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Erstelldatum: 28.11.2007

Köche und mehr?

Seit der Mensch das Feuer entdeckt hat, wird auch gekocht. Weil die Steinzeitmenschen noch keine Gas- oder Elektroöfen kannten und auch kein Stahlgeschirr oder aus Jenaer Glas, mussten sie sich anders behelfen. Sie erhitzten beispielsweise Steine und warfen die heißen Steine ins Wasser, um eine Suppe zu kochen.

Heute ist das viel einfacher. Wir haben Gas- oder Elektroherde und die Mikrowelle. Selbst Leute, die keine Ahnung vom Kochen haben, müssen nicht auf eine warme Mahlzeit verzichten. Sie kaufen einfach ein Fertiggericht, schmei0en es in die Mikrowelle, fertig. In den meisten Familien kocht die Mami. Sie hat das Kochen von ihrer Mutter gelernt, durch Ausprobieren und mit Hilfe von Kochbüchern den Speiseplan erweitert und stellt in der Regel schmackhafte Nahrung auf den Tisch. Dann gibt es die gelernten Köche und unter ihnen wiederum die Spitzenköche. Spitzenköche zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht nur kochen, sondern ein Menu komponieren. Ihre Geschmacksnerven sind so ausgeprägt, dass sie selbst kleinste Nuancen der Zutaten, vor allem der Gewürze herausschmecken und harmonisch zu verbinden wissen. Das alleine reicht noch nicht. Sie müssen auch wissen, welche Konsistenz die einzelnen Komponenten benötigen, um einen optimalen Gaumengenuss hervorzubringen.

Dann gibt es noch die Kritiker, die zwar schmecken, aber nicht komponieren können. Hinzu kommen die Ernährungswissenschaftler, die uns sagen können, welche Lebensmittel besonders nahrhaft und welche besonders schädlich sind. Sie müssen ihre Ansichten gelegentlich revidieren, aus zwei möglichen Gründen.

  1. Neue Erkenntnisse der Ernährungsphysiologie haben zu neuen Erkenntnissen über die Wechselwirkung der einzelnen Wirkstoffe in den betrachteten Lebensmitteln geführt
  2. Die Lobby der Nahrungswirtschaft möchte andere Erkenntnisse im Vordergrund sehen, die zu höheren Verkaufsquoten führen. Das ist der häufigere Grund.

Warum ich Ihnen das alles erzähle, obwohl Sie das doch alles selber wissen? Weil ich Ihre Phantasie anregen möchte. Sie sollen sich etwas vorstellen.

Eine Gruppe von Leuten, aufgewachsen in einem begrenzten Umfeld, aber exzellent ausgebildet. Sie wissen über den Kaloriengehalt Bescheid, kennen die einzelnen enthaltenen Vitamine. Bei den Gewürzen kennen sie allerdings nur Salz und Pfeffer. Außerdem haben sie nie die einzelnen Zutaten aus eigener Anschauung kennen gelernt, sondern immer nur einen nicht identifizierbaren Brei vorgesetzt bekommen. Diese Leute setzen sich nun zusammen und schreiben ein Kochbuch. Mit der Zubereitung wird eine zweite Gruppe von Leuten beauftragt, die mit den Zutaten nicht immer klar kommt und serviert wird den gespannt wartenden Gästen das Essen von meist ungelernten Kellnern, die nichts schlimmes darin sehen, dass ihr Daumen oder die Krawatte in der Suppe hängt. Oft würzen sie das Gericht nach, ohne es selbst gekostet zu haben.

Ich weiß, Sie werden nun ungeduldig, denn Letzteres halten Sie für ausgemachten Schwachsinn. Doch das ist es nicht. Ich spreche hier von den Kochbüchern der Reihe SGB I bis SGB XII. Es sind die Köche der Sozialgesetzgebung, Köche, die noch nie mit den Zutaten der Arbeitswelt in Berührung gekommen sind, sondern die Zutaten ausschließlich aus theoretischer Sicht und den zielgerichteten Erzählungen von Lobbyisten kennen. Eigentlich nennt man sie nicht Köche, sondern Juristen. Die Zubereiter kennt man besser unter dem Namen Bundesagentur für Arbeit und die Kellner sind die Mitarbeiter von BA, ARGE oder Optionskommune.

Wenn Sie mir nicht glauben wollen, dann lesen Sie nur die Gesetzesänderung des 16a SGB II und die zugehörigen Ausführungsbestimmungen.

Juristen werden in ihrer Ausbildung mit Paragraphen vollgestopft, bekommen Informationen über Literatur, in der andere Juristen die Paragraphen anders auslegen, als der eigentliche Text es ausdrückt. Gehen sie dann in eine Beamtenlaufbahn und zusätzlich in eine Partei und machen dort Karriere, um schließlich im Justizministerium zu landen, dann haben wir die Gestalter von Gesetzestexten. Praktische Erfahrung außerhalb der abgehobenen Justizwelt hat kaum einer von ihnen und das ist an unserer Gesetzgebung immer wieder feststellbar.

Rekapitulieren wir! Wir haben über 7 Millionen Empfänger von ALG II. Hinzu kommen ca. 1 Million Empfänger von ALG I. Dann haben wir ca. 5 Millionen ausschließlich geringfügig Beschäftigte und noch einmal ca. die gleiche Anzahl mit mehreren Jobs, davon mindestens in einem Job geringfügig Beschäftigte.

Aufgabe der Gesetzgebung, der BA, der ARGEn und Optionskommunen ist es nun, die Arbeitslosigkeit zu verringern. Um die Gesetzeslage dafür zu erstellen, wurde zunächst eine Kommission zusammengestellt, unter der Führung von Peter Hartz, einem Mann, dessen Name gerade augenblicklich wieder in aller Munde ist, nicht gerade in einem seriösen Zusammenhang. Aber er war ja nicht alleine in der Kommission.

Unter den Mitgliedern der Hartz Kommission waren Gewerkschafter, Arbeitsmarktexperten, Unternehmer, Wissenschaftler und Ministerialbeamte. Nun ja, 2 Gewerkschafter und wenig bekannt ist, welche Positionen sie vertraten und welches Gewicht ihre Stimme hatte.

Unter den so genannten Arbeitsmarktexperten fallen die Namen McKinsey und Roland Berger besonders auf, die ja für ihr soziales Engagement hinreichend bekannt sind. McKinsey gilt schließlich als Erfinder der Tafeln und vermutlich auch als Erfinder der Foodbanken. Schließlich ist eine warme Mahlzeit in einer Suppenküche doch besser, als eine ausreichende staatliche Transferleistung. Die Lebensmittelbranche spart sich die kostenaufwendige Entsorgung nicht mehr ganz taufrischer Lebensmittel und wohlhabende Bürger haben die Möglichkeit, mit salbungsvoller Miene ihre Wohltätigkeit und ihr soziales Engagement unter Beweis zu stellen. Die Leitregeln der Tafeln stammen übrigens auch aus dem Hause McKinsey.

Auch Roland Berger (u. a. Botschafter der INSM) war durch besonderes soziales Engagement bereits einschlägig bekannt. Wie ja bekannt ist, versaut man sich mit Arbeit den ganzen Tag, weshalb die Agenturen Berger, genau wie McKinsey, bei ihren Unternehmensberatungen viel Wert darauf gelegt haben, möglichst vielen Menschen wieder ein unbeschwertes und von keiner Arbeitsverpflichtung getrübtes Leben zu ermöglichen.

Ob Unternehmensberater (Roland Berger und McKinsey) oder Konzernvorstände, sie sind eigentlich eher dafür bekannt, Menschen nicht als Menschen, sondern als "Humankapital" und vor allem als Kostenfaktoren zu betrachten, deren Entsorgung zu Lasten der Allgemeinheit betriebswirtschaftlich als Vorteil zu sehen ist, weil es der Profitmaximierung dient. Diese These vertreten auch die (in der Kommission ebenfalls vertretenen) Arbeitgeberverbände.

Welche Art Wissenschaftler bei den Regierungen der letzten Jahre Gehör finden, ist inzwischen sattsam bekannt und ich kann mir nicht vorstellen, dass die in der Kommission vertretenen Wissenschaftler da eine Ausnahme machen. Die noch vertretenen Ministerialbeamten haben ihre Ausführungsbestimmungen als Vorgabe für ihre Kommissionsaktivitäten sicherlich von Gerhard persönlich bekommen (vermute ich).

Dann kamen unsere Gesetzesköche zum Zuge. Sie schrieben aus den Zutaten der Kommission ein Kochbuch, das an Giftigkeit kaum zu überbieten ist, bar jeglicher Kenntnis über Realitäten in der Arbeitswelt. Die Sozialgesetzbücher sind so ineinander verwoben und verschachtelt, dass selbst Juristen nicht mehr so recht schlau aus den Zutaten werden. Doch nach dem Regelwerk sollen die als Fallmanager bezeichneten "persönlichen Ansprechpartner" und das übrige Personal in den ARGEn und Optionskommunen handeln und Arbeitslose vermitteln. Zu diesem Zweck hat man einen Haufen bunt zusammen gemischter Leute aus dem öffentlichen Dienst aus völlig artfremden Branchen in diese Geschäftsstellen der BA gesetzt, teilweise sogar mit befristeten Arbeitsverträgen, die nun nach diesem Regelwerk Menschen einer ihnen unbekannten Arbeitswelt auf der Basis eines undurchdringlichen Paragraphendschungels zurück in diese Arbeitswelt vermitteln sollen. Um ihrem Auftrag gerecht zu werden, müssten sie Jura, Psychologie und Sozialphilosophie studiert haben. Ich behaupte, dass höchstens ein Prozent dieser bunt gemischten Truppe die Rezeptur vielleicht ansatzweise versteht. Was sie verstehen, ist, dass sie ein Instrument der Macht an die Hand bekommen haben und ein großer Teil nutzt diese Macht gnadenlos aus, sich darauf verlassend, dass sie ja nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Mein Fazit:

Eine Kommission aus Leuten, die zum überwiegenden Teil konträre Interessen vertritt, hat Vorschläge erarbeitet, deren Hauptziel die Umwandlung des bestehenden Arbeitsmarktes in ein System von Zeitarbeit, Lohndumping und staatlich bezuschussten Mini- und Midi-Jobs war. Mehrheitlich in der Kommission waren die Vertreter der Kapitalinteressen vertreten, deren Rauschzustand ihrer liberalen Heilstheorie längst ausgeblendet hat, dass die Zerstörung des Arbeitsmarktes auch die Zerstörung des Marktes an sich zur Folge haben muss. Geschult und gewohnt, ihre Interessen so zu artikulieren, dass das Zerstörerische wie ein Heilsversprechen klingt, haben sie ein Pamphlet aus 13 Modulen zusammengestellt und mit großartigen Versprechungen an die Politik übergeben. Diese hat dann dieses Pamphlet an ihre Gesetzesköche weitergegeben, daraus ein Kochbuch zu erstellen. Diese wiederum haben dann in gewohnter Manie die gelieferten Zutaten in 12 Töpfe geworfen, ungeachtet des Umstandes, dass diese 12 Töpfe noch mit dem letzen unverdaulichen Menu gefüllt waren, es kräftig durchgerührt und mit langatmigen und sich widersprechenden Bestimmungen gewürzt, fertig waren die Gerichte mit den Namen Hartz I bis Hartz IV. Ungenießbar und ziemlich giftig, aber fertig. Jetzt noch Dilettanten für die Auslieferung (Argen und Optionskommunen) und wir wurden mit den Gesetzen für "Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" beglückt. Modern sind sie, im Sinne der Arbeiten eines Picasso. Wenn Raub und Plünderung Dienstleistungen sind, stimmt auch diese Definition.

In der Juristerei sind die Rechtsgelehrten versammelt. Dabei sollte Rechts als rechts (Richtung) und nicht als Recht (Gerechtigkeit) gesehen werden. Wie überall gibt es einige Ausnahmen, doch je höher in der Hierarchie, umso seltener sind sie zu finden. Aus der Nazizeit ist fast das gesamte Justizwesen in die neue BRD übernommen worden und im Geiste gleich geblieben. Recht und Steuerwesen haben in diesem Lande eins gemeinsam: Beide sind "undurchschaubar."