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Erstelldatum: 01.08.2006

Offener Brief an Frau Knobloch

An die Präsidentin
des Zentralrats der Juden in Deutschland
Charlotte Knobloch
Leo-Baeck-Haus
Postfach 04 02 07
10061 Berlin
Tel.: +49 ((0) 30) 28 44 56 - 0
Fax: +49 ((0) 30) 28 44 56 - 13
E-Mail: info@zentralratdjuden.de

Betr.: Solidaritätsaufruf

Sehr geehrte Frau Knobloch,

auf der Internetseite des Zentralrats rufen Sie zur Solidarität mit Israel auf. Ich bedaure, Ihnen nicht zustimmen zu können. Ich begründe das wie folgt:

Der Hinweis auf die UN-Resolution 1559 ist irrational, denn Israel hat in der Vergangenheit mehrfach UN-Resolutionen missachtet, ohne die vielen Resolutionen, die einzig am Veto der USA gescheitert sind. Man sollte nichts verlangen, was man selbst nicht bereit ist, zu tun.

Als Begründung für die brutalen Angriffe der israelischen Luft- und Seestreitkräfte wird die Entführung von 2 israelischen Soldaten durch die Hisbollah und eines Soldaten durch die Palästinenser angeführt. Gewiss, dieses Vorgehen ist illegal. Allerdings frage ich mich, was mit den vielen Tausenden in den Gefängnissen von Israel einsitzenden Gefangenen aus Palästina und dem Libanon ist, die dort seit Jahren, teils ohne richterliches Urteil einsitzen. Auch Frauen und Kinder. Sind die meisten von ihnen nicht auch auf dem Boden ihres Heimatterritoriums von israelischen Militärs gefangen genommen worden?

Der Ruf nach Auflösung der Hisbollah lässt vergessen, was eigentlich zur Gründung der Hisbollah geführt hat. Sehe ich das falsch, wenn ich behaupte, dass die jahrelange völkerrechtswidrige Besetzung im Libanon durch Israel der Anlass gewesen ist?

Zu Recht machen die Juden den Deutschen zum Vorwurf, während des Nazi-Regimes aus Feigheit weggeschaut zu haben. Jetzt verlangen Sie jedoch von uns erneut, wegzuschauen. Dazu bin ich aber nicht bereit. Israel führt einen brutalen Angriffskrieg gegen die libanesische Bevölkerung und entschuldig das damit, die Hisbollah würden sich unter der Zivilbevölkerung verstecken. Das Völkerrecht verbietet solche Angriffe und verurteilt sie als Kriegsverbrechen. Auch die Zerstörung der gesamten Infrastruktur gehört zu diesen völkerrechtswidrigen Vorgängen. Der Abschuss der Hisbollah-Raketen ist keine Entschuldigung dafür. Die Raketen sind das einzige Abwehrmittel der Hisbollah, die zudem noch weitgehend ungezielt abgeschossen werden. Man kann Sie nicht vergleichen mit der hoch technisierten Militärmaschinerie Israels, mit Streubomben, weißem Phosphor (geächtet) und den strahlenden uranummantelteten Geschossen, mit denen Israel dank den USA reichlich ausgestattet ist und sie auch tonnenweise anwendet.

Uri Avnery, der jüdische Friedensaktivist, schreibt traurig:

    Am Ende gibt es ein makabres Bild: niedliche israelische Kinder schreiben "Grüße" auf die Artilleriegranaten, die bald abgeschossen werden. Danach kann man eine Botschaft lesen: "Danke den israelischen Kindern für dieses schöne Geschenk. Dank an die Welt, die nichts tut. Unterzeichnet von den Kindern des Libanon und Palästinas." (http://www.uri-avnery.de/magazin/artikel.php?artikel=316&type=2&menuid=4&topmenu=4)

Ein Verbrechen bleibt ein Verbrechen, Es ist gleichgültig, wer es begeht, ein amerikanischer Soldat, ein Deutscher, egal ob Nazi oder nicht oder ein Israeli und jeder Deutsche, der sich nach dem Nazi-Regime geschworen hat, nicht mehr wegzuschauen, kann das, was im Libanon zurzeit geschieht, nicht anders sehen.

Mit diesem Israel kann und will ich mich nicht solidarisch erklären. Ein offensichtlich schwacher Präsident überlässt die Politik des Landes dem Militär, Menschen, für die Verhandlungen Schwäche sind und die außer Gewalt keine Sprache kennen. Verlangen Sie von uns deshalb nicht, uns mit Israel zu solidarisieren, denn mit Gewalt wollen wir uns nicht mehr solidarisieren, nie mehr.

Gert Flegelskamp