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Erstelldatum: 10.07.2006

Hunger

Im Gästebuch wurde die Frage gestellt, warum ich nicht einmal über Hunger schreibe. Das ist einfach. Zwar steigt bei uns die Armut überproportional an, aber was Hunger ist, das wissen heute nur die wenigsten Deutschen.

Hunger gab es in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. In dieser Zeit war das Essen rationiert. Für jede Person gab es Lebensmittelkarten mit Mengen, die zum Überleben, aber nicht zum Sattwerden reichten. Aber die Lebensmittelkarten haben und die dort vermerkten Mengen an Lebensmitteln zu bekommen, waren zwei verschiedene Dinge. Hatte ein Geschäft eine Zuteilung bekommen, sprach sich das wie ein Lauffeuer herum und man tat gut daran, frühzeitig da zu sein, denn im Nu hatte sich eine Schlange gebildet. Wer zu spät gekommen war, stand dann oft Stunden an und ging trotzdem leer aus.

Wer ein wenig Geld hatte, konnte sich auf dem Schwarzmarkt was besorgen. Dort gab es alles. Bestes Zahlungsmittel waren natürlich amerikanische Zigaretten, aber wer hatte die schon außer den Schwarzhändlern? Dort konnte man das Stück für 20 Reichsmark kaufen. 125 g Butter kosteten zwischen 200 und 250 RM, Speck ungefähr das gleiche. Aber die Menschen hatten kein Geld, denn die Städte lagen in Trümmern, Firmen waren zerbombt und die, die noch Arbeit hatten, verdienten auch nicht die Welt, jedenfalls nicht genug, um auf dem Schwarzmarkt einzukaufen.

Klauen war ein Volkssport. Wenn Bauern z. B. Steckrüben ernteten, versuchte man, ein paar zu ergattern. Dan gab es eine Menu-Karte: Steckrübensuppe, Steckrübenauflauf, Steckrübenragout, alles ohne Fett. Um den Winter zu überstehen, wurden Kohlen geklaut. Kinder waren grundsätzlich unterernährt (mit wenigen Ausnahmen). Familien versuchten, einen Platz auf den so genannten Hamsterzügen zu ergattern. Es waren überwiegend Frauen, deren Männer gefallen oder in Kriegsgefangenschaft waren und Kriegsversehrte, die in und auf den Zügen in Richtung Land fuhren, um ein paar zusätzliche Lebensmittel zu ergattern. Im Gepäck hatten Sie, was ihnen noch an Wertgegenständen geblieben war. Schmuck, Teppiche, Bilder, Skulpturen, kurz alles, was irgendwelchen Wert besaß. Für ein paar Kartoffeln, 2 oder 3 Eier wechselte dann ein Schmuckstück, auch schon mal der Trauring, den Besitzer. Kam jemand mit einem Orient Teppich, winkten viele Bauern ab. Davon hatten sie schon so viele, dass sie die Ställe damit auslegen konnten. Wer nichts zum Tauschen hatte, wurde zumeist verjagt, teilweise mit Hunden vom Hof gehetzt.

Etwas besser ging es den Leuten in der amerikanisch besetzten Zone. Die Amis warfen oft nur halb gerauchte Zigaretten weg, und flugs waren Kinder oder auch Erwachsene da, die Kippen aufzulesen. Zwei bis drei solcher Kippen reichten, sich selbst ein Zigarette zu drehen, dazu noch mit dem herrlichen amerikanischen Tabak. Obwohl den amerikanischen Besatzungstruppen das fraternisieren verboten war, kümmerten die sich wenig darum. Für die deutsche Freundin bedeutete das, sie besaß Nylonstrümpfe, bekam Kaffe, Zigaretten, Schokolade usw. und war fein raus. In der Bevölkerung wurde sie Scheel angesehen und als Amihure beschimpft. Aber ich denke, das war teilweise echter Neid und die GI's waren teilweise wirklich nette und großzügige Jungs. Kinder zogen glücklich ab, wenn sie ein Kaugummi oder ein Stück Schokolade geschenkt bekamen. Sie liebten und bewunderten die Amis.

Die anderen Zonen waren von Soldaten besetzt, die den Krieg in voller Härte hatten erleben müssen. Ihr Hass war größer und ihre Mittel wesentlich geringer, denn auch ihre Städte waren zerbombt, auch sie hatten Angehörige verloren und dementsprechend waren ihre Reaktionen härter. Außerdem hatten sie auch nichts, was sie hätten verteilen können.

Sehen Sie, das alles gibt es heute nicht. Wer kein Geld mehr hat, kann sich bei einer der zahlreichen, von McKinsey gesponserten Suppenküchen anstellen, man kann auf dem Wochenmarkt kurz vor dem Ende des Marktes Obst und Gemüse oft billiger bekommen und zur Not tut es auch eine Maggisuppe. Die Armut ist dennoch vorhanden und steigt ständig. Man kann sich zwar immer noch satt essen, aber es ist trotzdem ein Trauerspiel, dass es das in einer der reichsten Industrienationen der Welt überhaupt gibt.

Es gibt Länder, die sind weitaus ärmer und dort gibt es Hunger im Überfluss. Aber es wäre die Aufgabe der Regierung, nicht die eigene Bevölkerung den dortigen Verhältnissen näher zu bringen, sonder sie müsste den Menschen dieser Länder helfen, eine Perspektive zu haben. Aber Deutschland gehört zu den Nationen, deren Industriekonzerne diese Länder gnadenlos ausbeuten, die mit subventionierten Landwirtschaftsprodukten die Agrarkulturen dort vernichten, um dann Monokulturen von Produkten anzupflanzen, die für den Export bestimmt sind, nicht, um den Hunger in diesen Regionen zu bekämpfen. Und damit das so bleibt, wird man künftig Soldaten in diese Regionen schicken, natürlich nur, um den Frieden zu sichern und auch die heimischen Konzerne, damit diese ihre Ausbeutung ungestört weiter betreiben können.

Im Hamburger Abendblatt stand am 8. 7. ein Artikel: Immer mehr Bundeswehrsoldaten traumatisiert. Immer mehr Soldaten kommen von solchen Auslandseinsätzen wie in Kambodscha, Somalia, Bosnien, Kosovo und Afghanistan und demnächst wohl vom Kongo krank zurück. Traumatisiert von den Bildern, die sie dort sehen mussten. Aber lesen Sie selbst und dann denken Sie einmal über die künftigen Auslandseinsätze der Bundeswehr nach. Dann denken Sie einmal über die Politik der Regierung nach, die vielleicht dank Ihrer Stimme solche Maßnahmen verwirklichen kann.