Die Sicht der Dinge

Im Laufe der Evolution hat der Mensch, eigentlich im Vergleich zu den anderen Lebewesen seiner Zeit ein schwaches Wesen, einen Verstand entwickelt. Mit dem Verstand hat die Natur dem Menschen eine Waffe gegeben, die ihn befähigte, nicht nur den Gefahren seiner Welt zu begegnen, sondern selbst die gefährlichsten Gegner in Schach zu halten oder gar zu domestizieren. Sein Verstand ermöglichte ihm die Entwicklung zum Menschen von heute, mit den raffiniertesten technischen Hilfsmitteln.

Trotzdem nutzt er seinen Verstand nicht vollständig, wie aus vielen Beispielen ersichtlich ist. Ich meine nicht nur die Art, wie er seine Artgenossen umbringt (Kriege), sondern auch die Art, wie er die Dinge betrachtet. Seine Sichtweise ist zumeist geprägt von einer Art Tunnelblick, die ihn sehen lässt, was andere tun, ohne sich selbst einzubeziehen.

Noch eine zweite Möglichkeit seines Verstandes nutzt er nicht, er schaut, landläufig gesprochen, nicht über den Tellerrand. Er definiert sich Ziele und denkt bis zum Ziel, aber selten darüber hinaus. Bei trivialen Anlässen nutzt er diese Fähigkeiten, bei wirklich wichtigen Dingen nicht. Das möchte ich an Beispielen verdeutlichen.

Beispiel 1: Eine Sache von allen Seiten zu betrachten.
Beispiel 3: Über den Tellerrand hinausblicken.
Im Beispiel 1 schaut sich der Käufer den Schrank auch von der Rückseite an. Warum? Die Seite steht doch an der Wand?
Nun, die Rückseite gibt besser als die auf Optik getrimmte Vorderseite Aufschluss über die Qualität und Verarbeitung des Möbels und ist somit entscheidender als die gefällige Vorderseite.

Fazit: Will ich die richtige Entscheidung treffen, muss ich die Sache von allen Seiten betrachten.

Im Beispiel 2 wird ersichtlich, dass die Sichtweise der betroffenen Gruppen völlig unterschiedlich ist. Keine der Gruppen versucht, die Probleme von allen Seiten zu betrachten. Der Mensch ist durchaus zur Analyse fähig, setzt diese Fähigkeit aber viel zu selten ein.

Der Bürger sieht nur, dass die getroffenen Maßnahmen seinen Geldbeutel schmälern. Aus seiner Sicht ist es Aufgabe der Politiker, eine Änderung herbeizuführen, möglichst ohne Belastung für ihn. Aus seiner Sicht ist die Misere in den Systemen auf ein Fehlverhalten der Politik zurückzuführen.

Der Politiker glaubt, wenn die Wirtschaft entlastet wird, wird sie investieren und die Produktion ankurbeln. Damit werden wieder Arbeitsplätze geschaffen und die Belastung des Staatshaushaltes sinkt.

Die Wirtschaft weiß, dass sie nur investiert, wenn sie die Produktion steigern will, oder mit der Investition den teuren Faktor Arbeit reduzieren kann. Eine Steigerung der Produktion ist ausgeschlossen, da nur ein Interesse an der Produktion von verkaufbaren Artikeln liegt.

Fazit, alle 3 Gruppen haben unterschiedliche Sichtweisen, doch keine analysiert die Ursachen der bestehenden Probleme. Mit den getroffenen Maßnahmen werden die Probleme intensiviert und die Talfahrt beschleunigt. Jede Gruppe sucht die Schuld bei anderen und klammert die eigenen Verantwortung völlig aus.

Die Bevölkerung:
Der Bürger macht die Politik und die Wirtschaft verantwortlich. Darüber, dass er durch sein Konsumverhalten im Inland produzierte Waren benachteiligt (zu teuer) und mit seiner Billigmentalität die von Großkonzernen produzierten Waren denen kleinerer und personalintensiverer Unternehmen vorzieht, dass er lieber bei Großhandelsketten kauft und dabei schlechtere Qualität in Kauf nimmt und auf wirklich frische Ware verzichtet, macht er sich keine Gedanken und ist damit der eigentliche Auslöser der Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosigkeit wiederum belastet die Solidarsysteme wegen fehlender Beitragszahlungen und den Staatshaushalt wegen immenser Lasten zur Finanzierung der Arbeitslosen und durch Zuschüsse zu den Solidarsystemen. Das ist keine Absicht der Bürger, sondern Gedankenlosigkeit. Der Bürger sieht, wie alle anderen auch, was passiert, versucht aber garnicht erst, die Ursachen zu analysieren. Doch selbst, wenn er das täte, ist es unwarscheinlich, dass er sein Verhalten ändert. Für die Veränderung sind andere zuständig, nicht er selbst.

Die Politik:
Die Politik hat bei uns die soziale Marktwirtschaft eingeführt. Kernpunkt dieses Systems ist, dass die Wirtschaft Waren produziert und verkauft. Damit wird Gewinn erzielt. Die Gewinne werden teilweise wieder investiert, damit die Produktion gesteigert. Das Zauberwort heißt Wirtschaftswachstum. Um zu produzieren, benötigt man Rohstoffe, aus denen die Produkte hergestellt werden. Es werden Maschinen benötigt, welche die Produkte fertigen, Menschen, die die Maschinen bedienen und weitere Menschen, welche die damit verbundenen Verwaltungsaufgaben erledigen, und Händler, die diese Produkte verkaufen. Die Voraussetzung für den Verkauf ist wiederum der Bedarf. Kein Bedarf, keine Verwendung an Rohstoffen, keine Verwendung für Maschinen, Arbeiter und Angestellte. Für manche Waren ist grundsätzlich ein Bedarf vorhanden. Menschen müssen essen, also ist permanent Bedarf an Lebensmitteln. Für andere Waren besteht grundsätzlich kein Bedarf, also muss man Bedarf wecken. Das geschieht mit Werbung. Ist der Bedarf erst mal geweckt, kann die Produktionsmaschinerie anlaufen. Der Staat wiederum erhebt Stuern, von den Gewinnen der Unternehmen, auf die produzierten Waren, von den Löhnen und Gehältern der Arbeitnehmer. Zur Absicherung eines sozialen Ungleichgewichtes werden von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern Beiträge für die soziale Einrichtungen erhoben. Mit diesen Beiträgen werden im Krankheitsfall die medizinischen Maßnahmen und im Alter die Zeit nach der Berufstätigkeit finanziert. Mit der ALV wird die Versorgung sichergestellt, wenn ein Arbeitnehmer mal vorrübergehend ohne Arbeit ist. Von den Steuern finanziert der Staat nicht nur die Gehälter der Staatsbediensteten und seine Verwaltungseinrichtungen, sondern auch alle anderen Maßnahmen, die den Wirtschaftsprozess begünstigen. Das ist, sehr grob betrachtet, der Hintergedanke der Marktwirtschaft und des Wirtschaftswachstums.

Eines wurde dabei völlig außer acht gelassen. Eine ständige Steigerung der Produktionsprozesse stößt dann an ihre Grenzen, wenn der Markt gesättigt ist. Plötzlich sind die Produkte nicht mehr verkaufbar. Wie bei einem Berg geht es nach Erreichen der Spitze wieder abwärts. Die unausbleibliche Folge ist, die Produktion muss soweit zurückgefahren werden, wie noch Bedarf vorhanden ist. Überflüssige Kapazitäten werden wieder abgebaut, dazu gehört auch die überflüssige Personalkapazität. Wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird, zieht das Ganze Kreise. Die Zulieferer der Rohstoffe sind ebenso betroffen, wie der Handel, der die produzierten Waren verkauft. Bringt die Werbung keine Steigerung der Verkaufszahlen mehr, wird auch sie letztendlich eingestellt.

Es ist nicht sicher, ob die Politik das nicht erkennt und die eingeleiteten Maßnahmen die eines Rosstäuschers sind. Hat die Politik die Ursachen wirklich nicht erkannt, dann ist das der Beweis für ihre Inkompetenz. Gleichwohl, die eingeleiteten Maßnahmen sollen, so die Verlautbarungen, die Wirtschaft ankurbeln und Investitionen erleichtern. Scheinbar wird nicht erkannt, dass der Bedarf für eine Produktionsteigerung fehlt und das implementierte Wirtschaftssystem nicht mehr funktionsfähig ist.

Die Wirtschaft. Stellen Sie sich ein Fließband vor und betrachten Sie es als Zeitachse. Stellt man vorne (Anfang der Zeitachse) ein Produkt auf das Fließband läuft es durch, bis es ans Ende gelangt. Dort fällt es herunter, mit anderen Worten, das Produkt ist obsolet. Das macht nichts, wenn vorne auf das Fließband immer wieder neue Produkte gestellt werden und das Band ständig belastet ist. Das Unternehmen floriert. Werden jedoch keine Produkte mehr auf das Band gestellt, entsteht Leerlauf und ist auch das letzte Produkt heruntergefallen, ist das Ende da. Hier ist eines der Probleme in der Wirtschaft. Innovation und Weitsicht fehlen in weiten Bereichen. Viele innovative Ideen kommen aus der Belegschaft, die Vorschläge für Verbesserungen bestehender Produkte machen oder teilweise völlig neue Produkte entwickeln. Jeder Arbeitsvertrag beinhaltet Klauseln, dass Entwicklungsideen das Arbeitsumfeld betreffend der Firma gehören. In vielen Unternehmen werden diese Ideen im Rahmen eines innerbetrieblichen Vorschlagswesens honoriert. Die eigentlichen Nutznießer sind aber die Unternehmen.

Dieses System reicht aber nicht aus. Es muss gezielt Forschung und Entwicklung betrieben werden. Und hier beginnt eine Schwäche der deutschen Wirtschaft. Für dieses Unterfangen erwarten sie Zuschüsse vom Staat. Kein Zuschuss, keine Forschung. Mit dieser Mentalität hat die deutsche Wirtschaft schon viele neue Entwicklungsfelder völlig verschlafen. Obwohl Trends abzusehen waren, hat man die Entwicklung und damit den technischen Vorsprung dem Ausland überlassen.

Ich sehe noch eine negative wirtschaftliche Komponente, die Aktiengesellschaften. Der eigentliche Hintergrund, über Aktien das Geld für Großprojekte, die sonst nicht finanzierbar wären, zu bekommen, ist völlig in den Hintergrund getreten. Maßgeblich ist, eine AG hat keinen Firmeninhaber mehr. Inhaber sind alle Besitzer von Aktien, denen aber zumeist jeder Bezug zu dem Unternehmen fehlt. Für sie ist nur der Kurs und die Höhe der Dividende der Aktie maßgeblich. Die Geschäfte einer AG werden von den Vorständen betrieben, die einmal im Jahr den Aktionären Rechenschaft ablegen müssen. Da die Vorstandsmitglieder befristete Verträge (meist 3 Jahre) haben, sind sie auf kurzfristige Gewinne fixiert. Langzeitstrategien entstehen zwar auch, doch wechselt der Vorstand, landen die Langzeitstrategien seines Vorgängers meist im Papierkorb. Die Profitinteressen sind auf kurzfristig realisierbare Gewinne reduziert. Das steigert die Aktienkurse und Dividenden. Banken und Fonds halten den Löwenanteil der Aktien. Durch den Verkauf bei hohen Kursen und den Ankauf bei niedrigen Kursen werden Gewinne (und auch Verluste) produziert, die in keinem Zusammenhang mit Produktion oder Produkten stehen. Es ist ein reines Monopoly-Spiel. Die AG's wiederum versuchen, durch Ankauf ganzer Unternehmen, durch Fusionen mit anderen AG's ihr Machtgefüge zu erweitern. Je größer, je mächtiger, je wirkungsvoller kann man die Konkurrenz in die Pleite treiben oder aufkaufen, mit Preisdiktaten eine Marktbeherrschung erreichen. Mit Fusionen wird nicht nur das Unternehmen vergrößert, man kann auch auf lange Sicht den Personalstand erheblich reduzieren. Eine Grundphilosophie in AG's ist die Produktionsmaximierung (bringt Gewinne) bei gleichzeitiger Reduzierung der Personalkosten (schmälert die Gewinne). Je größer das Unternehmen ist, je größer ist der Einfluss auf die Politik. Dabei werden durch die Ausnutzung aller Steuertricks die Gewinne quasi steuerfrei erwirtschaftet. Die Dummen sind die kleinen und mittleren Unternehmen, Handwerksbetriebe und der Arbeitnehmer. Sie müssen das Geld erwirtschaften, dass die großen Konzerne an der Steuer vorbei schleusen. Findet in der Binnenwirtschaft kaum noch eine Kontrolle der Konzerne statt, werden durch die Globalisierung die Kontrollmechanismen völlig ausgehebelt. Dabei wird die Globalisierung unter dem Deckmantel Öffnung der Weltmärkte verkauft. Ziel ist aber ganz klar die Beherrschung der Weltmärkte, mit katastrophalen Folgen für die sogenannten Länder der dritten Welt. Politiker helfen dabei mit, ob bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt.

Fazit: Vor allem große, oftmals multinationale Konzerne wirken sich wirtschaftsschädigend aus.
Beispiel: BMW hat eine Zuschuss von über 400 Millionen Euro von der Regierung erpresst, um eine Produktionsanlage im Osten der Repubik aufzubauen. Gegenstand der Erpressung: Entweder ein Zuschuss, oder wir bauen die Produktionsanlage im Ausland. Die Erpressung war erfolgreich.

Beispiel 3. Über den Tellerrand hinausschauen. Der Wasserstoffmotor. Alle sehen ihn als die Lösung der Umweltprobleme an. Stimmt das auch? Welche möglichen Probleme kann er verursachen? Ich sehe schon welche. Wasser muss dem natürlichen Kreislauf entzogen werden, um die Motoren zu betreiben. In weiten Bereichen der Welt ist Wasser ein kostbares Gut. Wie wird sich das auf diese Regionen auswirken?

Weltweit werden Milliarden Autos bei Billionen Kilometern Fahrleistung Wasserdampf ausstoßen. Welche Auswirkungen hat das auf die Luftfeuchtigkeit? Wie wirkt sich das auf die Regenmengen der einzelnen Regionen aus? Ob sich über diese Fragen schon mal jemand Gedanken gemacht hat?

Zum Schluss nochmals zurück zur deutschen Wirtschaftskrise. In meinem Beitrag wenn wir Deutschland retten wollen habe ich Vorschläge gemacht, welche Maßnahmen kurzfristig greifen können. Eine Dauerlösung ist auch das nicht. Es würde ledigliche ein genügend großes Zeitfenster geöffnet, sich Gedanken über ein neues Wirtschaftsgefüge zu machen, das hält und nicht wie das Wirtschaftswachstum der Marktwirtschaft zwangsläufig auf einen Crash zusteuert.

Tut man nichts, nun, die Geschichte bietet viele Beispiele. Haben Sie schon mal eine Werkstoffbelastungsprobe gesehen? Der Druck wird kontinuierlich erhöht, bis zur Zerstörung. So wird es auch hier gehen. Dann wird entweder wieder ein Wahnsinniger die Massen mit seinen Reden begeistern (wie 1933) oder das Volk wird gewalttätig. Gewalt gegen Politiker und Reiche führt zum Einsatz der Polizeikräfte und der Wehrmacht und man hat einen hübschen Bürgerkrieg. Das wäre die Lösung. Alles wird wieder in Schutt und Asche gebombt und geschlagen. Die Population verringert und danach kann man die gleichen Fehler wieder machen.