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Erstelldatum: 22.11.2008

Kapitalismus wagen

In dem neoliberalen Kampfblatt der Springer-Presse "die Welt" wird über das Buch von Friedrich Merz "Kapitalismus wagen" ein wie Werbung anmutender Beitrag mit dem Titel

Kapitalismus
Friedrich Merz hat recht, überzeugt aber nicht


gebracht.

Der Autor dieses Artikels scheint längere Zeit im Koma verbracht zu haben, anders ist seine Aussage über die Freiheit im Zeichen des Kapitalismus nicht zu verstehen. Nicht nur in Deutschland wird das, was so überschäumend als Demokratie bezeichnet wird, mit viel Akribie in einen Überwachungsstaat umgewandelt.

Nach dem Krieg bei zerstörten Städten und vor dem Nichts stehenden Menschen war der Kapitalismus eine leicht verkäufliche Ware. Der Wiederaufbau zerbombter Städte brachte Vollbeschäftigung, die Sehnsucht der Menschen nach ein klein wenig Idylle, ein wenig Eigentum, selbst wenn es sich dabei um Firlefanz handelte, schuf prosperierende Märkte und vernebelte den klaren Blick auf das Geschehen im Hintergrund. Dort spielten sich die Dinge ab, die aus der Sicht des theoretischen Liberalismus nicht passieren dürften, weil ja der Markt alles regelt. Es bildeten sich Monopole und Oligopole und aus dem Konkurrieren über Preis und Angebot wurde ein Verdrängungswettbewerb und die Großen einer Branche rissen immer mehr Geschäftsfelder an sich. Fairer und freier Wettbewerb ade. Der Monopolist trieb den Kleineren in den Konkurs, um ihn dann zu schlucken.

Maßgeblich unterstützt wurde dieser Prozess von Politik und Wissenschaft, nicht etwa wegen Unfähigkeit, wie es vielfach geäußert wird, sondern mit indirekter Bestechung. Hier ein Posten im Aufsichtsrat, dort ein Platz auf der Gehaltsliste (Laurenz Meyer), angeblich ohne Gegenleistung und später ein lukrativer Job nach Beendigung der Karriere (Schröder, Müller, Tacke, Fischer etc.).

Das Ergebnis des Kapitalismus ist heute, angesichts weitgehend gesättigter Märkte, eine steigende Armut, Massenarbeitslosigkeit und eine Finanzwelt, die mit abenteuerlichen Transaktionen selbst die dunkelste Hinterzimmerzockerei übertrifft. Die Mafia hätte es nicht besser machen können.

Die einzig halbwegs richtige Aussage macht der Autor über die Globalisierung, wenn er meint, die

Globalisierung sei keine Erfindung der Neuzeit Aber nur halbwegs richtig, denn nicht erst die Entdeckung Amerikas führte zur Globalisierung. Es gab sie schon lange vorher, nur war die Welt in den Augen der Menschen damals einfach kleiner, eben nur eine Scheibe. Hingegen Miegel und Biedenkopf als "Begründer der volkspädagogischen Branche" zu bezeichnen, hat mich fast mit ehrfürchtigem Staunen erfüllt. Meinhard Miegel, der mit dem zusammen mit Hans-Olaf Henkel und Roland Berger gegründeten Bürgerkonvent eine ähnliche "Denkfabrik" wie die INSM aufgebaut hat, um mit Halbwahrheiten und Verdrehungen Meinungsmache zu betreiben und Kurt Biedenkopf, den umtriebigen CDU-Mann, der als sächsischer Ministerpräsident in die Affäre um das Paunsdorf-Center verwickelt war und mit Meinhard Miegel im Vorstand des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft e. V. in Bonn sitzt, als Volkspädagogen zu bezeichnen, ist ein mutiges Unterfangen hin zur Orwellschen These, dass man die Lüge nur oft genug verbreiten müsse, dann würde sie zur Wahrheit.

    "Erst mit Hilfe niedlicher Gesichtszüge und Körperformen, befeuert von Hormonen und - im Falle des Menschen - gedrängt von Sozialzwängen, gelingt in der Regel das Kunststück, dass sich die starken Eltern um ihre schwachen Kinder kümmern.
    Umgekehrt funktioniert dieser Mechanismus bereits weniger zuverlässig. Sind die Eltern schwach geworden und ihre Kinder erstarkt, bedarf es großer Anreize, um die gegebenenfalls erforderliche Zuwendung zu gewährleisten. (...). Die Versorgung Hilfsbedürftiger, Kranker, Siecher und Alter war für die menschliche Gesellschaft stets eine besondere Herausforderung. Die Natur hat für deren Bewältigung keine ausreichenden Vorkehrungen getroffen.
    Das gilt noch weit mehr für die Teilhabe der generell Schwächeren am großen Kuchen - der Langsameren, Schwerfälligeren, Ungeschickteren, Ideenloseren oder Beziehungsärmeren".
    (Meinhard Miegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27.08.2005)

Aus diesen Worten von Miegel spricht die Arroganz einer so genannten Elite, deren heimlicher Gott neben dem Geld der IQ ist. Eine Elite, die nichts selber entwickelt, nichts produziert außer Worthülsen und völlig vergessen hat, dass sie ohne die angeblich Langsameren, Schwerfälligeren, Ungeschickteren, Ideenloseren völlig aufgeschmissen wären, weil die es sind, die reale Werte schaffen, die produzieren und entwickeln. Ohne den Maurer würden Sie nicht in pompösen Villen thronen, ohne den Tischler hätten sie keinen Stuhl, auf dem sie Platz nehmen könnten, ohne, ohne den Elektriker keinen Herd, um ihre Mahlzeiten zubereiten zu lassen, ohne den Schlosser und Maschinenbauer keine Maschinen, mit denen sie ihre Produktion ausweiten könnten, ohne den Müllmann würden sie im Dreck verkommen ...
Das ließe sich beliebig weiterführen. Die kalte Intelligenz der Logik, die mit dem IQ gemessen wird, ist nicht überlebensfähig ohne die emotionale Intelligenz, die Kreativität verwirklichen kann.

Das Fundament des Kapitalismus ist die Ausbeutung. Kapitalist wird nur, wer bereit ist, möglichst viele Menschen auszubeuten und die elegische Schwärmerei des Autors für eine "gerechte Gesellschaft mit freien Märkten und einer starken Demokratie" könnte eher der Feder eines Schreibers von Groschenromanen entstammen, als der eines verantwortungsbewussten Journalisten. Der Kapitalismus unterminiert die Demokratie und führt sie hin in Richtung eines monetären Feudalismus. Vielleicht ist der Vergleich des Kapitalisten mit einem Paten richtiger. Es ist schwer zu sagen, denn die Strukturen ähneln einander. Beiden ist der Wille zu Macht gemeinsam, zur absoluten Macht und diesem Willen soll sich die Masse unterwerfen. Wenn die verbale Überzeugungkraft nicht mehr ausreicht, die Menschen davon zu überzeugen, das Schlechtes gut ist, dass die Rückkehr ins Mittelalter der richtige Weg ist, kramt man die stärkeren Argumente hervor: "Gewehre, Panzer, Granaten, Bomben."

Vielleicht hätte der Autor auch die "aufopferungsvolle Arbeit" des Friedrich Merz für die INSM anmerken sollen, um zumindest ein wenig Wahrhaftigkeit in seinen Bericht zu bringen.