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Erstelldatum: 12.05.2012

Ökonomie

Ökonomie spielt im Sprachschatz eine immer wichtigere Rolle. Die offizielle Bedeutung dieses Wortes ist ganz einfach mit Wirtschaft zu übersetzen. Wirtschaft hingegen ist wieder das Synonym für den gesamten Warenverkehr, angefangen bei der Produktion über den Handel bis hin zum Konsum und dem damit einhergehenden Finanzverkehr. Ja, eigentlich beginnt die Ökonomie noch früher. Ihren Anfang nimmt sie mit einer innovativen Idee für die Herstellung eines vermarktbaren Produktes.

Ich bin anderer Meinung. Ökonomie ist die zunehmende Entmenschlichung, die Betrachtungsweise jeglicher Teile dieses Planeten ausschließlich nach ihrem möglichen Marktwert. Lässt sich etwas verkaufen, spielt nichts anderes mehr eine Rolle. Die Hirnwindungen können nur noch einer Spur folgen, dem Profit. Ob dabei die Lebensgrundlagen jeglicher Art Leben auf diesem Planeten zerstört werden, spielt keine Rolle. Profit ist wichtiger. Für den Profit holzt man lebensnotwendige Regenwälder ab, für den Profit verseucht man die Umwelt mit einer Vielzahl von Giften, für den Profit wird der Nahrungsbedarf erst analysiert und dann industrialisiert, angereichert mit der Beimischung jeglicher Abfallprodukte und einer Menge Giftsoffen. Pflanzenfressern mischt man Tierkadaver ins Futter, pfercht Tiere in Ställe ohne Bewegungsmöglichkeiten, schlachtet sie mit industrieller Professionalität, rein unter dem Gesichtspunkt marktfähiger Ware und nicht als Lebewesen. Böden werden mit Giften getränkt, um das Wachstum verwertbarer Pflanzen zu beschleunigen und so genanntes Unkraut auszumerzen. Die Pflanzen und Früchte werden mit Giften besprüht, um andere Lebewesen davon abzuhalten, auch am Wachstum zu partizipieren.

Menschen sind keine Menschen mehr, sondern Humankapital, nur nutzbar unter dem Gesichtspunkt der Verwertbarkeit ihrer Arbeitskraft und, das allerdings nur am Rande, des daraus erwachsenden Konsums. Für den Konsum bringt man sie mit allen möglichen Tricks dazu, die mit Giften verseuchten Produkte zu kaufen, vermag ihnen einzureden, dass sie ohne ein Produkt nicht leben können, auch dann, wenn ein Produkt völlig überflüssig für die tatsächlichen Bedürfnisse und absolut wertloser Tand ist.

Habe ich etwas vergessen? Aber sicher, vieles ist noch nicht angesprochen, weil ich mich auf eine weiteres Produkt beschränken möchte: Das Produkt "Mensch". Sie sind empört, dass ich Sie als Produkt bezeichne? Aber ich bitte Sie! Wir reden hier über Ökonomie, da muss man Gefühlsduseleien vergessen. Sie sind Humankapital, weiter nichts. Da man heute weniger Humankapital benötigt, als in vergangenen Zeiten, muss man über andere Wege der Ökonomisierung des Humankapitals nachdenken. Zum Nachdenken haben wir ja eine spezielle Spezies, den Professor. Und Professoren beschäftigen sich in zunehmenden Maße mit der Wertschöpfung, dem professoralen Ausdruck für abkassieren und ausbeuten.

Als Professor der Volkswirtschaft muss man auch an die vielen Armen im Land denken. Wie kann man sie wieder besser in den Konsum integrieren? Welche sonstigen Möglichkeiten gibt es, sie in den Wertschöpfungsprozess zu integrieren? Und wir wissen ja alle, Volkswirtschaft ist die wirtschaftstheoretische Mengenlehre eines Staates, der Verteilungsprozess. Wer hat, der nimmt, wer nichts hat, der gibt. Alte Traditionen sollte man schließlich nicht ändern.

Ein Professor der Volkswirtschaft aus Bayreuth hat da eine glänzende Idee. Ein Volk hat immer zwei Seiten. Auf der einen Seite Menschen, die dringend Geld benötigen und dafür teilweise dem Staat zur Last fallen, auf der anderen Leute, die Geld haben, teilweise mehr, als sie je verbrauchen können. Letztere habe auch Bedürfnisse, die nur schwer zu befriedigen sind. Sie finden es ungerecht, dass sie nicht oder nur unwesentlich länger leben als das Pack ohne Geld. Aber was will man machen? Die dumme Natur, in der heutigen Zeit völlig überflüssig, aber ein mitunter nur schwer überwindbarer Gegner des Prinzips der Wertschöpfung, hat es nun mal so eingerichtet, dass die inneren Organe eines Menschen früher oder später in Rente gehen, also ihren Dienst aufgeben. Das Vertrackte daran ist, dass das früher oder später dazu führt, dass ein Pietätsunternehmen seinen Teil an der Wertschöpfungskette einfordern kann. Hier setzt die brilliante Idee unseres Professors an, Wir haben so viele Leute, die doch eigentlich nur eine Last sind. Was wäre, wenn man sie ausschlachtet? Sie könnten doch, ganz der geforderten Eigenverantwortung entsprechend, noch gesunde Innereien verkaufen, so für 2.000 bis 3.000 €, und die mit Geld lassen dann dieses Organ gegen ihr in Rente gegangenes Organ austauschen, zahlen dafür so 200.000 bis 300.000 € und schon ist die Welt wieder, wie sie sein soll und irgendjemand hat sogar ein wenig Profit gemacht; pardon, Wert geschöpft.

Ist schon makaber, was ich hier schreibe. Aber unser Professor ist keine fiktive, sondern eine höchst reale Gestalt. Er hat auch einen Namen: Er heißt Peter Oberender; pardon Prof. Dr. Dr. h. c. Peter Oberender, hat einen Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre IV - Mikroökonomie an der Uni Bayreuth, war bis 2006 Dekan der Rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Uni Bayreuth, war Mitglied des Wissenschaftsrates, in dessen Arbeitsgruppe "Public Private Partnership in der Hochschulmedizin" er immer noch Vorsitzender ist, ist auch Mitglied der Bayerischen Bioethik-Kommission, stellvertretender Vorsitzender des Bundesschiedsamtes für die vertragsärztliche Versorgung und Vorsitzender des Bundesschiedsamtes für die zahntechnische Versorgung und betreibt nebenher noch ein Beratungsunternehmen für medizinische Forschung (Obermann & Partner), dass im Gesundheitswesen einen enormen Wachstumsmarkt sieht. Wie es sich für einen Mann mit der Reputation eines Prof. Dr. Dr. h. c. Peter Oberender gehört, ist er auch DER Gesundheitsexperte der INSM, was aber aufgrund der Bescheidenheit der INSM bei seinen Expertenaussagen nicht publiziert wird.

Dieser freundliche und geleerte Professor (kein Schreibfehler, sondern meine Interpretation von Menschen ohne Menschlichkeit, den geborenen Ökonomen) hatte die innovative Idee, den in Deutschland verbotenen Organhandel solle man doch zulassen. Das gäbe bspw. ALG II-Empfängern die Möglichkeit, durch Verkauf einer Niere ihre Finanzen ein wenig aufzustocken. Auf Telepolis hat man diesen Grundgedanken aufgenommen und mal in die rauhe Wirklichkeit übertragen.

Zwar gilt Oberender mit seinen Thesen als einer Minderheit angehörig, aber das wird ihn nicht weiter stören, ist doch seine Klientel, die Leute mit viel Geld, auch eine Minderheit und hat dennoch das Sagen. Mit seiner Beratungsfirma berät er vor allem private Kliniken, aber auch kirchliche Krankeneinrichtungen. Aus meiner Sicht ist Prof. Oberender einer der Prototypen, der noch in gesteigertem Maße für das eintritt, was Prof. Klaus Döner bereits 2002 im deutschen Ärzteblatt treffend beklagt hat, als er die Zielrichtung des Gesundheitswesens mit Blick auf Privatisierung und Ökonomisierung anklagend in Worte fasste:

    Der Wettbewerb zwingt zur Erschließung neuer Märkte. Das Ziel muss die Umwandlung aller Gesunden in Kranke sein, also in Menschen, die sich möglichst lebenslang sowohl chemisch-physikalisch als auch psychisch für von Experten therapeutisch, rehabilitativ und präventiv manipulierungsbedürftig halten, um „gesund leben“ zu können.

Das System solcher Forderungen wie die von Oberender wird im immer gleichen Schema in die Diskussion gebracht. Man beklagt die Zustände in anderen Ländern, wie bspw. verbrecherische Organentnahmen wegen eines florierenden Schwarzmarktes im Organhandel und beteuert den rein ethischen Hintergrund der eigenen Empfehlungen, mit dem man auch dem verbrecherischen Treiben in der Dritten Welt ein Ende bereiten könnte. Den Rest besorgt dann die Presse, die Diskussionen darüber entfacht und selbst bei scheinbar empörter Gegenposition Begrifflichkeiten verwendet, die geradezu Werbung für eine solche Ungeheuerlichkeit ist.

Vor wenigen Tagen ist im Fernsehen der Film "Die Insel" als Wiederholung gezeigt worden. Ich kann mich erinnern, dass dieser Film eine ähnliche Problematik darstellte, allerdings in ziemlich reißerischer Aufmachung. Als dieser Film erstmalig ausgestrahlt wurde, war das Thema des Klonens hochaktuell. Dieses Thema hat noch nichts von seiner Brisanz verloren, denn noch vor kurzer Zeit berichtete die Presse darüber, dass in Großbritannien das Unterhaus der Züchtung von Schimären (eine Mischung aus Mensch und Tier) zugestimmt hat, natürlich nur zum Wohle der Menschen. Der Vorschlag von Oberender erscheint da schon fast moralisch. Die Zahl der Armen nimmt doch zu, warum das Klonen oder gar die Züchtung von Schimären? Arme auszuschlachten ist doch einfacher und effizienter, vor allem aber billiger. Nach einer Zeit der Eingewöhnung wird dann bei all jenen, die noch auf der Sonnenseite leben, die Frage aufkommen: "Warum nicht? Mir nützt es und die anderen sind ohnehin nutzlos!"

Noch mag das vielen als rein akademische Diskussion vorkommen. Doch so manche ehemals akademische Diskussion ist heute harte Wirklichkeit. Sobald Profit erwartet werden kann, wird es Leute mit viel Macht und Einfluss geben, die diesen Profit wollen und sie werden es mit hehren Worten begleiten, von hehren Idealen sprechen wie z. B. dem Recht auf Leben. Und sie werden die Konsequenzen und Risiken für die Betroffenen herunter spielen. Außerdem, man kann einen Wachstumsmarkt doch nicht einfach ignorieren, gerade in der heutigen, ach so schwierigen Zeit. Und eine Mehrheit wird das tun, was sie immer tut. Sie schweigt, begreift einfach nicht, dass solche Auswüchse bereits mit den Eugenik-Programmen der Vergangenheit begonnen haben und diese Eugenikprogramme weltweit fortgesetzt werden, nur unter anderem Namen und, wie immer, zum Wohle der Menschheit. Das Wohl der Menschheit, so ist mein Eindruck, liegt aber offenbar ausschließlich im steigenden Profit einiger weniger. Wertschöpfung eben, das Zauberwort der Ökonomie. Gesundheit ist dabei nicht als erstrebenswertes Gut, sondern als Produkt zu sehen und soll wie bei vielen Produkten ein Quell nie versiegender Profite sein, begrenzte Linderung verschaffend, aber Heilung ausklammernd. Gesunde sind eine Profit- und damit Wachstumsbremse.

Anfangs sagte ich, Ökonomie sei gleich Wirtschaft, doch aus meiner Sicht stimmt das nicht. Wirtschaft ist ein unverzichtbarer Teil der Gesellschaften. Handel, Produktion, Konsum, Arbeit, das sind die Elemente der Wirtschaft, die ein Zusammenleben erst ermöglichen. Aber Ökonomie scheint mir die erweiterte und pervertierte Form der Wirtschaft zu sein, einer Wirtschaft, die Ethik und Moral aus den Augen verloren hat. Die Wirtschaft nur noch unter der Prämisse steigender Profite sieht und Teilhabe dabei völlig ausklammert. Ökonomen, so scheint mir, sind Leute, die selbst keinerlei Werte zu schaffen vermögen, weil sie sich darauf spezialisiert haben, sich die von anderen geschaffenen Werte anzueignen und die Schaffenden dabei rigoros auszubeuten, maßgeblich unterstützt von den Medien und der Politik.