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Erstelldatum: 23.09.2006

Heuchelei

Wenn etwas bei den Neokonservativen wirklich beherrscht wird, ist es die Heuchelei. Da war gerade der Weltkindertag und die Presse ist voll von Vorwürfen, dass in unserem Land die Kinderarmut verdoppelt wurde. Aber bitte, meine Herren Redakteure, sollte nicht Hartz IV mehr Wachstum bringen? Hier haben Sie ihr Wachstum und eine Menge Artikel in den meisten Blättern, die jetzt Betroffenheit heucheln, hat kräftig daran mitgewirkt, dieses Wachstum zu erreichen und zu beschleunigen.

Die Weisheit, dass arme Herkunft zukünftige Armut erzeugt, ist nicht neu. In den skandinavischen Ländern hat man das bereit früh erkannt und gegengesteuert. Von der Kita bis zum Schulabschluss werden dort Einrichtungen bereitgestellt, welche den Kindern, völlig losgelöst vom sozialen Status, alle Möglichkeiten bieten, die Kinder für später brauchen. Ganztagsbetreuung in Kitas und Schulen mit kostenfreier Beköstigung, kostenfreie Sportmöglichkeiten, kostenfreie Unterstützung bei Lernschwierigkeiten und etliches mehr verhindern, dass Kinder wegen der sozialen Herkunft ins Abseits geraten.

Gehen wir gut drei Jahre in die Vergangenheit. Da gab es eine Rentenreform, deren Inhalte maßgeblich von einem Herrn geformt wurden, der erst kürzlich mit dem Sachverständigengutachten des "Rats der Wirtschaftsweisen" von sich reden machte, dem Prof. Bert Rürup. Betroffen erklärte er zum damaligen Zeitpunkt, in Deutschland würden zu wenig Kinder geboren, deshalb müsse das Rentensystem massiv abgesenkt werden, Als weiteren Grund nannte er den Umstand, dass die Menschen immer älter würden und erstellte geradezu hellsichtige Prognosen für die nächsten 50 Jahre. Im gerade abgegebenen Sachverständigengutachten will er für die Umsetzung des Kombilohn-Modells Anreize für Arbeitslose schaffen, eine Arbeit anzunehmen, indem er die Transferleistungen um 30 % absenkt. Offensichtlich reicht Herrn Rürup die Zahl von 2,5 Millionen Kindern in Armut noch nicht. Will er die Zahl verdreifachen? Bemerkenswert ist, dass besonders die so genannten "christlichen" Parteien sich positiv zu diesem Gutachten äußern. Sie wollen, dass Gott in die EU-Verfassung aufgenommen wird und tragen ihre Religiosität wie eine Monstranz vor sich her. Nur eine christliche Politik zu betreiben, kommt ihnen nicht in den Sinn. Liest man das Gutachten, wimmelt es nur so von Verweisen auf Statistiken aber auch von offener Stigmatisierung. Da ist der in letzter Zeit so häufig verwendete Begriff der "Unqualifiziertheit". Mit diesem Begriff lässt sich jedes Lohndumping und jede weitere Zwangsmaßnahme begründen. Im Sachverständigenrat sind Unqualifizierte aber nicht nur Leute ohne Schulabschluss, sondern auch Langzeitarbeitslose. Nach diesem Bericht verlernen Langzeitarbeitslos durch zu lange Arbeitslosigkeit ihre gelernten Fertigkeiten, womit ihre Produktivität wie bei Unqualifizierten niedrig ist und sie eigentlich nur in minder bezahlten Jobs mit Unterstützung staatlicher Transferleistungen ins Arbeitsleben zurück finden können. Vielleicht schaffen sie es ja mit einer Aufstiegsmobilität, zurück in den ersten Arbeitsmarkt zu finden. Die Welt der Ein Euro Jobs wird von den Sachverständigen als "2. Arbeitsmarkt" definiert. Selbst in den tausenden Jahren der Sklaverei ist es den Sklavenhändlern und -Haltern nie in den Sinn gekommen, den Sklavenmarkt als 2. Arbeitsmarkt zu bezeichnen. Dazu müssen erst die Wirtschaftsweisen kommen. Auch wenn sich viele Ein Euro Jobber damit arrangieren, ist es dennoch kein Arbeits-, sondern ein Sklavenmarkt, in welchem Menschen gegen ihren Willen in unbezahlte Jobs gepresst werden und man ihnen lediglich eine geringe Aufwandsentschädigung zahlt. Die Aussagen im Gutachten sind natürlich mit Grafiken belegt, mit Verweis auf eine Menge schlaue Bücher über Arbeitstheorien und natürlich internationalen Studien, zusammengeschustert aus Statistiken und schlauen Bemerkungen von anderen Professoren, die vermutlich noch nie einen Betrieb von innen gesehen haben.

Ich hingegen glaube, es gibt keine unqualifizierten Menschen. Wohl eine Menge, die einfach am falschen Platz sind, der ihre wahren Qualitäten nicht zutage bringen kann. Den Beweis findet man doch eindeutig in den Parlamenten, im Sachverständigenrat, in den Führungsetagen der Konzerne und in vielen Lehrkörpern von Schulen und Universitäten. Oder sehe ich das falsch? Im Mittelalter war lesen und schreiben den Ordensleuten und kirchlichen Einrichtungen vorbehalten. Selbst Kaiser und Könige waren oft Analphabeten. Waren sie alle unqualifiziert? In den 60ger Jahren des vorigen Jahrhunderts begann das Computerzeitalter. Aus den unterschiedlichsten Berufen und Tätigkeiten wurden die Menschen geholt, die diese völlig neuen Geräte bedienen oder mit Aufgaben in Form von Programmen füttern sollten. Aus ihren Reihen kamen immer neue Ideen für immer weiterführende Möglichkeiten in der EDV genannten Datenverarbeitung. Erst Ende der 90ger Jahre wurde dieser Beruf ein Lehrberuf. Ein wenig früher wurde er von den Unis entdeckt und das Fach der Informatik eingerichtet. Eigentlich waren diese Seiteneinsteiger alles Unqualifizierte, aber ohne sie gäbe es die heutigen Möglichkeiten der Computerisierung nicht. Gewiss, auf diesem Gebiet wurde auch sehr viel Forschungsarbeit betrieben und damit die Entwicklung im Computerwesen beschleunigt. So ist die Entwicklung der Speichermedien und die Chipintegration in Labors entstanden, dennoch haben "Unqualifizierte" sehr viel zu der Entwicklung beigetragen, so mancher studierte Informatiker war in der Praxis völlig überfordert und bekam u. U. von einem angelernten ehemaligen Tankwart die Einzelheiten und Zusammenhänge erklärt.

Ich führe das auf, weil in dieser Brache viele Leute, die zuvor völlig frustriert einer anderen Beschäftigung nachgingen, hier plötzlich ein Betätigungsfeld gefunden haben, das ihre Fähigkeiten und ihre Kreativität erst ans Tageslicht brachte. Der Begriff "Beruf" kommt von Berufung und muss nicht zwangsläufig mit der Tätigkeit zusammenhängen, die man gelernt hat und dann tagaus tagein verrichtet.

Ähnlich ist das mit den so genannten "Unqualifizierten". Ein fehlender Schulabschluss beruht nicht zwangsläufig auf Dummheit, sondern wohl mehrheitlich auf frühzeitiger Ausgrenzung aufgrund des sozialen Umfelds. Hätten wir ein funktionierendes Bildungssystem, in welchem nicht nur Inhalte gepaukt werden, sondern auch, in welcher Form auch immer, die vorhandene Qualifikation ausgelotet und erkannt würde, gäbe es keine Unqualifizierten. Das dem nicht so ist, liegt nicht an den Lehrern, sondern am System, dass offensichtlich von zu vielen "Unqualifizierten" gesteuert wird.

Kinderarmut ist ein echtes Problem in diesem Land. Statt dieses Problem zu bekämpfen, wird es ständig verschärft. Wenn sich Politik, Presse und bestimmte Bereiche der Wissenschaft dazu scheinbar betroffen äußern, sind das reine Sprechblasen und pure Heuchelei, während schon die nächste Aktion darauf gerichtet ist, diesen Zustand weiter zu verschärfen.