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Hedge-Fonds
oder - Vampirismus im 21. Jahrhundert -

Das nachfolgende Schreiben habe ich bekommen und wollte es Ihnen nicht vorenthalten, weil es die Arbeitsweise so genannter Hedge-Fonds erläutert. Erst in den letzten Tagen habe ich in irgendeiner Zeitung gelesen, wie ein Manager mit salbungsvollen Worten sein Unverständnis über die Kapitalismus-Kritik von Müntefering äußerte und über die Hedge-Fonds aussagte, sie würden schließlich marode Firmen aufkaufen, auf ihr Risiko hin mit Ihrem Geld wieder in Schwung bringen. Also die reinsten Engel? Sinniger Weise stellte er dabei den Vergleich mit dem Kauf eines Schrott-Autos an, das dann wieder aufgemöbelt und verkauft wird. Ich finde diesen Vergleich passend, denn ich habe auch einmal ein solches Auto gekauft und konnte es nach 4 Wochen endgültig auf den Schrott bringen. Mein Geld war ich los.

Die Wahrheit sieht anders aus. Müntefering hat bei seinem Heuschreckenvergleich die Sache noch verniedlicht, denn die Hedge-Fonds Manager sind wie Vampire. Und er hat vergessen, zu erwähnen, dass es unser Finanzminister Hans Eichel gewesen ist, der bei seinem Eintritt ins Amt des Finanzministers der Wirtschaft ein von dieser viel gelobtes Geschenk machte: Die Steuerfreie Veräußerung von Unternehmensbeteiligungen. Damit wurden die Tore für Hedge-Fonds-Manager weit geöffnet. Übrigens sollte in dem Zusammenhang erwähnt werden, dass als einziges Unternehmen in Deutschland die Deutsche Bank in diesem miesem Geschäft sehr erfolgreich mitmischt: Leistung aus Leidenschaft eben.

Doch nun zu dem Schreiben:

Hallo,

ich bin die letzten Tage mal über die Mitgliederzeitschrift der Gewerkschaft IG-Metall gestolpert und dort speziell über einen Bericht zum Thema dubiose Investmentgeschäfte.

Dort wird unter anderem die Übernahme von Firmen wie dem Dualen System Deutschland, aber auch zahlreicher weiterer Unternehmen durch Investoren aus dem Ausland berichtet.

Im Detail waren wohl meist Mittelständler das Ziel, die in einem Bereich von 100 Millionen bis 400 Millionen Euro an Wert hatten. Dabei wurde erst versucht die Firma mit etwas unter Wert (so ca. 10 %) zu kaufen, um dann in einer zweiten Phase massiv Beratungsmassnahmen zu verkaufen (2-stellige Millionenbeträge) sowie zeitgleich mit Verschlankung zu beginnen (Streichung von Boni, Entlassungen, etc.) und in einer dritten Phase (2-3 Jahre) erste Anteile wieder zu veräussern wobei die Gewinnausschüttung nicht im Unternehmen verblieb sondern grösstenteils an Holdings und Dachgesellschaften übereignet wurde. Ein Teil der Anteile wurde erst später unter erheblichem Gewinn veräussert.

Laut Angaben des Blattes sind damit Ertragsraten von 10% bis gut 40% möglich. Das Ganze wird erst durch neue Gesetze unserer Bundesregierung möglich, mit denen es vollkommen steuerfrei ist wenn man Unternehmensvermögen handelt. Die Investoren sind meist Zusammenschlüsse von Einzelpersonen, die in der Grösse von ca. 10 Millionen je Person in einen Pool (=Kriegskasse) einzahlen. Betroffen sind durchgehend deutsche Firmen die nicht an der Börse notiert sind (sonst wäre die Nachweispflicht und die Haftung für die neuen Eigner weitaus grösser). Die neu zu gründenden Dach- Gesellschaften an die alle Gelder abfliessen finden sich meist in Ländern wie _Luxemburg_ - es gilt als EU-Steuerparadies ähnlich wie es Irland für die fertigende Industrie in Europa tut. Im EU-Ausland kommen solchen Ländern nur noch Lichtenstein oder Inselstaaten wie etwa die Bahamas gleich.

Sollte auch ihr Unternehmen bald übernommen werden und seinen Hauptsitz in einen dieser Länder verlegen, so seien sie gewiss, dass bald alles nötige passieren wird, von der Kürzung des Weihnachtsgeldes, über die Heraufsetzung der Wochenstundezahl bis hin zu kräftigem Personalabbau und Umwandlung in eine AG, damit sich der Kauf für die Investoren auch bestimmt lohnen wird. Sollten Sie über ihren Betriebsrat eine Beschäftigungsgarantie herausschinden können, so seien sie gewiss, dass sich diese allenfalls über eine Dauer von vielleicht 2 Jahren erstrecken wird.

Was danach kommt bestimmen nicht mehr Sie durch ihre Arbeitsleistung oder der Markt und die Umsatzentwicklung ihres Unternehmens, sondern einzig und alleine die neuen Eigner. Bilanzen sind bald butterweich, vor allem dann wenn sie nicht mehr von Mitarbeitern im Hause gemacht werden und wenn sowieso das Gros der Gelder über Konten im Ausland fliesst. Da sind selbst 3% oder gar 5% feste Gewinnzusage im Jahr aus dem neuen Mutterhaus für ihren Standort keinen einzigen Pfifferling mehr wert, denn dies sind reine kalkulatorische Ziffern - die echten Gewinne fliessen an ihnen volkommen vorbei und stattdessen in die Taschen von anderen.

Sollte ihr Unternehmen "Geistiges Eigentum" besitzen, so seien Sie sich gewiss dass diese von Ihnen und ihren Kollgen geschafenen Werte sehr schnell aus dem Unternehmen herausgelöst werden und stattdessen ins Portfolio des Dachkonzerns wandern werden. Neue Werte werden noch schneller dorthin wandern und somit nicht mehr zur Sicherung ihres Standortes beitragen können. Achjah, und Grundwerte tun dies ebenso. Dafür darf der Standort dann zu Mondpreisen Grund und Gebäude von der Mutter mieten. Selbstredend dass diese Grundübertragung auf Kredit geschieht, der wiederum bei ihnen genommen wird, aber wohl kaum so gestaltet sein wird dass irgendwelche Zinserträge zu ihnen zrückfliessen.

Wenn also der Maler kommt bei ihnen, dann seien sie gewiss, ihr Betrieb wird auf ihre eigenen Kosten aufgewertet, damit er schmuck dasteht und so bald als möglich (= so lange die Farbe noch frisch aussieht) einen hohen Erlös beim Weiterverkauf erziehlen wird. Ähnlich wird es mit Rahmen-Investitionen sein, wie etwa wenn neue Netzwerkkabel verlegt werden sollen, eine Internetanbindung höherer Technologie in Aussicht steht (z.B. Megabit-Glasfaser oder Kupfer-Standleitung mit mehr Datendurchsatz) oder sie massiv überdimensinierte Server installiert bekommen, die sie eigentlich noch nichtmal in 2-3 Jahren benötigen werden, sprich eine ganze Serverfarm "ad hoc" ausgetauscht werden muss, so dass ihr IT-Team über mehrere Wochen nicht mehr ansprechbar ist und von den vorhandenen Netz-Dienste quasi je einer am Tag wegen Umstellungsarbeiten ausfällt.

Der Beitrag in der IG-Metall-Zeitschrift war sinnigerweise mit dem Motiv einer Horde von Stechmücken illustriert, die sich an Industrie-Schornsteinen festsaugen, diese aussaugen und mit dickem Bauch und dickem Geldkoffer weiter fliegen. Die Gestaltung der Mücken war soweit personalisiert, dass man darin den typische "Uncle Sam" Stil wiedererkennen konnte, auch wenn die Figur natürlich weitgehend annonym blieb.