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Erstelldatum: 20.08.2007

Gert Flegelskamp
Rhönstr. 17
63071 Offenbach
22.07.2007
Mail: gert@flegel-g.de

An den Geschäftsführer Thomas Bösenberg
und den
Stellvertretender Geschäftsführer Bernhard Günther
und alle Mitarbeiter
der team-arbeit-hamburg
Hamburger Arbeitsgemeinschaft SGB II
Hamburg.ARGE-Presse@arge-sgb2.de

Betr.: Fragebögen der GIB

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Spiegel durfte ich von dem bei Ihnen neu eingeführten Verfahren lesen, Arbeitssuchende, von Ihnen als Kunden bzw. Kundinnen bezeichnet, mittels neuer von der Gesellschaft für Innovationsforschung und Beratung (GIB) verfassten Psychogramme zu befragen. Lt. Spiegel beinhalten diese Fragen Essgewohnheiten, Videovorlieben, sogar Einstellungen zur Liebe.

Ich war doch einigermaßen verwundert, weil ich mich bereits seit geraumer Zeit frage, welche Qualifikation eigentlich so genannte Fallmanager besitzen, schon alleine ein entsprechendes Profiling, wie es für eine Eingliederungsvereinbarung erforderlich ist, durchzuführen. Jetzt wollen Sie, wenn ich den Spiegelbericht richtig interpretiere, zusätzlich zu der zuvor genannten Überforderung der Mitarbeiter von team-arbeit-hamburg noch von der GIB entwickelte Psychogramme einsetzen, deren Fragestellung mit Sicherheit keinen Zusammenhang zu einer beruflichen Qualifikation herstellen, aber sicherlich die weitere Verunsicherung der so genannten "Kunden bzw. Kundinnen", von wenigen Ausnahmen abgesehen, zur Folge hat. Ganz abgesehen von den Fallmanagern, die für eine solche Fragestellung als Einbindung in ein "passgenaues" Profiling weder ausgebildet sind noch die sonstigen Voraussetzungen dafür besitzen.

An Herrn Günther und Herrn Bösenberg (nomen est omen) stelle ich einmal eine direkte Frage. Stellen Sie sich vor, mit den genannten Fragen wäre vor Ihrer Amtseinführung ein diesbezügliches Psychogramm für eine "passgenaue" Stellenbesetzung erstellt worden, glauben Sie, dass sie dann die von Ihnen besetzte Position erhalten hätten? Wie sieht es mit Ihnen aus, meine Damen und Herren, die sie die Ihnen anvertrauten "Kunden bzw. Kundinnen" mehr schlecht als recht betreuen, glauben Sie, dass Sie mit einer Eignungsprüfung dieses Formats den Ihnen zugewiesenen Posten auch bekommen hätten?

Nehmen wir die Frage, ob ein Betroffener gerne Filme mit viel Gewalt sieht. Diese Frage kann bei einer ehrlichen Antwort niemand verneinen, denn jeder schaut sich um 20:15 Uhr die Nachrichten an, die tagtäglich gespickt mit Gewalt sind. Jeder hat sich auch schon einmal James Bond Filme angesehen, oder Filme des Gouverneurs von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, die unverständlicherweise von den Programmzeitschriften stets mit 3 Sternen als besonders sehenswert gekennzeichnet werden.

Sollte die GIB nicht lieber einmal die Macher der privaten und öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten fragen, warum sie in Kindersendungen so häufig Comics zeigen, in denen Gewalt der eigentliche Kern, doch Handlung kaum zu finden ist? Warum täglich in den Programmen Horror- und Kriegsfilme zu finden sind? Und sollte die GIB aus den Ergebnissen der Befragung nicht lieber ein Psychogramm der Betreiber der Fernsehprogramme erstellen?

Was hat eine Vorliebe für bestimmte Filme mit der Qualifikation und Leistungsfähigkeit eines Arbeitssuchenden zu tun? Was haben Fragen über bestimmte Vorlieben für exotische Gerichte, die sich ALG II-Empfänger ohnehin nicht leisten können, damit zu tun, dass sie verzweifelt Arbeit suchen? Was interessiert die Hamburger ARGE, ob jemand die frühere DDR nicht doch "ganz gut" findet, was sicherlich viel weniger erstaunt, wenn man sieht, was der Kapitalismus wirklich veranstaltet, sehr abweichend von den Propaganda-Filmen, die früher über die Mauer gestrahlt wurden? Was haben die Frage nach der "ewigen Liebe" oder nach evtl. vorhandenem Aberglauben mit der Arbeitssuche zu tun? Müsste nicht bei dieser Fragestellung auch das Kreuz, ein Madonnen- oder Heiligenbild in die Fragestellung aufgenommen werden?

Was ist der wirkliche Hintergrund dieser Befragungen? Werden Sie, meine Herren in der Geschäftsführung etwa dafür bezahlt, Arbeitslosen solche Fragen zu stellen und wenn ja, von wem und zu welchem Zweck? Aus diesem Psychogramm sind keinerlei verwertbare Erkenntnisse über Arbeitsmentalität, Arbeitsverhalten, Qualifikation oder Befähigung für Arbeiten jeglicher Art abzuleiten, was den Schluss zulässt, dass damit andere und vermutlich illegale Absichten verbunden sind.

Sie veröffentlichen in einer Pressemitteilung stolz den hohen Besetzungsgrad von 11.600 Arbeitsgelegenheiten, aber wo ist eine Information darüber, dass Sie ihren Auftrag, Arbeitssuchende in "reguläre und sozialversicherungspflichtige Jobs" dauerhaft vermittelt haben? Was leisten SIE, außer Menschen in Zwangsarbeit, denn das sind Arbeitsgelegenheiten nach Art. 12 des GG, nach der Charta der EU, der Charta der vereinten Nationen und nach dem ILO-Abkommen, zu vermitteln. Sie schreiben auf Ihrer Internetseite, Sie betreuen fast 200.000 Arbeitslose mit ca. 1.700 Mitarbeitern. Die Betreuung der ARGE Hamburg ist nicht zum ersten Mal gut für eine Schlagzeile, leider immer im negativen Sinn. Warum machen Sie nicht einmal im positiven Sinn Schlagzeilen, indem Sie nicht nur schreiben, dass sie fast 200.000 "Kunden bzw. Kundinnen" betreuen, sondern sie auch überwiegend in richtige und gut bezahlte Jobs vermittelt haben?

Die im Spiegel beschriebene Maßnahme wird von keinem Sozialgesetz gedeckt, ist also einzig einer Initiative Ihrer Behörde zu verdanken. Da Sie niemandem begreiflich machen können, was diese Fragen mit Ihrer Aufgabe zu tun haben, sich dafür aber viele Leute fragen werden, warum und wofür da Geld des Steuerzahlers verschwendet wird, sollten Sie sich auf eine Steigerung der Zahl der Prozesse einstellen.
In einem anderen Zeitungsbericht (Die Welt)habe ich statistische Zahlen über die Gewalt in Hamburg gelesen. Die ARGE wurde explizit erwähnt und eine Mitarbeiterin soll sich darüber beschwert haben, dass sie fast täglich zumindest beschimpft würde (1.268 Übergriffe auf Mitarbeiter der Hamburger Job Center). Wundert Sie das eigentlich bei einer Behörde, deren Arbeit in der Hauptsache daraus besteht, Repressalien jeglicher Art gegen verzweifelte Menschen zu praktizieren, ohne ihrem eigentlichen Auftrag auch nur im Entferntesten gerecht zu werden? Ist es nicht eher ein Zeichen von besonderer Friedfertigkeit, wenn über 99% der von Ihnen Betreuten die Beherrschung nicht verlieren, trotz aller ihnen entgegen gebrachten Arroganz und Ignoranz?

Gert Flegelskamp