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Ein Ring durch die Nase

Als Kind hat mich ein Anblick fasziniert, den ich nie mehr vergessen habe. Ein junger Mann, fast noch ein Kind, trottete über einen Feldweg in einer ländlichen Gegend. In seiner Hand hielt er einen Holzstab, an dessen Ende ein Haken befestigt war, eingehakt in einen Ring, den der hinter ihm hertrottende Bulle durch die Nase hatte. Ein Bulle, dessen Anblick mir einen Schauer über den Rücken jagte, ein Berg von Muskeln, strotzende Kraft.

Lammfromm trottete er hinter einem Bürschchen her, das er mit Leichtigkeit hätte auf die Hörner nehmen können. Lammfromm folgte er ihm auf den Schlachthof, immer darauf achtend, dass der Schmerz, den der Ring in der Nase ihm verursachen konnte, ausblieb. Schon eine Stunde später hing er, säuberlich in zwei Hälften geteilt, Haut, Eingeweide und der Kopf in verschiednen Bottichen untergebracht, an Fleischerhaken im Schlachthof des kleinen Stadtchens.

Ich weiß das, weil ich mit meinen zwei Spielgefährten dem Knecht gefolgt war. Damals störte sich niemand daran, wenn ein paar Kinder sich den Schlachtbetrieb ansahen.

Sie fragen sich jetzt sicher, warum ich das so detailliert schildere. Es liegt wohl daran, dass ich heute Menschen sehe, viele Menschen und alle haben einen Ring durch die Nase. Kein echter Ring, nur symbolisch. Auf diesem Ring steht in großen Lettern: "Arbeit".

   

An diesem Ring werden sie dirigiert. Nicht von einem Knecht! Nein, von Abteilungsleitern, Geschäftsführern, Vorstandsmitgliedern, Unternehmern, Politikern und auch Gewerkschaftern (Aber sind das nicht letztendlich auch nur Knechte?). Es ist der Ring in der Nase, der sie willig folgen lässt. Wenn sich dann mal welche von diesem Ring gelöst haben, kommen Gewerkschafter und Betriebsräte und haken sie wieder ein, wie man gerade so schön bei Opel sehen konnte.

Kaum wieder am Haken, beginnt die Auswahl derer, die zum Schlachthof geführt werden. Ja, natürlich, es heißt nicht Schlachthof, sondern Auffanggesellschaft. Aber 90% derer, die dort landen, werden geschlachtet, nur noch nicht am gleichen Tag.

Spricht man dann von Rindviech zu Rindviech, wie denn die gleichzeitig vom Bauern (General Motors) geforderte wöchentliche Mehrarbeit aufgenommen wird, dann hört man:

Ja, ich arbeite auch 40 oder 42 Stunden, wenn ich nur meinen Job behalte. Ja, auch ohne Vergütung.

Man ist ja ein Rindviech, als solches muss man nicht denken. So wird auch nicht gerechnet, dass 4 bis 5 Stunden Mehrarbeit pro Mann dafür sorgen, dass weitere Rindviecher zur Schlachtbank geführt werden können und das Rindviech, dass gerade noch gesagt hat: "Ja, Hauptsache ich behalte meinen Job!", ist vielleicht eines der Rindviecher, die jetzt zur Schlachtbank geführt werden.

Aber die haben doch gesagt, die Mehrarbeit schafft Arbeitsplätze

Stimmt. Sie haben Euch auch erzählt, wie das gehen soll:

  1. Die unbezahlte Mehrarbeit sorgt dafür, dass mehr und billiger produziert werden kann.
  2. Damit werden die Unternehmen konkurrenzfähig.
  3. Sie stellen neue Mitarbeiter ein, um noch mehr zu produzieren.

Nur eines erzählt Euch keiner: Wer soll diese Mehrproduktion kaufen?

  • Der Arbeitnehmer, der nicht mehr Geld als vorher in den Taschen hat?
  • Der Arbeitslose, dem jetzt mit Hartz die Bezüge drastisch gekürzt werden?
  • Der Rentner, der mit Nullrunde, vollem Pflegeversicherungsbeitrag und vollem Krankenkassenbeitrag auf die Zusatzrente auch weniger Geld in der Tasche hat?

Tatsächlich funktioniert der Kreislauf so: Güter werden produziert und zum Verkauf angeboten. Für das Gut muss aber ein Markt vorhanden sein. Fehlt der Markt, weil entweder jeder das Gut besitzt und derzeit nicht neu anschaffen will, oder das Geld für die Anschaffung fehlt, dann wird die Produktion eingeschränkt. Wird die Produktion eingeschränkt, werden weniger Mitarbeiter für die Herstellung des Produkts benötigt. Man muss sie also entlassen. Es ist ein leicht verständlicher und jedem bekannter Prozess, trotzdem reagiert jeder so, wie es die Politik und Unternehmer wollen, wenn Schröder, Clement oder gar Rogowski oder Hundt ihnen etwas von zwingend notwendigen und alternativlosen Maßnahmen erzählen. Warum? Weil nicht der Verstand unser Handeln bestimmt, sondern der Ring durch die Nase.

Vergessen, dass bereits seit 20 Jahren mit der gleichen Argumentation den Unternehmern Steuergeschenke in unvorstellbarem Ausmaß gemacht werden. Das funktioniert nur, weil wir fremdgesteuert werden, mit einem virtuellen Ring durch die Nase. Führt man welche von uns zur Schlachtbank, schauen wir weg und sagen: "Welche ein Glück, es hat wieder einen anderen erwischt." Ja, welche ein Glück, dass es immer die anderen erwischt. Das denkt auch Ihr Kollege, wenn es Sie erwischt hat. Sie wissen es dann besser. Sie wissen dann: Es kann jeden erwischen!

Wir haben die Kraft, das zu ändern, aber wir nutzen diese Kraft nicht. Im Gegenteil! Wir helfen, jedem Neuankömmling als erstes den Ring durch die Nase zu ziehen.

Sehen Sie, wir alle haben einen Ring durch die Nase und trotten treu und brav hinter denen her, die uns zu Schlachtbank führen, nur, um ein wenig Schmerz zu vermeiden.

Eigentlich sind wir die Starken. Ohne uns gäbe es die Reichen nicht. Wir produzieren und sie stecken die fetten Gewinne ein.

Wir sind in Wirklichkeit auch die Arbeitgeber. Wir geben unsere Arbeitskraft, unsere schöpferische Kraft. Bosse sind Arbeitnehmer. Sie nehmen unsere Arbeit. Sie produzieren nicht, sie geben nur Geld, Geld, welches sie nicht hätten, wenn wir es nicht für sie erwirtschaftet hätten. Manager sind nicht produktiv. Aber sie lassen sich von ihresgleichen feiern, wenn es ihnen wieder gelungen ist, einige Hundert, wenn nicht gar Tausende in die Arbeitslosigkeit zu stürzen, Sie lassen sich zum Manager des Jahres küren, wenn es ihnen wieder gelungen ist,, durch Erpressung den Produktiven in den Unternehmen noch mehr Produktivität abzuknöpfen und damit den ohnehin bescheiden Anteil am Produktivitätsgewinn weiter zu schmälern.

Und wir? Wir halten still. Es reicht schon die Drohung, am Ring durch die Nase kurz zu ziehen und wir folgen willig, auch zur Schlachtbank. Dabei würde es reichen, unser aller Kraft zu konzentrieren, den Stock, mit dem sie unseren Nasenring dirigieren, aus ihren Händen zu reißen und ihnen zu zeigen, dass sie nichts sind.

Alles was sie sind, sind sie durch uns. Unsere schöpferische Kraft und unserer Hände Arbeit haben erst ermöglicht, dass sie heute reich sind.

Besinnen wir uns auf unsere Kraft, friedlich und gewaltfrei. Es schmerzt, wenn mal 2 bis 3 Wochen kein Geld verdient wird, weil wir streiken. Aber die Reichen schmerzt das noch mehr, obwohl sie keinen Hunger leiden müssten. Geht wieder auf die Montagsdemos. Nicht nur die Arbeitslosen, sondern auch die Arbeitnehmer. 20 bis 30 Millionen Demonstranten jede Woche könnte niemand ignorieren.

Befreit Euch von dem Nasenring. Kapital ist nichts ohne Eure Produktivität. Entzieht ihnen Eure Produktivität und sie werden sich besinnen, dass Geld nur Papier und Metall ist. Jagt die Gewerkschaftsbosse, die sich wie Bosse verhalten, zum Teufel. Gewerkschaften wurden stark durch Leute, die für Eure Interessen eintraten, nicht durch Leute, die erst als Partei- und Kommissionsmitglieder beschließen, was sie anschließend zu bekämpfen vorgeben. Gewerkschaftsführer und Funktionäre müssen Kämpfer für Arbeitnehmerrechte sein und keine Reden schwingenden Abklatsche von Bossen.

Auf dem Börsenplatz in Frankfurt steht das Symbol der Börse als Statue, der Bulle und der Bär.

Der Bildhauer hat in der Darstellung die Kraft dieser beiden Tiergattungen hervorragend dargestellt. Doch man kann das Symbol auch anders deuten. Beide, Bulle und Bär, sind die Tiergattungen, die man vornehmlich mit einem Ring durch die Nase domestiziert. Und wenn eine Einrichtung das Symbol für ständige Manipulation ist, ist es die Börse. Sind deshalb Bulle und Bär die Symbolfiguren der Börse? Ist die Kraft, oder doch der Ring durch die Nase gemeint?