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Erstelldatum: 09.10.2008

Das Geld, die Gier und der Hebel

Selenz` Kommentar 8. Oktober 2008
www.hans-joachim-selenz.de

Die Boersen-Zuckungen weltweit erinnern mittlerweile an Fieberkurven eines Todkranken. Tagesverluste im zweistelligen Prozentbereich sind keine Seltenheit. In kurzer Zeit loesten sich Milliardenwerte in Wohlgefallen auf. Zunehmend ist Panik im Spiel. Dabei geht es laengst nicht mehr nur um die geplatzte US-Immobilienblase. Die Finanzkrise kriecht ueber Grenzen und Ozeane und greift nun auch auf die Realwirtschaft ueber. Gruende sind unkontrollierte Gier sowie Struktur-Defizite des globalen Finanzgebaeudes.

Erste Not-Reparaturen zeigten bis dato noch keine erkennbare Wirkung. Das wird verstaendlich, wenn man die fragile Statik des Gebaeudes betrachtet. Die Finanzprodukte, aus denen es erbaut ist, sind selbst vielen so genannten Finanzexperten nicht bekannt. Klaus-Peter Mueller, Ex-Commerzbank-Chef und aktueller Praesident des Bundesverbandes Deutscher Banken, bekennt freimuetig, es gaebe Finanzprodukte, die selbst er nicht verstanden habe. Da geht es ihm wie vielen seiner Kunden. Die bangen nun um ihre sauer ersparten Einlagen. Was war geschehen?

Um Renditen von 20 Prozent und mehr einzufahren und zwar Jahr fuer Jahr war konventionelles Handeln mit Wertpapieren fuer einen modernen Banker schon lange nicht mehr ausreichend. Zu einem der wichtigsten Werkzeuge innovativer Finanzakrobaten entwickelte sich daher der Hebel. Mit seiner Hilfe kann man mit geringen Kraeften gewaltige Massen bewegen.

Merke: Gewaltig ist des Werkers Kraft wenn er mit dem Hebel schafft.

Mit dem Hebel erschufen die alten Aegypter bereits die Pyramiden. Der Hebel hat die Entwicklung der Menschheit entscheidend beeinflusst. Zum Positiven. Doch schon der antike Mensch wusste, dass man mit dem Hebel vorsichtig zu Werke gehen muss. Laesst man ihn zur Unzeit los, teilt er schwere Schlaege aus. Das kann sogar toedlich enden. An diesem Phaenomen hat sich nichts geaendert. Daher ist es auch heute noch wichtig, einen Hebel erst dann loszulassen, wenn sich die zu bewegende Masse in einer stabilen Position befindet.

Moderne Finanzhebel wie Optionsgeschaefte ermoeglichen es beispielsweise, grosse Aktienmengen mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz zu bewegen. Der Kunde erwirbt dabei das Recht, Aktien an einem definierten Termin zu einem bestimmten Wert zu kaufen oder zu verkaufen. Der finanzielle Einsatz betraegt lediglich einen Bruchteil des Aktienwertes. Je nach Kursverlauf kann ein solches Geschaeft zu hohen Gewinnen fuehren. Verlaeuft der Kurs jedoch anders als vorgestellt, kann am Ende einer solchen Boersen-Wette auch der Totalverlust stehen. Bei Turbo-Bankgeschaeften mit Derivaten ist zudem nicht nur fuer Laien die zu bewegende Finanzmasse bisweilen schwer erkennbar. Ebenso derjenige, der den Finanzhebel final in der Hand haelt. Folge globaler Risikostreuung.

Das globale Finanzgebaeude steht in der Folge auf einer Vielzahl derartiger Hebel, die sich gegenseitig stuetzen und mit deren Hilfe sich einzelne Banker Milliarden in die eigene Tasche geschoben haben. Kommen die Finanzmassen am anderen Ende des Hebels allerdings in Bewegung, wie in den letzten Wochen geschehen, so schlaegt der Hebel zu, wird gleichsam zur Brechstange.

Spaetestens hier wird klar, dass viele unserer Banker im Physik-Unterricht nicht aufgepasst haben. Denn bereits der alte Grieche Archimedes wusste, dass man mit einem Hebel und einem festen Punkt die Welt aus den Angeln heben kann. Genau das proben nun die Banker. Weltweit. Zwischenzeitlich sind so viele Finanzmassen in Bewegung, dass man den schlagenden Hebeln gar nicht mehr ausweichen kann. Erste Opfer unter Bankern selbst sind zu beklagen. Die beginnen derweil schon nach dem Staat zu rufen. Noch vor Monaten ein schlechterdings undenkbares Szenario. Man fordert Steuermilliarden, um das Finanzgebaeude zu retten. Das zeigt bedenkliche Schieflagen. Statt das Geld in Bildung, Infrastruktur und damit in Zukunft zu investieren, soll die mutwillig ausser Kontrolle geratene Statik der Finanzbranche stabilisiert werden. Der Buerger zahlt.

Die deutsche Kontrollinstanz, die Bundesanstalt fuer Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin, tat derweil das, was sie immer tat - sie versagte. Das tat sie bereits beim Neuen Markt. Dort gab es Faelle offener Organisierter Kriminalitaet, wie im Fall NordLB/Metabox. Die BaFin schaute zu. Ohne Konsequenzen. Sie begleitete die mehr oder weniger offene Kriminalitaet im Bereich der West LB. Der Einstieg von Porsche bei VW harrt seiner juristischen Aufarbeitung und auch die Krisen bei IKB, KfW und HRE sind Folgen systematisch ungenuegender Arbeit der BaFin. Sie ist trotz bestehender Gesetze nicht in der Lage, das Geld, die Gier und die Finanzhebel zu kontrollieren.

Peine, den 8. Oktober 2008

gez.: Prof. Dr.-Ing. Hans-Joachim Selenz