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Erstelldatum: 13.09.2006

Sie und der Markt

Ohnmächtig schauen wir auf die Machenschaften der so genannten Wirtschaftselite und der Politik, aber auch auf die Praktiken der Medien und weiten Bereichen der Wissenschaft. Mit welchen Mitteln und welcher Ignoranz Leute wie Ackermann, von Pierer, Schrempp, Zetsche, Hundt, Henckel und viele viele andere die Profitgier des Kapitals bedienen und ihre Macht ausspielen.

Ohnmächtig? Keinesfalls, aber untätig und gleichgültig. Ein Beitrag im SPIEGEL hat mich dazu gebracht, diesen Beitrag zu schreiben. Dass ich dem Spiegel in diesem Fall zustimme, ist kein Wunder. Bereits 2003 habe ich den ersten Beitrag mit den gleichen Bemerkungen geschrieben und auch in späteren Beiträgen immer wieder darauf hingewiesen, dass unser Kaufverhalten Arbeitsplätze vernichtet und die Mächtigen immer mächtiger macht.

Das häufigste Argument, das ich zu hören bekam, war die Aussage: "Ich kann es mir nicht leisten, woanders zu kaufen." Das Gegenteil ist der Fall, Sie können es sich nicht leisten, bei Aldi, Lidl, Tschibo und und und ... zu kaufen. Gerade hat der Sachverständigenrat die Empfehlung ausgesprochen, die Transferleistungen für Arbeitslose um 30 % zu kürzen. Es wird nicht umgesetzt werden, zumindest nicht in dieser Höhe, aber die erpresserischen Maßnahmen werden weiter gehen. Wenn ich an einem Aldi- oder Lidl-Markt vorbei fahre, sehen ich auf den Parkplätzen jede Menge Autos stehen, keineswegs alles schrottreife Kisten.

Das hat mich auf die Idee gebracht, mal die Frage zu stellen, wie sich bei vielen Menschen die Klage: "kann ich mir nicht leisten" mit der Praxis verträgt, gelegentlich wegen einer Neuanschaffung eines benötigten und teuren Utensils zur Bank zu laufen und einen Kredit aufzunehmen, mit dem das neue Auto, der neue Fernseher und was weiß ich noch finanziert werden soll? Vielleicht gehen Sie ja auch nicht zur Bank, sondern verwenden die Hauseigenen Kredite der Autohändler oder Kaufhäuser.

In einem Beitrag aus 2004 habe ich mal vorgerechnet, wie sich Zinsen bei einem Kreditkauf auswirken. Gewiss, der Gegenstand meiner Berechnung ist ein Auto der gehobenen Mittelklasse, aber es ist nicht schwierig, es auf kleinere Autos herunter zu rechnen. Hinzu kommt, dass bei einem Barkauf mit dem Verkäufer Sonderkonditionen, also Preisnachlässe ausgehandelt werden können, was bei Kreditkauf nicht funktioniert. Da sagen Leute, ich kann es mir nicht leisten, für ein Brötchen vom Bäcker (falls er selbst backt) ein paar Cent mehr zu bezahlen, oder das etwas teurere Gemüse und Obst auf dem Markt zu bezahlen. Aber Tausende an Zinsen zusätzlich zum eigentlichen Kaufpreis sind kein Problem.

Wenn Sie heute Brötchen bei Tengelmann oder Lidl, bei Aldi oder Plus oder bei anderen Discountern kaufen, werden die oft als Eigenmarke ausgegeben und Sie sehen den Ofen, aus dem Sie knusprig kommen. Tatsächlich kommen aber die Rohlinge inzwischen teilweise aus China und haben dann eine 2-monatige Schiffsreise in gefrorenem Zustand hinter sich. Oder sie kommen aus der Bäckerei Kamps, heute zu Barilla gehörend, dem größten Europäischen Konzern für Getreideprodukte. Kamps hat 7.800 Mitarbeiter und beliefert über 23.000 Läden des Lebensmitteleinzelhandels, auch die Eigenmarken vorgenannter Supermärkte und Discounter. Nicht nur mit Brötchen, sondern mit Backwaren aller Art. Dazu gehören auch die Traditionsmarken Lieken Urkorn und Golden Toast, Gebäck, Kuchen, Salzgebäck usw. zusätzlich mit über 1.000 eigenen Backshops oder Franchise-Partner (Bäckereien mit Abnahme-Verträgen), die er beliefert. Die 7.800 Mitarbeiter sind nun nicht nur Bäcker, sondern auch Verwaltung und Vertrieb, die wohl den Löwenanteil beim Personal ausmachen. Wie viele Bäcker er beschäftigt, weiß ich nicht, aber in einem Fernsehbericht habe ich einmal die Backstraße von Kamps gesehen. Dort läuft alles vollautomatisch ab, von der Teigherstellung bis hin zum fertigen Brötchen oder Brot. Diese Backstraße wurde von nur einem Mann bedient.
Der Umsatz betrug 2005 1,21 Milliarden . Rechnen Sie mal nach, wie viele arbeitslose Bäcker solche vollautomatisierten Backbetriebe verursachen.

Bevor Sie sagen, kann ich mir nicht leisten, denken Sie mal über Ihre Kaufgewohnheiten nach. Oft sind Artikel auf dem Markt oder in einem Fachgeschäft nicht einmal teurer. Ein Beispiel: In einer Apotheke kaufe ich eine PH-neutrale Duschlotion mit Namen TENSImed. Dann sehe ich die gleiche Lotion bei Tengelmann im Regal und schaue auf den Preis. Dort ist sie fast 1 teurer, als in der (etwas außerhalb liegenden) Apotheke. Fragen Sie sich doch mal, ob Sie wirklich ein Handy brauchen, wenn Sie so knapp bei Kasse sind. Fragen Sie sich, ob Sie noch immer im Buchclub bleiben sollten, obwohl Bertelsmann einer dr größten neoliberalen Hetzer ist. Fragen Sie sich, ob nicht frisches Gemüse, Obst oder Fisch, selbst gekocht, letztendlich billiger und gesünder ist, selbst wenn Sie es auf dem Markt gekauft haben. Fragen Sie sich, ob die Wahrscheinlichkeit, Gammelfleisch zu kaufen, nicht bei den abgepackten Waren in den Supermärkten viel wahrscheinlicher ist, als die Produkte beim Fleischer um die Ecke, der zugegeben teurer ist. Aber muss es wirklich täglich Fleisch sein? Wie sieht es mit Kosmetik-Produkten aus? Lässt man sich da nicht oft durch die Werbung auf teurere Produkte (z. B. Douglas) verweisen, weil in der Werbung betont wird, dermatologisch getestet? Was sagt das aus? Wenn ein Dermatologe ein Produkt prüft und es für schlecht befindet, kann es der Hersteller dennoch mit der Behauptung auf den Markt bringen, dermatologisch getestet, ohne zu lügen. Er sagt ja nichts über das Ergebnis der Prüfung aus. Sarkastisch könnte man sagen, der heute in der Presse bekannt gewordene Fall des Geflügelfleischhändlers, der Gammelfleisch aus einem Kühlhaus geholt und wieder verkauft hat, kann mit Fug und Recht behaupten, das Fleisch sei von Lebensmittelkontrolleuren geprüft.

Wie der Spiegel sagt, wenn Sie noch arbeiten und billig kaufen, gefährden Sie Arbeitsplätze, vielleicht sogar Ihren eigenen. Wenn Sie Hartz IV-Empfänger sind, gefährden Sie die Höhe Ihrer Transferleistungen. Mit Ihrem Billigkauf, Ihren Kreditwünschen, schlicht mit Ihrem gesamten Konsumverhalten geben Sie Ihre Macht wegen ein paar lausiger Cent an die Mächtigen. Die danken Ihnen das nicht, sondern strietzen Sie, wann immer es geht.

Bedenken Sie, der viel beschworene Markt hat immer zwei Seiten, einmal den, der die Ware verkauft und einmal den, der sie kauft. Hinter dem Verkäufer steht der Produzent, der den Verkäufer beliefert. Der Käufer aber, das sind Sie. Eigentlich bestimmen Sie alleine, was verkauft wird. Wenn Sie, und mit Ihnen die anderen Käufer, ein Produkt bei einem Verkäufer nicht kaufen, werden dort Arbeitsplätze hinfällig, aber weil Sie das Produkt haben wollen und es woanders kaufen, werden dort die Arbeitsplätze geschaffen, und zwar mehr als vorher, wenn nicht wieder ein Großhändler oder Großproduzent Ihr Lieferant wird. Ob es wenige oder viele sind, das hängt davon ab, bei wem Sie kaufen, bei einem kleinen Einzelhändler, oder im Supermarkt, wo man ohne Neueinstellung gerne weitere Artikel ins Sortiment aufnimmt. Kaufen Sie beim Discounter, werden Leute wie Aldi, Lidel, Schlecker, Tengelmann usw. weitere Milliarden scheffeln, ihre Produkte an den billigsten Orten kaufen und die heimischen Arbeitsplätze gehen flöten. Hier zieht auch nicht das Argument der Armen in den Entwicklungsländern, die dann verhungern müssen. Das reden Ihnen Leute wie bei Adidas, Nike und alle ein, die dort zu Hungerlöhnen produzieren lassen. Aber wenn der große Importeur in den Ländern der dritten Welt plötzlich nicht mehr die Mengen abnimmt oder überhaupt nicht dort kauft, werden die Firmen dort plötzlich den eigenen Markt entdecken, zwangsläufig, denn verdienen wollen sie weiterhin. Dann haben aber dort die sozialen Kräfte die Möglichkeit, auch Druck auf Produzenten und Verkäufer auszuüben. Was für Produkte gilt, gilt auch für die Medien oder die Banken. Sie sind es, der die Milliarden an die großen Konzerne, die großen Banken verteilt.

Denken Sie immer daran, Die Macht verteilen immer nur Sie, nur ist Ihnen das nicht bewusst und wegen Ihrer Gleichgültigkeit und den paar scheinbar gesparten Cent kaufen Sie viel teurer ein, als Ihnen bewusst ist.