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Gehaltsverzicht für Ältere?

Für viel Aufregung sorgte eine Aussage des Ministerpräsidenten Oettinger auf dem Bezirksparteitag in Laupheim. Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger hat vorgeschlagen, dass ältere Arbeitnehmer auf Gehalt verzichten sollten, um ihre Arbeitsplätze zu sichern. Als Begründung führte er an, so berichtete die Schwäbische Zeitung, dass ein 60-jähriger Fabrikarbeiter nicht mehr die gleiche Leistung bringen könne wie sein 30-jähriger Kollege. Auch ein 60-jähriger Mitarbeiter der IT-Branche sei nicht mehr so innovativ wie ein 30-jähriger Kollege. Mit 40 überschreite man eben seinen Leistungshöhepunkt, erklärte der 52-jährige Ministerpräsident.

Ich finde die Aufregung unangebracht. Wir alle wissen, dass Erfahrung die Summe des eigenen Erlebens ist. Wenn nun ein Mann, der sein Leben lang danach Ausschau halten musste, wo das Gesäß desjenigen ist, der seiner Karriere in der nächsten Zeit den größtmöglichen Nutzen bringen könnte, dann auf dem Weg hinein gleichzeitig an dem Stuhl sägen musste, auf welchem das Gesäß saß, dann ist man mit 52 Jahren doch ausgebrannt?

Ist es nicht Aufgabe eines Politikers, seine persönliche Erfahrung in das politische Tagesgeschäft einzubringen? Da unsere Politiker ja um ihre Vorbildfunktion wissen und 99,9 % ja in dem Alter sind, in welchem sie bereits diesen von Oettinger erkannten Verlust innovativer Kraft und Leistungsfähigkeit an sich selbst wahrgenommen haben, kann ja eigentlich als Folge nur herauskommen, dass unsere Politiker nun die Konsequenz aus dieser Erkenntnis ziehen und auf einen Teil ihrer Vergütung verzichten.

Und hat Oettinger nicht zugleich eine Erklärung dafür geliefert, warum unsere Politik ist, wie sie ist? Das Oettinger nun die Erkenntnis seines Selbst auf alle Menschen seiner Altersgruppe ausweitet, ist doch auch ein natürliches Verhalten eines Politikers, der, eingedenk der Tatsache, dass er außer seiner persönlichen Karriereplanung keine Erfahrung mit Arbeit hat, den Verlust seiner innovativen Kraft und Leistungsfähigkeit zwangsläufig als allgemein gültig ansehen muss. Woher soll er wissen, dass für 99 % der abhängig Beschäftigten der harte Weg über die Schleimspur der Karriereentwicklung irrelevant ist, weil sie diesen Weg nie beschreiten?

Hat nicht auch Clement seine persönlichen Erfahrungen bzgl. Abzocke und parasitären Verhaltens in seinem Papier über

"Vorrang für die Anständigen - Gegen Missbrauch, „Abzocke“ und Selbstbedienung im Sozialstaat"

zum Ausdruck gebracht?

Jetzt müssen wir nur noch darauf warten, dass Politiker "aus dem Lichte der Erfahrung" (O-Ton Müntefering im SPIEGEL-Bericht vom 20.08.2004) Gesetzentwürfe ins Parlament einbringen, die eine Änderung des § 31 im Abgeordnetengesetz bewirken, nach dem ein Verzicht auf Ansprüche der Abgeordnetenentschädigung nach § 11 Abgeordnetengesetz zurzeit nicht möglich ist. Ich stelle mit eine gestaffelte Senkung der Diäten für Abgeordnete ab einem Alter von 40 Jahren, nach der Abgeordnete im Alter von über 65 Jahren dann schließlich für eine weitere Mitwirkung im Parlament Geld zahlen müssen. Sobald unsere Politiker als Vorbild für die Bevölkerung diesen Schritt vollzogen haben, werden wir doch sicherlich mit Freuden einem Lohnverzicht bei einem Alter über 40 zustimmen.

Ich denke, die Debatten im Parlament über eine solcher vorbildliche Vorgehensweise unserer Volksvertreter werden bis zum Jahr 3500 so weit gediehen sein, dass man die Gesetzesvorlage entwerfen kann.