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Märchenstunde

Ehhh Mann, manchmal steht einem dat Gequatsche un Getue vor de Glotze ja echt im Hals. Am Anfang fand ich ja Big Brother voll krass, oder die Talk-Schaus, aber immer nur dat Gleiche, nee Mann, dat geht einem aufn Wecker. Also habe ich so bei mir gedacht, Mann, du has doch mal lesen gelernt, versuchet doch mal damit. Hab ich auch gemacht. Natürlich hab ich erst mal BILD gelesen, zum eingewöhnen, von wegen die großen Buchstaben. Dann hab ich da inne U-Bahnstation im Papierkorb son Fetzen Papier gefunden, weiß nich, von wat für ne Zeitung. Mann ehh, da waren überhaupt keine Bilder drin. Aber et war kein steiler Zahn aufem Bahnsteig, also hab ich mich mal durch dat Buchstabengewirr durchgehangelt. Ehhh Leute, ihr glaubtet nich, wat da stand. Aber ehrlich, Hand aufs Herz, da stand et, schwrz auf weiß, 360 Milliarden werden jedes Jahr mit Schwarzarbeit verdient. Mann o Mann, da war ich platt.

Is dat en Haufen Moos. Nee Leute, dat find ich nich richtich, wo wer doch so viele Arbeitslose haben. Aber halt, da steht et ja, dat sind die Arbeitslosen, die dat Moos neben de Stütze machen. Zum Glück hab ich letzte Woche aufem Flohmarkt en Taschenrechner gekauft, den konnt ich ja jetzt mal ausprobieren. Ich wollt doch mal wissen, wieviel Knete die Brüder so nebenbei machen. Da, wo ich wohne, gibtet nämlich ne Menge Arbeitslose und eigentlich sind die immer zuhause.

Na ja, hat en Moment gedauert, bis ich wieder raus hatte, wie man dat Ding bedient. Also hab ich erst mal überlegt, wieviel verdient denn en guter Arbeiter? Na ja, auf jeden Fall mehr wie ich, sagen wer mal so 3 Riesen im Monat? 12 Monate hat dat Jahr, also hab ich 3000 mal 12 genommen. Aha, 36000 Mäuse. Aber nee, der kricht ja auch noch Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld, also machen wer das Ganze rund un sagen 40000. Dann hab ich 360 Milliarden durch die 40000 geteilt un da haben sich meine Nackenhaare hochgestellt. Dat kann doch nich sein. 9 Millionen Leute müssen neben ihrer Stütze jedes Jahr 40000 verdienen. Da stimmt doch wat nich. Also hab ich wieder gerechnet un wieder un wieder, aber et kamm imm datselbe raus. Aber der Clement hat doch gesacht, et gibt nur 5 Millionen Arbeitslose? Also irgendwie hab ich wohl en Loch inne Murmel oder man erzählt uns hier Kokolores.

So, ab hier geht es im Normalton weiter, weil mir das zu anstrengend wird. Die Zahlen von 360 Milliarden, die an der Steuer vorbei an Schwarzarbeit geleistet werden soll, geistert immer wieder durch die Presse. Offensichtlich hat sich bisher niemand in den Redaktionen Gedanken darüber gemacht, wie viel das heruntergerechnet auf den einzelnen ist. Gehen wir von den von Clement verkündeten 5 Millionen Arbeitslosen aus, dann würde JEDER Arbeitslose neben seinem ALG I oder ALG II im Monat 6.000 € im Monat verdienen.

Ich bin ein gutgläubiger Mensch, aber so weit reicht mein Vertrauen dann doch nicht. Selbst wenn ich von 7 Millionen Arbeitslosen ausgehe, wären das für JEDEN noch 4.285,71 €. Also galt es, mal heraus zu bekommen, woher die Zahlen stammen. Das ist nicht schwer. Da gibt es im schönen Österreich (da kommen doch immer die schönen Sachen her, oder?) den Professor Schneider und der beliefert alle offiziellen Stellen mit diesen Zahlen. Aber wie macht er das? Die Adresse war schnell gefunden:

    Prof. Dr. Friedrich Schneider
    Johannes Kepler Universität Linz
    Institut für Volkswirtschaftslehre
    Altenbergerstraße 69
    A-4040 Linz-Auhof

Jetzt war ein wenig suchen angesagt und ich fand eine PPT-Präsentation, in der er erläutert, wie er zu den Zahlen kommt. Die gebe ich auszugsweise mal hier wieder:

Der Schattenwirtschaft werden im folgenden jene Tätigkeiten zugerechnet, die im Sinne der Konvention der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung eine Wertschöpfung darstellen, in den bestehenden amtlichen Statistiken aber nur zum Teil ausgewiesen werden.

Nach Angaben des deutschen Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden und des österreichischen nationalen statistischen Amtes wird ein Teil der Leistungen der Schwarzarbeit bereits in das amtlich publizierte BSP eingerechnet 1).

1) Quelle: Persönliche Diskussion mit den Leitern des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden vom 15.7.1998 und den Leitern des österreichischen nationalen statistischen Amtes vom 27.10.1998

Und jetzt wird es lustig:

Tabelle 2.1: Mögliche Arten wirtschaftlicher „Untergrundaktivitäten“
Aktivitäten
Monetäre Transaktionen
Nicht-monetäre Transaktionen
Illegale Aktivitäten
Handel mit gestohlenen Waren; Drogenhandel und –produktion; Prostitution; Glücksspiel; Schmuggel und Betrug
Tauschhandel: Drogen, gestohlene Waren, Schmuggel, etc. Herstellen oder Anbauen von Drogen für den Eigenbedarf. Diebstahl für den Eigenbedarf

 
Steuerhinterziehung
Legale Steuerumgehung
Steuerhinterziehung
Legale Steuerumgehung
Legale Aktivi-täten
Nicht-deklariertes Einkommen von Selbständigen; Nicht-deklarierte Löhne, Gehälter und Vermögen aus Arbeit von der Produktion legaler Dienstleistungen und Waren
Steuerver-günstigungen
Tauschhandel von legalen Dienst-leistungen und Waren
do-it-yourself Arbeit und Nachbar-schaftshilfe

"Ehhh Mann ehhh, de Typ hat wohl en Sprung in de Schüssel", würde unser imaginärer Freund der Eingangsschilderung wohl sagen und ich kann ihm nur voll beipflichten. Das ist für ihn (Schneider) das BSP (Bruttosozialprodukt)

Des Weiteren wird als Bezugsgröße der Bargeldumsatz herangezogen. Vermutlich mein unser Professor, dass man in Zeiten der Kredit- und Giro-Karte nicht mehr bar bezahlt. Natürlich sind die kleinen schwarzen Koffer, mit denen so mancher Politiker, Verbandspräsident und Unternehmer in die Schweiz fährt, mit drin. Dann folgen jede Menge Tabellen aber das alles erspare ich Ihnen. Ich denke, dass seine Definition der so genannten Schattenwirtschaft schon genügend Aussagen enthält, der Rest sind Querschnittsrechnungen, nach denen beispielsweise die Schwarzarbeit in der Zeit von 1996 bis 1998 22% der arbeitenden Bevölkerung betrug.

Ich begnüge mich lieber mit der Steuerklärung eines Mafiosi, der dort stehen haben müsste:
  • Rechnungen:
    • 2 kg Heroin 50.000 €
    • 5 kg Koks 123.000 €
    • Modernisierung von Einbruchswerkzeugen 40.000 €
    • Waffen: 250.000 €
  • Einnahmen:
    • Heroin Verkauf: 760.000 €
    • Koks Verkauf: 1.623.000 €
    • Einnahmen aus Einbrüchen: 900.000 €
    • Auftragsmorde: 1.725.000 €
  • Sonstige Ausgaben:
    • Ausbildungskosten Nachwuchskräfte: 1.325.000

usw, usw. Sie müssen verzeihen, aber die aufgeführten Posten sind fiktiv. Ich habe mich in letzter Zeit nicht mehr um die Marktpositionen der Mafia oder der Triaden gekümmert. Fest steht jedoch eines, die Umsätze organisierter Kriminalität liegen wirklich im dreistelligen Milliardenbereich. Nur, ob Eichel die dazu kriegt, dass sie ihre Steuerklärung wahrheitsgemäß ausfüllen, na ich weiß nicht.

Jetzt sind die mittels Steuerhinterziehung aus der BRD geschmuggelten Gelder einzubeziehen und schon kommen wir auf einen Betrag, der garantiert über 300 Milliarden liegt.

Es gibt sie, die Schwarzarbeit, aber in weitaus geringerem Maße, als uns verkündet wird. Uns wird das von Schneider entwickelte Paket der Schattenwirtschaft insgesamt als Schwarzarbeit ausgelegt und dieser Schwachsinn ist eigentlich nicht mehr zu überbieten.

Es gibt eine Dänische Studie, bei welcher 5.500 Leute befragt wurden. Ich habe diesen Beitrag nur als gescannten Zeitungsausschnitt, aber lesen Sie selbst.

Studie der dänischen Rockwell-Stiftung

Diese Studie erscheint mir weitaus seriöser, als der Zahlensalat der Prof. Schneider. Aber mit solchen Daten kann man keine Ausgrenzung betreiben. Damit kann man keine Bevölkerungsgruppe zu den Übeltätern küren, die schuld sind an der Misere des Staates, deshalb werden die Zahlen von Schneider genannt, nicht aber die Art, wie er sie zusammenschustert. Solche Zahlen sind Wasser auf den Mühlen der Arbeitgeberverbände, den INSM und der Politik, kann man doch damit von der Wirklichkeit ablenken. Das wäre bei der dänischen Erhebung nicht möglich.

Noch ein Beispiel für verlogene Meldungen: Ladendiebstahl!

Auch da werden Riesensummen genannt. Jetzt muss man zuerst unterscheiden: Wenn ein Arbeitsloser oder ein Kind aus relativ einfacher Familie was mitgehen lässt, ist das Ladendiebstahl. Macht das die Dame aus besserem Hause, also jemand, der es nicht nötig hat, ist das kein Ladendiebstahl sondern eine Krankheit, Kleptomanie genannt. Das liegt an verschiedenen Ursachen: Die Ärmste wird von ihrem Mann vernachlässigt, was bleibt ihr als, als zu klauen, damit ihr Mann sie wieder bemerkt?

Egal, wer etwas mitgehen lässt und klug genug ist, sich nicht erwischen zu lassen, schädigt damit das Unternehmen, das er beklaut. Aber ist wirklich alles geklaut, was in den Kassen fehlt? Nehmen wir als Beispiel mal Schlecker, die Drogerie Filialkette. Die Mitarbeiter arbeiten dort unter katastrophalen Bedingungen. Unbezahlte Mehrarbeit, wenn man den Job nicht verlieren will und ein miserables Gehalt. Was jetzt, wenn der- oder diejenige, die die Barcodes im Computer mit den Preisen koppelt, noch todmüde ist, weil ihr Nebenjob, den sie wegen der schlechten Bezahlung zusätzlich ausführt, bis tief in die Nacht ging. Sie vertippt sich. Aus einem Artikel für 5,99 € wird so 3,99 €. Das ist übrigens keine Seltenheit. Der Fehlbetrag summiert sich und wird unter Ladendiebstahl verbucht, weil das Geld in der Kasse fehlt. Ich könnte noch ein paar Möglichkeiten aufzählen, wie die Beträge, die als Diebstahl verbucht werden, auch ohne Diebstahl entstehen, aber ich denke, so viel Phantasie hat jeder. Fest steht, auch diese Zahlen stimmen nicht mit der Wirklichkeit überein.

Solche Veröffentlichungen haben den Zweck, ein permanentes, latentes Schuldbewusstsein zu wecken und am Leben zu halten. Bedauerlich ist, dass es erfolgreich ist. Wer macht sich schon die Mühe, mal nachzurechnen, ob das in dieser Form überhaupt stimmen kann? Es ist immer leicht verdächtigt: "Ah der ist arbeitslos? Möcht nicht wissen, was der alles nebenher verdient!" Und natürlich ist Presse und TV gerne behilflich, diese Märchen auch unters Volk zu bringen. Echte Fälle gibt es ja und darstellen muss man nur einen Fall, der Rest ist Verallgemeinerung. Hauptsache, die Märchenstunde ist erfolgreich.

Es ist das Spiel mit der Vermutung, dass jeder irgendwo eine Leiche im Keller hat. Und wenn es auch nur eine ganz kleine ist, es reicht, um sich schuldig zu fühlen. Und es reicht immer, andere zu verdächtigen, dass sie neben der "Stütze" was schwarz verdienen. Nur die, deren Keller für die Leichen nicht mehr ausreicht, die ihre Leichen in die Schweiz transportieren, die plagt keinerlei Schuldbewusstsein. Muss ja auch nicht, sie bestimmen ja, wer schuld ist und wer nicht, oder?