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Erstelldatum: 10.08.2006

BVZM: Hartz IV-Fernsehen

Medienbote Ausgabe Nr. 485 vom 10. August 2006

Ein Schreiben an den Medienboten:


Redaktion Medienbote
Dr. Jörn Krieger (Chefredakteur)
Herrenstraße 20
D-90599 Dietenhofen
Telefon +49 (0)9824 928822
Telefax +49 (0)9824 928844
E-Mail: redaktion@medienbote.de
Internet www.medienbote.de

Anmerkung zu Ihrem "überaus geistreichen Zungenschlag"
Hartz-4-Fernsehen liegt auf der Zunge
Quelle: http://www.medienbote.de/9131_schlagzeile.htm


Sehr geehrte Redaktion

Da haben wir wieder mal einen Hetzartikel, der - an die politisch inszenierte Faulenzerdebatte anschließend - nunmehr die Hartz-IV-Betroffenen als „Unterschichtenfernseher“ und "Gossen-TV-ler" abkanzelt!

Zwar kann ich nur zustimmen, wenn die Gerichtsshows bei RTL und SAT.1 mit „Oper des Ordinären“ und „Gossen-TV“ treffend charakterisiert werden und als „Dümmster Spielplan der Republik" erkannt wird, die Ungeheuerlichkeit liegt jedoch in der Zusammenfassung des Sammelbegriffs "Hartz-4-Fernsehen"!

Denn: Gutverdiener und besser Gebildete schauen keine Gerichtsshows! Wahrlich, als Gutverdiener können Hartz-IV-Betroffene nicht (mehr) bezeichnet werden, doch ganz offens(chich)tlich wird hier darauf abgezielt, dass gleichzeitig Verstand und Bildung entfällt und alle Betroffenen unweigerlich auf das Gossenniveau absacken!

Weshalb prangern Sie nicht die Schande an, dass sich tatsächlich "echte Richter" und "echte Staatsanwälte" vom Staatsdienst beurlauben lassen, um sich für dieses Schmierentheater öffentlich wegzuwerfen?

Denn erst dadurch wird dem Anteil der „Einfältigen“, welchen naturgemäß jedes Volk stellt, vermittelt, dass es tatsächlich so an unseren Gerichten zugeht!

Mit freundlichen Grüßen
Haide Heilmann


Damit man in der Redaktion des Medienboten sieht, dass Haide mit ihrer Meinung nicht alleine dasteht, habe auch ich einen wütenden Brief an die Redaktion des Medienboten geschrieben:

Gert Flegelskamp

An die Redaktion des Medienboten

Betr.: BVZM: Hartz-4-Fernsehen

Herr Bernt von zur Mühlen hat einen neuen Begriff kreiert: Hartz IV-Fernsehen. Seine Betrachtung des Focus-Artikels möchte ich aber nicht als Rezension, sondern als PR-Management betrachten. Auch die Focus-Kolumne nehme ich da nicht aus.

Es ist richtig, dass die Gerichtsshows im Fernsehen primitivstes Niveau haben. Allerdings sollte man nicht nur über die Zuschauer herziehen, sondern auch einmal die Produzenten und die produzierenden Sender betrachten. Maßgeblich beteiligt an der Ausstrahlung ist die RTL-Medien-Group. Diese wiederum ist mehr als eng verbunden mit dem Namen Bertelsmann und dieser Name ist gleichbedeutend mit der Bertelmann-Stiftung. Die Bertelsmann-Stiftung wiederum ist der wohl aktivste politisch agierende Think Tank in Europa, vor allem in Deutschland.

Die Programmauswahl der Medien-Group RTL ist nicht zufällig so primitiv und oberflächlich. Sie zielt darauf ab, Ablenkung vom permanenten Geschehen zu fabrizieren und unterschwellig Botschaften zu vermitteln, die dem neoliberalen Kontext zuträglich sind. Massenverdummung ist eines der Ziele.

Ob RTL oder Focus, wenn es um die Stigmatisierung von Arbeitslosen geht, ist man jederzeit gerne zu Diensten. Warum also nicht in die Hirne der breiten Masse einhämmern, dass Hartz IV-Empfänger Menschen dritter Klasse sind, die absolute Unterschicht?

Ich definiere Unterschicht allerdings etwas anders. Die Unterschicht ist völlig losgelöst vom Finanziellen und auch von der Ausbildung zu sehen. Primitivität finden wir bei Politikern, Wissenschaftlern, Reportern bis hin zu Chefredakteuren und in Finanzkreisen und Managementebenen. Für mich ist Primitivität die Arbeit mit Lügen und Intrigen, bar jeglicher Ethik und Moral, ausgerichtet auf die Zerschlagung wirklicher Werte zugunsten einer reinen Profitmaximierung.

Würde sich Herr von zur Mühlen intensiver mit den Empfängern von ALG II (Hartz IV) befassen, müsste er feststellen, dass ein nicht unerheblicher Teil eine umfassende Ausbildung hat und darüber hinaus noch vielen Schreiberlingen eines voraushaben: Das Gefühl für Anstand und Moral.

Focus wirbt gerne mit "sorgfältiger Recherche". Das kann ich nicht widerlegen. Allerdings scheint diese Recherche nicht unbedingt in die veröffentlichten Beiträge einzufließen, denn schon mehrfach konnte ich Fokus-Berichte lesen, die einer leicht möglichen Überprüfung nicht standhielten. Das sind Artikel, die mit der Absicht lanciert wurden, in der breiten Öffentlichkeit ein falsches Bild über eine Situation entstehen zu lassen, PR-Kampagnen eben.

Darf ich Ihren Beitrag auch in dies Kategorie ablegen?

Mit freundlichen Grüßen
Gert Flegelskamp


Um ehrlich zu sein, reinen Herzens habe ich die Zeilen nicht geschrieben. Egal, welche Schweinerei sich Müntefering und Genossen, Pofalla und Kumpanei aus der ach so "christlichen" Partei oder auch die Fabrikanten von Schmierereien auf Papier oder bewegten Bildern auch ausdenken, stets ist Schweigen im Walde.

Es gibt einige, leider viel zu wenige Demonstranten, die nach wie vor ihren Protest auf die Straße bringen. Aber wenn 20 bis 30 Mann mit Pappschildern über die Straßen laufen, erzielt das nur geringe Wirkung. Sie stehen auf verlorenem Posten. Wie anders sieht so etwas in Frankreich aus. Da gehen Millionen auf die Straße, Tag für Tag, bis sie die Regierung in die Knie gezwungen haben. In Deutschland kann die Politik einen durchgängigen Hausarrest anordnen, Pofalla und Kumpane können ungeniert von der Wiedereinführung der Sippenhaft schwadronieren, man kann sie unter Generalverdacht stellen, Betrüger zu sein, Arbeitgeberpräsidenten können weitere scharfe Einschnitte fordern, Es ist und bleibt das Schweigen im Walde. Lediglich bei der Fußball-WM, da kam man auf die Beine.

Liegt der Medienbote mit seinem Artikel vielleicht doch richtig? Ziehen sich Hartz IV-Betroffene lieber diesen Schwachsinn mit Verblödungsabsicht rein, als für ihren Standpunkt auf die Straße zu gehen?

Wochenlang haben die Ärzte gestreikt und streiken noch. Sie müssen mit Sicherheit nicht hungern, aber sie haben ein Anliegen und dafür treten sie ein, solange, bis ihr Ansinnen wenigstens zum größeren Teil erfüllt ist. Nicht so die Arbeitslosen. Statt mit ihrer Masse einen geharnischten Protest permanent auf die Straße zu bringen, eigentlich täglich, nicht nur am Montag.

Man mag nun einwenden, dass die Gefahr besteht, dass ausgerechnet dann Kontrolleure kommen. Das ist nicht nur eine Gefahr, sondern sehr wahrscheinlich. Aber die Anwesenheitspflicht von Arbeitslosen ist ungesetzlich und ein arger Verstoß gegen das Grundgesetz. Wenn die Kontrolleure den moment abpassen, in dem ihr einkaufen geht, passiert Euch das Gleiche. Wollt Ihr ewig ducken, ewig schweigen, solange, bis ihr mit der Flasche Wermut unter den Brücken schlaft oder in Gettos abgeschoben wurdet?

Ich habe den Protest gegen die Machenschaften der Politik in zahlreichen Schreiben an die Politiker und an die Presse incl. TV zum Ausdruck gebracht. Dabei bin ich nicht einmal ein Betroffener. Liege ich mit meinen Ansichten einfach falsch? Haben Hundt, Christiansen und die vielen anderen vielleicht doch Recht, wenn sie behaupten, Hartz IV sei eine zu weiche Hängematte? Allmählich bekomme ich den Eindruck.

Es nützt wenig, wenn einige wenige Internetseiten das Thema aufgreifen un empörte Beiträge schreiben. Kläffende Köter aus der Sicht der Herrschenden. Der Protest muss ins Bewusstsein aller dringen, muss Medienpräsenz erzeugen. Ihr habt die Zeit, denn ihr habt keine Arbeit. Da ist eine Demonstration wesentlich sinnvoller, als das triste und verblödende Nachmittagsprogramm im Fernsehen und es verschafft Euch zumindest ein wenig Kommunikation mit anderen Betroffenen und vielleicht den Schulterschluss, den Ihr dringend braucht. Fangt endlich damit an, Euch zu wehren.