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Erstelldatum: 28.04.2007

Die Tafeln

Hartz IV ist dafür verantwortlich, dass die Zahl der Menschen, die nicht genügend Einkommen haben, um sich ausreichend zu ernähren, stark angestiegen ist. Zum Glück gibt es ja ehrenamtliche Einrichtungen, die zumindest einen Teil dieser Menschen mit Lebensmittelspenden helfen oder mit Suppenküchen dafür sorgen, dass sie zumindest mal eine warme Mahlzeit bekommen. Ich spreche von den Tafeln.

Aber sind die Tafeln wirklich eine Hilfe? Oder gar eine Lösung? Die Antwort ist ein klares "NEIN, weder - noch". Die Tafeln sind Teil des Vernichtungskonzepts der Sozialstrukturen in Ländern wie Deutschland. Das richtet sich nicht gegen die Menschen, die mit sehr viel Engagement zu helfen versuchen. Sie sind sich nicht darüber im Klaren, was sie mit ihrem Sozialverhalten da wirklich unterstützen.

    Hier möchte ich zunächst einen mir zugesandten Bericht einfügen, die Reaktion des Bürgermeisters von Glückstadt auf die Kritik eines Leserbriefes an eine regionale Zeitung. Ich weiß nicht, welche Zeitung den Bericht veröffentlicht hat und konnte somit auch nicht um die Erlaubnis zur Veröffentlichung nachfragen. Deshalb möchte ich hier anmerken, dass ich den eingefügten Bericht selbstverständlich wieder lösche, falls das Einverständnis zur Veröffentlichung versagt wird.
    Doch hier die Aussagen des Bürgermeisters:

    "Die Tafelbewegung zementiert die Armut im Lande", so der Schluss eines Leserbriefes der Norddeutschen Rundschau in der vergangenen Woche.

    Zwei Banalitäten vorweg: Selbstverständlich nehmen die Ladenketten nicht aus reiner Mildtätigkeit an den Tafeln teil, die Teilnahme erspart natürlich auch in erheblichem Umfang Kosten. Wir alle wissen aus Diskussionen in dieser Stadt in den vergangenen Jahren, dass gerade die Lebensmittelmärkte kaum mehr von echten Gewinnen sondern nur noch von Verdrängung leben.

    Zweite Banalität: Es ist natürlich ein Ausdruck des Versagens, wenn es in einer immer noch so reichen Nation wie der Bundesrepublik überhaupt Tafeln geben muss. Zu erwähnen ist jedoch, dass sich die Betreiber der Tafeln, in den allermeisten Fällen Sozialverbände mit vielen ehrenamtlichen Helfern, keineswegs als Mitwirkende in einem normalen betriebswirtschaftlichen Prozess sehen.

    Die Tafeln sind eine der wenigen Organisationen, die permanent mit moralischem Anspruch den Wegfall ihres eigenen Daseins fordern. Die Realität, dass es glücklicherweise in unserer Stadt eine Tafel gibt, hat natürlich erhebliche bittere Komponenten. Der große Erfolg dieser Tafel heißt konsequenter Weise, dass immer mehr Familien buchstäblich nicht genug zu essen haben.

    Positiv ist zu erwähnen, dass die sozialen Kaufhäuser mit den Tafeln natürlich auch Kommunikationspunkte sind, Berufshilfe und "Arbeitsplatz".

    Aus der Überschrift, dass Tafeln die Armut zementieren, wäre messerscharf zu schließen, dass man besser mit den Tafeln aufhören sollte. Wer will das ernsthaft mit seinem Gewissen vereinbaren? Ich persönlich finde Kritik immer dann halbherzig, wenn sie minutiös gesellschaftliche Missstände aufzeigt, es aber unterlässt, Wege in eine andere Richtung aufzuzeigen.

    Wenn Tafeln die Armut zementieren, zementiert der Wegfall der Tafeln paradoxerweise dies erst recht, schneller und unmittelbarer.

    Ich persönlich danke jedenfalls all denen noch einmal, die zum Aufbau und zum Betrieb der Tafel in Glückstadt ihren Teil beigetragen haben und in Zukunft sicherlich auch tragen werden.

    Ich unterstütze sie in ihrem Bemühen, ihrem Image als Armenspeisung zu entfliehen und sich als Dienstleistungsunternehmen zu präsentieren, das seinen Kunden verschiedene Dinge anbietet.

    Es grüßt Sie freundlichst Ihr
    Gerhard Blasberg

Ich möchte aber dem Herrn Bürgermeister widersprechen und dem Schreiber des Leserbriefes Recht geben. Dazu verweise ich auf die Beiträge zum Thema "Tafeln" von der humanistischen Union Marburg, die sie auf meiner Seite finden und einen Beitrag von Telepolis. Ich möchte aber über die Aussagen der HU Marburg hinausgehen.

Jedem sollte zu Denken geben, dass eine Einrichtung, die von McKinsey weltweit gesponsert und unterstützt wird, nicht wegen ihres sozialen Engagements von dieser Unternehmensberatung unterstützt wird, sondern in einer absolut unsozialen Absicht.

Wie schon der Einwand des Bürgermeisters zeigt, verweisen Politiker inzwischen vermehrt darauf, dass Leute, die mit ihrem Geld nicht auskommen, sich ja an die Tafeln wenden können. Die Ministerin von der Leyen schwingt sich zu Schirmherrin der Tafeln auf und auch Bundespräsident Köhler findet warme Worte für die Tafeln.

In Speyer ist ein junger Mann verhungert und seine Mutter war ebenfalls unterernährt. Wie mancher Wohlstandsbürger hat wohl den Kopf geschüttelt und insgeheim gedacht: "Der hätte sich ja auch an die Tafel wenden können." Hier ist der Knackpunkt. Was für die katholische Kirche die Beichte, ist für den Wohlstandsbürger die Tafel. Das Vorhandensein der Tafeln erteilt ihm Absolution. Er muss sich keine Gedanken machen, denn es gibt ja Einrichtungen, die helfen. Er kann sich beruhigt zurücklehnen und sich wieder seiner Dauertrance widmen. Ein Griff zur Fernbedienung und schon hat man die spannenden Serien oder Talkshows wie Richterin Salesch, die Supernanny, die fernsehwirksame Unterstützung "Hilfebedürftiger" im neunen Heim oder die absoluten Primitivlinge, die sich, glücklich, dass sie mal im Fernsehen auftreten dürfen, in unglaublich primitiver Form gegenseitig angeifern. Ist die Welt nicht schön?

Die von den Tafeln unterstützten Betroffenen werden schließlich trotzdem satt und fügen sich. Ducken ist leichter als Aufbegehren und solange nicht echter Hunger an den Eingeweiden nagt, ist man still.

Nun kann man mir vorwerfen, ich hätte gut reden, ich wüsste ja nicht, wie weh Hunger tut. Aber Hunger ist kein Problem der heutigen Zeit. Hunger ist eine Obszönität, die sich in der Geschichte durch die Jahrtausende hinzieht, die Menschen kriminell werden ließ, die Anlass zu Aufständen war, die Frauen in die Prostitution getrieben hat und immer von den gleichen Kreisen initiiert wurde und wird. Auch im 20. Jahrhundert gab es den Hunger, erst nach dem 1. Weltkrieg, dann in der Weimarer Republik und anschließend während und nach dem 2. Weltkrieg. An diesem Hunger nach dem 2. Weltkrieg durfte ich als Kind partizipieren, weiß also, wovon ich rede. Im Unterschied zu heute gab es damals aber nichts. Die Welt lag in Trümmern, die Läden waren leer. Heute quellen die Läden über, der Überfluss ist sichtbar, die Reichen werden so schnell reicher, dass sie es selbst kaum fassen können, während die Zahl der Menschen, die in die Armutsfalle geraten, genau so schnell wächst, wie der Reichtum. Politiker sind denen gefällig, die sie korrumpieren und ihren Parteien mit großzügigen Spenden dazu verhelfen, ihre Lügenparolen vor den Wahlen großflächig zu verbreiten. Als Beispiel mal ein Auszug aus öffentlich gewordenen Spenden an die Parteien:

Dass für 2005 nur so wenig Spenden angezeigt werden, liegt daran, dass bis zu dem Zeitpunkt nur die Spenden über 50.000 öffentlich gemacht wurden. Nicht enthalten sind die "persönlichen" Spenden, z. B. in Form von regelmäßigen Gehältern ohne Gegenleistung(?) (wie bei Laurenz Meyer. Nicht enthalten sind überproportionale Gehälter für Aufsichtsratsmandate und ich denke, dass auch die diskret überreichten Briefumschläge noch immer in Mode sind.

Not muss sichtbar und spürbar sein, wenn man einen Aufschrei der Massen erreichen will. McKinsey weiß das und unterstützt die Tafeln schon seit langer Zeit mit einem "Leitfaden" für professionelles Management, um einen Aufschrei der Massen zu verhindern. Seit vielen Jahren in den USA und seit 1994 auch in Deutschland. McKinsey, die Unternehmensberatung, die für die Entlassung Hunderttausender verantwortlich zeichnet, die maßgeblich am Hartz-Konzept mitgewirkt hat (Mitglied der Hartz-Kommission), die immer wieder betonen, dass Sozialleistungen und Unternehmenssteuern abgebaut werden müssen, engagiert sich für den sozialen Aspekt der Tafeln??? Mitnichten. Die Tafeln sind Bestandteil des neoliberalen Konzeptes und gleichzeitig ein billiges Konzept der Abfallbeseitigung, denn schwerpunktmäßig sind die Produkte der Tafeln Waren, deren Verfallsdatum erreicht oder überschritten ist und die deshalb nicht mehr verkauft werden dürfen. Da ist die Entsorgung durch Abgabe an die Tafeln doch billiger als eine kostenpflichtige Entsorgung auf den Müll. Nicht einmal Transportkosten entstehen, weil die Tafeln die Sachen abholen.

1994 gab es vier Tafeln in Deutschland. Heute sind es bereits über 650, mit steigender Tendenz. Von der Politik begeistert unterstützt wird die Ausweitung der so genannten "European Federation of Food Banks" auch für Deutschland betrieben. Die Internetseiten der Tafeln sind sehr professionell gestaltet. Sicher, McKinsey hilft ja. Aber man sollte sich auch einmal die Frage stellen, wer die Verbandsfunktionäre der Tafeln sind, die im Bundesverband Deutsche Tafel e.V. zusammengeschlossen sind (außer München). Allmählich kommen mir nämlich Zweifel, ob diese Funktionäre wirklich nur aus reiner Menschenliebe handeln. Die Akteure an den Tafeln sind, so glaube ich, wirklich Menschen mit den besten Absichten (oder auch Ein Euro Jobber).

Es mag paradox klingen, aber ich halte die Tafeln für schädlich und betrachte ihre Notwendigkeit ohnehin als einen Schandfleck für die Politik, die Wirtschaft und das Kapital. Die Existenz der Tafeln ist der Beweis, dass die Primitivität der so genannten "oberen Zehntausend" unverändert geblieben ist, völlig losgelöst von ihrer Bildung, vorhandenen Titeln und ihrem Auftreten. Sie sind einfach nur roboterhafte Egomanen, ohne jede Ethik und Moral. Ich sehe in diesem Zusammenhang auch die intensiven Bemühungen von Schäuble zur Überwachung und zu seinen Plänen mit der Bundeswehr. Ein Aufstand der Bevölkerung wurde stets mit militärischen Mitteln niedergeschlagen und mögliche Vorbereitungen für ein solches Aufbegehren sollen durch die komplette Überwachung der gesamten Privatsphäre bereit im Vorfeld erkannt und mögliche Rädelsführer frühzeitig ausgeschaltet werden. Schäuble hat keine Angst vor Terrorismus, sondern Angst vor einem erwachenden Michel, eine Angst, die er mit seinen Brüdern im Geiste Schily und Wiefelspütz teilt.

Noch ein letztes Wort zu den Parteispenden. Die Arbeitgeberverbände, die die INSM ins Lebengerufen haben und mit 10 Millionen im Jahr sponsern, sind auch recht eifrige Spender an die Parteien, die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie. Zum Thema INSM empfehle ich noch einmal die Beiträge der HU Marburg.