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GEIZ IST GEIL oder
Was ist dran am Wachstum?

Die Agenda 2010 hat uns recht unterschiedliche Dinge beschert:
  • Das, was Gerhard Schröder Reformen nennt und von dem andere behaupten, es sei eine Umverteilung von Vermögen von denen, die keines haben zu denen, die zuviel davon haben.
  • Einen langsamen Erwachungsprozess. Selbst bisher völlig unpolitische Bürger (über 90%) beginnen plötzlich, über die Aussagen von Politikern nachzudenken. Noch nicht intensiv genug, sonst würden die Ergebnisse bei Wahlen anders aussehen.
  • Eine Regierung, die sich nicht mehr selbst mit der Lösung politischer Probleme befasst, sondern damit sogenannte Expertenkommissionen betraut. Dabei werden bestehende Machtkonzentrationen weiter gestärkt (siehe Bertelsmann-Stiftung, die heute nur scheinbar neutral mehr Politik bestimmt, alls unser ganzer Regierungskomplex (Bund - Länder) incl. Parlamente zusammen)
  • Prozesse wie der "demographische Faktor", die seit 40.000 Jahren existieren, werden plötzlich von der Politik entdeckt und in den Mittelpunkt politischer Aktionen gesetzt.
  • Menschen, die anfangen, die Mär vom Wachstum zu hinterfragen (leider noch viel zu wenige).

Will man ein wenig Klarheit gewinnen, muss man 1949 beginnen, der Zeitpunkt, wo die Idee der Sozialen Marktwirtschaft geboren wurde:

Wie kam es, dass die Verlierer des Zweiten Weltkriegs sich so schnell wieder erholen konnten und eine so große wirtschaftliche Macht wurden?

  • die Theorie der Sozialen Marktwirtschaft als eine Ordnung, die die Freiheit der Unternehmer und Konsumenten mit staatlicher Ordnungspolitik so zu verbinden versucht, dass sozial schwache Gruppen nicht zu Opfern des freien Marktes werden (Sozialstaats-Postulat).
  • Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: Die westdeutsche Industrie lag trotz der Demontage längst nicht so am Boden, wie es zunächst den Anschein hatte (gerade die letzten Bombenangriffe der Alliierten hatten wohl doch eher zivilen Zielen gegolten); das Programm des Marshall-Plans gab der westdeutschen Wirtschaft sowohl finanziell als auch psychologisch einen starken Aufschwung und hat den Optimismus bei Unternehmen und Bevölkerung geweckt.
  • Eine große Nachfrage (Deutschland lag in Schutt und Asche, viele hatten außer dem nackten Leben nichts retten können und in der Nachkriegszeit von 45 bis 49 gab es nichts zu kaufen), hohe Produktivität bei niedrigen Löhnen und relativ lange Arbeitszeiten (48-Stunden bei meist 6-Tage-Woche) sowie qualifizierte Fachkräfte ließen die westdeutsche Wirtschaft rasch in Phasen von Hochkonjunktur geraten, ohne dass die Zuwachsraten durch Arbeitskämpfe oder politische Instabilität in Gefahr gerieten; die Arbeitsmentalität spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, da sie getragen wurde von dem Bewusstsein, dass es ständig bergauf ging.

Inwiefern hat sich durch das Wirtschaftswunder die Lebenssituation und die Lebenseinstellung der Deutschen geändert?

Dabei konnten folgende Aspekte wahrgenommen werden: Vor allem der wirtschaftliche Erfolg gab den Westdeutschen ein neues Selbstbewusstsein gegenüber dem Ausland nach der Erfahrung der Nazi-Zeit. Wirtschaftliche Stabilität wurde zu einem hohen Wert innerhalb der demokratischen Gesellschaft, die nicht bereit war, den politischen Kurs Experimenten zu unterziehen. Demokratische Defizite wurden als nicht so wesentlich empfunden. Demgemäß rangierte auch noch lange der Wert der Arbeit über dem der Freizeit. Außerdem war der Deutsche ein Obrigkeitsmensch, eine Mentalität, die er auch nach dem Niedergang der Monarchie nicht abgelegt hatte. In Bonn saßen für die Mehrheit der Deutschen die Poliker, die nach ihrer Ansicht ihren Job gelernt hatten. Die Entscheidungen der Politik in Frage zu stellen, wäre den Deutschen zunächst nicht in den Sinn gekommen.

Durch das Wirtschaftswunder erreichte die Bundesrepublik erstmals einen bis dahin in der deutschen Geschichte unbekannten Massenwohlstand, der zur Ausbildung einer breiten Mittelstandsgesellschaft führte. Manche Privilegien der Oberschicht war plötzlich nicht mehr von Bedeutung. Plötzlich war auch der Bürger stolzer Besitzer eines Autos, auch der Bürger machte jetzt Ferien im Ausland. Die Frage, inwieweit durch die Überbetonung von Arbeit und Leistung das mitmenschliche Beziehungsgeflecht zu leiden hatte, ist umstritten. Eine Beobachtung war allerdings nicht mehr wegzudiskutieren: Das Auto wurde zum Wohlstandssymbol und die Fotos vom Auslandsurlaub zum wichtigen Vorzeigeobjekt. Mehr und mehr wurden Frauen in den Arbeitsprozess integriert und ein ruinöser Wettbewerb bei vielen Bürgern setzte ein, in welchem man immer das größere Auto und den aufwendigeren Urlaub vorzeigen musste. So manche Freundschaft wurde auf dem Altar des neuen Wohlstands geopfert. Das immer billiger werdende Heimkino (Fernsehen) ließ die noch bestehende Nachbarschaftskommunikation mehr und mehr veröden.

Die ersten Proteste gegen das System waren noch nicht untermauert mit irgendwelchen alternativen Gegenwerten. Die Jugend protestierte (Halbstarken-Bewegung), ohne zu artikulieren, wogegen und warum. Das änderte sich, als 1965 erstmalig die Wirtschaftskrise ihre Schatten über das Land warf. Die Vorzeige-Industrie Stahl und Kohle konnte preislich nicht mehr mit der Konkurrenz aus der Montanunion Schritt halten. Die Krise wurde Stolperstein für die CDU/CSU und führte zum Machtwechsel. Mit Hilfe der FDP gelang der SPD die Wachablösung der Regierung und Ludwig Erhard, vormals Wirtschaftsminister und "Vater des Wirtschaftswunders", zum Zeitpunkt der Krise Bundeskanzler, musste seine Führungsschwäche durch Abdankung eingestehen.

Es war die 68-ger Bewegung, die erstmalig den Glauben an die ständig steigende Prosperität der Witschaftswunderwelt in Frage stellte, die Grenzen des unbegrenzten Konsums und die Gefahren für die Umwelt artikulierte und sich 1970 in einer Umweltpartei (die Grünen) zusammenschloss. Es war dieses Gedankengut, das den Grünen half, die 5%-Hürde zu überwinden und in den Bundestag einzuziehen. Aber die Grünen sind auch ein Beweis dafür, dass Macht korrumpiert. Was damals mit Recht kritisiert und bekämpft wurde, spielt für die jetzt an der Macht befindlichen Grünen wohl keine Rolle mehr. Heute ist alles, was damals den Wert der Grünen ausmachte, ins absolute Gegenteil verkehrt. Sie opfern auf dem Altar der Macht alle Ideale, die ihnen zuvor den Eintritt in die Politik ermöglichte. Und Ihre Wähler? Die sind wohl auch in die Jahre gekommen, denn der Verrat der Ideale bewirkt leider keine Einbußen bei irgendwelchen Wahlen.

Wachstum ist die heilige Kuh des Kapitalismus. Natürlich hat das nach dem Krieg auch hervorragend funktioniert. Aber ein unbegrenztes Wachstum ist ein Ding der Unmöglichkeit. Schlimm ist, dass die meisten Politiker, aber auch die meisten Politik- und Wirtschaftswissenschaftler das nicht eingestehen, vielleicht auch nicht einsehen wollen. Dabei ist es eine simple Logik. Ich möchte es mal am Beispiel einer Automobilfabrik verdeutlichen, dabei von der Annahme ausgehend, dass beim Start der Produktion 1.000 Autos hergestellt und verkauft wurden und man von einem Wachstum von 3 Prozent ausgeht, dabei wird der Bruch aus der Prozentrechnung kaufmännisch gerundet. Als Verkaufsjahr wird kein Datum, sondern das Jahr seit Produktionsbeginn betrachtet.

Verkaufsjahr
Verkaufszahl
Verkaufszahl +
Wachstum als
Vorgabe
01
1.000
1.030
02
1.030
1.061
03
1.061
1.093
04
1.093
1.126
05
1.126
1.160
06
1.160
1.195
07
1.195
1.231
08
1.231
1.268
09
1.268
1.306
10
1.306
1.345

Sie erkennen, nach 10 Jahren muss das Unternehmen bereits 306 Autos mehr produzieren und auch verkaufen, um dem 3 prozentigen Wachtum gerecht zu werden. Nach 20 Jahren wären es schon 1.808 Autos, nach 30 Jahren schon über 2.500 Autos und so setzt sich das Spielchen fort.

Sie kennen das Beispiel vom sogenannten Josefspfennig, wenn dieser Pfennig verzinslich angelegt worden wäre, welche astronomisch Summe bis heute zusammengekommen wäre. Tragen Sie den Finanz- und Politikwissenschaftlern dieses Beispiel vor, lacht man Sie aus, erklärt Ihnen, wie dumm Ihre Vorstellung ist, weil doch in der Zwischenzeit so oft die Finanz- und Wirtschaftssysteme zusammengekracht sind.

Genau hier ist der Widersinn in den Aussagen aller sogenannten Experten. Am Beispiel Josefspfennig zeigt man Ihnen die Irrelevanz ständigen Wachstums, bei der Marktwirtschaft fordern die gleichen Leute dieses permanente Wachstum.

Die zuvor gezeigte Wachstumsbetrachtung geht von einem gleichmäßigen Wachstum aus, aber die Realität ist anders. Am Anfang einer Produktion gibt es ein gesteigertes Konsuminteresse und somit weitaus höhere Wachstumszahlen und die Firmenchefs verkünden stolz ihre Wachstumszahlen von 10, 12 15 und mehr Prozent. Wirtschaftsmagazine jubeln diese Bosse hoch (z. B. Manager des Jahres) und die Wachstumsprognosen dieser Bosse werden geradezu ehrfürchtig betrachtet.

Die Sache hat nur einen Haken: Je höher die Wachstumsraten, desto schneller ist die Sättigung des Marktes erreicht. Aus dieser Klemme helfen nur 2 Alternativen:

  1. Produktion drosseln, was gleichbedeutend mit Personalabbau ist
  2. Marktanteile der Konkurrenz erobern. Dann muss die Konkurrenz Personal abbauen.

Natürlich spielen noch mehr Faktoren eine Rolle. So kann beispielsweise Innovation, also die Entwicklung neuer Produkte, einem Unternehmen längere Zeiten des Wachstums bescheren. Auch Arbeitszeitverkürzungen haben eine puffernde Wirkung auf die Prozesse der Marktsättigung und des technischen Fortschritts. Aber das kann den Kollaps nicht verhindern, es schiebt ihn nur hinaus.

Aber ehe man zugibt, dass die Politik der vergangenen Jahrzehnte nicht das Gelbe vom Ei waren und über Alternativen nachdenkt, eher führt man das ganze Volk in den Abgrund. Wir sind nur zu groß geratene Lemminge.

Das ist die eine dunkle Seite unserer Wirtschaftsordnung.


Die zweite und noch schlimmere ist unsere Finanzwirtschaft.

In der griechischen Mythologie gelang es Odysseus nur deshalb, an den Sirenen vorbeitzukommen, weil er sich an einen Mast festbinden ließ und seiner Mannschaft die Ohren verstopfte. Die Sirenen der heutigen Zeit sind die Finanzprofis, die Ihnen hohe Renditen versprechen, wenn Sie Ihr Geld arbeiten lassen. Es ist natürlich verlockend. Statt selber zu arbeiten, lasse ich mein Geld für mich arbeiten. Leider hat uns niemand am Mast festgebunden oder uns die Ohren verstopft. Wir hören den Gesang der Sirenen und folgen ihm blind. Leider ist das aber auch nicht so problemlos, wie es sich in den Gesängen der modernen Sirenen anhört.

Schon die Bibel verdammt es, Geld gegen Zinsen zu verleihen. Martin Luther hatte ein Rezept für die Geldverleiher, die Zinsen verlangten: Rädern und vierteilen. Dennoch hat es natürlich immer Leute gegeben, die Geld verliehen und andere, die Geld liehen. Im späten Mittelalter waren Juden bevorzugt die Geldverleiher. Schuld waren die Zünfte. Juden durften kein "ehrbares Gewerbe" ausüben, aber Geldverleiher war nicht ehrenhaft, das durften sie also. So wurden die Juden durch die Arroganz der Handwerkszünfte und den Hass auf das Judentum zu dem, was ihnen heute zugute kommt, zu absoluten Finanzexperten.

Mit der industriellen Revolution wurde das Finanzwesen gesellschaftsfähig und seither kann man sich nicht mehr vorstellen, Geld zinsfrei dem Wirtschaftskreislauf zuzuführen. Doch genau das wäre dringend nötig.

Erinnern Sie sich noch an die Tabelle mit dem Autoverkauf? Sehen Sie, bei der Finanzwirtschaft ist das nicht anders. Wer sein Geld verzinslich anlegt, hat durch den Zins und die Verzinsung der Zinsen (Zinseszins) eine wundersame Geldvermehrung. Doch wie immer, gibt es einen Haken. Damit Sie Zinsen bekommen, muss jemand anderes Schulden machen. Ohne Schulden keine Zinsen. Da Ihr Kapital aber jährlich anwächst (exponentielles Wachstum), muss auch der dagegen stehende Schuldenberg wachsen. Sehen Sie, jetzt kommen wir zu den Problemen. Die Zinsen, die Sie für Ihr Kapital bekommen, sind natürlich Peanuts zu den Forderungen, welche die Bank, die Ihnen Zinsen zahlt, von dem Schuldner verlangt. Die Schuldner wiederum, egal ob Unternehmen oder Staat, gibt die Zinsen und die Schuldentilgung natürlich an seine Kundschaft über die Preise weiter. So zahlen Sie wahrscheinlich über die Preise mehr an Zinsen zurück, als Sie an Zinsen erhalten. Gleichzeitig muss ich allerdings mit der Vorstellung aufräumen, der Staat würde Schulden tilgen. Tut er nicht. Die jährliche und stets in den politischen Diskussionen heftig umstrittene Neuverschuldung soll in der Bevölkerung den Anschein von Sparsamkeit erwecken. Tatsächlich aber sind diese Beträge Schulden, die auf den bestehenden Schuldenberg draufgepackt werden. Man führt den Bürger hinters Licht, wenn man scheinheilig verkündet, jede Mark Schulden, die man heute macht, müssten unsere Kinder zurückzahlen. Der Staat zahlt seit nunmehr 50 Jahren seine Schulden nicht zurück. Inzwischen zahlt bereits jeder Bürger, vom Neugeborenen bis zum Greis jedes Jahr rund 1.000 nur für die Zinsen der Schulden, die jeder Finanzminister in den letzten 50 Jahren so hüsch angehäuft hat.

Allerdings, die Leute, die wir als Kapitalisten bezeichnen, verdienen ganz gut an dem Geschäft mit dem Geld. Aber allmählich wird es immer schwieriger, das Geld für Zinsen zu verleihen. Auch hier ist der Markt gesättigt. Immer mehr Unternehmen, aber auch Privatleute, sind überschuldet. Also ziehen die Kapitalisten Ihr Geld ab und die Folgen sind eine künstliche Geldverknappung, was zu einer Deflation führt. Deflation ist das Gegenteil einer Inflation, meistens aber der Vorläufer von einem Wirtschaftscrash. Der Mechanismus ist einfach. Geld wird dem Wirtschaftskreislauf entzogen, Ware ist nicht mehr verkaufbar (kein Geld) und wird deshalb billig auf den Markt geworfen (Schnäppchen), der Käufer frohlockt und wartet, dass die Preise weiter fallen, der Produzent hingegen drosselt die Produktion und setzt Arbeitskräfte frei und so entwickelt sich eine Abwärtsspirale zum Nachteil aller. Glauben Sie mir, Geiz ist nicht geil, Geiz ist dumm.

Die Statistik über die Entwicklung der nominellen Gesamtgrößen von 1950 bis 2000 wartet mit folgen Zahlen auf:

BIP Brutto-
Löhne u.
Gehälter
Netto-
Löhne u.
Gehälter
Steuerinnahmen Geldvermögen Zinserträge
41-fach 43-fach 31-fach 42-fach 202-fach 241-fach

Als Kurve dargestellt würden BIP, Entlohnung und Steuern relativ linear verlaufen, Kapital und Zinsen aber steil nach oben zeigen.

Damit Sie eine Vorstellung über die Folgen entwickeln, benötigen Sie nur wenig Phantasie. Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Kind. Alle Organe wachsen normal, wie bei anderen Kindern, nur das Größenwachtum geht immer schneller voran und hört nicht auf. Wann sind die Organe nicht mehr in der Lage, den sich immer weiter aufblähenden Körper zu versorgen? Sehen Sie, so ist das mit unserer Marktwirtschaft und dem permanenten Wachstum. Wir, die Bürger, sind die Organe, welche die Monströsität eines ständig weiteren Wachstums versorgen sollen. Jetzt sind wir an den Grenzen angelangt. Es geht so nicht weiter.

Aber Politiker und sogenannte Wirtschaftswissenschaftler sagen Ihnen, es muss so weiter gehen und schnüren Ihnen die Luft ab, damit sie nicht umdenken müssen. Schauen Sie aber genau hin und sie werden feststellen, alle die von Ihnen Opfer verlangen, bringen selber keine, ganz im Gegenteil.