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Erstelldatum: 17.08.2007

Kinderarmut 2007

Ist es die Füllung eines Sommerlochs oder echtes Interesse, wenn die Presse plötzlich über die wachsende Kinderarmut berichtet? Heuchelei ist es auf jeden Fall, denn Kinderarmut ist kein Phänomen, sondern eine logische Folge. Vor 5 Jahren wurden von Peter Hartz und Gerhard Schröder in einem pompösen Akt die Hartz Gesetze präsentiert. Nicht nur die Übergabe war pompös. sondern auch die damit einhergehenden Prognosen. Sie wurden in der Vergangenheit so oft aufgeführt, dass ich es mir erspare, sie erneut anzuführen.

Dass durch die Implementierung der Hartz Gesetze die Kinderarmut steigen würde, war unübersehbar für jeden, der die Grundrechenarten beherrscht. Schließlich gab es bereits vor Hartz Kinderarmut, aufgrund der bestehenden Sozialhilfegesetze. Nur, das alte BSHG kannte den Tatbestand außergewöhnlicher Belastungen. Die Einschulung eines Kindes war damit weitaus unproblematischer, denn Geld für einen Ranzen und die weiteren Schulutensilien bekam man auf Antrag zusätzlich zur Sozialhilfe. Auch andere außergewöhnliche Belastungen, ein kaputter Kühlschrank, die Renovierung der Wohnung, ein defekter Fernseher, Kleider und Schuhe für die Kinder wurden auf Antrag zusätzlich erstattet.

Dann aber wurde der Boden aufbereitet für Hartz, von Profis, nicht von den politischen Laien im Parlament. In der Presse und im Fernsehen wurde über die Sozialbetrüger berichtet, lang und breit. Florida Rolf wurde von BILD so breit ausgewalzt, dass man mit ihm einen Fußballplatz hätte belegen können. Für die BILD-Leser ein ideales Stammtischthema, über das man sich so herrlich alterieren konnte. Die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten brachten Berichte über Sozialhilfeempfänger, die schon zwei Fernseher hatten und einen Dritten beantragten und ähnliche Vorkommnisse. Erstaunlich dabei war, dass sich die angeblichen Betrüger freiwillig vor der Kamera zeigten. Es wurden in Presse und TV Berichte über die Schwarzarbeit gebracht, Leute, die nicht arbeiten wollten, weil sie so ja "soooo viel besser dran waren." In allen Presseorganen wurde wieder betont, dass durch Schwarzarbeit 360 Milliarden am Fiskus vorbei lanciert wurden.

Diese Vorbereitung für die Einführung von Hartz machte mit der Volkseele das, was die Hausfrau mit den Frühstückeiern macht, sie brachte sie zum Kochen. Bekanntlich finden Denkprozesse ja längst nicht mehr in den Köpfen statt, sondern in den Presseagenturen und Redaktionsbüros und auch dort nur auf der Basis vorgefertigter Bauteile. Ich halte es für gut möglich, dass ein großer Teil dieser Berichte von der INSM vorfabriziert wurde, weil sie genau dem Stil entsprachen, mit dem die INSM arbeitete und bis heute arbeitet. Das Erfolgsmuster ist so genial wie simpel. Es ist wie ein Schnittmuster beim Schneider. Zeige ein Beispiel, in zwei drei Variationen und überlasse dem ungeübten Verstand des Michel den Rest. Der macht ganz von selbst ein für alle anderen dieser Gruppe gültiges Format daraus. Zwar käme er nie auf die Idee, bei einem Bericht über einen Taschendieb alle Menschen des Taschendiebstahls zu bezichtigen. Anders bei bestimmten Bevölkerungsgruppen. Das Beispiel eines Betrügers, der unberechtigt Sozialhilfe abzockt, wird für ihn zum Muster für alle Sozialhilfeempfänger. Ein Beispiel eines arbeitslosen Schwarzarbeiters und schon sind alle Arbeitslosen Schwarzarbeiter. Ein Filmbericht über einen Arbeitslosen in einer verschmutzten Wohnung mit einem Bier in der Hand, und schon sind alle Arbeitslosen faul, dreckig und versoffen.

Wüsste er, wofür man das Hirn verwenden kann und würde er es dann auch noch in diesem Sinne verwenden, müsste ihm schnell klar werden, dass es viel schwerer ist, die Behörden abzuzocken, als in BILD oder im Fernsehen dargstellt. Würde er wirklich denken und bei einer Summe von 360 Milliarden ein wenig nachrechnen, würde ihm schnell bewusst werden, dass diese Summe unmöglich mit Schwarzarbeit, so nebenher, verdient werden kann. 360 Milliarden, das wären pro Einwohner Deutschlands 4.390 , vom Neugeborenen bis zum Pflegefall im Altersheim. Würde er dann noch ein wenig weiter denken, wäre ihm klar, dass für soviel Schwarzgeld auch Arbeitgeber bereitstehen müssten und sich damit die Frage stellen, wer stärker zu verurteilen ist, der, der schwarz arbeitet oder der, der schwarz arbeiten lässt.

Doch wie gesagt, der Michel denkt nicht selbst, sondern zieht das, was er zu denken glaubt, aus der Mattscheibe oder aus der Zeitung, am liebsten BILD, denn dahinter steckt immer ein tumber Kopf. Kein Wunder, dass die Hartz Gesetze in weiten Kreisen der Bevölkerung großen Anklang fanden und selbst heute noch bei viel zu vielen Leuten finden. Meinungsmache ist nicht schwer. Die Werbung beweist es, aber bei der Werbung weiß man, bzw. glaubt zu wissen, was sie bezweckt. Anders bei Zeitungs- oder TV-Berichten und Nachrichten. Schon die Aufbereitung und die Wortwahl können manipulativen Charakter haben und zu einer unterschiedlichen Beurteilung des Inhalts führen. Aber kein Weg führt an der Erkenntnis vorbei, dass die Presse keinen Gedanken an die Folgen für die Kinder verschwendet hat, als sie von zu hohen Regelsätzen, von fehlenden Anreizen zur Aufnahme einer Arbeit und ähnlichen Schwachsinn verbreitet haben. Insofern entlarven die jetzigen Berichte über die Kinderarmut die ganze Heuchelei der Berichterstattung in den Presseorganen.

In den Köpfen vieler Menschen steckt noch immer die Vorgehensweise nach dem alten BSHG, dass die Hartz IV-Empfänger nur zum Amt gehen müssen, wenn sie etwas zusätzlich benötigen. Sie glauben auch den Berichten der BA, wenn diese verkündet, dass die Zahl der Arbeitslosen sinkt. Noch immer geistert in den Köpfen vieler Menschen das Bild vom faulen Arbeitslosen, der sich mit Hartz IV (natürlich von seinem Geld) ein schönes Leben macht. Vielleicht sitzt er gerade in seiner Stammkneipe und liest die BILD. Selbst wenn er dann lesen sollte (in BILD eher unwahrscheinlich), dass der Tagesgeldsatz für die Verpflegung von Kindern bis 14 Jahre bei 2,55 liegt, käme er zu keinem Augenblick auf den Gedanken, dass das Bier, welches er gerade schluckt, mehr kostet, als am Tag für die komplette Verpflegung eines Kindes zur Verfügung steht. Würde ich nun zu ihm gehen und ihm ins Gesicht sagen: "Du bist fauler, als es ein Arbeitsloser je sein wird, denn Du bis zu faul zum Denken", wird vermutlich die Körperkraft entscheiden, wer von uns beiden hinterher ein blaues Auge hat.

Doch es ist so. Es gibt Menschen, die sind zu faul, um zu arbeiten. Na und? Arbeit versaut ohnehin meist den Tag. Doch gerade die Faulen sind meist geistig sehr aktiv, denn um seine Faulheit ausleben zu können, muss man schon sehr gewitzt sein. Viel schlimmer sind die Fleißigen, die nach Gewohnheit leben oder anders gesagt, zu faul zum Denken sind. Letztere sind die echte Gefahr für ein Land. Sie beziehen ihr Wissen aus Presse, ihr Feindbild wird von der Presse geformt, sie jubeln Idolen zu, die eigentlich keine sind. Sie sind das, was sich jeder Politiker wünscht: Echte Untertanen.

Wenn sie heute in der Zeitung lesen, dass die Koalition etwas gegen Kinderarmut tun will, reicht ihnen (den Untertanen) schon die Überschrift des Spiegel, der Welt oder des Stern. Der kleine Satz:

    Der Kinderzuschlag ist laut Bundesagentur für Arbeit (BA) vorgesehen für Eltern mit geringem Einkommen, die in ihrem Haushalt unverheiratete Kinder unter 25 Jahre versorgen. Hartz-IV-Empfängern wird kein Kinderzuschlag gewährt
wird erst gar nicht bis in das tumbe Hirn vordringen, nicht begreifen, dass damit die Kinderarmut nicht beseitigt wird. Noch weniger wird er darüber nachdenken, wieso die Arbeitslosigkeit angeblich sinkt, die Zahl der Empfänger von ALG II aber steigt. Weil er nie darüber nachdenkt, begreift er auch nie, dass Ein Euro Jobber arbeitslos sind, aber laut Statistik als Beschäftigte geführt werden. Er begreift nicht, dass Arbeitslose in oft unsinnige Maßnahmen gesteckt werden, damit man sie aus der Statistik entfernen kann. Er begreift nicht, dass es zwar Arbeitslose gibt, die einen Job bekommen haben, dessen Bezahlung aber so schlecht ist, dass sie zusätzlich ALG II bekommen müssen, um wenigstens den definierten Mindestsatz zum Leben zu erhalten. Er wird nie begreifen, dass diese ganzen Eigenarten der Hartz Gesetze den Arbeitsmarkt in einen Sklavenmarkt verwandeln, weil ein Arbeitsloser einen angebotenen Job nicht ablehnen darf, selbst dann nicht, wenn die Bezahlung menschenverachtend ist. Er wird nie begreifen, dass damit der gesamte Arbeitsmarkt zu einem Markt der Erpressung wird, weil man die Arbeitnehmer mit der Drohung einschüchtern kann, für weniger Geld zu arbeiten, wenn sie nicht entlassen werden wollen. Vielleicht beginnt er zu begreifen, wenn es ihn selbst erwischt.

Hartz und Hartz IV sind gut geeignet, als Abkürzung verwendet zu werden. Hartz IV kurz als HIV und Hartz als: "Hat arbeitsplätze rigoros tausendfach zerstört". Steigende Kinderarmut ist eine Folge der Ausweitung der Sozialhilfe auf die Langzeitarbeitslosen mit den Hartz Gesetzen. Sind die Eltern arm, sind es die Kinder in der Folge auch. Die nun veröffentlichten Zahlen betreffen nur die Kinder bis einschließlich 14 Jahre. Warum werden die Jugendlichen ausgeklammert? Sind sie nicht auch noch Kinder, nur eben in der Pubertät und damit in einem Alter des Übergangs vom Kind zum Erwachsenen? Hat man vergessen, dass für diese Kinder die Armut besonders schwere Konsequenzen hat, weil gerade in diesem Alter die Ausgrenzung nicht nur erlebt, sondern auch besonders tief empfunden wird und aufgrund einer in dieser Zeit verstärkten Labilität sich besonders auf den künftigen Lebensweg auswirkt?

Mit den Überschriften über die wachsende Kinderarmut wird von der Presse erneut ein falsches Bild gezeichnet. Will man Kinderarmut beseitigen, muss die Armut generell beseitigt werden. Maßnahmen einzelner Regionen, die Schulessen bezuschussen wollen, Zuschüsse zum Schulbedarf geben und vielleicht für Erstklässler eine Schultüte und einen Schulranzen bereitstellen, haben den selben Effekt, wie eine Schmerztablette bei einer akuten Krankheit. Für einen Moment wird der Schmerz gelindert, aber die Ursache wird nicht beseitigt. Ursache der Kinderarmut ist eine entmenschlichte Gesellschaft, geführt von Egomanen, abgenickt von Untertanen und durchgesetzt von Staatsdienern, deren Mentalität sich seit Zeiten der Feudalherrschaft kein bisschen geändert hat. Das System ist krank und müsste von Grund auf reformiert werden. Das gilt für die Politik und die Politiker, für die Justiz, für die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände, für Behörden usw., schlicht für alle Menschen. Die Finanzkrise führt voraussichtlich die Chance dazu herbei, denn es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Immobilienkrise sich auf das gesamte Finanzsystem auswirkt (lesen Sie dazu den Paukenschlag 33 von Egon W. Kreutzer. Ein Zusammenbruch des Finanzmarktes bedeutet den (vorübergehenden) Zusammenbruch des Kapitalismus. Es wäre die Chance für eine absolute Erneuerung. Theoretisch, denn praktisch würde sich nicht viel ändern. Ein Zusammenbruch des Systems würde den Michel und seine Pendants in den anderen Ländern Europas zwar treffen, aber nur bei wenigen die Gehirnzellen für Denkprozesse in Gang bringen. Damit ist jede echte Reform zum Scheitern verurteilt.

Sollten Sie zu denen gehören, die selber denken, dann finden Sie sich mit Ihrem Sklavendasein ab. Die Untertanen sind unfähig, ihre Fron zu erkennen und werden nicht aufbegehren. Sie sind zufrieden, wie es ist und die Zahl derer, die denken, ist leider viel zu gering, um eine Änderung zu bewirken.

Ganz zum Schluss noch eine Frage, auf die ich hingewiesen wurde. Haben wir Kinderarmut oder sind wir ein reiches Land, in dem eine wachsende Zahl Kinder in Armut aufwächst? Zählt die Familie von Ursula von der Leyen zu den Kinderreichen, weil ihre Kinder in guten finanziellen Verhältnissen leben, oder wird die Familie zu den Kinderreichen gezählt, weil die Familie überdurchschnittlich viele Kinder hat? Dann wären viele Kinderreiche (Hartz IV-Empfänger) von Kinderarmut betroffen, was aus meiner Sicht wiederum ein Paradoxon darstellt.
Nun weiß ich nicht, ob es den Begriff Kinderarmut zuvor schon gegeben hat, denn früher waren Familien arm, da wurde nicht zwischen Eltern und Kindern unterschieden, um die Menschen des Landes von einem Gesamtproblem auf ein Teilproblem abzulenken. Eine arme Familie hat logischerweise auch in Armut lebende Kinder. Eine reiche Familie kann dennoch unter Kinderarmut leiden, weil ihnen der Kindersegen verweigert wurde. Sie sehen, von der Logik betrachtet gibt es keine Kinderarmut sondern nur Familienarmut. Doch darüber sollten sich Sprachforscher streiten.