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Erstelldatum: 05.07.2006

Die Masche

In den USA ist es quasi Pflicht, in Deutschland war es lange Jahre verboten, wird aber nun wieder modernisiert. Ich rede vom Patriotismus. Aber was ist das? Es hat was mit dem Vaterland zu tun. Vaterland, schon wieder so ein unbestimmte Begriff, der eigentlich jede Feministin auf die Palme bringen müsste. Vaterland, das Land des Vaters? Nein, eher nicht, sondern das Land der Väter, anders gesagt, das Land, in dem man schon lange ansässig ist, das Heimatland. Wie lange, dafür gibt es keine Definition.

Heimatland, das Land in welchem man geboren wird, aufwächst, verwurzelt. Was macht aber diese Verwurzelung aus? Dazu vielleicht ein Abstecher in die vorindustrielle Zeit, die Zeit, als die Menschen noch keine Autos, keine Eisenbahn, ja nicht einmal das Fahrrad kannten. Es war die Zeit, in welcher die Menschen ihre Reisen mit der Kutsche oder dem Pferd unternahmen. Aber Reisende, das waren die Gutsituierten. Die meisten Menschen konnten sich das nicht leisten, wuchsen in der Ortschaft auf und kamen nur selten weit darüber hinaus, in der sie geboren wurden. Männer hatten am ehesten das Glück, mal eine andere Welt kennen zu lernen, erst mit dem Speer, dem Bogen oder dem Schwert in der Hand, später mit Gewehr und Haubitze. Wenn sie Glück hatten und wieder nach Hause zurückkehrten, wussten sie viel zu berichten über die Gottlosigkeit und Bösartigkeit der Feinde, über ihre seltsamen und oft abstoßenden Sitten und Gebräuche. Gottlob war man wieder daheim, bei den Lieben, in der Heimat, dort wo alles stimmte.

Wenn man bedenkt, gibt es Deutschland eigentlich noch nicht so lange, zumindest geschichtlich betrachtet. Den eigentlichen Grundstein legte kein Deutscher, sondern ein Franzose, der kleine Korporal mit der Hand in der Weste. Ich spreche von Napoleon Bonaparte. Aber erst nach dem Krieg gegen Frankreich kam es zum Großdeutschen Reich, in dem auch Gebiete waren, die heute nicht mehr zu Deutschland gehören. Nach dem ersten Weltkrieg änderten sich die Grenzen erneut und im und nach dem zweiten Weltkrieg gab es erneute Grenzverschiebungen. Deutschland in seiner heutigen Form existiert eigentlich erst seit gut 15 Jahren, seit der Wiedervereinigung.

Verbunden mit dem Begriff Heimatland und mit der patriotischen Haltung ist immer die nationale Identität verbunden. Aber man sieht, dass die Nationalität keine Konstante ist. Sie ändert sich im Lauf der Geschichte immer wieder und es kann mitunter lange dauern, bis man eine andere Nationalität anerkennt. Man kann das am Beispiel Bayerns sehen, die im Herzen Bayern geblieben sind und immer noch ein mildes Spannungsverhältnis zu den "Saupreißen" haben.

Jeder kennt diesen Teil der Geschichte, trotzdem musste er zur Klärung der Begriffe noch einmal angeführt werden. Die Verwurzelung eines Menschen mit der Heimat beruhen auf einigen Grundsäulen wie Erziehung, Gewohnheit, Sitten und Gebräuchen, Sprache. Die Erziehung, vor allem wenn schon Eltern und Großeltern in der Gegend ansässig waren, vermittelt die Standards der Heimat, angefangen bei der Sprache, über Musik, Feste, Lebensart und etliches mehr. Wir sprechen beispielsweise Deutsch. Wirklich? Fast jede Region in Deutschland verwendet umgangssprachlich Dialekte, die nur wenige Kilometer entfernt ganz anders klingen. Genau genommen müsste man sagen, der Dialekt ist die Muttersprache und Deutsch die Amtssprache. Die Amtssprache lernt man in der Schule, den Dialekt im Elternhaus und der regionalen Umgebung. Der Dialekt basiert zwar auf der Amtssprache, wird deshalb auch mit dem Begriff Plattdeutsch bezeichnet, aber wenn z. B. ein Bayer und ein Hamburger sich auf Platt zu unterhalten versuchen, ist das wie eine Unterhaltung von zwei Menschen unterschiedlicher Nationalität. Gleiches gilt für die Gebräuche, für das Liedgut, das Essen, die Art der Festlichkeiten, die Trinkgewohnheiten, alles Dinge, die sich im Laufe der Generationen in einem engen Umfeld entwickelt haben.

All das hat man von Grund auf gelernt. Es ist die gewohnte Umgebung, die Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Fremdes macht unsicher, passt nicht die Vertrautheitsschablone und treibt den Adrenalinspiegel hoch. Nicht selten sind Aggression und Misstrauen die Folge. Nicht einmal die heutige Mobilität hat das ändern können. Politisch gesehen reicht das aber nicht aus. Die Identifizierung darf nicht auf das regionale Umfeld begrenzt bleiben. Sie muss auf den Nationalstaat ausgerichtet sein, der Volksgedanke muss nicht nur geweckt, sondern auch am Leben gehalten werden. Das wird zunächst über die Schule vermittelt, über die Rechtsstruktur, über die Politik oder auch über sportliche Großveranstaltungen in jeder Ausprägung. Wie irrelevant das teilweise ist, zeigt die gerade (fast) beendete Fußball WM. Da wird eine Weltmeisterschaft ausgetragen, um zu sehen, welche Nation, zumindest für 4 Jahre, die beste Fußballmannschaft hat und die Nationalmannschaften laufen auf das Spielfeld ein, Nationalhymnen werden gespielt und viel Brimbamborium im Umfeld gestaltet. Wer das Geschehen weniger von der bewusst emotionalisierten, sondern von der kritischen Seite betrachtet, muss sich fragen, was das soll. Wir haben keine Nationalmannschaft, sie nennt sich bloß so. Was dort auf dem Rasen einläuft, ist eine hoch bezahlte Söldnertruppe, bestehend aus einer Vielzahl Protagonisten unterschiedlicher Nationalitäten. Sie spielen Fußball in Deutschland, weil dort die Bezahlung stimmt und wenn sie sich dann bei solchen Veranstaltungen engagieren, hat das mehr mit der Steigerung des eigenen Marktwertes denn mit deutschem Nationalbewusstsein zu tun.

Ein weiteres Beispiel ist das alljährliche Spektakel der Formel 1. Da wird ein Michael Schumacher in einer Identifizierungskampagne hochgepuscht. Sicher, er fährt brillant aber seine nationale Einstellung ist eher kosmopolitisch, sofern man Big Business als kosmopolitisch begreift. Er fährt für einen italienischen Rennstall, lebt in der Schweiz, weil das steuerlich günstiger ist. Warum sollte man ihn mit deutschen Interessen in Zusammenhang bringen? Er vertritt keine nationalen Interessen, sondern ausschließlich seine eigenen.

Ich sagte eingangs, Patriotismus war lange Zeit in Deutschland verboten und die nationale Identifizierung wurde bewusst mit dem Gefühl unvergänglicher kollektiver Schuld verbunden. Aber die politische Landschaft hat sich geändert. Jetzt buhlt man offensichtlich um die Rangfolge der Nationen im globalen Gesamtumfeld. Dazu gehört, dass man auch außenpolitische Interessen wieder mehr aus nationaler Sicht betrachtet. Dazu darf man zunächst den Marktführer im Machtgefüge der Welt, die USA, nicht aus den Augen verlieren. Ihm muss man sich andienen. Aber das versuchen andere auch, wie z. B. die kleine Insel Großbritannien. Während Deutschland im Irak-Krieg zu den Unwilligen zählte, zumindest in der offiziellen Version, zählte GB zu den Willigen. Das ist wie im Arbeitsleben, GB hat einen Vollzeitjob gemacht, Germany nur einen Halbzeitjob. Entsprechend fiel der Lohn aus.

Jetzt will man Big Brother beweisen, dass man bereit ist, ganz mitzuarbeiten, wenn es darum geht, anderen Ländern Kultur und Frieden westlicher Prägung beizubringen. Das ist ungefähr so, wie der hilfreiche junge Mann, der die Oma auf die andere Straßenseite geleitet, auch wenn sie dort gar nicht hin will.

Hat man das Nationalgefühl wieder geweckt, muss der Patriotismus her. Der Patriot tut alles, was für sein Land gut ist. In den USA wird Patriotismus von Kind auf gelernt, ob nun die stets erklingende Nationalhymne, mit der Schulalltag beginnt und die das abendliche Fernsehprogramm abschließt oder die vielen Zeremonien, nicht zu vergessen die vielen heroischen Filme mit den die Welt rettenden Agenten der unterschiedlichen Geheimdienste oder die allüberall präsenten Flaggen. Wer die aufgetischten Lügen über die Gefährdung der USA durch Hussein und seine Verbindung zu al Qaida nicht glauben wollte, war unpatriotisch, der schlimmste Vorwurf, den man dem Durchschnittsamerikaner machen kann. Der amerikanische Patriotismus füllt die Kasernen und lässt die Patrioten jeden Befehl ausführen, ob es nun der Abwurf einer Splitterbombe oder notfalls einer Atombombe ist, oder der Abschuss eines verbeulten Kleinwagens, dessen Insassen im Zweifelsfall Terroristen waren.

Dahin muss man in Deutschland auch wieder kommen, will man künftige Auslandseinsätze, auch Kampfeinsätze, im Auftrag der UN (einer nicht immer richtig funktionierenden Unterbehörde der USA) seinen Bürgern vermitteln. Die Kampfeinsätze können auch durchaus der Wohlstandssicherung (einiger weniger) dienen. Also, Nationalstolz und Patriotismus ist wieder "In" in Deutschland, dabei darf aber die Kollektivschuld nicht aus den Augen verlosren werden.

Damit die Menschen das auch begreifen, muss man ein wenig nachhelfen. Die Fußball WM war keine sportliche Großveranstaltung, sondern ein politisches Ereignis, intensiv und mit viel Geld vorbereitet. Schwarz Rot Gold flatterte von den Autos, Haare, Fingernägel und Fußnägel waren entsprechend eingefärbt, auf der Kleidung, aus den Gesichtern, überall leuchteten einem die Farben der nationalen Flagge entgegen. Sicher, andere Nationen machen das auch, aber die haben das auch früher schon gemacht, von den meisten Deutschen deshalb belächelt. Doch diesmal war das anders. Ganze Fanmeilen wurden eingerichtet, Polizisten hatten Rollen mit Klebefolien, die sie den Fans auf Wunsch auf die Backe, pardon, Wange klebten, Großbildschirme waren überall aufgestellt und ein Heer von Sicherheitskräften war aufgeboten. Als dann Köhler am Ende eines Spiels gefragt wurde, ob wohl dieser Patriotismus über die WM hinaus Bestand haben würde, äußerte er in bewegten Worten, das sei in den Herzen der Menschen verankert. Ich frage mich, wie viel Geld dafür aus den Leeren Kassen des Finanzministers oder den Kassen der Kommunen in die Kassen der FIFA wanderte und für das ganze Spektakel ausgegeben wurde.

Für mich ist Patriotismus eine Masche der Politik, Menschen darauf einzustimmen, jede Schweinerei zu begehen, wenn sie nur patriotisch verbrämt ist. Im ersten Weltkrieg war es die patriotische Pflicht, den Mord an dem österreichischen Thronfolger zu rächen, im zweiten Weltkrieg war es die patriotische Pflicht der Deutschen, die arische Rasse arisch zu halten und "unwertes Leben" zu vernichten. Patriotismus ist die Steigerung des Vaterlandgefühls zum vaterländischen Fanatismus, ein politisches Instrumentarium, mit dem man bei Bedarf die Masse in jeden Krieg hetzen kann.

Aus politischer Sicht ist Patriotismus ein Instrument, finanzielle Interessen und Machterweiterung durchzusetzen, nicht für das Volk, sondern für einige wenige Profiteure. Für die Allgemeinheit gilt, Patriotismus kritisch zu betrachten, kommt Vaterlandsverrat gleich. Sorry, ich bekenne mich schuldig.