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Erstelldatum: 12.05.2012

Die Finanzkrise und die EU

Die Eurozone steht vor einer Zerreißprobe betitelt die Welt einen Bericht über die Auswirkungen in einigen EU-Ländern, die auch Mitglied der Euro-Zone sind. Dem Bericht nach werden die EU-Länder Spanien, Irland, Italien und Zypern jetzt durch Spekulanten angegriffen und als Vergleich wird der Fall des George Soros herangezogen, der mit seinen Spekulationen das britische Pfund in die Knie gezwungen hat.

Ein Auszug aus dem Artikel:
    Die Investoren spekulieren bei den schwachen Ländern auf zwei mögliche Debakel: Dass ein Land gezwungen sein könnte, aus der Eurozone auszuscheiden. Schließlich ist der gemeinsame Euro eine Art Korsett gerade für kleinere Staaten. Ein einzelnes Land kann weder den Leitzins seinen Bedürfnissen anpassen, noch zur Ankurbelung der heimischen Wirtschaft eine eigene Währung abwerten. Steht es Spitz auf Knopf, gibt es auch keine nationale Zentralbank und damit die Möglichkeit, die Notenpresse anzuwerfen, um Schulden zu begleichen. "Im Fall eines Euro-Ausstiegs müsste ein Land Bankrott anmelden, sein Bankensystem würde in die Brüche gehen. Darüber hinaus würde ein Ausschluss aus der Wirtschaftsgemeinschaft drohen“, zeigt UBS-Ökonom Paul Donovan mögliche Konsequenzen auf.

Hier kann man zum ersten Male auch in einer Presseveröffentlichung nachlesen, was ich schon seit geraumer Zeit als eines der Hauptprobleme der EU und der Euro-Zone bezeichnet habe. Die Finanzminister der jeweiligen Euro-Länder sind eigentlich bloß noch Marionetten, denn sie können in Fällen wie jetzt nicht mehr steuernd eingreifen. Finanzschwache Länder wie bspw. Italien konnten in der Vergangenheit durch Abwertung ihrer Währung bei Turbulenzen auf dem internationalen Kapitalmarkt reagieren, sie konnten über ihre Zentralbank Zinskorrekturen vornehmen und damit ausgleichend solchen Angriffen entgegentreten. Beim Euro, einem Verbund von 16 Staaten, wird der Zentralbankrat der EZB den Teufel tun, ausgenommen natürlich, die hohen Herren sehen ihre eigenen Pfründe in Gefahr. Ich kann mich erinnern, dass es früher einmal hieß, ein Staat könne nicht bankrott gehen. Das scheint man heute anders zu sehen.

Fast amüsiert kann man im Bericht nachlesen, dass "die Politik alarmiert" sei. Ich habe bisher noch keinerlei Reaktionen der Politik feststellen können. Als naiver und von Unkenntnis befallener Normalbürger stellt sich mir natürlich die Frage, warum man nicht international Spekulationsgewinne derart hoch besteuert, dass es uninteressant wird, Milliarden oder gar Billionen in Spekulationen zu investieren. Die Antwort ist allerdings gar nicht so schwer. Kapitalismus können Sie mit einer Autofahrt vergleichen, allerdings mit einem Auto, bei dem die Bremsanlage nicht nur defekt ist, sondern erst gar nicht eingebaut wurde. Am Anfang fahren Sie auf ebener Straße und können die Geschwindigkeit mit dem Gaspedal regulieren. dann beginnt allmählich ein Gefälle, das immer steiler wird. Die Motorbremse (Regierungsapparat) gibt ihren Geist auf und Ihre Geschwindigkeit nimmt rapide zu, bis die Straße mit einer Klippe endet, die Sie unweigerlich hinabstürzen.

Sie verstehen den Vergleich nicht? Der Kapitalismus basiert auf der Theorie, Geld könne arbeiten und sich vermehren. Sie kennen diese Theorie unter dem Begriff Zinsen und Zinseszinsen. Wer ein wenig Geld über hat, bringt es zur Bank und erwartet, dass diese ihm dafür Zinsen zahlt. das machen allerdings nicht nur die so genannten kleinen Leute, sondern auch die Superreichen. Sie als kleiner Mann bekommen im Durchschnitt für Ihre Einlage vielleicht 3%, die Anleger, die mit Millionen operieren, aber entschieden mehr, vermutlich sogar mehr als das Doppelte. Bei Ihnen, der Sie nur 3% Zinsen bekommen, dauert es 25 Jahre, bis sich das Kapital verdoppelt hat, genauer, bis aus den von Ihnen angelegten 1.000 € die stolze Summe von 2.032,79 € geworden ist (der Einfachheit halber habe ich nur eine Zinszahlung von 3% einmal im Jahr gerechnet). Doch schon nach weiteren 14 Jahren sind aus Ihrer Einlage 3.074,78 € geworden. Ich glaube, eine kleine Tabelle macht das deutlicher:

Einlage 1.000  €
nach
Zinssatz 3%
Zinssatz 4%
Zinssatz 5%
Zinssatz 6%
Zinssatz 7%
Zinssatz 8%
Zinssatz 9%
10 Jahren
1.304,77 €
1.423,31 €
1.551,33 €
1.689,48 €
1.838,46 €
1.999,00 €
2.171,89 €
20 Jahren
1.753,51 €
2.106,85 €
2.526,95 €
3.025,60 €
3.616,53 €
4.315,70 €
5.141,66 €
30 Jahren
2.356,57 €
3.118,65 €
4.116,14 €
5.418,39 €
7.114,26 €
9.317,27 €
12.172,18 €
40 Jahren
3.167,03 €
4.616,37 €
6.704,75 €
9.703,51 €
13.994,82 €
20.115,30 €
28.815,98 €
50 Jahren
4.256,22 €
6.833,35 €
10.921,33 €
17.377,50 €
27.529,93 €
43.427,42 €
68.217,91 €

Ich habe es mir bei der Ermittlung der Zinsen dabei noch einfach gemacht, denn in der Realität werden die Zinsen monatlich und nicht (wie bei mir) jährlich aufaddiert. Doch meine Rechnung genügt, um das System eines exponentiellen Zinssatzes zu erläutern. Exponentiell bedeutet, dass durch die Verzinsung auch der Zinsen das Kapital immer schneller wächst. Naive Gemüter mögen nun glauben, dass oben im Himmel ein Gott sitzt, der die Zinserträge aus seinem Füllhorn über die Menschen ausgießt. Aber die Realität ist anders. Ein Bank kann nur Zinsen zahlen, weil sie das Geld ihrerseits nun gewinnbringend anlegt, bspw. indem Sie Kredite vergibt und für die Kredite höhere Zinsen einfordert, als sie an Zinszahlungen zu leisten hat. Aber Kreditnehmer ist nicht nur der kleine Konsument, sondern auch der Häuslebauer und wohl alle Unternehmen. Anders gesagt, die Bank verpumpt das von Ihnen angelegte Geld und zahlte ihnen aus ihrem Zinsgewinn den für Sie gültigen Zinsertrag. Eine Zeitlang geht das auch gut, denn die Expansion der Unternehmen erzeugt auch einen steigenden Kapitalbedarf und damit eine gesteigerte Kreditaufnahme. Aber es gibt da eine unangenehme Nebenerscheinung, die im Liberalismus offenbar nicht vorkommt, die Marktsättigung. Für den Liberalismus gilt nur das Angebot. Mehr produzieren heißt mehr Umsatz und mehr Umsatz heißt mehr Kohle. Die Frage, ob es für die Mehrproduktion auch Nachfrage und damit Abnehmer gibt, stellt sich offenbar nicht.

Wie kann man dem entgehen? Ganz einfach, man erfindet die Globalisierung und schafft Freihandelszonen.. Damit kann man neue Märkte erschließen, vor allem dort, wo die Entwicklung noch hinterher hinkt. Und wieder hat man Möglichkeiten, das Kapital zu vermehren, weil die westlichen Länder ihre Produktionen erweitern können. Doch auch das geht nur eine Weile gut, dann tritt erneut eine Sättigung ein. Nicht nur das, Da gibt es doch tatsächlich Länder wie China und Indien, die sich erdreisten, die westliche Technik zu kopieren und nun ihrerseits zu produzieren, billiger als die westlichen Länder und schon aufgrund ihrer Masse an Menschen mehr und schneller.

Was machen nun die Banken? Sie haben Einlagen, für die sie Zinsen zahlen müssen, also was tun, wenn die Kreditmargen weitgehend ausgeschöpft sind? Man beginnt damit, Kreditblasen zu erzeugen. Man vergibt Kredite an Leute, deren Bonität nicht gewährleistet ist, man spekuliert, indem man Wetten abschießt, Wetten auf steigende oder fallende Preise, auf steigende oder fallende Zinsen (siehe der Fall Merckle) und schafft ständig neue Kreationen, um die eigenen Verpflichtungen einhalten zu können.

Irgendwann ist aber das Ende der Straße erreicht und weil der Kapitalismus keine Bremse hat, geht die Fahrt in einen Flug über, wenn man den Absturz so bezeichnen möchte. Die USA ist bereits im freien Fall, in Europa hat der Absturz gerade erst begonnen. Also schnüren die Regierungen "Rettungspakete" und hier beginnt dann wieder das im Weltartikel geschilderte Spekulationsgeschäft, denn natürlich haben eine kleine Clique Superreicher in der Vergangenheit Renditen wie ein Staubsauger aufgesaugt und beginnen nun mit dem Leichenschmaus, schon bevor der endgültige Tod eingetreten ist. Aber machen Sie sich keine Sorgen, Merkel und Sarkozy haben schon Ideen für einen "neuen Kapitalismus."

Interessant sind die Kommentare zu dem Artikel. Da sind z. B. die Kommentare einiger Leute, die sich beschweren, dass Spekulation so verteufelt wird. Sie vertreten die Ansicht, Spekulation sei nichts Schlimmes. Aber was ist Spekulation eigentlich?

  • Wenn ich darauf warte, dass mein Nachbar auf Geschäftsreise geht, damit ich mich mit seiner Frau vergnügen kann, dann ist das eine Spekulation.
  • Wenn ich darauf warte, dass meine Erbtante stirbt, damit ich ihr Erbe antreten kann, dann ist das eine Spekulation.
  • Wenn ich einen Lottoschein abgebe, ist das auch eine Spekulation.
  • Wenn jemand eine Option für den Einkauf einiger Tonnen eines bestimmten Lebensmittels in 6 Monaten eingeht (Reis, Getreide, Mais etc.), weil er glaubt dass die Preise für diese Ware steigen werden (Optionsgeschäfte), dann ist das eine Spekulation, aber eine von der Sorte, wo der Spekulant aufgrund seiner Finanzmittel vielleicht in der Lage ist, Einfluss auf die Preisentwicklung zu nehmen.

Nun, eine Spekulation kann natürlich auch in die Hose gehen. Wenn mein Nachbar auf dem Weg zum Bahnhof einen Anruf bekommt, dass der Termin für den Grund seiner Geschäftsreise verschoben wurde und er dann wieder nach Hause fährt, habe ich schlechte Karten, wenn er mich dann bei seiner Frau erwischt.

Aus meiner Sicht ist Spekulation also ein Vorgang, in dem ich zum eigenen Vorteil eine Gelegenheit nutze, anderen zu schaden. Es gibt Ausnahmen, wie z. B. der Lottoschein, nicht aber im Finanzwesen. Dass das Kapital längst weiß, dass der Finanzsektor den Bach hinunter geht, beweisen die Aktienkurse der Banken.
  • Commerzbank: Jahres hoch = 24,01 €, Jahrestief = 2,89 €, heute 2,92 €
  • Postbank: Jahres hoch = 67,04 €, Jahrestief = 7,06 €, heute 7,84 €
  • Deutsche Bank: Jahres hoch = 80,94 €, Jahrestief = 16,77 €, heute 17,88 €
Die Reichen und Superreichen haben ihr Geld längst in Sicherheit gebracht. Man sollte jetzt auch nicht den Fall Merckle anführen. Der Mann hat nicht sein Privatvermögen für seine Zockerei verwendet, sondern Firmengelder und ob sein Selbstmord wirklich so ganz freiwillig war, daran habe ich gelinde Zweifel. Leute seiner Kategorie richten in solchen Fällen die Waffe gegen sich und schmeißen sich nicht vor Züge. Die teilweise Begründung der Presse über seine Verantwortung gegenüber seinen 100.000 Mitarbeitern ist entspringt wohl eher der Phantasie eines Zeitungsredakteurs, weil man im Falle von Merckle sich nicht auf den für einen Selbstmord üblichen Dreizeiler beschränken konnte. Er galt als einer der reichsten Männer Deutschlands und er hat seine Mitarbeiter nicht eingestellt, um ihnen Gutes zu tun, sondern um selbst ein Vermögen zusammen zu raffen.

Die Presseagentur AFP verkündet, dass die Regierung das schwärzeste Jahr seit dem 2. Weltkrieg erwartet. Nun, diese Prognose wird wohl stimmen, denn schon seit der Kohl-Ägide war jedes Folgejahr schlimmer als das Jahr zuvor. Schröder im Verbund mit den Grünen hat das Ganze noch intensiviert, Merkel und Müntefering haben mit tatkräftiger Unterstützung aller Parteien (außer der Linken) den letzten Rest des Landes an die EU verkauft und Merkel, Zypries und Schäuble haben dem letzten Rest vielleicht noch vorhandener Demokratie den Garaus gemacht und einen Überwachungsstaat etabliert, gegen die jede zuvor tätige Diktatur geradezu armselig aussieht. Aber der Deutsche scheint das zu brauchen. Freiheit ist für ihn ein Wort, mit dem er/sie vermutlich die Nutzung der Verblödungsmechanismen Fernsehen, ganz besonders der RTL-Medien und die seitengroßen Schlagzeilen der BILD in Verbindung bringt. Eigenes Denken scheint nicht dazu zu gehören, sonst könnte es keine Wahlergebnisse wie zuletzt in Hessen geben. Niemandem scheint aufzufallen, dass das so genannte Konjunkturpaket nur für die Leute geschnürt wurde, die es nicht nötig haben. Die untere Hälfte der Bevölkerung (dem Einkommen nach) wird in diesem Konjunkturpaket gar nicht oder so gering bedacht, dass nicht einmal ein Inflationsausgleich dabei zustande kommt. Rund 20 Millionen Rentnern wurde mit dem Gesundheitsfond die Rente ganz real erheblich gekürzt, Rentner mit zusätzlichen Firmenrenten verspüren diese Kürzung noch wesentlich drastischer. Aber wo bleiben die Fragen, warum man über 200 Krankenkassen benötigt, über 200 teure Verwaltungsapparate, wenn jeder Wettbewerb per Gesetz ausgeschaltet wurde?

Aber der Deutsche scheint das zu brauchen, die Führung, die jeden seiner Schritte reglementiert. Freiheit, welch ein Unsinn, was soll der/die Deutsche damit? Er/sie ist offenbar genetisch zum "Untertanen" geboren. Nicht nur das, er/sie ist auch extrem leidensfähig. Die Politiker wissen das und deshalb ist die Schlagzeile der AFP nicht weiter besorgniserregend, sondern nichts als ein Versprechen der Politik an ihre masochistischen Bürger. Spannung verspricht lediglich die Form, wie die Politik die Arbeitslosenstatistiken in Zukunft modifiziert (um nicht den Ausdruck "fälscht" zu verwenden).