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Erstelldatum: 01.08.2006

Public relations

Unter dem Titel: Vollstrecker aus Texas veröffentlichte der Spiegel am 31.07. einen Bericht über die Praktiken von einheimischen Banken, (faule) Kredite an ausländische Investoren zu verkaufen, die dann mit rüden Methoden das Geld eintreiben. Am Beispiel der texanische US-Beteiligungsgesellschaft Lone Star wird die Vorgehensweise in einigen Einzelfällen beschrieben. Man ist empört. Zu Recht.

Vorsicht! Dieser Artikel ist ein Paradebeispiel für die heute gängige Form der Public relations (PR), also gezielter Stimmungsmache. Erinnern Sie sich, in ähnlicher Form geisterte die Geschichte von Florida Rolf durch die Presse.

Der Spiegel steht der FDP nahe. Die FDP musste bei der letzten Bundestagswahl die schmerzliche Erfahrung machen, dass ihre Hoffnung auf eine Regierungsbeteiligung trotz Zuwächsen bei den Stimmen unerfüllt blieb. Sie bleibt in der Oppositionsrolle, allerdings diesmal auch gegen die(Schwesterpartei) CDU. Opposition heißt hierzulande, gegen alles zu sein, was die Regierung angeht, auch wenn es sich dabei um Positionen handelt, die man noch kurz zuvor vehement vertreten hat. Und die einer Partei nahe stehende Presse (welche Presse wäre das nicht) unterstützt diesen Trend.

Der angesprochene Artikel löst Empörung aus. Eine beabsichtigte Reaktion. Vergessen sind die früher im Spiegel veröffentlichten Artikel, in denen die Wichtigkeit betont wurde, dass Deutschland ausländische Investoren, vor allem aus den USA bräuchte. Der Artikel zielt auf die Emotionalität, spart aber sachliche Informationen weitgehend aus. Informationen über die Rechtslage bei Übertragungen von Krediten des einen auf ein anderes Bankinstitut. Informationen über die rechtlichen Bedingungen bei Zinslasten im Hypothekenbereich und die zulässigen Steigerungen von Zinslasten, kurz, der Artikel soll nicht informieren, sondern Stimmung erzeugen. Es würde mich nicht wundern, wenn bei nächster Gelegenheit Guido Westerwelle im Bundestag eine Tirade gegen diese Machenschaften loslässt, so wie seinerzeit Müntefering gegen die "Heuschrecken". Nur 4 Tage früher, am 27. 07. brachte der Spiegel ein Interview mit dem derzeitigen Hauptverantwortlichen der Personal- und Unternehmensberatung Roland Berger. Auch dieser bericht ist trotz scheinbar provokanter Fragen aus meiner Sicht kein echtes Interview, sondern eine PR-Kampagne pro Roland Berger.

Die Vorbedingungen für die Finanzaktionen solcher Art wurden schon von der schwarz/gelben Regierung unter Kohl geschaffen, nicht nur für Deutschland, sondern auch in der EU. Der Gesetzgeber hätte Praktiken dieser Art durchaus unterbinden können, aber das liegt nicht in seiner Absicht. Das ist nur eine Facette der Liberalisierung, von fast allen Medien als die einzig wahre Form der Staatsführung beschrieben und mit steten Formen nach weiterer Liberalisierung untermauert. Im Interview mit Schwenker (Chef bei Roland Berger) ist kein Widerspruch gegen die Thesen Schwenkers erkennbar, obwohl die Thesen pro Liberalisierung sind. Das, was auf dem Kapitalmarkt passiert, ist der eigentliche Kern der Liberalisierung und jeder Eingriff von staatlicher Seite würde laut schreiend als "Wettbewerbsverzerrung" angeprangert, von den Medien und von der EU. Dass die Zustände empörend sind, darüber sind sich die meisten Bürger inzwischen einig. Für mich stellt sich die Frage, was der Spiegel wirklich mit seinem Artikel bezweckt, denn die gezeigte Empörung ist nicht echt sondern Mittel zum Zweck. Aber zu welchem?