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Erstelldatum: 06.12.2007

Ist Pisa gewollt?

Zuerst herrschte Euphorie, als die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie bekannt gegeben wurden und eine scheinbar deutliche Verbesserung bei den schulischen Ergebnissen darlegten, ein Quantensprung aus Sicht von Anette Schavan. Doch dann wurde bekannt, dass in den wirklich wichtigen Fächern kaum eine Verbesserung erkennbar wurde. Nun wird wieder heiß diskutiert, in der Presse, bei den Politikern. Starke Worte fallen, nur ändern tut sich nichts. So auch in einem Interview in der TAZ, mit Jutta Allmendinger, Leiterin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB, ein als besondere Dienststelle angegliedertes Forschungsinstitut der BA), promoviert in Soziologie, Sozialpsychologie, Volkswirtschaftslehre und Statistik. Sie gehört zum Autorenteam des Familienberichts der Bundesregierung, ist aber keine Politikerin, sondern lediglich SPD Mitglied.

Liest man den Bericht, scheint hier eine geballte Ladung Frust wegen eines desolaten Schulsystems erkennbar zu werden. Aber so ein wenig sollte man auch zwischen den Zeilen lesen. Soziologie ist Verhaltensforschung, die sich mit dem Zusammenwirken und den Wechselwirkungen bei Menschen befasst. Angewendet werden Theorien und Methoden aus der empirischen Sozialforschung, die wiederum auf Erhebung und Interpretation von Daten über soziale Tatsachen erfolgt, oder zumindest erfolgen sollte. Also nach meinem Verständnis eine Grundlagenforschung. Aber was sind soziale Tatsachen eigentlich? Klar, wer arm ist, hat kein oder zu wenig Geld für Dinge, die über die Lebenserhaltung hinausgehen. Manchmal reicht es nicht einmal dafür. Das sind Tatsachen. Wer reich ist, muss sich über den täglichen Bedarf keine Sorgen machen. Auch das ist eine Tatsache. Doch damit, so denke ich, hört es schon auf (grob gesprochen). Soziologie sollte die Ursachen erforschen. Warum ist jemand arm? Klar, Frau Allmendinger nennt Gründe, z. B. die teilweise politisch forcierte Gettoisierung von Hartz IV Empfängern. Doch dann kommen die platten Sprüche, wie sie aus der politischen Ecke ständig zu hören sind. Da wird die Mentalität der Deutschen angesprochen, Sozialsysteme als eine Art Sparbüchse zu verstehen, der so gerne verwendete Begriff des lebenslangen Lernen und ähnliche, sattsam bekannte Aussagen weiter.

Das zeigt eine Schwäche der Soziologie. Wie die Justiz beruht sie bei den Erkenntnissen auf Interpretationen und so, wie es sich in der TAZ liest, scheint Frau Allmendinger Hartz IV Empfänger mit Ungebildeten gleichzusetzen. Arm = wenig Bildungschancen? Ja, das stimmt! Aber warum haben wir Arme (ich meine nicht die Gliedmaßen)? Warum ist das Bildungsniveau unterschiedlich? Warum schneiden wir bei Pisa so miserabel ab?

Eine Begründung aus meiner Sicht habe ich bereits bei der ersten Pisa-Studie abgegeben. Doch seither hat sich die Situation erheblich verschärft. Kinderarmut ist inzwischen ein so geläufiger Begriff, dass bereits zu viele Menschen abwinken, weil er so geläufig ist wie die Toten im Irak, die Verkehrstoten, der Hunger in den Ländern der Dritten Welt. Furchtbar, aber eben nicht zu ändern. Wirklich nicht? Wann wird einmal deutlich, dass dahinter System steckt? Selbst das Interview in der TAZ ist aus meiner Sicht Teil dieses Systems.

Unser Schulsystem taugt nicht viel, da hat Frau Allmendinger absolut recht. Woran liegt es? Es gibt viele Gründe, aber ganz oben auf der Liste muss die fehlende Einheitlichkeit stehen. Schulpolitik ist Ländersache und das ist Schwachsinn mit Methode. Deutschland ist EIN Land, daran ändert auch die föderale Struktur nichts. In einem Land muss die Basis des Lernens absolut gleich sein, ein einheitlicher Lehrplan, einheitliche Schulbücher, einheitliche Vorbedingungen für die Ausbildung der Lehrkräfte. Wenn die südlichen Länder behaupten, besser in Fragen der Ausbildung zu sein, ist das kein Grund zum Triumph der dort regierenden Parteien, sondern ein Trauerspiel. Zieht ein Norddeutscher in den Süden, nach Baden Württemberg oder Bayern und seine Kinder bekommen Probleme wegen eines völlig anderen Lehrplans, ist die Ursache in erster Linie im schlechten, weil föderalen Schulsystem zu suchen. Ein zweiter Punkt sind die gerade in den Ballungszentren überfüllten Klassen und das Problem des Mischverhältnisses von Schülern mit und ohne Migrationshintergrund. Gerade für Schüler mit Migrationshintergrund müssten in Schulen Möglichkeiten zur Integration und Unterstützung Teil der Lehrstrategie sein. Kann es sein, dass Integration nur als Floskel verwendet wird, aber nicht wirklich gewollt ist?

Ein wesentlicher Grund sind Schüler mit der "Null-Bock-Mentalität". Diese Mentalität kommt nicht von selbst, sondern hat Ursachen. Kinder, die bereits sehr früh durch die Armut der Eltern von Ausgrenzung jeglicher Art betroffen sind, entwickeln diese Mentalität.
  • Keine Teilnahme am Schulessen wegen fehlender Mittel der Eltern.
  • Keine Teilnahme an Klassenfahrten wegen fehlender Mittel der Eltern oder wegen Fehlen von Taschengeld.
  • Hänseleien anderer Kinder wegen der Kleidung, erworben im Secondhand und absolut nicht "IN".
  • Unzureichende Unterstützung durch die Eltern, die selbst, in Armut aufgewachsen, nicht den Bildungshintergrund haben, um ihre Kinder ernsthaft zu unterstützen.

Das sind nur wenige Beispiele von einer Kette üblicher Gründe. Zusammengefasst ist zu sagen, fehlende Perspektiven erzeugen diese Mentalität. Wer erwartet eigentlich von Kindern, das ökonomische Verständnis für die Probleme der Eltern, immer ablehnend auf die Wünsche Ihrer Kinder reagieren zu müssen? Wer begreift nicht, dass damit auch ein interfamilieres Spannungsverhältnis vorprogrammiert ist? Wer versteht nicht, dass Kinder, in solchen Verhältnissen aufgewachsen und geblieben, später ihren Kindern nicht mehr das bieten können, was in anderen Familien als Selbstverständlichkeit angesehen wird? Wer erkennt nicht, dass die "Null Bock-Mentalität" nicht das Problem dieser Kinder, sondern das Problem der Gesellschaft ist, die dieses Problem erst hervorruft? DAS müsste aus meiner Sicht das Ergebnis oder zumindest ein Teilergebnis soziologischer Studien sein. Dort müsste angesetzt werden, wollte man wirklich Verbesserungen der sozialen Familienstrukturen erreichen.

Doch ich glaube, was an unseren Schulen schief läuft, ist politisch gewollt. Ich habe es bereits bei den Themen Privatisierung und PPP-Modellen angesprochen. Will man Akzeptanz für Verhältnisse schaffen, die normalerweise nicht akzeptabel sind, muss man die Bürokratie verschärfen und das entsprechende System verludern lassen. Hintergrund ist immer die geplante Privatisierung. Das sehen wir bei den Krankenhäusern, bei den Energieversorgern, bei den Wasserwerken, bei der Gebäudesanierung der Schulen, bei der Post, der Telekom und bei weiteren Bereichen. Privatschulen schießen wie Pilze aus dem Boden und überhäufen inzwischen den Staat mit Forderungen nach Förderung aus steuerlichen Mitteln. Ich erwarte, dass die Politik diesen Forderungen nachgeben wird, nicht etwa, weil es "Sachzwänge" erfordern, sondern weil es politisch gewollt ist. Privatschulen sollen Profit abwerfen. Ist das nicht zu erwarten, haben die Privaten kein Interesse daran, an der Bildung ernsthaft mitzuwirken. Sie investieren nur, wenn sie davon profitable Erträge erhoffen. In einem kapitalistischen System ist das ein legitimes Ansinnen. In der ethisch-moralischen Betrachtung sollte es eher nachdenklich machen, wollen doch die Unternehmen anschließend eben aus dem Ergebnis der Bildung für ein ganzes Arbeitsleben ihren Nutzen ziehen.

Dass das Schulsystem privatisiert werden soll, steht für mich außer Frage. Grund für meine Überzeugung ist die entsprechende Forderung der WTO mit GATS, Position Nr. 5.

  • WTO-GATS - Privatisierungsanforderungen -
    1. BILDUNGSDIENSTLEISTUNGEN

    1. Kindergarten/Grundschule

    2. Schulbildung
    3. Berufs-/Universitätsausbildung
    4. Erwachsenenbildung
    5. Andere Bildungseinrichtungen

    Ursula von der Leyen und Anette Schavan reden viel über Eliten. Sie reden nicht nur davon, sie tun auch was dafür. Aber, so mein Eindruck, sollen diese Eliten aus der Geldelite rekrutiert werden und nicht aus dem Gesamtkontingent der Bevölkerung. dafür aber aus den Mitteln der Bevölkerung, also aus Steuermitteln. Für die Kinder von Familien mit Hartz IV Bezug wird nichts, aber auch absolut nichts getan. Dafür kann man aber sehen wie sich Eliten verhalten, denn das wird gerade wieder an zwei Beispielen verdeutlicht.

    • Für die Post wurde ein Mindestlohn vereinbart, nicht üppig, aber zumindest ein Anfang, möchte man denken. Die Einigung über den Mindestlohn hatte einen Anstieg der Postaktien an der Börse zur Folge. Zumwinkel, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender der Post AG nutzte die Gunst der Stunde, Aktien aus dem Bestand seiner Aktienoptionen zu verscherbeln und 4,73 Millionen zu kassieren. Mal so eben nebenbei. Natürlich hat das nichts mit dem Kurssprung zu tun, so ein Sprecher der Post. Das läge nur daran, dass es gerade ein gesetzliches Zeitfenster für den Verkauf der Aktien gegeben habe (Vorstandsvorsitzende dürfen in Deutschland nur zu bestimmten Zeiten Aktien verkaufen oder Optionen einlösen). Wer nun glaubt, dass das Theater um den Mindestlohn bei der Koalition und dann die überraschende Einigung auch im Zusammenhang mit dem Zeitfenster betrachtet werden könne, würde sicherlich wütende Proteste der Politik und Gewerkschaften heraufbeschwören.
    • Das zweite Beispiel ist der Porsche-Chef Wiedeking, der ein Jahresgehalt von ca. 50 Millionen angesichts seiner Verdienste um Porsche für angemessen hält. In diesem Zusammenhang verweise ich auf etliche Berichte von Prof. Selenz, der diese Porsche-Sanierung auf Kosten von VW näher beleuchtet hat.

    So sehe und kommentiere ich Gezeter um Pisa und das Interview in der TAZ. Ich kann mir das auch erlauben, schließlich bin ich kein Wissenschaftler und bin auch nicht in einer exponierten Stellung wie Frau Allmendinger, die vom politischen Wohlwollen nicht so ganz unabhängig ist. Dafür habe ich eine Meinung, die ich völlig losgelöst von der politischen Stimmung äußere.