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Erstelldatum: 22.07.2009

Ersatzhandlungen

Wenn jemand, so wie ich, seinen Fernseher dem Müll überantwortet, ohne ihn dann durch einen Neuen, möglichst mit einem LCD-Bildschirm von 40 Zoll, zu ersetzen, stellt man schnell fest, dass man süchtig ist. Es ist wie mit dem Rauchen. Die ersten Tage sind schlimm, aber mit jedem Tag des Verzichts wird es besser, bis man schließlich nur noch sporadisch in Versuchung gerät. Bei der Raucherei ist solch ein Moment der Versuchung allerdings ungleich gefährlicher als beim Fernsehen. Man bittet einfach einen Kumpel um einen Glimmstängel und wenig später kauft man sich bereits wieder eine Packung mit riesigen Lettern, dass Rauchen tödlich ist und etlichen anderen Aussagen. Aber ist das Leben nicht auch tödlich? Na ja, ich bin Raucher und werde wohl deshalb auch keine 100 Jahre alt. Aber mal ehrlich; wer will heute noch 100 Jahre alt werden? Spätestens ab einem Alter von 50 Jahren kommt man doch in den Genuss einer Dauerdiskriminierung, es sei denn, man gehört zu den Persönlichkeiten, die ihre Altersversorgung nicht durch eigene Einzahlungen finanziert haben, wie Politiker, die meisten Wissenschaftler, die Beamten (vor allem die des gehobenen oder höheren Dienstes). Haben Sie hingegen ein Leben lang Rentenbeiträge gezahlt und erwarten deshalb im Alter, dass man Ihnen nun auch eine Rente zahlt, gelten Sie als einer von denen, die die Jugend ausbeuten, Schuld haben an der Staatsverschuldung und ähnlichen Schwachsinn mehr. Diejenigen, die diesen Müll permanent propagieren, sind zumeist Leute, die entweder bereits im "Pensionsalter" sind, wie bspw. Helmut Schmidt oder Altbundespräsident Roman Herzog, oder auf satte Pensionszahlungen spekulieren können, wenn sie erst einmal in den Ruhestand gehen, wie unsere Politiker-Riege, unsere Justiz-Beamten, die Herren Professoren mit Lehrauftrag an staatlichen Universitäten und natürlich die Damen und Herren aus den Vorstandsetagen der großen Konzerne, die sich mit unverfrorener Selbstbedienungsmentalität Alterszahlungen bewilligten, die außerhalb des Verständnisvermögens eines normalen Rentners liegen. Warum also ein Alter von 100 Jahren anstreben, wenn man fast die Hälfte davon in steigender Armut verbringen muss, weil man nicht zu den vorgenannten "erlauchten Kreisen" zählt?

Es ist schlimm, ich bin wieder abgeschweift, denn eigentlich wollte ich ja über den nicht vorhandenen Fernseher berichten. Anders als bei der Raucherei führt hier der Anflug eines Rückfalls nicht dazu, dass man gleich in die "ich bin doch nicht blöd"-Läden eilt, um das Gegenteil zu beweisen und sich wieder einen Fernseher anzuschaffen. Nein. Man fragt z. B. einen Kumpel, ob man am Abend mal einen Film schauen darf. Meine Damen, wenn Sie sich nun diskriminiert fühlen, weil ich den Begriff "Kumpel" gewählt habe, lag das nicht in meiner Absicht. Stellen Sie sich einfach vor, unsere umtriebigen Rechtschreibungs-Reformer hätten aus "der Kumpel" das Neutrum "das Kumpel" gemacht. Schließlich ist ihre beste Freundin für Sie doch auch eine Art Kumpel. Oder irre ich mich?

Zurück zum Fernseher. Die Gefahr eines Rückfalls ist dort auch wesentlich geringer, denn wann kommt schon einmal ein Film, den man noch nicht kennt, weil er bereits in der x-ten Wiederholung läuft? Doch etwas fehlt mir dennoch, beispielsweise gelegentlich die Sendung "Neues aus der Anstalt". Aber da habe ich ja einfache Möglichkeiten. Ich gehe auf YouTube und schau mir dort die zahlreich eingestellten Ausschnitte aus dieser Sendung an. Diese Sendung wird auch unter dem Sammelbegriff der Comedy geführt (Begriffe wie Kabarett oder Satire sind ja inzwischen verpönt), obwohl sie sich von der Comedy der Privatsender total unterscheiden. Die Privaten, so mein Eindruck, wollen mit den von ihnen ausgestrahlten Comedy-Serien und -Sendungen uns ganz offensichtlich in eine Primitivwelt führen, in welcher Zoten, primitivste Begrifflichkeiten und Handlungen den Humor ersetzen sollen. Diese Form der Comedy kann und soll nur Dummheit vermitteln. Mehr noch, sie soll, so zumindest ist mein Eindruck, Gleichgültigkeit gegenüber jeder Form echter Diskriminierung erzeugen und die primitivste Form des Voyeurismus wecken, dessen der Mensch fähig ist. Wenn man bedenkt, dass ein Unternehmen wie die Bertelsmann-Stiftung dabei eine Führungsrolle bei den privaten Sendern hat, sollte das eigentlich nachdenklich stimmen, denn Bertelsmann ist auch das Unternehmen, das an den meisten politischen Vorhaben direkten oder indirekten Anteil hat.

Damit bin ich wieder bei der Sendung "Neues aus der Anstalt." Lothar Dombrowski alias Georg Schramm gehört für mich zu den Leuten, die mit absolut ernsten Betrachtungen die Grenzen zwischen Spaß und Ernst oft verwischen. Ich finde, man sollte seine Aussagen nicht nur als Unterhaltung ansehen, sondern sich einmal ernsthaft damit auseinandersetzen. So z. B. seine Vorstellung über die Volksverblödung. Was er da sagt, ist absolute Realität und sollte eigentlich jeden dazu bringen, ernsthaft diese Aussagen mit der Realität vergleichen und eigene Schlüsse zu ziehen.

Ist man erst einmal auf YouTube, dann schaut man sich auch den einen oder anderen der Kurzfilme an. So habe ich mir drei Filmchen angesehen, die sehr anschaulich darstellen, wie dumm wir wirklich sind:

Story of Stuff deutsch Teil 1 von 3
Story of Stuff deutsch Teil 2 von 3
Story of Stuff deutsch Teil 3 von 3

Drei kurze Filmchen, die aber am Beispiel Amerika gekonnt zeigen, wie wir, getrieben von Politik und Kapital, den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Damit sind wir allerdings wirklich schon weit. Ich denke, es dauert nur noch wenige Jahre, bis wie endgültig durch sind und im freien Fall in die Tiefe rauschen.

Ich habe mir noch weitere Kurzfilme aus der Anstalt oder von Volker Pispers angesehen und in der relativ kurzen Zeit dieser Fernsehkonsum-Ersatzhandlung wohl mehr Intelligentes gehört, als von den Privaten in den letzten 10 Jahren der Zeit, als ich noch unglücklicher Besitzer eines Fernsehapparates war. Es ist nur schade, dass die Besucher und Zuschauer dieser Sendungen sich am Ende wohl gut unterhalten wissen, aber vermutlich meist nicht begreifen, dass sie in der jeweiligen Sendung viel gehört haben, das zum Nachdenken anregen sollte, weil darin mehr Wahrheit enthalten ist, als man ansonsten aus der Presse oder aus dem Fernsehen erfahren kann.

Ich war danach eigentlich gut gelaunt, fühlte ich mich doch in vielen Ansichten bestätigt, die ich auf dieser Seite artikuliere. Aber ich scheine eine masochistische Ader zu haben, denn anschließend habe ich danach wieder unsere Presselandschaft durchforstet. Das reicht, gute Laune zu vertreiben. Beispiel Iran. Die Presse überschlägt sich regelrecht, das Wahlergebnis gemäß den Wünschen amerikanischer Interessen und des "Reformpolitikers" Mir Hussein Mussawi als Wahlbetrug zu kommentieren und die Demonstrationen in Teheran herauszustellen. In der Zeit und der Sueddeutschen war von Zehntausenden Demonstranten die Rede. In den Springer-Gazetten wurden daraus Hunderttausende. Natürlich wird Mahmud Ahmadinedschad wie die Reinkarnation des alten Adolf dargestellt.

Um die Situation im Iran zu begreifen, muss man wohl Iraner sein. Es ist ein Land mit einer weit verbreiteten tiefen Religiosität, was fast automatisch zu Konflikten mit den so genannten modernen "Reformern" führt. Aber darum geht es in den Presseberichten der westlichen Gazetten nicht. Es geht um die Verteufelung des Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, der es gewagt hat, den drohenden Zeigefinger eines George W. Bush zu ignorieren und nicht zu buckeln, die mahnenden Worte eines Frank-Walter Steinmeier und einer Angela Merkel zu ignorieren und sein Atomprogramm fortzusetzen. Obwohl er stets betont hat, dieses Programm würde nur für die Energiesicherung gefahren und diene nicht dem Bau von Atomwaffen, obwohl er gegen die Kontrolle der Internationalen Atomkontrollkommission keine Einwände habe, wurden die westlichen Medien nicht müde, ihm ohne konkrete Beweise das Gegenteil zu unterstellen. Das erinnert schon sehr an die Kriegsvorbereitungen eines George W. Bush für seinen Einfall in den Irak.

Eine bewusst falsche Übersetzung einer Rede von ihm, nach welcher er angeblich Israel von der Landkarte tilgen will, wird wider besseres Wissen aller Presseorgane und aller Politiker immer und immer wieder wiederholt. Damit werden hierzulande Ressentiments gegen jemanden geschürt, von dem eigentlich kaum ein Mensch in diesem Land etwas weiß, auch ich nicht. Vielleicht ist er ja wirklich der dargestellte Bösewicht, dann aber zumindest einer mit Charakter, der nicht einknickt, wie intensiv die Drohungen von Big Brother auch sein mögen. Jetzt hat kurz vor der Wahl Obama verlauten lassen, dass er eine andere Iran-Politik fahren möchte, als sein Vorgänger Bush. Soll das die Iraner beruhigen? Sie haben im letzten Jahrhundert durch die Briten und die USA sehr viel brutale Einmischung erfahren und man sollte sich fragen, ob die "reformwilligen" Kräfte wie Mussawi nicht vielleicht die immer noch vorhandenen Schah-Anhänger oder deren Nachkommen sind, die von dem Schah-Regime profitierten. Im Gegensatz zur Presse stelle ich das als Frage in den Raum und nicht als Behauptung. Logisch, denn eigentlich weiß ich nichts über den derzeitigen Iran, außer, dass er derzeit noch ein Hemmschuh für die Ölinteressen der westlichen Welt ist. Es ist ja auch unverschämt von Ahmadinedschad, die Ausbeutung der Energieressourcen selbst steuern zu wollen, statt das den USA oder den Briten zu überlassen.

Was mich an den Berichten der Presse besonders stört, ist die Form der Berichterstattung über die Demonstrationen und die Ausschreitungen in Teheran. Angefangen mit den Zahlenangaben über die Menge der Demonstranten bis hin zu den Maßnahmen gegen die Ausschreitungen stehen sie der Berichterstattung äquivalenter Demonstrationen in Deutschland diametral gegenüber. In Deutschland liegen die Zahlen immer unter den tatsächlichen Werten, in den Berichten über Teheran immer darüber. In Deutschland ist der "schwarze Block" Teil der Demonstration und Verursacher der Ausschreitungen. In Teheran ist es offenbar so, das die äquivalente Truppe als Truppe von Ahmadinedschad gesehen wird. In Deutschland werden die Provokationen der Polizeikräfte und der massive Einsatz von Schlagstöcken, Wasserwerfern und Tränengas entweder nicht erwähnt oder verteidigt. In Teheran ist es ein Zeichen staatlicher Willkür.

Ich weiß nicht, ob die Wahlen in Teheran ordnungsgemäß verlaufen sind, aber eigentlich weiß ich das auch bei Wahlen in Deutschland nicht genau. Ich weiß nichts Näheres über Ahmadinedschad oder Mussawi, aber ich sehe, dass die deutsche Presse gezielt Stimmung macht und diese Stimmungsmache erfolgreich ist. Wenn die Zeit schreibt, die USA und Europa hätten auf einen Sieg von Mussawi gehofft und reagierten nun zurückhaltend auf das Wahlergebnis, frage ich mich, wie es aussieht, wenn diese "Zurückhaltung" aufgegeben wird. Es gibt inzwischen viele Länder, denen von der einen oder anderen Seite Manipulation bei den Wahlen vorgeworfen wird. Seltsam, waren die Wahlsieger pro westlich, fanden sich immer "Beobachter", die eine Wahlmanipulation nicht bestätigen konnten.

Jetzt bin ich wieder deprimiert und das gefällt mir auch nicht. Also schnell noch ein älteres Schramm-Video (zum Ende von Scheibenwischer) und siehe da, meine gute Laune ist wieder hergestellt und diesmal überwinde ich meine masochistische Neigung, diese wieder durch Pressemeldungen zu vermiesen.