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Erstelldatum: 21.02.2007

gedankenlos

Gedankenlos, was heißt das eigentlich? Völlig frei von Gedanken? Das kann nicht sein, denn man denkt immer. Man ist dabei falsch, es muss genauer heißen, das Gehirn denkt immer. Beanspruchen wir unser Hirn nicht, um eine Tätigkeit zu kontrollieren oder zu koordinieren, den Lesestoff aufzunehmen, die Bilder auf dem Fernsehschirm zu kategorisieren oder in sonstiger Art, dann beschäftigt es offensichtlich mit sich selbst. Aktiv ist es immer, selbst in der Nacht.

Wer hat es nicht schon erlebt? Ein Gegenüber, mit dem man sich unterhält, macht einen völlig abwesenden Eindruck. Spricht man ihn oder sie daraufhin an (meist mit ein wenig Rütteln an der Schulter), schreckt er/sie auf und sagt oft: "Entschuldigung, ich war ganz in Gedanken." Also war unser Gegenüber in diesem Moment nicht gedankenlos, sondern hat sich gedanklich einen Moment völlig vom eigentlichen Gesprächsthema entfernt, seine Gedanken auf etwas völlig anderes konzentriert. Auslöser kann eine Assoziation, ein optischer Effekt oder auch ein Laut gewesen sein, der ihn/sie veranlasste, einen Moment völlig abzuschalten und sich nur diesem Gedanken zu widmen.

Nun, ich möchte sie mit meinen "Gedanken" zu den "Gedanken" (eine Art Hausmacher Philosophie) nicht weiter langweilen oder gar belustigen, denn ich versuche, dem häufig verwendeten Begriff der "Gedankenlosigkeit" auf die Spur zu kommen. Wenn unser Hirn ständig "denkt", wie kann man dann gedankenlos sein? Also muss ich versuchen, einen anderen Weg zu finden, Gedankenlosigkeit zu beschreiben oder ihr Wesen zu definieren. Wir leben nicht alleine auf der Welt. Sie ist angefüllt mit Milliarden Arten von Lebewesen, die keine Menschen sind. Diese Wesen denken nicht, sind also "gedankenlos"!? Es gibt zwar viele Menschen, die diese Version glauben, aber ich denke, das ist falsch. Tiere haben ein Gehirn, wie wir Menschen auch und sie denken, wie wir Menschen auch, nur eben anders. Forscher beschreiben das Verhalten von Tieren als "Instinkthandlung", also einer genetisch vorprogrammierten Reaktion auf eine Situation. Ich hingegen glaube, dass diese Sicht die arroganteste Denkweise des Menschen ist, um sich selbst im Sinne religiöser Vorstellungen zur "Krone der Schöpfung" zu erheben. Tiere können den Menschen ihre Gedanken nicht mitteilen, weil ihnen die menschlichen Organe oder Gliedmaßen fehlen oder anders gestaltet sind, die menschliche Kommunikation ausmachen, Stimmbänder und Hände. Dabei ist eigentlich längst bewiesen, dass Tiere kommunizieren, über Gestik, über Gerüche, über Laute, die teilweise in den für Menschen nicht hörbaren Bereich wechseln. Wie oft schon hat ein Hund versucht, seinem Herrchen/Frauchen etwas mitzuteilen, meist vergeblich.

Ich möchte auch das nicht vertiefen, denn ich glaube, ich bin dem Phantom "Gedankenlosigkeit" nun auf der Spur. Gedankenlosigkeit ist nicht das Fehlen von Gedanken, sondern falsches Denken. Wir haben durch Beobachtung, durch Wissen und durch Erfahrung alle Komponenten zur Verfügung, setzen sie aber wie ein Puzzle falsch zusammen und heraus kommt ein falscher Gedankengang, wobei wir warnende Stimmen bewusst ignorieren. Ich will das an einem Beispiel festmachen. Wir fahren auf der Autobahn mit einem schnellen und technisch einwandfreien Auto. Dabei fahren wir unserem Vordermann ziemlich dicht auf, um ihn dazu zu verleiten, die Spur zu verlassen, damit wir ihn überholen können. Wir wissen, dass im Falle einer plötzlichen Vollbremsung durch den Vordermann ein Unfall unvermeidlich ist, weil wir ihm schon im Kofferraum hängen, bevor unser eigenes Bremsmanöver beginnt (Reaktionszeit). Obwohl wir das Wissen haben, ignorieren wir es. Manchmal eben mit verheerenden Folgen. Diese Ignoranz ist eine Art der Gedankenlosigkeit, weil ein solches Fahrverhalten zur Gewohnheit und damit die Gefahreneinschätzung aufgegeben wird. Sie werden mich nun als vernünftiger Autofahrer korrigieren und sagen, dieses Verhalten sei gewissenlos. Doch es ist beides. Der Drängler denkt, dass es im Augenblick seines Drängelns nicht zu einer solchen Situation kommen wird. Er hat den schnelleren Wagen oder fährt zumindest schneller als sein Vordermann und pocht auf sein Recht, zu überholen. Sein Vordermann benutzt die Überholspur, obwohl die Spur rechts von ihm in ausreichender Länge frei ist, was sein Hintermann als Provokation empfindet. Mal ehrlich, wer hätte sich nicht schon über die notorischen Linksfahrer geärgert und dabei auch zu riskanten Attacken angesetzt? Und welcher der Linksfahrer ärgert sich nicht über die Drängler und zeigt Ihnen gelegentlich zur Abschreckung ein kurzes Aufleuchten der Bremslichter?

Fehleinschätzung ist die Folge eines Gedankengangs, indem wir alles Wissen über eine Situation haben, aber unsere Wissensbausteine falsch oder vielleicht auch gar nicht zusammensetzen.
Hier möchte ich scheinbar ein wenig abrupt das Thema wechseln, aber sie werden sehen, dass sich am Ende wieder alles zusammenfügt.

Ich kritisiere auf meiner Seite Politik und Wirtschaft in vielfältiger Weise. Dennoch gehört es zu einer fairen Auseinandersetzung, dass man nicht nur die augenblickliche Situation mit allen Auswirkungen betrachtet, sondern auch die Frage stellt, wie es überhaupt soweit kommen konnte und wer letztendlich dafür verantwortlich ist. Die Antwort kann nicht gefallen, denn sie lautet: "Sie und ich!"

Gegenwart ist die Summe der Handlungen der Vergangenheit, auch und vor allem die Summe der Fehler. Es ist falsch, anderen nur böse Absichten zu unterstellen, das gilt auch für die Politik und die Wirtschaft. Ich habe bereits mehrfach auf eine menschliche Eigenschaft verwiesen, von der kaum ein Mensch frei ist: "Die Gier." Ich möchte sie hier anders definieren, als Gewinnsucht und als Vorteilsnahme. Für eine Analyse der gegenwärtigen Situation müssen wir zurück in die Vergangenheit. Dabei will ich mich auf die Ereignisse nach dem zweiten Weltkrieg, genauer nach der Währungsreform beschränken.

Weite Teile Deutschlands bestanden nur noch aus Trümmern, als die Deutschen ihre 40 DM Startgeld abholten. Ein regelrechtes Wunder waren die Auslagen in den Schaufenstern der Geschäfte. Dort lagen von einem Tag zum anderen all die wundervollen Sachen, auf die man so lange hatte verzichten müssen oder die man als Kind zum ersten Mal im Leben sah. Gestern noch gab es keine Wurst, keine Butter, kein Brot und noch weniger die exotischen Früchte wie Bananen, Zitronen oder Orangen. Heute, nur einen Tag später, barsten die Schaufenster der Geschäfte vor lauter Überfluss.

Die Menschen sind unterschiedlich. Da waren die, die vor lauter Verlangen ihr Startkapital von 40 DM zu einem großen Teil gleich ausgaben, obwohl ihnen klar sein musste, dass das nächste Geld erst mit der nächsten Gehaltszahlung kommen würde, wenn man überhaupt eine Arbeit hatte. Weil aber auch viele Firmen in Schutt und Asche lagen, war die Arbeitslosigkeit hoch und viele Menschen auf die "Stütze" angewiesen, egal ob Arbeitslosen- oder Wohlfahrtsunterstützung. Manche Menschen hatten sich begnügt und ihr Geld eingeteilt, während die anderen wieder mit leeren Händen da standen. Hier halfen die Geschäftsinhaber, der Metzger, der Bäcker, der Gemüse- oder Gemischtwarenhändler, indem sie den Leuten zinslos den Kauf von Waren kreditierten. Anschreiben lassen war die volkstümliche Bezeichnung und absolut kein neuer Vorgang, sondern schon seit langer Zeit eine Hilfe auf Gegenseitigkeit (siehe auch Peter Rosegger: Als ich die Christtagsfreude holen ging).

Auf einen Begriff möchte ich kurz eingehen, der Gemischtwarenladen. Er war das Ergebnis einer Idee, vermutlich im ländlichen Raum entstanden, Weil sich dort die spezifischen (Bäcker, Fleischer, Obst- und Gemüsehändler etc.) Geschäfte mangels Kunden nicht lohnten, entstand wohl der Gemischtwarenladen, der alles gleichzeitig war, nämlich Bäcker, Fleischer, Obst und Gemüsehändler, ohne allerdings selbst zu backen oder zu schlachten. Weil es praktisch war, alles bei einem Händler kaufen zu können, konnte er sich auch in den Städten etablieren, obwohl dort die einzelnen Fachgeschäfte dicht beieinander lagen.

Es ist ein triviales Beispiel, dennoch der Beginn einer Kette von Ereignissen. Der Hintergrund war einfach die Geschäftsidee, dass sich ein Laden dann auch in schwach besiedelten Gegenden lohne, also Gewinn erwirtschafte. Der Kunde fand es bequem und nahm die Idee an. Bis der Nächste eine Geschäftsidee hatte. Er überlegte, wenn er in einem großen Laden Regale und Kassen einrichtet. und die Kunden sich bis auf die frischen Waren selbst bedienen können, spart er Personal, kann damit die Konkurrenz unterbieten und die Kundschaft wird schneller abgefertigt. Der Kunde fand das super, vielleicht deshalb der Name Supermarkt. Vergessen war Tante Emma, die für einen angeschrieben hatte, wenn man kein Geld mehr hatte. Das war keine Undankbarkeit, sondern einzig der in Anspruch genommene Vorteil, ohne weiter darüber nachzudenken. Die kleinen Läden verschwanden, aber weil der Aufbau Deutschlands noch im Gange war, wurden die negativen Folgen nicht bemerkt. In der Folge wurden weitere Verschlimmbesserungen eingeführt. Zunächst wurde die frische Ware verpackt und man sparte auch hier an Verkaufspersonal. Dann kam die Idee des Discounters. Man räumte die Ware nicht mehr in Regale ein, sondern stellte die Ware auf Paletten in den Kartons der Lieferanten an Stelle der Regale auf. Die Paletten rausschieben, das konnten die Kassierer(innen) nebenbei erledigen. Lediglich Kühlregale mussten noch eingeräumt werden. Die Kunden sahen nur den persönlichen und momentanen Vorteil. Die Folgen wurden nicht bedacht. die allmählich ansteigende Arbeitslosigkeit wurde zwar zur Kenntnis genommen, aber der eigene Anteil an diesem Phänomen kam niemanden zu Bewusstsein. Auch nicht der Umstand, dass man zwar beim Einkauf sparte, dafür aber der Staat in Form von Steuern und Sozialabgaben sich dieses gesparte Geld zurückholte, denn er musste ja die Arbeitslosen alimentieren.

Das ist ein Beispiel aus der Lebensmittelbranche. In der Textilbranche waren die Produkte aus Asien oder sonstigen Drittweltländern billiger als die im Land produzierte Ware. Wer machte sich schon Gedanken darüber, dass dort zu geradezu unmenschlichen Bedingungen produziert wurde, Hauptsache, die Sachen waren billig. Zwar konnte man im inzwischen eingeführten Fernsehen in manchen Berichten erfahren, wie die Ausbeutung in manchen Ländern praktiziert wurde und man fand das skandalös, aber der eigene Anteil an dieser Ausbeutung wurde nicht erkannt oder zumindest ignoriert. So genannte Nobelmarken in bestimmten Bereichen machten sich diesen Umstand auch zunutze. Ob Sportgeräte oder bestimmte Textilien, man ließ sie billigst im Ausland fertigen, um sie hier an Leute zu teuren Preisen zu verhökern, die Wert auf "Markenartikel" legten. Image-Kampagnen in der Werbung verstärkten auch diesen Trend.

Sehen Sie, dass verstehe ich unter Gedankenlosigkeit. In den Anfängen dieser Entwicklung waren die Folgen noch nicht, oder zumindest nur schwer abzusehen. Das ist heute anders. Die Folgen solcher Handlungsweise springen inzwischen jedem ins Auge, aber es ändert sich nichts. Gesehen wird nur der marginale Vorteil des Moments. Dass man nicht wirklich spart, weil jedem das Geld auf andere Weise dann wieder genommen wird, bleibt unberücksichtigt. Es gibt Aussagen, das ca. 80% der Aldi- und Lidl-Kundschaft aus Leuten besteht, die durchaus die Mittel hätten, mehr zu bezahlen.

Wachstum heißt die heilige Kuh unserer Marktwirtschaft. Das Wachstum fast ausschließlich im Exportbereich existiert, weil die einheimischen Märkte gesättigt sind und somit zwangsläufig stagnieren, wer denkt schon darüber nach. Aber die großen Handelsketten wachsen trotzdem. Wie schaffen die das? Die Antwort ist einfach. Sie weiten ihre Geschäftsfelder aus. Und der Kunde kauft Geschirr, Handtücher und alles Mögliche bei Tschibo, bei Tengelmann, bei Rewe, bei Aldi, bei Lidl usw. und vernichtet damit den Fachhandel für diese Produkte. Wieder gehen Firmen Pleite, weil die Kunden nun in den vorgenannten Märkten kaufen. Doch damit nicht genug. Über die Methoden beim Einkauf der großen Handelsketten kann man zwar selten, aber doch gelegentlich aus der Presse etwas erfahren. So werden alle Risiken auf den Hersteller abgewälzt. Lässt sich ein Produkt bei Aldi nur schwer an den Mann bzw. die Frau bringen, muss es der Hersteller zurücknehmen. So manche Unternehmer können das nicht verkraften. Um an diese Kette liefern zu können, haben sie sich in Schulden gestürzt. Werden sie von den Ketten fallen gelassen, stehen nicht wenige Unternehmen vor dem Aus.

Am Anfang steht die Geschäftsidee. Der Geschäftsmann, der diese Idee verwirklicht, sieht mögliche Folgen für seine Konkurrenz nicht negativ, denn ein Pleite gegangener Konkurrent sichert ihm zusätzliche Kundschaft. Er profitiert, zumindest solange, bis ein anderer seine Idee erweitert oder eine neue Idee hat, mit der er ihm die Kundschaft wieder abjagt. Aber der Kunde stellt sich mit der Akzeptanz und Nutzung dieser Ideen selbst ein Bein. Denn letztendlich zahlt er die Zeche. Er spart beim Einkauf, dafür kassiert der Staat bei ihm und zwar dauerhaft. Wir wurden angeblich von der Natur mit einem Verstand ausgestattet. Wilhelm Busch würde wohl sagen: "Ein Verstand ist dann nur gut, wenn man ihn gebrauchen tut." Seit ich erkannt habe, dass ich meinen Anteil an der permanenten Verschlechterung der Lebensverhältnisse habe, habe ich mich umgestellt. Dabei ist mir klar, dass ich damit nichts bewirke. Das gleiche gilt für diese Internetseite. Ich mache es dennoch, für mich selbst.

Kirsten hat mir im Gästebuch die Frage gestellt, ob ich nicht doch insgeheim Aufwiegelei betreibe. Ja, ich versuche, aufzuwiegeln. Aber nicht zur Gewalt. Gegen Gewalt hat die Legislative die Exekutive. Ich versuche die Waffe zu schärfen, die Politik und Wirtschaft am meisten fürchten: "den Verstand." Ein Volk, das selber denkt, ist der Albtraum eines jeden Politikers und im gleichen Maße der Wirtschaftsbosse und des Kapitals. Man kann es nicht mit Sprüchen und nicht mit Werbung beeinflussen, sondern nur mit klaren und sinnvollen Handlungen. Für die Politiker und die Konzernlenker wäre das gleichbedeutend mit Arbeitslosigkeit, denn diesen Anspruch können sie nicht erfüllen. Aber diese Arbeitslosen würde ich in Kauf nehmen, denn bis die BA ihnen 345 monatlich zahlen müsste, vergeht einige Zeit.

Deshalb mein Appell: Handeln Sie nicht gedankenlos, sondern denken Sie bei Ihren Handlungen erst einmal über die möglichen Folgen nach. Nicht die Politik und nicht die Wirtschaft schafft Arbeitsplätze, sondern einzig und alleine Sie. Ihr Konsumverhalten entscheidet darüber, ob die Arbeitslosigkeit sinkt. Reden Sie sich nicht heraus, das könnten Sie sich nicht leisten. Wenn Sie ein neues Auto, einen neuen Fernseher oder eine sonstige größere Anschaffung tätigen, nehmen Sie mehrheitlich dafür einen Kredit in Anspruch, anstatt das Geld erst anzusparen. Dann können Sie es sich es plötzlich leisten, rund doppelt so viel zu zahlen, wie der eigentliche Kaufpreis beträgt? Auch die Niedrigzinsgebote bei einigen Produkten sind Augenwischerei. Wenn man Ihnen für niedrigen Zins die Finanzierung eines Autos anbietet, dann zahlen Sie zwar weniger Kreditzinsen, aber jeglicher Preisnachlass und ein guter Preis für die Inzahlungnahme Ihres Gebrauchten bleiben Ihnen verwehrt. Gespart haben Sie nichts.