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Gewalt

Im Irak tobt die Gewalt, ebenso in etlichen islamischen Ländern. In Frankreich waren noch vor kurzer Zeit gewaltsame Ausschreitungen auf den Titelseiten und in den Nachrichten an erster Stelle zu finden. In Indien hat der Besuch von Bush gewaltsame Proteste ausgelöst.

Auch in unserem Lande gibt es inzwischen Menschen, die keinen anderen Ausweg mehr sehen, als eine gewaltsame Befreiung von den Zuständen, in die sie gepresst wurden. Aber Gewalt ist keine Lösung und ist es noch nie gewesen. Wer in der Geschichte der Menschen zurückschaut, findet viele Beispiele, in welchen mit Gewalt versucht wurde, eine schier ausweglos erscheinende Situation zu beenden, sich vom Joch der Unterdrückung und Ausbeutung zu befreien. Keiner dieser Versuche war von Erfolg gekrönt. Es hat immer viele Menschen das Leben gekostet, andere für ihr Leben verstümmelt und/oder traumatisiert. Zwar wurden Veränderungen herbeigeführt, aber nicht wirklich zum Besseren.

Es ist eine Eigenart des Menschen, immer dann, wenn er mit dem Verstand nicht weiter kommt, zu versuchen, eine Lösung mit Brachialgewalt zu finden. Zwei Beispiele jüngerer Vergangenheit sollen das belegen: Die französische Revolution (1789) und die Oktoberrevolution (1917). Beide Revolutionen lösten die feudale Herrschaft ab und das Volk kam an die Macht. Wirklich? In Frankreich wurde die Revolution zu einem Blutrausch. Es gab niemanden, der neutral bleiben konnte. Der Adel wurde, soweit er sich nicht ins Ausland flüchtete, in blutigen Schauspielen hingerichtet. Doch auch die, die diese Methode ablehnten, galten als Royalisten und wurden verfolgt und ausgelöscht. Aber eine Befreiung war es dennoch nicht. Andere Führer kamen, ohne Adelstitel, aber mit den gleichen Herrschaftsansprüchen, bis schließlich der Gefreite Napoléon ganz nach oben gelangte, Sich zum Kaiser krönen ließ und die Franzosen in den Krieg trieb. Nach seiner Verbannung kehrte zwar die Demokratie in Frankreich ein, ist aber im Prinzip nur eine seichtere Form der Diktatur. Die Masse bleibt, was sie war und ist: Manipuliermasse und Arbeitssklaven einer dünnen Oberschicht.

Die Oktoberrevolution löste ein ähnliches Blutbad aus und endete schließlich mit Leuten wie Stalin und Chruschtschow. In beiden Fällen wurden die Unterdrücker ausgetauscht, die Unterdrückung aber nicht wirklich beseitigt. Die größten Blutopfer brachte immer die Masse der Bevölkerung, paradoxer Weise auf beiden Seiten, einmal als "Revolutionäre", einmal als "loyale Untertanen" und als Soldaten.

Gewalt ist Unrecht. Immer. Und weil das so ist, wird sie zum politischen Kalkül. Manchmal geht das daneben, wie die beiden vorgenannten Beispiele zeigen, aber zumeist gibt es in der Masse unterschiedliche Ansichten über Proteste, die in Gewalt ausarten, Gelingt es also den Herrschenden, Gewalt auszulösen, die man dann niederschlägt, erzeugt man eine der politischen Zielrichtung entsprechende Stimmung in der Bevölkerung. So waren die ersten Demonstrationen der Atomkraftgegner friedlich und die Stimmung in der Bevölkerung begann zu schwanken. Da eskalierte plötzlich eine der Demonstrationen und artete in Gewalt aus. Prompt schlug die Stimmung in der Bevölkerung um und die politische Klasse hatte leichtes Spiel, ihre Zielvorstellungen zu verwirklichen.

Es ist nicht schwer, bei Großdemonstrationen Gewalt zu erzeugen. Ein paar Chaoten reichen, die mit der Gewalt beginnen und schon eskaliert das Ganze. Statt der Chaoten kann man auch gezielt Provokateure einsetzen, sozusagen die Brandstifter, die den ersten Funken zünden und sich dann verdrücken. Die Bevölkerung sieht nur die Krawalle, lehnt diese ab und reagiert Sinne der Politik.

Gewalt erzeugt Gegengewalt. Es kommt nicht von ungefähr, dass Schäuble gerne die Bundeswehr im Innern einsetzen möchte. Das Thema Flugsicherung, aber auch der Vorwand, z. B. bei der Fußball-WM die Bundeswehr als Schutz vor Terroristen einzusetzen, ist nichts als der Versuch, die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erreichen Kann er, wie er möchte, das Grundgesetz entsprechend ändern, kann er bei verstärkten Protesten aufgrund verstärktem Sozialabbau die Bundeswehr einsetzen, diese Demonstrationen gewaltsam zu beenden. Bundeswehrsoldaten sind weit weniger als die Polizei für solche Operationen geeignet. Kommt es auf einer Demonstration zu gewaltsamen Ausschreitungen, Ausschreitungen, die notfalls durch den Einsatz provokativer Gruppen gezielt herbeigeführt werden, dann werden die Soldaten selbst einen Schießbefehl ausführen. Soldaten sind sehr junge Menschen, darauf gedrillt, Befehle ohne Widerstand auszuführen.

Die Bundesregierung rechnet damit, dass bei weiteren Einschränkungen die Proteste in der Bevölkerung wachsen. Sie rechnet auch damit, dass die noch Unentschlossenen, weil noch nicht selbst betroffen, begreifen könnten, dass sie zwar nicht direkt, aber indirekt auch betroffen sind und sich dann auf die Seite der Demonstranten stellen. Zumindest gedanklich. Kommt bei Protesten Gewalt ins Spiel, werden die Unentschlossenen wieder zurück auf die Seite der Politik gezogen. Für diese Leute geht dann Polizei oder Bundeswehr nur hart gegen Chaoten vor und sie werden das gut heißen. Das liegt daran, dass diese Leute nie an Demonstrationen in größerem Umfang teilgenommen haben. Sie haben die Gruppendynamik, die so etwas erzeugt, nicht kennen gelernt. Sie wissen nicht, dass ein emotionales Feld in einer großen Masse seinen Individualcharakter verliert und zu einer Massenemotion wird, die man nutzen kann, um Ausschreitungen zu provozieren. Die Folge ist dann eine Kettenreaktion, in welcher rationale Überlegungen keine Chance mehr haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob das in einem Fußballstadion, ausgelöst von ein paar Hooligans, oder in einer Demonstration, ausgelöst von Provokateuren.

Gewalt ist keine Lösung. Der so genannte kleine Mann hat keine Chance, dabei. Er verliert immer. Vor Wahlen wird die Masse Mensch, in dem Begriff "Bevölkerung" zusammengefasst, gerne als Souverän bezeichnet. Der Fehler des Einzelnen ist, dass er nicht wirklich daran glaubt. Er fühlt sich nicht als Souverän, sondern als kleines Rädchen in einer riesigen Maschinerie. Tatsächlich ist er aber der Souverän, nutzt seine Möglichkeiten aber nicht. Im Gegenteil. Er unterstützt unbewusst auf mancherlei Art und Weise, dass man ihn benutzt. Beispielsweise Umfragen. Er fühlt sich wichtig, weil man ihn nach seiner Meinung fragt, also gibt er gerne Auskunft. Der Hintergrund der Befragung ist aber immer gleich. Man will wissen, wie man ihn manipulieren kann. Er sagt, was er von der Politik erwartet und schon wird ihm genau das von den Parteien versprochen. Er sagt, welche Vorlieben er hat, beim essen, beim trinken, beim wohnen, was er gut und was schlecht findet und zwischendurch sind scheinbar belanglose Fragen. Damit liefert er die Vorlagen für die Werbung. Werbung ist auch nichts anderes als Manipulation in Form einer Art Gehirnwäsche. Indem man ihm einhämmert, immer und immer wieder, wie gut etwas ist und dabei mit Argumenten kommt, die er selbst geliefert hat, wird er zum Opfer. Er wurde berechenbar. Die Punktesysteme in Großhandelsmärkten, an Tankstellen usw. dienen dem gleichen Zweck. Die Masse wird berechenbar. Die Strippenzieher wissen, an welcher Strippe sie ziehen müssen, um die Mehrheit in eine Richtung zu drängen. Vertrauen Sie nicht darauf, dass Ihnen Anonymität versprochen wird. Nichts wird so häufig gebrochen wie Versprechen und Datenschutz steht auf dem Papier, wird aber selten angewendet.

Dennoch ist jeder Einzelne der Souverän, denn er bestimmt mit seinem Handeln, was gut und was schlecht läuft. Nehmen wir als Beispiel den Konsum und picken mal mal einzelne Punkte heraus. In diesem Jahr ist die Fußballweltmeisterschaft. Für dieses Spektakel werden nur Bälle von Adidas verwendet und die Original-Bälle kann man für 110 kaufen. Man sollte mal darüber nachdenken, wo die Bälle wirklich herkommen. Adidas hat kaum noch eigene Produktionsstätten. In einem Bericht des Stern vom 01.03.2006 wurde das genau beschrieben. Liest man das, weiß man, wie Ausbeutung funktioniert, obwohl es in dem Betrieb, der dort im Auftrag von Adidas noch human im Verhältnis zu vielen anderen Betrieben der dortigen Gegend zugeht. Aber eine 60-Stundenwoche zu Löhnen, die gerade dazu reichen, den Menschen das Überleben zu sichern, ermöglichen es Adidas, die Bälle zu einem Preis herzustellen, der in keinem Verhältnis zu den geforderten Preisen steht. Ich schätze mal, das der Herstellungspreis (ohne Material) nicht mehr als einen kostet. Das Material wird auch nicht wesentlich teurer sein. Zählen wir noch den Gewinn des Unternehmens hinzu, welches die Bälle im Auftrag von Adidas erstellt, sind die Selbstkosten maximal 10 . Aber hier kostet er 110 . Natürlich hat Adidas noch weitere Kosten. Da sind die Schmiergelder für FIFA- und DFB-Funktionäre, damit eben nur Adidas-Bälle bei der WM zum Einsatz kommen, da sind horrende Summen für Werbung, aber auch Aufwendungen für Forschung. Fragt man bei Adidas, warum sie nicht in Deutschland produzieren, wird man die ewigen Argumente hören: "Der Produktionsstandort ist zu teuer." Aber wären hier nicht die Löhne, wie sie sind, wer könnte dann die Preise für die Bälle zahlen? Die Thailänder, welche die Bälle herstellen, können sie sich nicht leisten. Aber wir kaufen die Produkte. Der Gelegenheitskicker, der vielleicht zweimal im Jahr mit ein paar Kumpels Fußball spielt, braucht im Prinzip nicht so ein Spitzenprodukt, findet aber, dass es sein Image hebt. Doch wäre es nicht besser für das Image, er würde Adidas die rote Karte zeigen? Auch das Argument, dass es den Arbeitern sonst noch schlechter gehen würde, ist falsch. Unternehmen wie Adidas, Puma, Reebok usw. ermöglichen erst die Ausbeutung, die dort betrieben wird. Sie schmieren die dortigen Politiker, dass keine menschenwürdigen Bedingungen geschaffen werden. Und wir sanktionieren das, weil uns das Image, einen Markenball, Markenschuhe, Markenstrümpfe usw. wichtiger ist, als die Frage wo die Sachen produziert werden und zu welchen Bedingungen.

Nehmen wir die Deutsche Bank als Beispiel. Am 04.03.2006 im SPIEGEL konnte man nachlesen, dass Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank fordert, man solle bei älteren Arbeitnehmern Lohnkürzungen vornehmen. Allerdings macht er Einschränkungen. Das solle nur für Arbeitnehmer gelten, bei denen es "auf präzises Sehen, gutes Hören oder starke Muskelbelastung ankommt." Bei Berufen mit Erfahrung und Netzwerkwissen solle das nicht gelten. Damit hat er dem Argument, er solle bei sich anfangen, gleich einen Riegel vorgeschoben. Nehmen wie als Beispiel mal einen Bauarbeiter. Es ist klar. wen der 20 bis 25 Jahre auf dem Bau gearbeitet hat, bringt er nicht mehr die körperliche Leistung eines 20-Jährigen. Aber in der Realität macht er das durch Wissen und Erfahrung wett. Bei ihm sitzt jeder Handgriff, er beherrscht alle Tricks, die für eine gute Arbeit erforderlich sind und er vermittelt sein Wissen an die Jungen. Ein Volkswirt wie Walter, der noch nie auf einer Baustelle gearbeitet hat, kann gar nicht einschätzen, dass auch dort Erfahrung und Wissen die Garanten für eine gute Arbeit sind. Für andere Unternehmen mit Schwer- und Schwerstarbeit gilt das auch. Außerdem ist es eine perfide Einstellung, Menschen zu "verbrauchen" und nach Gebrauch mit einem Minimum abzuspeisen. Es würde schon helfen, wenn wir unser Konto bei der Deutschen Bank auflösen und die Auflösung mit eben diesen Aussagen und dem Hinweis auf die Entlassungspraktik der Deutschen Bank begründen.

Ein drittes Beispiel. Greenpeace hat festgestellt, dass in Futtermitteln der für die Großmolkerei Landliebe (übrigens auch bei Müller-Milch) tätigen Landwirte genmanipuliertes Soja verwendet wird. 75 & der Deutschen, übrigens auch die meisten Landwirte, lehnen die Genmanipulation wegen unkalkulierbarer Risiken ab. Für mich steht fest, dass ich künftig keine Produkte von Landliebe mehr kaufen werde.

Diese drei Beispiele beweisen, dass wir es in der Hand haben, Veränderungen zu bewirken. Elektrolux schließt die Produktionsstätte in Nürnberg? Folge: "Wir kaufen keine AEG-Produkte mehr." Adidas produziert nicht mehr am Standort Deutschland? "Warum sollen wir dann deren Produkte kaufen?" Die Deutsche Bank entlässt massenhaft Leute und fordert Lohnkürzungen für ältere Arbeitnehmer? "Warum sollen wir unser Konto bei der Deutschen Bank belassen oder dort Kredite aufnehmen?" Landliebe verspricht Spitzenprodukte und hält sein Versprechen nicht? "Es gibt genügend andere Molkereien, bei denen gute Produkte hergestellt werden."

Die Beispiel kann man beliebig fortsetzen. Reiche werden durch unser Geld reich, nicht durch ihrer Hände Arbeit. Sie beuten uns aus und wir lassen es zu. Sie bestimmen die Politik und wir wählen die Politiker, die sich auf unterschiedlichste Art bestechen lassen. Alles, was letztendlich in Wirtschaft und Politik geschieht, können wir mit unserem Handeln lenken. Dafür müssen wir aber die Gleichgültigkeit beenden, uns informieren und handeln, wenn es die Situation erfordert. Das ist manchmal lästig, aber ein sichtbarer Erfolg macht das wieder wett. Jeder kennt die blöde Kampagne "Du bist Deutschland." Wir können es wirklich sein, wenn unser Handeln überlegt erfolgt, wenn Politik, Kapital und Wirtschaft erkennen, dass uns auch so genannte Experten, die sich dafür bezahlen lassen, dass sie falsche Prognosen und Prophezeiungen unters Volk bringen, nicht über den Tisch ziehen können.

Wer macht die Politik? Die Politiker? Nein, "WIR", aber wir kapieren es nicht und hören auf das, was man uns einflüstert oder ins Ohr schreit. Denken Sie nur mal an das Fernsehen. Sendungen mit schlechten Einschaltquoten werden aus dem Programm genommen. Dort erreichen wir unbewusst mit unserem Votum, dass etwas, was wir nicht wollen, auch nicht passiert. Das wäre überall machbar. Schlechte Verkaufzahlen in einem Unternehmen bewirken, das man die Wünsche der Verbraucher respektiert. Schlechte Wahlergebnisse bewirken, dass sich die Politik Gedanken machen muss. Dazu müssen wir nur handeln, aber im Interesse der Allgemeinheit.

Gewalt löst keine Probleme, es verschärft sie nur und schafft neue Probleme. Bewusstes Handeln bewirkt hingegen wirklich Veränderungen, wir müssen nur erkennen, dass unser Verstand zu mehr zu gebrauchen ist, als unseren Bewegungsapparat in Gang zu halten. Und wir müssen auf eine falsche Weichenstellung auch dann reagieren, wenn wir selbst nicht in dem Zug sitzen, der in die falsche Richtung geschickt wird. Versuchen wir es doch einfach einmal.