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Erstelldatum: 11.10.2006

Neue Dimension der Stigmatisierung

Kurt Beck, seines Zeichens SPD-Vorsitzender, hat von seinen Vorgängern Gerhard Schröder und Franz Müntefering gelernt. Will man von einer verfehlten Politik ablenken, sei sie nun aus Absicht oder aus Unvermögen verfehlt, bleibt dahingestellt, ist Stigmatisierung, so glaubt man wohl in den Parteizentralen, ein probates Mittel. Beck hat dabei eine neue Dimension der Stigmatisierung begonnen, indem er von dem fehlenden Aufstiegswillen der Unterschicht spricht. Zwar noch relativ vorsichtig, aber in zunehmendem Maße, mischt sich der Begriff "Unterschicht" in den Wortschatz von Politik und Presse. Eigentlich ist der Begriff nicht wirklich neu sondern war lediglich eine Zeitlang in Vergessenheit geraten. Vor 100 Jahren war er noch durchaus üblich. Damals war es die Arbeiterschaft und alles darunter, was man als Unterschicht ansah und die "bürgerliche" Gesellschaft gab sich mit dieser Schicht nicht ab. Es war vergleichbar mit dem indischen Kastensystem. Dort waren die so genannten Parias (die Unberührbaren) die absolute Unterschicht , von allen verachtet und völlig rechtlos.

Dass Stigmatisierung den Zweck der Teilung der Gesellschaft verfolgt und recht erfolgreich ist, kann man in vielen Foren, Chats und in den Kommentaren zu manchen Zeitungsartikeln feststellen. Wer arbeitslos ist, soll als Schmarotzer angesehen werden, der denen, die arbeiten, etwas wegnimmt. Leider gibt es genügend Dummköpfe, die diesem Leitbild folgen, weil sie unfähig sind, Zusammenhänge zu sehen. Auch die ständigen Hinweise auf die angeblich "Unqualifizierten" vertiefen dieses Stigma. Dass die Entlassungsorgien der Großindustrie und die zunehmender Binnenmarktschwäche mit der Folge von Firmenpleiten immer mehr Menschen freisetzt, die aus allen Berufssparten kommen, wird geflissentlich übersehen. Dass in der von Beck angesprochenen "Unterschicht" Menschen sind, denen Beck das Wasser nicht reichen kann, weder intellektuell noch in ethischer und moralischer Hinsicht, wer außer vielleicht dem unmittelbaren Umfeld nimmt das schon wahr?

In der Frankfurter Rundschau hören sich Rechtfertigungsversuche für die Aussagen von Beck so an:

    Beck, der zuvor in einem Grundsatz-Artikel seiner Partei mehr Aufmerksamkeit für Leistungsträger gefordert hatte, schlage vielmehr einen Bogen "von einem positiven Leistungsbegriff zur Gerechtigkeitsfrage". Dass man beides verknüpfen müsse, sei in der Programmdebatte unstrittig. "Leistung gegen Teilhabe" kristallisiere sich als deren Kerngedanke heraus.

"Leistung gegen Teilhabe??" Stellen Sie sich vor, auf dem Petersplatz in Rom hat sich zu einer Rede des Papstes eine Menschenmenge von 1 Million versammelt. Dann verkündet der Papst, weil der Himmel allmählich zu voll würde, käme nur noch jemand hinein, wenn er, der Papst, ihm innerhalb der nächsten halben Stunde ein Kreuz mit Weihwasser auf die Stirn zeichne. Was denken Sie, wie hoch die Zahl derer ist, die es in der halben Stunde schafft, bis zum Papst vorzudringen? Sieht es auf dem Arbeitmarkt anders aus? Millionen Menschen kämpfen um die wenigen vorhandenen Plätze. Selbst mit Mini- Midi oder Ein Euro Jobs wären nicht alle Arbeitslosen unterzubringen. Leistung zu erbringen, setzt Teilhabe voraus. Wird die Teilhabe verweigert (und das ist der Standard), kann ich weder Leistungsbereitschaft erkennen lassen noch Leistung erbringen. Aufstieg ist nur möglich, wenn etwas vorhanden ist, das einen Aufstieg ermöglicht. Weder die BA noch die ARGEn geben sich in dieser Hinsicht die geringste Mühe. Die Politik macht dann auch immer gleich die Schuldigen aus, natürlich die Langzeitarbeitslosen und das dumme Geschwätz von fehlenden Anreizen geht durch die Medien oder ist Inhalt diverser Arbeitspapiere der politischen Fraktionen.

Beck treibt nun den Keil weiter in die Gesellschaft, indem er alte Vorstellungen von einer Unterschicht wiederbelebt. Wer Arbeit hat, gehört nach seinen Vorstellungen wohl zur bürgerlichen Gesellschaft. Hat er keine, zur Unterschicht. So mancher Dummkopf wird zustimmend nicken und dabei die ständig neu installierten Rutschbahnen übersehen, die aus der bürgerlichen Gesellschaft in die Unterschicht führen. Diese Rutschbahnen haben Namen: Siemens, Allianz, Deutsche Bank, Dresdner Bank, DaimlerChrysler, VW, MAN, Telekom, T-Systems, Deutsche Bahn, Verwaltungen des öffentlichen Dienstes und viele andere mehr.