnen. Wir haben wohl doch noch eine Art redaktionellen Nationalstolz. Eine amerikanische Zeitschrift veröffentlicht 100 Namen mit ihrer subjektiven Ansicht über die 100 wichtigsten Leute in der Welt und löst einen Freudentaumel in der deutschen Presse aus.

Für mich ist das eher ein Beweis, dass deutscher Journalismus offensichtlich nicht mehr existiert, sondern nur noch Meldungen von Presseagenturen, versehen mit fetten Überschriften, weitergeleitet werden. Stellt sich die Frage, warum gibt man überhaupt noch Geld für solche Käseblätter aus? Sind sie nicht längst zum inhaltlosen Polit-Boulevard verkommen?