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Erstelldatum: 11.11.2010

Narren und die Narrenzeit

Heute wurde um 11:11 Uhr die Narrenzeit eröffnet. Ich weiß nicht recht, ob dieses kalendarisch festgeschriebene Ereignis heute noch seine Berechtigung hat. Wenn ich mir das letzte Jahr anschaue, dann ist die Hochburg der Narren nicht Köln, nicht Düsseldorf und auch nicht Mainz, sondern Berlin. Und dort wird die Narretei durchgängig das ganze Jahr betrieben.

Anders als die saisonalen Narren, die ihre Narretei aus eigenen Mitteln betreiben, lassen sich die Berliner Narren ihre Narreteien fürstlich entlohnen. Allerdings ist es üblich, dass sich einige der in Berlin agierenden Narren (die meisten von ihnen sind ja keine Berliner, denn dann wären sie ja vernünftige Leute) in der Narrensaison auch diesen Narrenhut aufsetzen und sich am regionalen Possenspiel zumindest durch Anwesenheit gelegentlich beteiligen, meist jedoch nur, indem sie an Fress- und Saufgelagen teilnehmen, sich darüber amüsieren, wenn auf der Bühne vor laufenden Fernsehkameras einige ihrer Narreteien durch den Kakao gezogen werden. Da scheint sie allerdings weniger der Umstand zu amüsieren, dass man ihre Narretei persifliert, sondern eher, dass der dumme Plebs sich diesen Narreteien unterwirft.

In einer Enklave bekommt dann einer der Dauernarren einen Orden, den Orden wider den tierischen Ernst und der jeweilige Kandidat nimmt ihn gerne entgegen. Es ist doch ein Zeichen, dass er ein Mensch voller Humor ist, der eigentlich nur Spaß gemacht hat, auch wenn es für die betroffenen dann zum bitteren und gar nicht lustigen Ernst wird.

Allerdings muss ich gestehen, dass die durchgängige Narrenzeit auch in der Bevölkerung weit verbreitet ist. Ein praktisches Beispiel wurde dafür gerade in den letzten Tagen geliefert. Eine jedermann bekannte Fehlbesetzung des Finanzministeriums, Wolfgang Schäuble, fühlte sich in einer Pressekonferenz im Blitzlichtgewitter der Fotoapparate und angesichts laufender Kameras bemüßigt, aller Welt zu zeigen, dass es ihm nicht nur an fachlicher, sondern auch an menschlicher Qualifikation fehlt. Er putzte seinen Pressesprecher in aller Öffentlichkeit runter, auf eine, wie ich finde, verachtenswerte Weise. Ich vermute mal, dass er der Ansicht war, dass die gesamte Bevölkerung ausschließlich aus BILD-Lesern besteht.

Man musste es nicht einmal sehen, denn in der Presse und in den anschließenden Kommentaren wurde es recht ausführlich geschildert. Als ich es dann in einem Video gesehen habe, hat mich, mehr noch als die Äußerungen von Schäuble, seine offen zur Schau gestellte Häme angewidert. Ich muss sagen, dass mir die Reaktion des Pressesprechers Offer, den Schäuble so abkanzelte, Respekt abnötigt. Er hat Schäuble seinen Job vor die Füße geworfen und ihm damit gezeigt, dass ihm Selbstachtung wichtiger ist, als dieser Job und die evtl. damit verbundenen Karriereaussichten. Imponiert hat mir auch seine Selbstdisziplin, dass er sich nicht dazu hinreißen ließ, in gleicher Weise zu antworten. Ihm war wohl, anders als Schäuble, bewusst, dass ein solches Verhalten mehr als eine Disharmonie zwischen Chef und Angestelltem ist, wenn sie in aller Öffentlichkeit ausgetragen wird. Es schadet dem Ansehen des Amtes.

Schäuble hingegen hat nachdrücklich bewiesen, dass es ihm an Führungsqualitäten mangelt. Irritiert haben mich allerdings auch einige "Lacher" von Seiten der anwesenden Presse, für die ich angesichts der offensichtlichen Peinlichkeit kein Verständnis habe.

Dass Schäuble heute überhaupt dem Finanzministerium vorsteht und zuvor als Minister dem Innenministerium, war ohnehin ein Affront von Angela Merkel gegenüber der Bevölkerung. Schäubles Rolle in der Bestechungsaffäre um den Waffenschieber Schreiber Ende der 90er Jahre, sein missglückter Versuch, seine Beteiligung zu vertuschen und auf die Schatzmeisterin der Partei abzuwälzen, hätte ihn grundsätzlich für jedes Amt zu späteren Zeiten diskreditieren müssen. Das ist völlig losgelöst von der Frage, ob damit eine persönliche Bereicherung oder "lediglich" eine gesetzwidrige Bereicherung der Partei verbunden war. Ihn dann 2005 als Innenminister zu nominieren und damit zum Chef der exekutiven Gewalt zu machen, war ein starkes Stück. Doch der Presse war das wohl gleichgültig, denn an Kritik daran in der offiziellen Presse vermag ich mich nicht zu erinnern.

Nun hat Schäuble der Allgemeinheit gezeigt, dass er nicht nur unehrlich ist, sondern dass ihm auch andere Fähigkeiten abgehen, ein Amt zu leiten. Er hat keinen Führungsstil. Eine Führungskraft hat die Aufgabe, sich bei Irritationen mit oder Fehlern von Mitarbeitern darüber NUR unter vier Augen mit den Mitarbeitern zu reden. Dazu gehört auch, die Ursache zu klären. Hier hat Schäuble ganz offensichtlich den Versuch von Offer, eine mögliche Erklärung für die Verspätung abzugeben, mit den Worten "nun reden Sie nicht " unterbrochen. Er wusste wohl, warum, denn er selbst hatte lt. Presseberichten 20 Minuten vor der Pressekonferenz noch die Anweisung gegeben, die Zahlen von 2008 noch der Pressemappe hinzuzufügen. Dass damit die rechtzeitige Verteilung der Pressemappen schon infrage gestellt war, musste er wissen.

In den Leser-Kommentaren der Presse hat mich dann erstaunt, wie viele Leute das Verhalten von Schäuble OK fanden und betonten, in der Wirtschaft ginge es ja auch so zu. Sieht man einmal davon ab, dass ein solcher Dissens in der Wirtschaft auf einen kleinen Kreis beschränkt bleibt, zeigt das lediglich, dass es auch in der Wirtschaft offenbar an Leuten mangelt, die für Führungsaufgaben geeignet sind. Und noch mehr mangelt es in der Bevölkerung offenbar an Menschen, die genügend Selbstachtung besitzen, einen solchen Affront nicht widerspruchslos hinzunehmen. Doch wem diese Selbstachtung fehlt, der ist ein Sklave und nicht mehr.

Es wäre an der Zeit, der Narrenfreiheit der Berufsnarren endlich die Grenzen aufzuzeigen. Vielleicht sind Entwicklungen wie bei Stuttgart 21 oder im Wendland erste Anzeichen dafür, dass mehr Menschen beginnen, sich Gedanken darüber zu machen, ob man der Riege der Berufsnarren weiterhin die Narrenfreiheit lässt, die sie heute in Anspruch nehmen, zum Nachteil aller. Denn eines ist gewiss, diese Narren beenden ihre Narreteien nicht am Aschermittwoch.