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Erstelldatum: 22.04.2007

Menschlich

Wenn ich Ihnen erzähle, dass wir Menschen unterschiedlich sind, werden Sie den Kopf schütteln und sich fragen, warum ich das überhaupt erwähne. Schließlich weiß das jeder. Wären wir das nicht, dann wären wir wie die Bienen oder Ameisen. Aber halt. Auch die sind unterschiedlich. Da gibt es die Königin, die Drohnen, die Arbeiterinnen und die Krieger. Jeder Typus hat seine bestimmte Aufgabe und erfüllt sie im Interesse der kollektiven Schwarmintelligenz. Arbeitslosigkeit kennen sie nicht und werden sie nie kennen lernen. Wäre es nicht schön, eine Biene zu sein?

Bei den Menschen gibt es Schwarze, Weiße, Rote und Gelbe. Es gibt Lange und Kurze, Dicke und Dünne, Kluge und Dumme, Fleißige und Faule, Schöne und Hässliche, Starke und Schwache, Primitive und Kultivierte und was es sonst noch für Stereotype geben mag.

Natürlich ist die Kategorisierung nicht nur sehr grob, sondern einfach falsch, abgesehen vielleicht von der aufgrund der vom Lebensraum abhängigen Pigmentierung der Haut und der Körpergröße. Es gibt sie in vielen Abstufungen und oft erkennt man bei genauerer Betrachtung, dass die Eigenschaften, die man einem Menschen zuschreibt, nicht wirklich oder nur teilweise zutreffen.

Beginnen wir bei den Klugen. Wenn jemand einen Titel hat, Doktor oder gar Professor, wird er als klug angesehen, mache sogar als Weise. Einer dieser Weisen, Wolfgang Franz, ist Inhaber eines Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim. Er hat kürzlich die Auffassung vertreten, dass ein Mindestlohn schädlich sei, ja, sogar Löhne von 3 Euro noch zu hoch seien. Würde man niedrigere Löhne zahlen, dazu den Kündigungsschutz "liberalisieren", könnte es viele neue Arbeitsplätze geben.

Ist dieser Mann nun klug oder gar weise? Er akzeptiert ohne jegliche Hemmungen seinen monatlichen Gehaltsscheck mit einer Summe, die aus meiner Sicht erheblich zu hoch ist. Er hat einen Lehrstuhl für Volkswirtschaft und verbreitet so seine abstrusen Vorstellungen an seine Studenten mit der Folge, dass etliche von ihnen seine Theorien übernehmen und später auch verbreiten. Natürlich ist er ein humaner Mensche, deshalb sollen die Niedriglöhne aus Steuermitteln aufgestockt werden. Er ist einer jener so genannten Wirtschaftsweisen, deren regelmäßige Betrachtungen der wirtschaftlichen Lage und der Prognose für die wirtschaftliche Entwicklung zwar noch nie stimmten, aber mit erheblichem Einfluss auf die Politik verbunden ist.

Ist ein Mensch klug, der Arbeitslöhne einführen will, die nicht ausreichen, die minimalsten Bedürfnisse der Betroffenen zu erfüllen? Er lehrt Volkswirtschaft, aber seine Vorschläge sind die eines Betriebswirtes, dessen einziges Bestreben der Profit der Unternehmen ist. Als Volkswirt müsste er die Schädlichkeit seiner Vorschläge für die Volkswirtschaft erkennen, denn solche Löhne bringen dem Staatswesen keine Steuern ein, sondern erfordern eine zusätzliche Alimentierung der Betroffenen aus Steuergeldern. Sie verhindern eine Konsolidierung der Sozialkassen, erhöhen aber die Profite derjenigen, die zum Steueraufkommen des Staates nur marginal beitragen. Sie reduzieren die Kaufkraft und schädigen damit den Fiskus zusätzlich. Er ist damit, so ist meine Sicht, entweder ein Büttel des Kapitals und wird entsprechend dafür geschmiert, oder er ist der Anhänger einer Wirtschaftslehre, vor über 200 Jahren unter völlig anderen Voraussetzungen als Theorie aufgestellt (Adam Smith), die von einer durch den Markt sich regelnden Verteilung des Wohlstandes auf alle ausgeht. Sollte Letzteres zutreffen, hat er nur eine Theorie auswendig gelernt und verbreitet sie weiter, ohne jeglichen eigenen Anteil, blind für die realen Ergebnisse dieser Wirtschaftstheorie, die keinen Wohlstand für alle bringt, sondern eine Verarmung der Masse zur Folge hat. Unter diesen Umständen würde ich ihn als dumm bezeichnen.

Eine Folge dieser Wirtschaftstheorie erregte in den letzten Tagen die Gemüter. Ein junger Mensch, gerade mal 20 Jahre alt, ist verhungert, in einem reichen Land wie Deutschland. Gewiss, dieser Hungertod war wohl selbst oder durch seine Mutter verschuldet, weil kein Antrag auf ALG gestellt wurde. Deshalb trifft die Behörden natürlich keine Schuld. Ist das so? Es gibt Starke und Schwache in dieser Gesellschaft. Diese Familie gehörte zu den Schwachen. Nicht (nur) körperlich, sondern vor allem psychisch. Dass sie keinen Antrag mehr auf ALG stellten, wird wohl ursächlich mit den Gepflogenheiten der ARGEn zusammenhängen. Druck ausüben gehört zu ihren Aufgaben und bei diesen Aufgaben zeigen sie, dass auch Behörden ideenreich unf kreativ sein können. Sie sind die Starken. Nicht wirklich, aber sie haben die Macht des Staates hinter sich und werden für Fehlverhalten nicht zur Rechenschaft gezogen. Die meisten Menschen können diesem Druck vielleicht noch etwas entgegensetzen, aber ein wirklich Schwacher zerbricht daran. So wie in Speyer. Dieses System ist unmenschlich, so konnte man der Presse und natürlich auch den vielen Initiativen entnehmen. Aber ich habe da meine Zweifel. Ist das wirklich unmenschlich? Ich glaube eher, dass dieses Verhalten sehr menschlich ist. Ich will versuchen, das zu erläutern.

Ein Mann hat eine Frau und zwei Kinder. Liebevoll küsst er seine Kinder und seine Frau, bevor er sich auf den Weg zur Arbeit macht. Auf der Straße grüßen ihn die Menschen freundlich, denn er ist ein netter Mensch. Am Arbeitsplatz angekommen, einem Konzentrationslager, prüft er im Spiegel erst noch einmal, ob seine SS-Uniform auch korrekt sitzt und macht sich dann an seine Arbeit. Kurze Zeit, nachdem er sich so liebevoll von seiner Familie verabschiedet hat, erschießt er kaltblütig einen Menschen wegen einer Kleinigkeit, die ihm nicht passte. Einen Menschen? Nein, denn nach gültiger Definition war der Erschossene kein Mensch. Er war Jude. Unser liebevoller Familienvater verspürt keinerlei Reue. Im Gegenteil. Er hat die Macht und lebt sie aus. Er weiß den Staatsapparat hinter sich, schickt an diesem Tag vielleicht noch Hunderte dieser Nichtmenschen, Männer, Frauen und Kinder in die Gaskammer, ohne jegliche Hemmung und ohne Schuldbewusstsein. Er ist Herr über Leben und Tod, ein Gefühl, dass ihn befriedigt, ihn berauscht.

Schaut man zurück in die Geschichte, dann erkennt man, dass das Verhalten dieses Mannes keineswegs einzigartig ist. Es ist die wahre Menschlichkeit, denn es ist die Regel. Wir kennen es aus dem Glauben, nach dem ein Gott seinen Sohn auf die Erde schickt, um mit dessen grausamen Tod die Schuld der Menschen auf sich zu nehmen, ein grausamer und phantasieloser Gott, wenn diese Geschichte stimmig wäre. Wir kennen aus der Geschichte die Fälle, in welchen Menschen gepfählt, gekreuzigt oder auf vielfältige andere Weise zu Tode gebracht wurden. Wir kennen die Geschichte der Religionen, die mit schrecklichen Kriegen und bestialischer Folter verbunden ist. Wir sehen es täglich in den Nachrichten, ob nun über den Irak, über Palästina oder, aktuell, über die Türkei. Wie heißt es noch so schön: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut." Von diesem Anspruch ist weder in der Geschichte noch in der Gegenwart etwas festzustellen. Es ist eine Geschichte der Gewalt, der Brutalität, des Hasses, der Mitleidlosigkeit und des Wegsehens.

Natürlich gibt es andere. Leute die helfen wollen und es auch tun. Ich meine nicht die Geldspender für Brot für die Welt oder sonstige Geldsammlungen. Diese dienen den Meisten nur als Alibi, damit sie sich für gute Menschen halten können. Ich meine die, die wirklich helfen, die nicht wegsehen, wenn sie Not bemerken. Aber in der Gesamtheit sind sie die Minderheit. Die Mehrheit hält sich an die Werte der realen Menschlichkeit: Diffamieren, denunzieren, heucheln, nach oben buckeln und nach unten treten, ignorieren, gierig raffen, morden, foltern, lügen und betrügen, einen großen Bogen um alles machen, was nach Not riecht, Grausamkeit usw., das sind die realen menschlichen Werte.

In der Umgebung des jungen Mannes in Speyer gab es scheinbar niemanden aus der Minderheit, denn die Not von Mutter und Sohn hätte bemerkt werden müssen. Aber die Nachbarschaft hat wohl gekonnt und oft geübt weggesehen, die Behörden haben wie üblich natürlich keine Schuld. Wenn etwas geschah, das Mutter und Sohn veranlasste, keine Lebenshilfe mehr zu beantragen. war das nicht das Verschulden der Behörde. Es waren die Dienstvorschriften. Die Behörden halten sich schließlich streng an die Gesetze. Verzweiflung zu erkennen und darauf zu reagieren, darüber steht nichts in den Dienstvorschriften und wenn man dennoch die Verzweiflung erkennt, erhöht man den Druck ein wenig. Doch in diesem Fall man hatte ja keine Ahnung. Hätte man das gewusst, hätte man ihm sicher geholfen, beispielsweise mit einem Job als Spargelstecher. Die Betroffenheit der Behörde ist reine Heuchelei. In der Realität verbucht sie den Tod eines Menschen auf der Habenseite, als statistische Senkung der Arbeitslosenzahl.

Es ist so. Zu viele Behördenmitarbeiter halten sich streng an die bestehenden Gesetze, so wie der SS-Mann im dritten Reich oder der Richter Filbinger (und mit ihm viele andere Beamte der Justiz), oder wie heute die Mitarbeiter der ARGEn. Sie legen dabei die Gesetze immer nach dem Willen der Politik aus, auch dort, wo ihnen Ermessensspielraum bleibt Und die Politik sagt heute, wenn einer einen Ein Euro Job ablehnt, werden ihm 30% der Transferleistung gestrichen, weigert er sich, eine Eingliederungsvereinbarung zu unterschreiben, wird gestrichen, ist die Wohnung ein paar Euro teurer, muss er eben raus, auch wenn billigerer Wohnraum nicht vorhanden ist usw. usf. Maßgeblich sind die Dienstvorschriften und die verleihen einem Macht, eine Macht, die viel zu Viele genießen. Erkennen sie, dass ein "Kunde" sich in dem Gesetzesdschungel nicht zurecht findet, erweitern sie oftmals die gesetzlichen Grundlagen nach eigenem Ermessen. Was unterscheidet sie denn nun wirklich von dem SS-Mann im Dritten Reich? Ich finde: "Nichts." Und das macht sie so "menschlich!" Im Sinne der realen Menschlichkeit, versteht sich.

Bei den Menschen gibt es Schwarze, Weiße, Rote und Gelbe. Es gibt Lange und Kurze, Dicke und Dünne, Kluge und Dumme, Fleißige und Faule, Schöne und Hässliche, Starke und Schwache, Primitive und Kultivierte und was es sonst noch für Stereotype geben mag. Aber wenn man genauer hinschaut, stellt man fest, dass die Schönheit oft nur die Fassade für abgrundtiefe Hässlichkeit ist, Die Klugen oft in Wirklichkeit dumm sind und nur plappern, was gerade IN ist, Starke nicht wirklich stark sind, sondern ihre Stärke auf dem System aufbaut, nicht auf echter Kraft oder auf Wertmaßstäben. Gerade die anscheinend Kultivierten offenbaren oft eine erschreckende Primitivität und die Fleißigen oft mit ihrer nahezu ununterbrochenen Betätigung nichts oder hauptsächlich Negatives leisten.

Unsere Politik wird geführt von Parteien, die im Parteinamen Wertebezeichnungen wie "sozial, christlich, demokratisch, frei" tragen und eine Politik praktizieren, in welcher vor die jeweilige Wertebezeichnung die Silbe "un" gehört, um den Wertebezeichnungen Wahrhaftigkeit zu verleihen.

Wenn wir von Menschlichkeit reden, reden wir von einem nur relativ selten vorhandenem Ideal. Wenn wir aber diese Menschlichkeit wirklich benötigen, erkennen wir, wie schwer sie zu finden ist. Suchen wir hingegen die wahre "Menschlichkeit", werden wir schnell fündig.