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Erstelldatum: 21.10.2006

Kuschen

Spätestens seit Beck wissen wir, es gibt eine Unterschicht in diesem Land. Aber es gibt ja immer noch Leute, die das nicht so ganz begriffen haben. Was bedeutet es denn für jemanden, zur Unterschicht zu gehören? Die Regeln sind einfach. Aus der im Second Hand Laden gekauften Hose oder dem dort erstandenen Rock hängt das Hemd oder die Bluse unordentlich heraus. Die Augen sind ein wenig blutunterlaufen, im Mundwinkel hängt die Kippe und in der Hand hat man eine Bierdose. Woher das Geld für Kippen und Bier kommt, oder für die Kleidung aus dem Second Hand, bleibt allerdings noch unklar. Jedenfalls steht oder sitzt man so in seiner schmuddeligen und unaufgeräumten Bude, die Tapeten hängen in Fetzen herunter und gelüftet wurde letztes Jahr Weihnachten, aber auch nur, weil die geklaute Gans verbrannt war. Der Blick ist stier auf die staatlich subventionierte Verblödungsmaschine, genannt Fernseher, gerichtet, um sich eine der von der INSM gesponserten Serien wie z. B. Marienhof oder Sabine Christiansen reinzuziehen.

Es klingelt und man nimmt automatisch eine unterwürfige Haltung an, denn es könnten ja die Kontrolleure der BA sein. Nein, es ist nur der Postbote mit einem Schreiben von der ARGE. Also schlurft man zur Nachbarin, von der man weiß, dass sie noch lesen kann und lässt sich vorlesen, was der sich besorgt um einen kümmernde Fallmanager will. Mit freundlichen Worten wird einem mitgeteilt, dass man am nächsten Montag bei der Fa. XY zu erscheinen hat, um einen Ein Euro Job anzutreten, will man nicht das Almosen um 30 % gekürzt bekommen. Da man ja unqualifiziert ist, schließlich ist man ja schon seit mehr als einem Jahr arbeitslos, bekommt man eine einfache Aufgabe zugewiesen, die Installation, Überwachung, Reparatur und Vernetzung von PC's in mehreren Schulen. Na ja, vielleicht erinnert man sich ja noch an das eine oder andere Detail aus der Zeit, als man als Netzwerk-Administrator(in) tätig war, bevor die Fa. an einen Hedge Fond verkauft wurde, die kurzerhand die halbe Belegschaft entließ, bevor sie Insolvenz anmeldete, nachdem die restliche Belegschaft nicht mehr die Kredite erwirtschaften konnte, mit denen der Kauf des Unternehmens und die Aktionärszahlungen an die Aktionäre des Hedge Fonds finanziert worden waren. Man kuscht und nimmt den Ein Euro Job mit einer Tätigkeit, für die man früher mal 5.000 und mehr als Gehalt bekam, an.

So oder so ähnlich scheinen die Vorstellungen von CDU-Politikern und wohl auch einer Menge CDU-Wähler zu sein, wenn sie von einer allgemeinen Verwahrlosung der Unterschicht sprechen. Doch vermutlich gilt diese Vorstellung auch für etliche Politiker anderer Parteien. Auch das Fernsehen bemüht sich mitunter, wenn sie die Arbeit der Hartz IV-Kontrolleure bei der Jagd zeigen, dieses Klischee zu verbreiten.

Wehe dem, der sich diesem Klischee verweigert. Diese Feststellung musste der 54-jährige Ronald W. lt. dem Wilhelmsburger Wochenblatt vom 11.10.2006 machen, den die ARGE zum Arzt schickte, einem Psychiater, wie sich dann herausstellte. Es muss ein besonders guter Psychiater gewesen sein, denn bereits nach 5 Minuten konnte er eine Neurose beim Untersuchten diagnostizieren, etwas, wofür seine Kollegen in der Regel Wochen, wenn nicht Monate brauchen. Mehr noch, bei seiner Diagnose stellte er sogar noch fest, dass der Untersuchte dennoch voll arbeitsfähig war.

Wer also nicht dem Klischee entspricht, der kann doch nicht ganz normal sein, der muss zum Psychiater, scheint die Meinung der Behörde zu sein. Ist doch unerhört und nicht normal, wenn man einem "Kunden" schreibt, dass er die Leistungen gekürzt bekommt, weil er zu wenig Bewerbungen geschrieben hätte, dann hat der das zu akzeptieren und nicht zum Gericht zu laufen. 10 Bewerbungen im Monat reichen schließlich nicht, um mit den Absagen in kurzer Zeit die Wohnung tapezieren zu können. Als man ihn dann zu einer Eingliederungsvereinbarung verpflichten wollte, in der man ihn verpflichtet, 6 Bewerbungen pro Woche zu schreiben, rennt der doch tatsächlich wieder zum Gericht und bekommt wieder Recht. Jetzt mal ehrlich, das ist doch nicht normal, oder? Also nichts wie hin zum Psychiater mit dem Kerl, am besten, man schickt dem medizinischen Dienst gleich das Formular mit der Diagnose zu.

Die "Militärberater" in diesem Krieg gegen Arbeitslose auf Seiten der Arbeitslosen waren ;
RAT & TAT im Arbeits- und Sozialrecht

RAe Dr. Rolf Geffken & Jan Bornemann
Harburger Schloßstrasse 30
21079 Hamburg
Tel. 040 7906125

Kuschen ist nicht die richtige Strategie. Aktiver Widerstand auf rechtlicher Basis, die Veröffentlichung von Behördenwillkür, Schreiben an Politiker, Hinweise auf die Zusammenhänge zwischen Vermögensverteilung, Bruttoinlandsprodukt, Lohnstückkosten und Arbeitslöhnen und die Ursachen für die Arbeitslosigkeit sollten die Strategie der imaginären Unterschicht sein. Das Internet bietet mannigfaltige Möglichkeiten, auch über Dinge, welche die Presse und die Politik verschweigt, aufzuklären und auch Vorstellungen zu entwickeln, welche Maßnahmen wirklich sinnvoll wären.

Die Frage einer Unterschicht ist immer ein Verständnisproblem. Reicht Armut aus, um einen Menschen in die Unterschicht einzuordnen? Oder ist nicht vielmehr fehlende Moral und fehlendes Verantwortungsvermögen, Gier, Korruption und kriminelle Machenschaften Indiz für eine Unterschicht, die in Villen und Palästen wohnen? Ist nicht in der Gesellschaftsschicht des gehobenen Mittelstandes und der so genannten Oberschicht eine Verwahrlosung der Geisteshaltung in Bezug auf ethische Grundsätze eingetreten?

Offener Brief

Herrn Michael Sommer, Vorsitzender DGB-Bundesvorstand,
Herrn Klaus Wiesehügel, Vorsitzender IG Bau,
Herrn Hubertus Schmoldt, Vorsitzender BCE,
Herrn Ulrich Thöne, Vorsitzender GEW,
Herrn Jürgen Peters, Vorsitzender IGM,
Herrn Franz-Josef Möllenberg, Vorsitzender NGG,
Herrn Konrad Freiberg, Vorsitzender GdP,
Herrn Norbert Hansen, Vorsitzender TRANSNET,
Herrn Frank Bsirske, Vorsitzender ver.di,

Veröffentlichung im Internet.

Sehr geehrte Herren,

obwohl die Demonstration am 21.10.2006 insgesamt als Erfolg zu werten ist, möchte ich anmerken, dass 200.000 bis 220.000 Demonstranten in fünf!!!! Großstädten für meinen persönlichen Geschmack sehr wenig sind und möchte in Richtung Gewerkschaft sagen: DAS geht besser! Ich habe gehört, dass z.B. die IG Bau ihre arbeitslosen Mitglieder (oder handelte es sich um einen Einzelfall?) nicht angeschrieben und sie zur Demo eingeladen hat, anders als die IGM, dies jedoch erst ein paar Tage vor Demobeginn. Auch hier sollte früher darauf hingewiesen werden, damit die Möglichkeit besteht, weitere Interessierte oder Betroffene zu informieren, für die Demo zu mobilisieren und die eigene Teilnahme terminlich sicherzustellen. Viele Arbeitslose, Rentner und Jugendliche, die nicht in der Gewerkschaft sind oder im Erwerbsleben stehen ohne Gewerkschaftsmitglied zu sein, fühlen sich vom Aufruf der Gewerkschaft zur Demo nicht angesprochen, weil eben keine Mitglieder. Hier hat die Gewerkschaft für die in Aussicht gestellte weitere Demo in Berlin die Chance weit mehr Betroffene als gestern zu mobilisieren, indem sie den Demoaufruf nicht nur in den Betrieben publik macht, sondern darüber hinaus die Einladung ausspricht, dass JEDER Betroffene oder Interessierte aufgerufen ist, an der Demo teilzunehmen, verbunden mit der Aussage dass auch diesmal die Reise für Nichtgewerkschaftsmitglieder kostenlos ist. Sicher ist dies mit weit mehr Kosten verbunden als nur die Mitglieder aufzufordern, aber um diese Wahnsinnsregierung mit ihrer verachtenden Sozial- und Arbeitsmarktpolitik zu stoppen oder zumindest zum Umdenken ihrer unseligen Politik zu zwingen bleibt uns nicht mehr viel Zeit. So ist es an der Gewerkschaftsführung die Kostenfrage zu überprüfen und den Nutzen für ihre Mitglieder und ganz Deutschland dem gegenüberzustellen. Des weiteren sollte die Gewerkschaftsführung darüber nachdenken, eine engere Zusammenarbeit mit Erwerbsloseninitiativen auf Bundes- bis hin zur Kommunalebene anzustreben, denn die meisten Arbeitslosen waren selbst lange Jahre erwerbstätig und teilweise auch Gewerkschaftsmitglieder und würden es dann sicherlich auch wieder werden, wenn das Vertrauen in eine starke, überzeugende und handlungsfähige Arbeitnehmerführung zunimmt.

Und wenn ein Herr Söder in ersten Reaktionen auf die Demo am 21.10. der Gewerkschaft vorwirft, sie sei das Standorthindernis in Deutschland, so ist dazu festzustellen dass Polemiker wie Söder mit seinen Äußerungen neben Pofalla und anderen zweifelsohne die Hindernisse für soziale Gerechtigkeit und inneren Frieden darstellen und somit schnellstens aus der verantwortlichen Politik entfernt werden müssen, je eher desto besser.

In diesem Sinne müssen wir weitermachen damit wir und die Gewerkschaft nicht endgültig unser Gesicht verlieren und Deutschland nicht im Chaos neoliberaler und großkapitalistischer Machenschaften versinkt, sonst: R.I.P. Deutschland.

Roland Rösch
Erwerbslosenhilfe Kronach i.G.
rolandroesch@gmx.de
22.10.2006