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Erstelldatum: 07.09.2006

Versicherungsvertreter
mit Professorentitel

Sie wissen sicherlich, wen ich meine: Bert Rürup. Er gilt auch als Wirtschaftsweiser, aber ich glaube, hier hat Pisa zugeschlagen, denn eigentlich muss das Wirtschaftsweißer heißen. Jemand, der die Schandflecke der Großwirtschaft übertüncht.

So richtig bekannt wurde er mit der Demographie und der Rentenreform, als Vorsitzender der so genannten Rürup-Kommission. Unterstützt von dem anderen Versicherungsvertreter mit Professur, Bernd Raffelhüschen, gelang ihm die einmalige Vision einer 50-Jahresvorschau. Das ist natürlich etwas, was andere Science-Fiction-Schriftsteller auch können, aber den Beiden gelang der Clou, den Menschen, der Presse und der Politik das als bare Münze zu verkaufen.

Vermutlich hat er gerade in den Spiegel geschaut und, obwohl noch nicht kreiert, unter dem Motto "Du bist Deutschland" (als Hellseher kannte er den Slogan schon vorher) sich darüber klar wurde, dass Deutschland vergreist. Dann hat er sich mit Bernd und anderen INSM-Botschaftern zusammengesetzt und zunächst inoffiziell die Frage geklärt, was man denn tun könne. Schnell wurde allen Beteiligten mit Schrecken klar, dass die Wirtschaft an der staatlichen Rente nichts verdient, sondern im Gegenteil noch über die Beiträge dafür zahlen muss. Ein unhaltbarer Zustand.

Es war nicht sonderlich schwer, mit der Sterbestatistik in der einen Hand und dem drohend erhobenen Zeigefinger der anderen Hand den großen Reformer Gerhard zu überzeugen, dass eine Kommission gebildet werden musste, die diesem unhaltbaren Zustand ein Ende bereitete. Gerhard war begeistert und so bildete man die Rürup-Kommission mit dem Greis Rürup an der Spitze. Bereits im Vorfeld war bereits klar, dass es nur um die GRV (gesetzliche Rentenversicherung) gehen konnte, also der Rentenversicherung, bei der auch Beitragseinnahmen zu verzeichnen waren. Die Pensionskassen sind schließlich für die private Versicherungswirtschaft uninteressant. Beamte zahlen keine Beiträge und da die meisten Politiker aus Beamtenkreisen kommen und von dort zusätzliche Altersbezüge zu erwarten haben, wird es schwer sein, dort Änderungen zu bewirken.

Die Rürup-Kommission wurde von Pipeline-Gerhard homogen zusammengesetzt, ca. 75 % neoliberale Sozialzerstörer, darunter mehrere INSM-Botschafter und ca. 25 % Leute, die nicht mit allem einverstanden sein würden. Nun, Rürup und Raffelhüschen sind ja keine kleinen Dummköpfe und sicherlich haben sich nur wenige Mitglieder der Kommission mit Sterbetafeln und deren Interpretierbarkeit auseinandergesetzt. So gelang es unschwer, den beteiligten klar zu machen, dass Deutschland ein verlorenes Land ist, zur Vergreisung und zum Aussterben verdammt. Eine niedrige Geburtenrate, Rentenanwärter aus geburtenstarken Jahrgängen und schon war das Szenarium fertig. Eine Rechnung, als unabweigerlich beschrieben, die bis ins Jahr 2050 Gültigkeit haben würde. "Generationengerechtigkeit" wurde mit Tränen in den Augen gefordert, die Jugend vor den gierigen Alten zu schützen, war das Credo aus diesen Erkenntnissen. Würde ein Kellner in einem Restaurant eine Rechnung dieser Art präsentieren, würde er gleich wegen Betrug verhaftet. Aber eine von Professoren mit vielen Formeln versehene Berechnung, wem fällt da schon auf, dass Datum und Hausnummer zuaddiert wurden.

Es ist leider so, dass alle Menschen in diesem Land wissen, dass die Lebenserwartung in den letzten 135 Jahren (1871 = Beginn der statistischen Erfassung der gesellschaftlichen Lebenserwartung) rapide gestiegen ist. Aber damit ist das Wissen auch am Ende. Sterbetafeln zeigen aber nicht nur den Durchschnitt der Lebenserwartung von der Geburt bis zum Tode an, sondern den jeden Alters. Man kann also sehen, wie viele Neugeborene das erste Lebensjahr überstehen und das pro Jahr weiterführen. Aber das geht auch nur für die Vergangenheit mit realen Daten. Für alle noch Lebenden kann das nur in Form von Hochrechnungen erfolgen, denn niemand kann wirklich sagen, wie alt die heute 20-Jährigen denn nun wirklich werden. Solche Hochrechnungen haben nur einen absoluten Modellcharakter, weil weltpolitische Ereignisse zu völlig anderen Ergebnissen führen können. Geht man 100 Jahre zurück, dann sieht man solche unvorhersehbaren Ereignisse:
  • der erste Weltkrieg (1914 - 1918) mit dem Ende des Kaiserreiches Deutschland
  • die Oktoberrevolution in Russland (1917)
  • die Hyperinflation des Jahres 1923
  • der Börsenkrach 1929
  • die Machtübernahme Hitlers (1933)
  • der lange Marsch (Mao Zedong 1934 /1935)
  • der zweite Weltkrieg (1939 - 1945)
  • .....
  • der 11. September (USA 2001)

Das sind nicht alle Ereignisse des vorigen Jahrhunderts und auch nicht alle hatten Einfluss auf die durchschnittliche Lebensdauer der Menschen in Deutschland. Aber einige Ereignisse hatten gravierende Auswirkungen auf die Statistik. Schon dieser kleine Abriss zeigt, dass die Prognose von Rürup unhaltbare Parameter verwendet, nichts, als ein mathematisches Modell ist, das uns aber von Politik, Presse, Wissenschaft und Think Tanks als unausweichlich geschildert wird. So, wie ich vor wenigen Tagen wieder (ich glaube im Focus) lesen konnte, dass die Bevölkerung Deutschlands jährlich um 200.000 sinkt. Es ist eines der vielen falschen Horrorszenarien, die uns aufgetischt werden, wie diese Tabelle des statistischen Bundesamtes beweist.

Jetzt hat unser Freund Rürup die Öffentlichkeit mit neuen Vorschlägen beglückt. Er ist ja Vorsitzender der Wirtschaftsweisen und die übrigen Weisen blasen in das gleiche Horn. "Runter mit den Regelsätzen, um 30 %. Jobs, die neben den Regelsätzen ausgeübt werden (Mini-Jobs), sollen bis 200 voll auf das ALG angerechnet werden." Nun ja, Weisheit erwarte ich von diesen Leuten nicht, denn alle arbeiten schwerpunktmäßig für die Wirtschaft. Nicht direkt, aber mit ihren Ideen. Jetzt habe ich mich vertan, denn trotz ihrer hochkarätigen Ausbildung haben sie keine Ideen. Ihre Forderungen hören sich stets gleich an, ganz dem Trend gehorchend:
  • mehr Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt,
  • niedrigere Löhne,
  • Steuern,
  • Sozialtransfers
  • weniger Staatsschulden

Der einzige unter ihnen, der gelegentlich mal aus der Reihe tanzt, ist Bolfinger, der eher der keynisiastischen Wirtschaftslehre zugeneigt ist. Alle hingegen sind dem wirklichen Leben entrückt. Sie beziehen riesige Gehälter, jonglieren mit Zahlen und Formeln, ohne auch nur einen Blick auf die Realität zu verschwenden. Doch selbst ihre Zahlenspiele sind absurd, wenn die Ist-Situation nicht einbezogen wird. Der Binnenmarkt ist seit Jahren stagnierend, macht aber rund 2 Drittel des BSP aus. Der Binnenmarkt ist abhängig von der Kaufkraft der Bevölkerung. Ein Schuljunge könnte ihnen sagen, dass eine Verringerung der Kaufkraft negative Auswirkungen auf das Konsumverhalten im doppelten Sinne hat. Die Einen (Rentner und Arbeitslose) sind nicht mehr in der Lage, ihre Wünsche zu befriedigen. Die anderen, die noch etwas besser gestellt sind, sparen lieber, um im Notfall Reserven zu haben. Aber das interessiert die Weisen nicht. Sie gehen ausschließlich von Wirtschaftstheorien aus, die in Zeiten des Mangels und geringer Automatisierung von Theoretikern geschaffen wurden und auf der Angebotstheorie des Marktes beruhen. Marktsättigung hatten diese Erfinder des Liberalismus nicht im Visier und offensichtlich auch immer noch Vertrauen in die Fairness des Kapitals. Die Realität zeigt, dass beide Voraussetzungen ein Hirngespinst waren und sind.

Diese Sicht geht davon aus, dass die Wirtschaftsweisen trotz großartiger Titel unfähig sind, die Realität zu erkennen, sich ganz in Theoreme verrannt haben. Irre ich mit dieser Sicht, dann sind sie keine Wirtschaftsweisen, sondern Wirtschaftskriminelle, die von Transferleistungen des Staates für rechtswidrige Vorstellungen gemästet werden und dafür Arbeitslose ohne mit der Wimper zu zucken, dem Hunger, der Obdachlosigkeit und der Not ausliefern. Bert Rürup stufe ich in die letzte Kategorie ein, so auch Bernd Raffelhüschen, der allerdings nicht zu den Wirtschaftsweisen gehört.