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Erstelldatum: 13.07.2009

Rente, privat oder umlagenfinanziert?

Als eine der bedeutendsten Arbeiten des amerikanischen Harvard-Professors Martin Stuart Feldstein gilt seine Untersuchung über die umlagenfinanzierte Rente und die negative Auswirkung der Umlagenfinanzierung auf die Kapitalbildung. Diese Untersuchung ist schon deshalb so wichtig, weil Feldstein der wichtigste Berater des US-Präsidenten Ronald Reagan war und sein Konzept, weg von der Umlagenfinanzierung, hin zur privaten Rentenversicherung, von George W. Bush übernommen wurde. Das Konzept von Feldstein geht davon aus, dass durch die höheren Zinsen bei privaten Versicherungen eine bessere Kapitalbildung erfolge.

An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass Feldstein seit 1996 häufiger Gast auf den Bilderberg-Konferenzen war (1996, 1998, 1999, 2001, 2002, 2005, 2007, 2008) und die Bilderberger, so wie auch die INSM, der Bürgerkonvent und andere Think Tanks die Angewohnheit haben, mit ihren Aussagen die Menschen zu Betrachtungen mit einem Tunnelblick auszustatten, der sie nur sehen lässt, was sie sehen sollen. Deshalb möchte ich hier ein wenig näher auf beide Formen der Alterssicherung eingehen. Zuvor möchte ich dabei erneut auf das Mackenroth Theorem verweisen,
"dass aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muss. Es gibt gar keine andere Quelle und hat nie eine andere Quelle gegeben, aus der Sozialaufwand fließen könnte, es gibt keine Ansammlung von Periode zu Periode, kein "Sparen" im privatwirtschaftlichen Sinne, es gibt einfach gar nichts anderes als das laufende Volkseinkommen als Quelle für den Sozialaufwand."

Nun verweisen private Versicherer immer auf ihre Zinsrenditen und rechnen dem Interessente auf Heller und Pfennig (pardon, muss natürlich Euro und Cent heißen) vor, welche Rendite sich für den Interessenten in Abhängigkeit der Höhe seiner Zahlungen ergibt. Nun ja, natürlich gilt diese Rechnung nur, wenn das derzeitige Zinsniveau so bleibt, doch das wir nur am Rande erwähnt. Die Postbank wirbt ja mit dem Slogan: "Unter dem Strich zähle ich." Wer bei der Post für die Rente spart, tut auch gut daran, zu zählen, denn im März wusste die Presse dann zu berichten, dass die Postbank Kunden irritiert. Recht peinlich, vor allem für die Versicherten. Wer sich für die wegen ihrer höheren Rendite risikoreichere Aktienvorsorgekonto entschieden hat, erlebt nun einen Einbruch. Natürlich ist nicht die Postbank schuld, sondern die Finanzkrise! Aber wer trägt die Schuld an der Finanzkrise? Doch darauf komme ich später. Überhaupt nicht erwähnt wird bei Vertragsabschluss, dass die Höhe der Zahlungen in der Regel fest fixiert und damit auch die Höhe der Auszahlung vom Grundbetrag her fest fixiert ist. Wer heute einen Riester- oder einen Rürup-Vertrag über eine zusätzliche Rente von 500,- monatlicher Rente abschließt, hat doch nicht die mindeste Ahnung, was er sich in 20 oder 30 oder gar in 40 Jahren für diesen Auszahlungsbetrag noch kaufen kann. Möglich, dass es einige Arten der privaten Rentenversicherung gibt, die mit einer Anpassungsformel versehen sind, es dem Interessenten also ermöglichen, die Beitragszahlungen im Laufe der Zeit zu erhöhen. Was auch nicht oder nur beiläufig erwähnt wird, ist der Umstand, dass die Kalkulation für die Rentenhöhe sich auf Zahlungen bis zu einem Alter zwischen 90 und 100 Jahren beläuft, ein Alter, dass nur die wenigsten Rentner erreichen. Dass von den Beiträgen und der Zinsrendite auch die 4 bis 5 mal so hohen Verwaltungskosten gegenüber der GRV und die Aktionärsrenditen gezahlt werden, setzt der Versicherungsagent wohl als bekannt voraus. Dass die Versicherung auch pleite gehen kann, wird jeder Versicherungsagent weit von sich weisen. Aber die Realität in den USA zeigt, dass dort viele Rentner erleben durften, dass sich ihre Rente mit der Pleite des Versicherers in Luft auflöste.

Die derzeitige Finanzkrise hat die Banken in arge Bedrängnis gebracht (vorsichtig formuliert). Der Grund sind nicht, wie man uns einzureden versucht, nur die Immobilienfonds. Es ist das gesamte Finanzgebaren, das mit seinen Renditeforderungen sich längst von der Wirtschaft und der Produktion abgekoppelt hat. Es ist der durch die exponentiell wachsenden Zinserträge immer höhere Anteil an Kapital, das auf den Finanzmarkt drängt und bedient werden möchte, möglichst mit Renditen im zweistelligen Bereich. Das ist durch seriöse Kreditvergabe nicht mehr zu erreichen. Ohnehin sind viele Unternehmen bereits so hoch verschuldet, dass man sich um ihre Existenz ernsthafte Sorgen machen muss. Dieses auf den Markt drängende Kapital hat zu den abenteuerlichsten Konstrukten auf dem Finanzmarkt geführt und musste zwangsweise zusammenbrechen. Dieser Zusammenbruch hat nun begonnen und ich gehe davon aus, dass es noch weitaus schlimmer kommen wird, als es derzeit schon ist. Wer heute noch der privaten Rentenversicherung glaubt, dass sie weiterhin derart hohe Renditen einfahren wird, ist einfach nur dumm. Das Beispiel der Postbank zeigt es deutlich. da nützen auch keine neu aufgelegten Aktienvorsorgekonten. Es sind zuerst die Renditen, die einbrechen. Weniger Rendite heißt aber auch weniger Altersrente aus der privaten Vorsorge. Rentenversicherer gehen auf die gleichen Märkte wie die Banken und wenn Unternehmen wie bspw. General Motors pleite gehen, brechen damit auch den privaten Versicherungen die Werte weg, in denen sie ihre scheinbar sicheren Anlagen getätigt haben. Die zu erwartenden Massenentlassungen werden dazu führen, dass so mancher neue Arbeitslose, die Beiträge nicht mehr aufbringen kann und deshalb, mit großem Verlust, die Versicherung kündigt. Auf der einen Seite beschert das den Banken Gewinne, denn der Rückkaufswert steht in keinem Verhältnis eigentlich inzwischen ausgewiesenen Wert. Aber massenhafte Rückkäufe sind zu erfüllende Forderungen an die Versicherer und das Geld haben sie nicht auf Halde liegen. Doch diese Auswirkungen, so denke ich, werden wir erst 2010 so richtig zu spüren bekommen.

Wenn ein Professor Feldstein also den Präsidenten einredet, dass die privaten Rente besser als die umlagenfinanziert Rente ist, dann macht er das zu einem Zeitpunkt, an welchem die Börsen mit bombastischen Werten aufwarten. Ich halte weder Reagan noch Bush für sonderlich intelligent. Folglich sind sie voll auf dieses Konzept abgefahren, so, wie es eine breite Masse Menschen noch heute tut. Banken und Versicherungen waren die Kings, zumindest vor der Finanzkrise, wer denkt da schon daran, dass es privatwirtschaftliche Unternehmen sind, die pleite gehen können? Ein Staat kann nicht pleite gehen. Na ja, er kann schon, aber er zieht sich nach dem Münchhausen-Prinzip an den Haaren selbst wieder heraus (deshalb muss Steinbrück weg, der hat zu wenig Haare). Der Staat wird im Falle der Pleite eine Währungsreform veranstalten, sich damit entschulden und wie Phönix aus der Asche wieder neu entstehen. Die Frage ist jetzt allerdings, kann Deutschland das überhaupt noch? Es hat die Finanzhoheit an die EU abgetreten. So wie ich das sehe, wird als Folge die EU wieder auseinanderbrechen. Aber das ist ein anderes Thema.

Nun zur umlagenfinanzierten Rente. Wie die private Rentenvorsorge werden Beiträge eingezogen. Das eingenommene Geld geht sofort wieder raus als Rentenzahlung an die Bestandsrentner. Die so häufig erwähnte Rentenkasse ist nur eine Fiktion. Sie enthält nur geringe Rückstellungen, gebildet, um jahreszeitlich Schwankungen bei den Rentenzahlungen auszugleichen. Das aber stört die Gegner der umlagenfinanzierten Rente, weil sie deren Genialität nicht begreifen. Diese Einnahmen aus den Beiträgen werden nicht gehortet und irgendwelchen obskuren Finanzderivaten zugeführt, sondern es gelangt sofort zurück in den Wirtschaftskreislauf. Rentner benötigen das Geld, um ihren Lebensunterhalt zu fristen, also zahlen sie von ihrer Rente die Miete und kaufen, was sie zum Leben benötigen. Damit wandert das Geld aus den Beiträgen sofort an den Vermieter, an den Bäcker, Fleischer oder meinetwegen auch an den Supermarkt. Die Rentenbeiträge tragen also unmittelbar zur Belebung der Binnenwirtschaft bei.

Auch die Rentenkalkulation unterscheidet sich gravierend von der privater Versicherer. Es wird nicht mit einer Lebenserwartung von 90 bis 100 Jahren kalkuliert, sondern mit der vom stat. Bundesamt ermittelten durchschnittlichen Lebenserwartung. Die liegt bei Männern unter 80 Jahren, bei Frauen etwas höher. Auch diese Rechnung ist noch zu hoch gegriffen, weil die Zahlen des Stat. Bundesamtes nicht spezifisch auf die Rentner der GRV ausgerichtet sind. Arme sterben früher und auch das Durchschnittsalter bestimmter Berufsgruppen ist aus unterschiedlichen Gründen niedriger als der Bevölkerungsschnitt.
Der Beitragszahler zahlt einen bestimmten Prozentsatz seines Arbeitseinkommens in die Rentenkasse ein. Hat er weniger verdient, ist sein Beitrag geringer, hat er mehr verdient, steigt sein Beitrag. Ist er arbeitslos, wird ein minimaler Beitrag (auf Antrag) vom Arbeitsamt bezahlt. bekommt er wieder Arbeit, geht die Beitragszahlung in der gleichen Weise weiter, wie zuvor.

Die Höhe der Beitragszahlungen ist (leider) durch die so genannte Beitragsbemessungsgrenze gedeckelt. Jedes Jahr ermittelt das stat. Bundesamt einen Durchschnittsverdienst, der mit einer ziemlich komplizierten Formel ermittelt wird, weil man nicht einfach die Einkommen der Beitragszahler addieren kann, sondern berücksichtigen muss, dass ein Teil der Beschäftigten ein höheres Einkommen hat, als die Forderung seiner durch die Beitragsbemessungsgrenze gedeckelten Beitragszahlung. Dann wird das Einkommen der Beschäftigten (bis zur Beitragsbemessungsgrenze) durch das Durchschnittseinkommen geteilt. Das Ergebnis sind die so genannten Entgeltpunkte. Hat der Arbeitnehmer ein Einkommen unterhalb des Durchschnittsverdienstes, erhält er für das Jahr weniger als 1 Entgeltpunkt. Ist es höher, hat er mehr als einen Entgeltpunkt. So sammelt er während seines Arbeitslebens jedes Jahr Entgeltpunkte. Geht er in Rente, werden die Entgeltpunkte addiert und mit dem Rentenanpassungssatz (Rentenwert) multipliziert. Das Ergebnis ist die Bruttorente.

Das Umlagensystem ist das ideale Rentensystem, zumindest dann, wenn der Staat nicht als Folge der Beratung durch privatwirtschaftlich orientierte "Experten" beginnt, den Beitragszahler und den Rentner zu betrügen. Denn die vielen Rentenreformen, die inzwischen in Deutschland stattgefunden haben, sind aus meiner Sicht Betrug am Rentner. Nimmt ein Arbeitnehmer ein Arbeitsverhältnis auf, schließt er in diesem Moment mit dem Rentenversicherer, in diesem Fall dem Staat, einen Vertrag ab und dieser Vertrag dürfte nicht einseitig (seitens der Regierung) gekündigt werden. Der Gesetzgeber (auch der Staat) hat eigentlich definitiv per Gesetz bestimmt, dass ein Vertrag nicht der Schriftform bedarf. Folglich müssten die Bedingungen, die zum Zeitpunkt der Arbeitsaufnahme definiert waren, bis zur Aufgabe des Arbeitsverhältnissen Bestand haben. Weil aber die Regierungen sich nicht daran halten, wurde die Rente in den letzten 40 Jahren immer wieder indirekt gekürzt. Renten werden nicht direkt gekürzt, das wagen unsere Regierungen offenbar nicht und es würde auch vor dem BVerfG keinen Bestand haben. Politiker wählen die indirekte Art. Sie verändern die Berechnungsgrundlagen der Rente (Nachhaltigkeitsfaktor, Änderung der Bemessung an die Nettolöhne) und können damit Nullrunden verwirklichen, oder bürden den Rentnern einseitig die vollen Beitragsleistungen (Beispiel Pflegeversicherung) für andere Zwangsversicherungen auf. Doch genau das ist Vertragsbruch, weil die Bedingungen bei Eintritt in die GRV durch die Aufnahme eines Arbeitsverhältnisses Bestandteil des automatischen Vertrages mit dem Versicherten waren bzw. sind. Besonders gravierend waren die Kürzungen mit der Agenda 2010 durch die rot/grüne Regierung (Schröder/Fischer). Unser so genanntes Bundesverfassungsgericht ist sehr pingelig, wenn es um die Beamtenpensionen geht, Bei den Renten aus der GRV sind die Damen und Herren allerdings weitaus großzügiger. Dort verwenden sie gerne den Begriff des "breiten Ermessensspielraums, der dem Gesetzgeber zugebilligt wird."

Fazit:

Die Umlagenfinanzierung dient nicht der Kapitalbildung, sondern bringt die Beitragszahlungen sofort wieder in Form von Renten zurück in den Wirtschaftskreislauf. Daraus erwachsen dem Staat Steuereinnahmen und der Wirtschaft, vor allem der Binnenwirtschaft, Umsätze. Die Umlagenfinanzierung erfordert erheblich geringeren Verwaltungsaufwand als die private Versicherungswirtschaft und muss keine Dividenden zahlen. Sie kalkuliert nicht mit einer utopischen Lebenserwartung. Die Beitragszahlungen erfolgen angemessen an das Einkommen und werden völlig zu Recht zur Hälfte vom Arbeitgeber getragen, der schließlich mit der Arbeitsleistung des Einzelnen seine Profite erwirtschaftet. Die Rente ist nicht auf eine definitive Höhe ausgerichtet, sondern richtet sich nach der Lebensleistung.
Die Fehler der GRV sind, dass sie keine Zwangsversicherung für die gesamte Bevölkerung ist und dass sie mit der Beitragsbemessungsgrenze bei hohen bis sehr hohen Einkommen die Beitragszahlungen deckelt.
Die so oft angeführten und kritisierten Zuschüsse des Staates sind nichts anderes als ein Ausgleich für zu erbringende Rentenleistungen, die ohne Beitragszahlung erworben wurden. Diese Leistungen hätten ansonsten in Form von Steuermitteln eingebracht werden müssen, weil es sich um gesellschaftspolitische Anforderungen handelt. Dazu zählen u. a.:

  • Kriegsfolgelasten
  • Kindererziehungszeiten
  • Anrechnung von Ausbildungszeiten
  • Wiedervereinigung

Würden nicht Politiker ständig an diesem System herum pfuschen, könnten die Rentner in diesem Land wesentlich besser leben, als das heute der Fall ist. Dieses System wird in voller Absicht zerstört, um die Idee Feldsteins einer voll bei den Privaten finanzierten Rente zu verwirklichen. Besonders pervers ist die Kürzung der Rente durch den so genannten Riester-Faktor, bzw. die Riester-Treppe.

Die private Rentenversicherung bietet weder die Sicherheit der Umlagenversicherung noch wartet sie mit einem adäquaten Konzept für Krisenzeiten auf. Sie ist durch hohen Verwaltungsaufwand gekennzeichnet, muss darüber hinaus noch Gewinne für die Aktionäre erwirtschaften und kalkuliert mit utopischen Vorstellungen der Lebenserwartung. Die Beiträge müssen ausschließlich vom Arbeitnehmer erwirtschaftet werden. Hinzu kommen die Unwägbarkeiten bei Krisen wie in der nun begonnenen Finanzkrise. Die immensen Summen, die bei voll privatisierter Rente auf den Kapitalmarkt drängen würden, könnten von den privaten Versicherern nicht mehr mit adäquaten Renditen befriedigt werden. Die hauptsächliche Rendite der Konstrukte von Riester- und Rürup-Rente besteht aus den staatlichen Zuschüssen bzw. der Steuerersparnis. Es wäre wirklich einmal interessant, zu erfahren, wie hoch die Steuerausfälle bzw. die Zuschüsse des Staates zu den privaten Rentenbeiträgen sind. Aber im Gegensatz zur GRV werden diese Daten in der privaten Versicherungswirtschaft und auch vom Finanzministerium nicht veröffentlicht.