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Was wäre, wenn ich Gott wäre

Manchmal stelle ich mir vor, ich wäre GOTT. Ich weiss, das ist vermessen, aber dann kann ich meine Empfindungen besser definieren.

Also, ich bin GOTT. Ich habe die Erde erschaffen und alles, was darauf so kreucht und fleucht. Eine Spezies scheint mir besonders gelungen und ich wage ein Experiment. Ich gebe dieser Spezies einen Verstand. Auf das Ergebnis bin ich besonders gespannt. Danach gehe ich, denn ich habe noch mehr zu tun. Die Erde ist schliesslich nur ein Staubkorn im Universum und da sind noch mehr Planeten, die meiner formenden Hand bedürfen.

Ein paar Tage später (für die Winzlinge auf der Erde sind das hunderttausende von Jahren, abe ich bin schliesslich GOTT und für mich dauert ein Tag so lange, wie eine Galaxie benötigt, den Mittelpunkt des Universums zu umkreisen) kehre ich zurück, um zu sehen, wie sich mein Experiment entwickelt hat.

Mich erfasst blankes Entsetzen, als ich das Ergebnis sehe und ich schaue ein wenig zurück in der Zeit, um zu sehen, warum das HEUTE so katastrophal ist.

Ich bin GOTT, mit einem ZOOM kann ich mir einzelne Geschehnisse der Vergangenheit und Gegenwart genauer betrachten. Bei meiner Umschau entdecke ich eine kleine Gruppe junger Menschen, die sich um einen alten Mann scharen, der Geschichten erzählt. Ich hör mir seine Geschichte an:

  • Am Anfang war das Nichts und GOTT schuf den Himmel und die Sterne und sprach: 'Es werde Licht und es ward Licht. Dann erschuf er die Pflanzen und Tiere und zum Schluss formte er aus Lehm ADAM und hauchte ihm Leben ein. Damit ADAM nicht alleine sei, nahme er eine Rippe von ADAM und erschuf daraus EVA."
Bis hierher bin ich noch amüsiert über die Naivität ihrer Vorstellung von Evolution und der Entwicklung des Lebens. Doch meine Stimmung schlägt um in Verärgerung, als ich die Geschichte weiter höre.
  • "Und GOTT sprach: 'Alles sei Euer. Nur die Früchte dieses Baumes, des Baumes der Erkenntnis, seien Euch verwehrt'. Aber EVA, verführt von der Schlange, stiftete ADAM an, einen Apfel vom Baume der Erkenntnis zu pflücken. Als sie von der Frucht kosteten, erkannten sie, dass sie nackt waren und schämten sich. Und sie bedeckten ihre Blösse mit einem Feigenblatt. Weil GOTT erkannte, dass sie vom Baume der Erkenntnis gekostet hatten, vertrieb er sie aus dem Paradies und sprach: 'Im Schweisse eures Angesichts sollt ihr künftig euer Brot essen'"
Ich bin jetzt wirklich verärgert. Ich habe den Menschen den Verstand gegeben, DAMIT SIE ERKENNEN und ich gab ihnen Augen, DAMIT SIE SEHEN. Sehen und erkennen sie denn nicht, dass es DAS PARADIES IST, in dem sie leben? Sehen sie nicht die Schönheit, die überall, in jedem Winkel dieses Planeten liegt? Sehen sie nicht die ungeheure Vielfalt an Leben, an Spannung, an Freude? Natürlich müssen sie ihre Nahrung selber beschaffen, aber ist es nicht gerade die Vielfalt der vorhandenen Früchte und Tiere, die es leicht macht, sich Nahrung zu beschaffen? Ihre Kleidung haben sie erfunden, um sich vor der Witterung zu schützen, das hat mit Scham nichts zu tun. Ihre Scham haben sie selber erfunden, sie hat keinen natürlichen Ursprung. Scham sollten sie empfinden über ihr Tun, nicht über fehlende Kleidung.

Ich will die Geschichte nicht weiter hören, damit ich mich nicht noch mehr ärgern muss, stattdessen sehe ich in die Köpfe, um zu sehen, was sie denken. Und hier erkenne ich die Unterschiede. Viele der noch sehr jungen Menschen glauben, was sie hören. Einige wenige haben Zweifel und wissen nicht so recht, ob sie das glauben sollen oder nicht. Aber sie äussern ihre Zweifel nicht, wissen sie doch, dass es dafür Strafen gibt. Also heucheln Sie Glauben und werden es ihr Leben lang tun.

Im Kopf des alten Mannes erkenne ich, dass auch er nicht glaubt, was er erzählt. Aber es ist sein Job, schliesslich ist er Priester und muss die Geschichte so weitergeben, wie es seine Bosse vorschreiben. Von der Wirklichkeit hat er keine Vorstellung. Darüber nachdenken und eventuell sogar eine eigene Meinung zu bilden, ist nicht sein Stil (ausserdem nicht ungefährlich). Als Priester muss er trotz aller Zweifel nur mit den Wölfen heulen, dann hat er ein relativ ruhiges und geruhsames Lebenzu erwarten.