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Erstelldatum: 16.01.2006

Professoren

Zwei Ochsen unterhalten sich über Handball: "Ich würde den Würfel mit dem Hinterlauf mit voller Wucht über das Netz treten", erzählt der eine.

Völliger Schwachsinn, meinen Sie? Natürlich haben Sie absolut Recht. Ochsen haben keine Ahnung vom Handball. Aber es passiert Ähnliches fast täglich in Deutschland. Sie glauben mir nicht? Dann lesen Sie einmal den Bericht in Neues Deutschland über die Tagung der Heinrich Böll-Stiftung. Nur noch das halbe ALG II

Dort können Sie unter anderem lesen, wie Professoren über Niedriglöhne und Hartz IV-Empfänger reden. So steht dort: Viktor Steiner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wiederholte seinen Vorschlag zur Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe: Halbierung der jetzt gültigen Beträge.

Nun frage ich Sie, welcher Unterschied besteht denn zu dem von mir produzierten Schwachsinn? Steiner ist Professor für Volkswirtschaftslehre und empirische Wirtschaftsforschung an der freien Universität in Berlin, Leiter der Abteilung Staat am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und auch Research Fellow am Forschungsinstitut für die Zukunft der Arbeit (IZA), Bonn. Studiert hat er in Linz und Wien, habilitiert 2001 in den Fächern Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/Main.

Liest man diese Informationen, kommt einem der Verdacht, dass Österreich seine zerstörerischen Elemente alle nach Deutschland abschiebt. Doch nun meine Frage: Was verstehen sehr gut bezahlte Professoren mit einer Menge Nebeneinkünften aus Vorträgen, Expertisen und anderen Tätigkeiten für die Wirtschaft denn eigentlich von Niedriglohnbereichen oder von den Lebensumständen eines Hartz IV-Empfängers? Ich meine, nicht mehr, als Ochsen vom Handball. Der gravierende Unterschied ist, kein Handballverein würde einen Ochsen als Trainer oder Experten engagieren. Das sieht in der Politik ganz anders aus. Da sind die Experten nur Leute, die noch nie mit der Frage des Existenzminimums real konfrontiert waren. Da entscheiden Leute über riesige Menschenmengen und finden einen Monatssatz zum Leben für einen Monat zu hoch, der in etwa dem Stundensatz für Arbeiten von ihnen selbst entspricht. Sie sind sogar der Meinung, man könne diesen Satz getrost halbieren, um Anreize zur Arbeit zu schaffen.

Für diese Menschen ist das Ganze ein Rechenexempel, bei welchem sie völlig ignorieren, dass dahinter menschliche Schicksale stehen. Sie scheinen unfähig zu sein, rein mathematische Vorstellungen auch nur ansatzweise mit der Realität zu verknüpfen, das deuten die Aussagen über "Anreize zur Arbeit" an, denn anderenfalls müssten sie wissen, dass das Angebot an Arbeitsplätzen gleich Null ist. Eigentlich sollten sie als Volkswirtschaftler und empirische Wirtschaftsforscher mit den Daten der statistischen Arbeitsmarktlage vertraut sein und somit auch wissen, dass die statistischen Zahlen durch Verfälschung der zugrunde liegenden Basisdaten eine Fälschung sind, nur zu dem Zweck veröffentlicht, die Unruhe in der Bevölkerung nicht zu sehr zu entfachen.

Also muss ich fragen, sind diese Art Professoren Leute ohne Ahnung über die bestehende Realität, oder sind sie skrupellose Apologeten einer neoliberal ausgerichteten Politik, die zur Bedienung von Profitinteressen ohne jede Rücksicht Menschen in Armut stürzen und sich dafür auch noch aus Steuermitteln bezahlen lassen?

Viktor Steiner mag Ihnen ja vielleicht weniger bekannt sein, aber einen anderen kennen Sie bestimmt: "Bernd Rürup", nach wessen Willen auch immer Vorsitzender des Sachverständigenrats, besser unter der Bezeichnung Wirtschaftsweise bekannt.

Wirtschaftsweise, dass sind die Leute, die jedes Jahr zwei Wirtschaftsprognosen abgeben, die allerdings nie stimmen. Und Rürup ist der Professor, der eine Halbjahresprognose nicht hinbekommt, aber für die Rente eine 50-Jahres-Prognose abgegeben hat, die von Politik und Presse wie ein Gebetbuch behandelt wird: Man bekommt sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vorgebetet. Und eben dieser Professor hat sich wieder zu Wort gemeldet. Diesmal ist die Krankenversicherung dran.

"Wir müssen die Gesundheitskosten wegen der fortschreitenden Alterung und der Globalisierung von den Arbeitskosten und damit von den Löhnen abkoppeln", forderte Bert Rürup in der "Rheinischen Post".

Im Spiegel war zu lesen:
Der Vorsitzende des Wirtschafts-Sachverständigenrats, Bert Rürup, hat sich noch einmal für eine grundsätzliche Neuordnung des Prämiensystems der Krankenversicherung ausgesprochen. Die kostenlose Mitversicherung von Ehegatten soll es seinem Modell zufolge nicht mehr geben.

Mit seinen Aussagen über den demographischen Faktor hat er dafür gesorgt, dass den Alten die Renten indirekt gekürzt wurden, dass sie seither Nullrunden bei der Rentenanpassung hinnehmen müssen, dass inzwischen das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre angehoben wird, alles wegen der angeblich dramatischen Alterung der Gesellschaft. Allerdings fehlen in seiner Altersprognose eine Menge Details. Es fehlt der Hinweis, dass die Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung vor allem dem Umstand zu verdanken ist, dass die Säuglings- und Kindersterblichkeit drastisch reduziert und auch die Sterblichkeit durch Unfälle, am Arbeitsplatz und im Verkehr erheblich gesenkt wurde. Er macht auch keine Differenzierungen in der Sterberate bei den sozialen Schichten, dabei wäre der Vergleich, wie alt Wirtschaftsweise im Verhältnis zu einem Bauarbeiter werden, doch sicher aufschlussreich. Dafür kam seine Aussage und die daraus resultierenden Maßnahmen zu einer Zeit, als es mehr arbeitsfähige Menschen gab als je zuvor in der Geschichte Deutschlands, aber auch mehr Arbeitslose, als je zuvor, denn wenn man mal die gefälschten Statistiken außer Acht lässt und die reale Zahl der Arbeitslosen nimmt, hatten wir 2004 mehr Arbeitslose als 1933. Doch auf solche Tatsachen lässt sich Herr Rürup nicht ein.

Jetzt die Gesundheitskosten mit der fortschreitenden Alterung in Zusammenhang zu bringen, ist derart dumm, oder doch eher unverfroren, dass sich mir die Letzten noch vorhandenen Haare sträuben. Seit jeher zahlen in die Krankenversicherung alle ein, sogar die BA für die Arbeitslosen. Wer nicht zahlt, bekommt keine Behandlung. Lediglich bei Familien waren die nicht arbeitenden Ehefrauen und die Kinder kostenfrei in den gesetzlichen Kassen mitversichert. Auch Rentner zahlen in die Krankenkasse, eben so viel wie Arbeitnehmer, obwohl sie keinen Anspruch auf Krankengeld haben. Haben die Ehepartner von Rentnern eine eigene Rente, dann zahlen sie ebenfalls von dieser Rente Versicherungsbeiträge. Die Globalisierung hat keinerlei Einfluss auf dieses Geschehen. Wer arbeitet, zahlt, wer arbeitslos ist, für den zahlt die BA. Da aber nach den Aussagen von Rürup die Zahl der Neugeborenen stagniert und die Zahl der Scheidungen steigt, nimmt die Zahl der Mitversicherten ständig ab.

Prof. Rürup arbeitet mit altbekannten Schlagworten auf ein bestimmtes Ziel hin, die Privatisierung der Krankenversicherung. Er scheint überzeugt zu sein, dass die Mehrheit der Bevölkerung zu dumm ist, seine Scheinargumente zu durchschauen. In seiner Argumentation fehlen Fakten vollkommen, z. B. der Umstand, dass 2005 die Ausgaben für Arzneimittel um 23 Milliarden zugenommen haben, gleichzeitig aber die Verschreibungen rückläufig waren. Aber bei Problemen der Kassen einmal den Hebel bei den Pharmakonzernen oder den Apotheken anzusetzen, so etwas kommt in den Ausführungen des Professors nicht vor. Kein Wunder, gehören doch die privaten Versicherungskonzerne zu seinen Auftraggebern für seine vielfältigen Nebentätigkeiten.

Wenn ich dann alles genau betrachte, dann ist mein Beispiel mit den Ochsen doch falsch. Die Herren Professoren lassen sich zwar aus Steuergeldern bezahlen und nicht einmal schlecht, aber der größte Teil ihres Einkommens scheint mir aus den Industrieverbänden zu kommen, dafür, dass sie bewusst verfälschte Informationen über Presse und Medien verbreiten, in dem Bewusstsein, dass ein großer Teil der Bevölkerung dem Wahn unterliegt, dass Professoren nur Kluges und Wahres sagen. Aber die Professoren, die das tun, werden weder von der Presse noch von der Politik gehört.

Mir stellt sich dann die Frage: Ist jemand, der als so genannter Experte wider besseres Wissen Falsches aussagt, nicht eigentlich ein Betrüger?