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Erstelldatum: 06.10.2007

Mitläufer

Am Montag, dem 1.10. stand um 23:30 Uhr bei der ARD ein Film über Inge Meisel auf dem Programm. An diese Schauspielerin erinnern sich vermutlich nur noch ältere Semester. Wie auch immer, die ARD nahm eine Programmänderung vor und brachte einen Bericht mit dem Titel: "Das Schweigen der Quandts". Erfahren habe ich davon aus der Zeitung. Das Thema ist brisant, denn es ging um die Verstrickungen und Verquickungen der Quandts mit den Nazis. Die Quandts, heute maßgeblich bei BMW und Atena im Geschäft und mit einem Familienvermögen von über 24 Milliarden die wohl mächtigste Industriefamilie, hatten damals noch nichts mit BMW am Hut. Damals war Günter Quandt der Chef der Akkumulatorenfabrik AG Afa (Varta) und sein Sohn, der 1982 verstorbene Herbert Quandt und der Mann der heutigen Familienführerin Johanna Quandt, im Vorstand des Unternehmens Varta. Die Verbindung zu den Nazis wurde durch die Heirat der ehemaligen Frau von Günter Quandt mit Goebbels intensiviert. Einen Satz fand ich in dem Bericht der Süddeutschen besonders prägnant:

    Sogar die Schwester von Magda Goebbels, früher Quandt, spricht aus dem Altersheim über die Vorgänge von einst. Sie mokiert sich beispielsweise darüber, dass Günter Quandt nach 1945 erst einmal als Verfolgter galt. "Ich habe jetzt nur noch ein Vermögen von 78 Millionen Dollar", habe er ihr gesagt.
"Nur" noch 78 Millionen Dollar. Verglichen mit dem heutigen Vermögen hört sich das fast wie eine Verarmung an. Aber wenn man bedenkt, dass der Dollar damals einen Wert von 4,20 DM hatte, relativiert sich dieser Betrag zu einem Vermögen von 327.600.000 DM und das war 1949 ein geradezu unvorstellbares Vermögen. Es kennzeichnet ein weiteres Detail, das gerne verschwiegen wird, die Konspiration amerikanischer Konzerne (siehe die Unternehmen des Rockefeller Clans mit den IG Farben) und Banken mit den Nazis. Der zunehmende Verfall der Reichsmark wurde von den Industriebossen umgangen, indem sie ihre Vermögen auf Banken in den USA deponierten (Frühzeit-Globalisierung).

Doch um ehrlich zu sein, die Verbindungen der Industriellenfamilie zu den Nazis interessierte mich weniger. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass maßgeblich die Großindustrie Hitler in Amt und Würden gebracht hat. Unternehmen wie IG Farben, Thyssen, Krupp, Deutsche Bank und etliche andere waren der Zündschlüssel für das Naziregime. Nur mit Ihrer und der Presse Hilfe konnte das Naziregime durchstarten. Sie nahmen und nehmen entscheidenden Einfluss auf die Politik und die gestaltenden Parteien. Mit großzügigen Spenden und akuter Bestechung verschaffen sie sich seit jeher ein offenes Ohr bei den Politikern. Sie finanzieren die Propaganda der Parteien vor allem in Wahlzeiten. In der Weimarer Republik wurden die Spitzen der Industriekonzerne gerne als Industriebarone bezeichnet und fühlten sich wie heute auch als die "Motoren der Wirtschaft". Meine Ansicht weicht ein wenig davon ab. Zündschlüssel, in Anlehnung an die Automobile, ist für mich der treffendere Ausdruck. Sie starten mit ihrem Geld den Motor, mehr nicht. Der Motor ist und bleibt die arbeitende und konsumierende Bevölkerung.

Erfahren habe ich von dem Bericht des NDR über die Süddeutsche und es waren die Leserkommentare, die mich zu diesem Beitrag angeregt haben. Wie üblich bei Leserkommentaren gab es empörte Stimmen und andere, die sich abwiegelnd erklärten. Letztere betonten, ohne die Mitläufer sei das Nazi-Regime nicht möglich gewesen.

Die Mitläufer waren nicht die Initiatoren, sondern die ausübenden Objekte, die dem Regime die erforderliche Dynamik verliehen. Um die Zeit zu verstehen, muss man einen Blick auf die letzten Jahre der Weimarer Republik werfen. Diese Politik der letzten Jahre der Weimarer Zeit weist starke Parallelen zu der heutigen Politik auf. Das kann man sehr gut auf den offiziellen Seiten des Deutschen historischen Museums nachlesen. Die Politik richtete sich mehr und mehr gegen das Volk und über Presse und Medien wurde von so genannten "Völkischen Verbänden", politischen Agitatoren, so genannten Staatsrechtlern und Ökonomen ein starker Staat mit repressiven und totalitären Strukturen gefordert. Das führt bei den Reichtagswahlen 1933 zu dem folgenden Ergebnis:

  • NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) 43,9 Prozent
  • SPD 18,3 Prozent
  • KPD 12,3 Prozent
  • Zentrum (Vorläufer der CDU) 11,2 Prozent
  • DNVP (Deutsch-Nationale Volkspartei) 8 Prozent
Die gleichzeitigen Wahlen zum preußischen Landtag hatten ein ähnliches Ergebnis.

Die Forderungen der Arbeitgeberverbände der Weimarer Republik unterschieden sich in nichts von denen der Heutigen. Gleiches gilt für die Experten, deren sich die Regierungen bedienten und das waren verschiedene nach dem Sturz der von Hermann Müller (SPD) geführten Koalition. Nach dem Sturz von Müller (März 1930) wurde der Zentrumspolitiker Heinrich Brüning von Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Schon Brüning und Hindenburg hatten mit Hitler im Oktober 1931 eine Unterredung, mit der sie die NSDAP in die Regierungspolitik einbinden wollten. Das klappte nicht und der General Kurt von Schleicher betrieb in der Folge den Sturz von Brüning (1932). Im Anschluss wurde auf Betreiben von Schleichers der Zentrumspolitiker Franz von Papen zum Reichskanzler ernannt. Differenzen mit seiner Partei veranlassen von Papen zum Austritt aus der Partei am 3. Juni 1932. Einen Tag später veranlasst er den Reichspräsidenten Hindenburg, den Reichstag aufzulösen und regiert nun auf Basis einer Notstandsverordnung des Reichstagspräsidenten. Im November 1932 löst Hindenburg die Regierung von Papens aufgrund eines Misstrauensvotums erneut auf und General von Schleicher wird neuer Reichskanzler. Er sollte dieses Amt nur 57 Tage bekleiden. Von Papen war an dem Sturz von Schleichers maßgeblich beteiligt. Nach vergeblichen Versuchen, die NSDAP als "Juniorpartner" für eine Regierungsbeteiligung zu gewinnen, stimmt von Papen der Bildung eines Kabinetts unter Hitler zu und wird Vizekanzler.

Repressalien, hohe Arbeitslosigkeit und eine zunehmende Verarmung haben die Bevölkerung regelrecht in die Arme der Nazis getrieben. Die politische Propaganda und die Instabilität der politischen Bühne hat ihr Teil dazu beigetragen. Was daraus entstehen würde, ahnten zu diesem Zeitpunkt nur Wenige. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass besonders der Mittelstand der nationalsozialistischen Idee besonders zugeneigt war.

Als Hitler dann an der Macht war, kam die Zeit der Mitläufer, ohne die, das ist absolut richtig, sich das Nazi-Regime nicht in dieser Form hätte entwickeln können. Aber wer waren diese Mitläufer? Das möchte ich mal aus der Sicht der heutigen Gesellschaft betrachten, so, als stände ein solches Regime nun bevor. Natürlich ist das eine rein subjektive Betrachtung.

Hitler hatte schon zuvor in der NSDAP eine starke Anhängerschaft gesammelt, die alles, was er betrieb, lautstark bejubelte. Als militärische Wehrstandsgruppen bestanden die SA und die SS bereits lange Zeit vorher, waren aber 1923 zusammen mit der NSDAP verboten worden. Erst die Regierung von Papen hob das Verbot auf. Zum Zeitpunkt der Machtübernahme durch Hitler war die SA (Sturmabteilung) eine Kampftruppe mit mehr als 60.000 Mitgliedern. Die von Himmler geführte SS (Schutzstaffel) war ursprünglich die Leibgarde Hitlers und hatte 1929 eine Stärke von 280 Mann. Himmler baute die SS bis 1933 zu einer Truppe von über 200.000 Mann aus. Eigentlich der SA untergeordnet, wurde die SS nach der Ermordung fast der gesamten Führungstruppe der SA zur dominierenden Truppe von Mordbuben unter Hitler.

Doch wo ist der Unterschied zu den heutigen Parteiengruppierungen? Bejubeln Parteimitglieder nicht auch mehrheitlich die Aktivitäten ihrer Parteien? Wird nicht heute ein Antiislamismus mit allen möglichen Mitteln incl. Lügen und Falschmeldungen politisch betrieben, wie das seit 1918 mit dem Antisemitismus betrieben wurde? Wird nicht der als Terrorismus bezeichnete Freiheitskampf im mittleren Osten in Form von religiös motiviertem Terrorismus dem Islam als Ganzes unterstellt? Ist nicht der rassistische Gedanke der Überlegenheit der Weißen nach wie vor weit verbreitet?

Es hat sich nicht viel verändert. Nach wie vor werden durch machtvolle Organisationen im Hintergrund die Fäden gesponnen und mehr oder weniger differenziert in die Politik übernommen. Lediglich ist heute sie Informationsbasis der Masse weit besser, als sie es vor 1933 war. Dennoch werden Warnungen von den meisten Menschen in den Wind geschlagen. Sie hören auf das, was die so genannten Experten mit wohl klingenden Titeln sagen, wollen Gegenteiliges gar nicht wissen, weil sie mehrheitlich daran interessiert sind, so weit wie möglich die eigenen Pfründe zu sichern. Sich mit Daten und Fakten auseinanderzusetzen ist nicht ihr Ding. Sie kritisieren die Massenaufgebote in diktatorischen Regionen, wenn darüber in den Medien lamentiert wird, schwingen aber selbst die Fahnen und mahlen sich ihre Gesichter in den Farben der Staatsflagge an, wenn zu Massenveranstaltungen geladen wird. Patriotismus auf Abruf.

Die Verbände, die Hitler unterstützten, können mit etlichen heute existierenden Stiftungen verglichen werden, die maßgeblichen Einfluss auf die Politik nehmen. Die Zielrichtung solcher Verbände unterscheidet sich nicht sonderlich von der vergangener Zeiten. Immer gibt es Böse, gegen die man mit aller Macht kämpfen muss und die Bösen sind immer die anderen. Die Ausgrenzung der Arbeitslosen und Rentner ist heute nicht anders als in der Weimarer Republik.

Doch zurück zur heutigen Gesellschaft. Käme heute ein Pendant zu Hitler an die Macht, welche Mitläufer könnte er wohl aktivieren? In erster Linie betrachte ich dabei die staatlichen Verwaltungen, die sich einem Chamäleon gleich jedem Regierungssystem anpassen. Sie agieren aufgrund von Gesetzen. Es spielt dabei keine Rolle, ob diese Gesetze Unrecht sind. Man muss nur die Arbeitsweise der BA und ARGEn betrachten. Die dort betriebenen Schikanen sind eine Übererfüllung der gesetzlichen Vorgaben. Es ist Gesetz und damit Recht. Die Handlungsweisen der Verwaltungsorgane haben etwas von Robotern an sich. Die Verwaltungsorgane der Weimarer Republik wurden nahezu nahtlos zu Verwaltungsorganen der Nazis und am Ende des Nazi-Regimes ebenso nahtlos zur Verwaltung der jungen BRD. Werfen Sie einen Blick auf die Systeme der Justiz. Glauben Sie, Hitler hätte alle Richter entlassen und durch Neue ersetzt? Wurden die Nazirichter von Adenauer nach dem Ende der Hitlerära komplett ausgetauscht? Keinesfalls. Wurden nicht auch in die neu konstituierten Parteien zahllose Mitläufer des Nazi-Regimes übernommen?

Schauen Sie heute auf die vielen Denunzianten, die anonym Anzeigen gegen Arbeitslose wegen angeblicher Schwarzarbeit, wegen eines angeblich eheähnlichen Verhältnis und aus anderen Gründen erstatten. Surfen Sie mal durch die Foren und lesen Sie die meist anonymen Beiträge, mit denen Alte und Arbeitslose diffamiert werden. Schauen Sie auf die Mehrzahl der zu Rate gezogenen Experten und deren Meinungen zu jeglichem sozialen Engagement. Schauen Sie auf die Aktivitäten von Schäuble, von Jung oder von Ulla Schmidt in Bezug auf die ständig steigenden Forderungen nach Überwachung

Mitläufer zu bekommen ist keine Schwierigkeit. Man findet sie überall. Sie haben keine eigene politische Meinung, sondern richten sich nach dem, was gerade opportun ist. So mancher in unserer Gesellschaft würde so gerne machen, wenn man ihn nur ließe und er keine "Nebenwirkungen" befürchten müsste. Ein Beispiel, diesmal aus dem Ausland, sind die Söldner, die von den USA im Irak eingesetzt werden. Immer mehr so genannte Übergriffe kommen ans Tageslicht. Zu den "Übergriffen" zählen Mord und Vergewaltigung. Sie profitieren von den terroristischen Anschlägen im Irak. Wer weiß, ob nicht etliche angeblich terroristische Anschläge auf ihr Konto gehen, um den eigenen Job zu sichern? Von dieser Sorte Mensch gibt es auch in Deutschland genügend. Niedere Instinkte müssen nur geweckt werden, dann findet man genügend Leute, die nicht vor sich selbst erschrecken, sondern diese Instinkte lustvoll ausleben. Und die Mitläufer profitieren von denen, die schweigend zuschauen.

Mitläufer, genauer gesagt Mittäter, gibt es massenhaft. Man findet sie überall, wenn man genau hinschaut. Bei einer Bevölkerung von 80 Millionen reichen 1%, die aktiv mitmachen. Dazu rund 80% einer schweigenden Masse, die eine eigene Meinung streng vermeidet und allenfalls hinter vorgehaltener Hand Kritik äußern. Sie alle sorgen dafür, dass jedes installierte System so funktioniert, wie die Machthaber es sich vorstellen. Insofern muss man die Aussage also relativieren. Nicht die Mitläufer tragen ein Unrechtssystem, sondern die schweigende Masse, die sich anpasst, gleichgültig, welches System an der Macht ist. Politiker sind dabei nicht die Machthaber, sondern auch nur Mitläufer, die um des eigenen Vorteils willen umsetzen, was die eigentlichen Machthaber, das Großkapital, von ihnen verlangt.

Das Abschlachten ganzer Bevölkerungsgruppen war keine Erfindung der Nazis. Es zieht sich durch die Geschichte wie ein roter blutiger Faden und kaum ein Land kann ausgenommen werden.