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Erstelldatum: 15.11.2007

Prägung

Gerne bescheinigen sich die Menschen ein objektives Verhalten. Fast spaßig ist dabei, dass bei kontroversen Auseinandersetzungen beide Parteien die Objektivität für sich beanspruchen. Wenn ich also nun behaupte, dass es keine Objektivität gibt, werde ich sicherlich auf viel Widerspruch stoßen. Dennoch behaupte ich es weiterhin. Objektivität ist nur eine Illusion.

Wie will ich das begründen? Ich will es mal versuchen. Menschen sind wie Geldstücke. Sie wurden geprägt, wie ein Geldstück in mehreren Verfahren. Im Elternhaus erfolgt die Prägung durch Vater, Mutter, Geschwister, Haustiere, sozialer Status, ja selbst durch Nachbarn und Verwandte, die man nur gelegentlich sieht. Soweit die vorgenannten Familienmitglieder (incl. Haustiere) vorhanden sind, formen sie unsere Wahrnehmung. Eine oft bereits frühzeitige Prägung erfolgt durch die von den Kindern erlebte Religion. Spätestens im Alter von 6 Jahren kommt die Schule. Mit der Schule neue Prägungsfaktoren wie Lehrer und die anderen Schulkinder, die "Weisheiten" aus den Schulbüchern und damit die Möglichkeit, auch andere geschriebene "Weisheiten" zu konsumieren. Wenn ich Weisheiten in Anführungsstriche setze, dann deshalb, weil nicht jede Weisheit auch wirklich weise ist. Möglicherweise ist dieser Prägung bereits die in einem Kindergarten vorausgegangen. Ich möchte nun nicht den ganzen Lebenszyklus eines Menschen darstellen. Dass die Prägung mit Ausbildung, Beruf, Behördenkontakten etc. weiterhin erfolgt, versteht sich von selbst.

Alle Geschehnisse sorgen für die Art, in der wir Dinge wahrnehmen, Menschen, die mit Haustieren groß geworden sind, z. B. einem Hund oder einer Katze, nehmen diese Tiere anders wahr, als jemand, der keinerlei Erfahrung mit Haustieren hat. Ästethisches Empfinden hängt zu einem großen Teil von unserer Prägung ab, unser Musikgeschmack oder unsere Einstellung zur Kunst überhaupt. Es versteht sich ebenfalls von selbst, dass nicht nur die Übernahme elterlicher Gepflogenheiten gemeint ist, sondern auch die empfundenen Widerwärtigkeiten uns prägen. So wie so mancher auf keinen Fall werden will, wie die Eltern oder ein Elternteil und dabei nicht selten noch schlimmer wird.

Ein praktisches Beispiel unterschiedlicher Wahrnehmung. Zwei Leute sehen einen bewölkten Himmel. Der eine sieht nur die Gefahr von kommendem Regen und schaut wieder weg. Beim anderen wird die Phantasie angeregt. Die Wolkenformationen bilden Figuren, Gesichter, verändern sich und neue Figuren bilden sich. So geht es mit allen Dingen. Jeder nimmt sie auf ganz individuelle Weise wahr, Eine Wahrnehmung auf Basis dessen, was er bisher erlebt, gelernt und innerlich verarbeitet hat. Auch unser Verstehen ist Teil der Prägung und der Wahrnehmung und leider oft der Auslöser für selbst gemachte Blockaden. Manche Dinge kann man hundertmal sehen, hören oder auf andere Weise wahrnehmen, ohne sie zu verstehen. Dann plötzlich, oft völlig zusammenhanglos, macht es klick und wir verstehen, was uns so lange verschlossen blieb. Dieses Klick bleibt uns verwehrt, wenn wir uns selbst blockiert haben, uns gesagt haben, das verstehe ich doch nicht und damit eine Einschränkung unseres Intellekts vorgenommen haben. Damit klammern wir nicht selten Dinge aus, mit denen wir falsch geprägt wurden. klammern also die Selbsterkenntnis aus.

Eine tiefgehende Prägung ist für viele Menschen die Religion. Sie ist mit vielen, oft interessanten Geschichten unterlegt und die ritualisierte Form der Darbietung sowie das Gruppenerlebnis, vor allem aber die ständige Wiederholung in der Kirche vertiefen diese Prägung. Sie tut noch mehr. Sie nimmt uns Verantwortung für unser Handeln ab. An dieser Stelle möchte ich ein kleines Gedankenexperiment wagen.

Nehmen Sie ein beliebiges Lebensmittel, ein Stück Käse, ein Stück aufgeweichtes Brote, etwas gekochtes Gemüse. Formen Sie daraus eine Kugel von ca. 1 cm Durchmesser und stellen sie es an einem nicht zu kalten Ort ab. Je nachdem, was Sie gewählt haben, trocknet es aus und verschrumpelt, oder es wird schimmelig. Lassen sie ihm genügend Zeit, wachsen Fäden aus Ihrem Versuchsobjekt und würden Sie es unter einem Mikroskop betrachten, sähen Sie unzählige Lebewesen, Bakterien, bei der Arbeit. Jetzt stellen Sie sich vor, die Kugel würde wachsen, größer und größer werden, bis sie schließlich um das 1.270.000.000 gewachsen ist. Die kleinen Bakterien, die Schimmelsporen, alles Leben auf der von Ihnen geformten kleinen Kugel wäre im gleichen Maße mit gewachsen. Eine Bakterie hätte nun die Ausmaße von Dinosauriern einer Größe, wie es sie nie gegeben hat, die Fäden der Schimmelsporen wären zu gigantisch großen Bäumen oder Farnen geworden, größer als alles, was wir uns vorstellen können. Unsere kleine Kugel von 1 cm Durchmesser wäre nun nämlich etwas so groß wie die Erde.

Sehen Sie, was ich meine? Im Verhältnis zu einer Bakterie auf einer 1 cm großen Kugel sind wir Menschen auf der Erde absolut winzig und alles Leben ist winzig, ob Tier oder Pflanze. Schon aus einer Entfernung von wenigen 100 Metern sind wir nicht mehr sichtbar, aus einem Flugzeug in 10.000 m Höhe sehen wir die Erde als grün, braun oder silbrig blau gefärbte Fläche und nehmen allenfalls noch Monumentalbauten als Konturveränderungen wahr. Um Ihr Vorstellungsvermögen weiter zu strapazieren, frage ich Sie nun, ob Sie das Wirken jeder einzelnen Bakterie auf der von Ihnen so geschaffenen Kugel beobachten und registrieren? Sicherlich nicht. Aber das müssten Sie, denn Sie haben diese kleine Welt geschaffen und sind damit der Gott dieser von Ihnen geschaffenen Welt!

Gerade habe ich Ihnen auf einem kleinen Umweg erzählt, warum ich nicht an Gott glaube. Selbst die Erde ist nur ein winziges Staubkorn im Universum und dieses Universum muss nicht das einzige Universum sein. Gemessen an der Größe der Erde sind wir winzig im Vergleich zu den Bakterien unseres Experiments. Und wenn ich mir dann einen Gott vergegenwärtige, so wie ihn die Kirchen, gleichgültig welcher Religion, darstellen, einen Gott, der von uns täglich und mehrfach verlangt, dass wir ihn anbeten, ein Gott, der uns unsere Sünden verzeiht, weil wir vor einem Kasten sitzen und dem im Kasten sitzenden Pfarrer beichten, was wir so alles angestellt haben, Ein Gott, der auf der anderen Seite gelassen und untätig zusieht, wie wir seine Schöpfung mutwillig und zunehmend heftiger zerstören, unsere Mitbewohner, die Tiere, ausrotten oder unter unsäglichen Bedingungen in Käfige sperren, ein solcher Gott wäre wahrhaftig nicht anbetungswürdig.

Wir Menschen haben definiert, was wir unter Parasiten verstehen. Dann sollten wir uns selbst in die Reihe der Parasiten dieser Erde einreihen, denn wir geben der Erde nichts. Wir beuten aus, zerstören und vernichten nur. Diese Erkenntnis bleibt uns allerdings verschlossen, weil wir vom ersten Lebenstag an einer Prägung unterworfen werden, die nichts anderes als eine Gehirnwäsche ist. Vom ersten Tage unseres Lebens an wird uns immer wieder eingehämmert, dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist, dass das aus meiner Sicht wohl profitgierigste Unternehmen der Welt, die Kirche, heilig und unfehlbar ist. Obwohl es wohl niemanden gibt, der nicht um die Gräueltaten im Namen Gottes weiß, der nicht weiß, dass die Entscheidungen der Kirche eine Kette von Fehlentscheidungen beinhaltet, unterwerfen wir uns den Verursachern und unterstützen sie, indem wir ihr Vermögen vergrößern. Gerne werden als Gegenargument die sozialen Einrichtungen der Kirche angeführt, doch die sind im Prinzip nichts anderes als die Werbeabteilung der Institution Kirche und sie waren die Ersten, die z. B. vom sozialen Kahlschlag der Hartz-Reformen auf der Basis von Ein Euro Jobs profitierten und bis heute profitieren.

Wenn es so etwas wie einen Gott gibt, dann ist er von einer Größe und Mächtigkeit, die unserer Kleinkariertheit verschlossen ist und bleibt und ganz sicher erwartet er nicht, dass man ihm Tempel baut und ihn anbetet, sondern lediglich, dass wir unseren Verstand nutzen und seine Schöpfung respektieren. Noch wahrscheinlicher ist es, dass er den im Vergleich hauchdünnen pelzigen Belag der Kugel Erde gar nicht bemerkt und damit noch weniger die in dem Belag hausenden Lebewesen.

Wir sind nur kleine, winzige Wesen, die auf einer riesigen Kugel leben, weniger als eine Laus im Pelz und werden vom ersten Tage unseres Lebens an geprägt, auf völlig unterschiedliche Art und Weise und bezeichnen diese Prägung als Erfahrung und als Wissen. Aber nur ein Bruchteil unseres Wissens basiert auf eigener Erkenntnis. Mit dem Rest werden wir voll gestopft und es in Frage zu stellen, wird als Sakrileg angesehen. Doch genau das ist der Umstand, warum sich die Menschheit technisch weiter entwickelt hat, wir uns moralisch und ethisch aber eher unter dem Niveau unserer frühen Vorfahren befinden. Warum haben wir nur unser Leben als Jäger und Sammler aufgegeben? Es war wohl ein spannendes Leben, auch voller Gefahren, aber geprägt von der Achtung vor der Natur und den anderen Lebewesen dieser Welt. Die Menschen damals wurden nicht so alt wie wir, aber sie haben länger gelebt. Denn wir Menschen der heutigen Zeit haben es aufgegeben, zu leben. Wir ziehen es vor, nur zu existieren, jagen Dingen nach, die wir nicht brauchen und merken nicht einmal, dass wir uns lediglich im Kreise drehen. Wir sind Affen geblieben, Affen, die auf einem virtuellen Ast sitzen, an dem wir beständig sägen, bis er bricht. Die große Kugel "Erde" wird das nicht sonderlich tangieren. Sie wird sich weiter drehen und wer weiß, vielleicht bringt sie eines Tages neue Affen hervor und gibt ihnen wieder einen Verstand, damit sie überlebensfähig im Vergleich zu den anderen Lebewesen, gemessen an deren Fähigkeiten, sind. Vielleicht, aber eher unwahrscheinlich, lernen dann die neuen Affen, diesen Verstand sinnvoll zu nutzen.

Aber natürlich ist das nur meine Sicht der Dinge, subjektiv eben, denn Objektivität gibt es nicht. An meiner Prägung hat das Leben nur ein wenig geschliffen, fixe Konturen verwischt, die ich dann durch eigene Überlegungen ersetzen musste.