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Erstelldatum: 30.07.2007

Preisanstieg für Molkereiprodukte

Wir wurden mit der erfreulichen Nachricht überrascht, dass bei Molkereiprodukten Preisanstiege von bis zu 50% zu erwarten sind. Woran mag das wohl liegen? War nicht noch vor wenigen Jahren die Rede von Butterbergen und Milchseen? Nun, die Zeiten ändern sich. Nein, nein, die Kühe bekommen keine höheren Vergütungen und auch die Bullen verlangen nicht mehr Geld für die Deckung (bei den Besitzern der Bullen bin ich da nicht so sicher). Weltweit wird die Nachfrage nach Milchprodukten größer. Lt. Deutscher Bauernverband wird bis 2015 ein Exportzuwachs von 12 Mio. Tonnen (T) erwartet, der, weil die Milchseen ausgetrocknet sind und die Butterberge abgetragen wurden, aus der laufenden Produktion gedeckt werden muss.

Europa ist der weltgrößte Exporteur von Milchprodukten. Obwohl der Export nur wenig mehr als 10% der Produktion beträgt, macht er über 40% der weltweiten Exporte von Milchprodukten aus. Jedoch wird Milch nur in verarbeiteter Form exportiert, vor allem als Milchpulver und Butter. Um 1 kg Butter herzustellen, werden 8,3 Kg. Milch und für die Herstellung von 1 kg Magermilchpulver 6,3 kg Milch benötigt. Wenn also der Bauernverband von einer jährlichen Wachstumsrate von 12 Mio. T Milchpulver spricht, werden dafür 75.6 Mio. T Milch benötigt.

Woran liegt es aber, dass die Milchseen und die Butterberge verschwunden sind? Sie ahnen es schon, am Export. Ein Export, der in Drittländern negative Auswirkungen auf die dortige Agrarwirtschaft hatte. Damit der Export auch richtig funktionierte, wurde er subventioniert, mit so genannten Ausfuhrerstattungen. Ausfuhrerstattung bedeutet, dass die Differenz zwischen den Preisen am Binnenmarkt und den niedrigeren Preisen am Weltmarkt aus Steuergeldern gezahlt wurde. Lt. WTO sollen die Subventionen aber runter gefahren werden. Zwar hält sich so gut wie kein (westliches) Land an diese Bedingungen der WTO, doch im Falle der Ausfuhrerstattungen sind diese seit einigen Jahren rückläufig und nun gänzlich gestrichen.

In den Jahren 2003 bis 2006 wurden vom Hauptzollamt Hamburg-Jonas folgende Euro-Beträge an Ausfuhrerstattungen ausgezahlt:

Marktorganisation 2003 2004 2005 2006
39.473.381 11.784.724 29.734.630 27.832.394
21.128 5.050 - -
398.036 2.168.864 535.461 366.140
66.159.386 81.943.137 55.450.899 26.069.466
663.493 902.275 1.851.114 945.428
2.051.611 2.014.985 1.855.838 1.804.881
64.188.859 142.095.880 162.817.465 56.136.609
31.820 13.530 - 12.041
1.153.479 970.938 524.275 409.879
221.405.888 186.674.673 104.995.703 76.801.046
60.393.561 33.910.465 33.095.812 25.875.295
11.622 9.410 6.417 23.257
455.952.264 462.493.931 390.867.614 216.276.436

Wie man sehen kann, wurden die Ausfuhrerstattungen für Milchprodukte kontinuierlich reduziert und sind inzwischen komplett gestrichen. Die Meldung, dass die Preiserhöhungen wegen der Exporte in Drittländer wie "China" und die vermehrte Nachfrage nach Biokraftstoffen dafür verantwortlich sei, hat bei vielen Menschen Verwunderung ausgelöst. Chinesen sind doch keine Milchtrinker und Milch hat doch nichts mit Biokraftstoffen zu tun.

Diese Ansicht ist unrichtig. Es stimmt, China war kein Land der Milchtrinker. Hier liegt die Betonung auf "war". 1999 fand dort eine Werbekampagne für Milch und Milchprodukte statt. Nach der Gründung der Volksrepublik China (1949) hatte man dort einen Milchkuhbestand von gerade mal 120.000 Stück und die Milchproduktion betrug 250.000 T. Damals wurde Milch nur Patienten als Stärkungsmittel geliefert, nur gegen eine Bescheinigung des Krankenhauses konnte man Milch kaufen. Aber mit der Öffnung der Wirtschaftsmärkte änderte sich das.

    Zur Verbesserung der körperlichen Verfassung der Bewohner stellte 1999 der Konsumentenverband Chinas die Initiative auf: „Plus ein Glas Milch zur Stärkung unseres Volkes“. Die Regierungsabteilungen förderten den Milchgenuss bei Kindern und Jugendlichen und setzten das „Projekt Schulmilch“ in Gang. Das Ministerium für Landwirtschaft nahm Milch in die Kategorie der überlegenen Produkte, die schwerpunktmäßig zu fördern sind, auf und legt den Schwerpunkt der Entwicklung auf die drei überlegenen Milchproduktionsgebiete in Nordost- und Nordchina sowie Beijing, Tianjin und Shanghai. Nach einer Planung soll bis 2015 die Milchproduktionsmenge 33 Mio. T erreichen, auf die Bewohner bezogen soll jeder 23 kg Milch bekommen. Die Werbung der Milchproduzenten übt große Wirkung auf die Bevölkerung aus.

Chinas Durst lässt Milchpreise steigen betitelt Die Welt einen Bericht über den Boom der Milchwirtschaft in China. Doch auch die Biokraftstoffe haben Auswirkungen auf die Preise von Molkereiprodukten, weil die Futtermittelpreise wegen der erhöhten Nachfrage nach den Grundstoffen (Mais, Raps) für die Biokraftherstellung steigen.

Meine Frage lautet hier, ist es richtig, um im globalen Wettbewerb eine möglichst hohe Exportrate aufweisen zu können, die Versorgung der eigenen Bevölkerung einzuschränken? Denn eine Einschränkung der Versorgung ist es. Getreide und Milchprodukte sind Grundnahrungsmittel. Wer einen Job hat und noch gut verdient, verkraftet diesen Anstieg der Preise leicht. Aber wie sieht es mit dem Rest aus, den Arbeitslosen, den Rentnern, den Geringverdienern? Nichts zu machen. Der Markt bestimmt die Preise und wenn ich durch den Export mehr einnehmen kann, was interessieren mich dann die Leute im eigenen Land? Politisch käme wohl keiner der Abgeordneten auf die Idee, eine Umkehr der Ausfuhrerstattung in Erwägung zu ziehen, indem man den Landwirten den Unterschied zwischen dem Preis auf dem Weltmarkt und dem auf dem Binnenmarkt für nicht exportierte Produkte erstattet. Schließlich sind wir Exportweltmeister und wollen uns ja nicht von den Chinesen den Rang abjagen lassen.