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Du bist Deutschland

Ab Sonntag können wir eine neue Imagekampagne der Neoliberalen erwarten. Unter dem Slogan "Du bist Deutschland" wird dann jeder aufgefordert, etwas dafür zu tun, dass es Deutschland wieder besser geht.

Dabei ist es noch gar nich so lange her, da hat die Bundesregierung eine fast gleichlautende Imagekampagne gestartet, damals unter dem Namen "Ich bin Deutschland" und Clement startete ein Kampagne "TeamArbeit für Deutschland"!

Man sollte mal einen Selbstversuch starten und auf der Straße den Leuten sagen: Ich bin Deutschland oder alternativ Du bist Deutschland. Ich kann mir nur zwei Reaktionen von Leuten vorstellen, die von diesen Kampagnen noch nichts gehört haben:

  • Sie tippen sich kopfschüttelnd mit dem Finger an die Stirn und machen dann einen Bogen um mich
  • Sie rufen die Polizei und die buchtet mich in der Psychiatrie ein.

Was wird bezweckt mit solchen Kampagnen? Da stellen sich Leute hin, die scheinbar ihren Verstand in der Garderobe gelassen haben, weil sich ohne wesentlich besser Geld verdienen lässt und plappern wirres Zeug nach, dass ihnen von den Denkfabriken (Think Tanks) unseres Landes vorgekaut wird. Diese Denkfabriken wiederum arbeiten im Auftrag von Leuten, deren Gewinne steigen und die deshalb Arbeitsplätze abbauen müssen. Sie arbeiten für Leute, die Belegschaften zu unbezahlter Mehrarbeit und Lohnverzicht erpressen, indem Sie mit der Verlagerung des Unternehmens ins Ausland drohen. Sie arbeiten für Leute, die Ihr Einkommen geschickt an der Steuer vorbei navigieren und auf diversen Auslandskonten deponieren.

Die Verkünder dieser Weisheiten, die ja den eigenen Verstand nicht benutzen, weil damit das eigene Einkommen geschmälert würde, verwenden inzwischen ohne zu stottern die Begriffe aus dem neoliberalen Lehrbuch. Begriffe wie

  • Wirklichkeit
  • Realität
  • Anspruchsdenken
  • Kopf hoch, Deutschland (hat Deutschland überhaupt noch einen Kopf?)
  • Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen (das artet inzwischen in Epilepsie aus)
  • Die Vollkaskomentalität der Bürger
  • Weichenstellungen
  • Neiddebatten
  • Flexibilität
  • Eigenverantwortung und Eigeninitiative
  • und fast jeder Satz beginnt mit "Deutschland muss ....

Aber diesmal ist das ja alles ganz anders. Dieses Mal wird die Kampagne von den Medien initiiert und wir wissen ja alle, dass die Medien absolut unabhängig und neutral sind. Man hat mit der Kampagne "Du bist Deutschland" extra bis nach der Wahl gewartet, weil die Medien ja auch absolut überparteilich sind und keinesfalls die Wahl beeinflussen wollten. Also haben die Print- und TV-Medien sich zu "Partnern der Innovation" zusammengeschlossen und werden uns nun 4 Monate lang mit ihren Vorstellungen traktieren, wie sie sich eine "Aufbruchstimmung" in Deutschland vorstellen.

Das alles geschieht dann auch ganz uneigennützig. Die Medien verlangen kein Geld für die Kampagne und auch die Protagonisten, die uns dann mit Schlagworten (siehe zuvor) und schlauen Randbemerkungen, abgelesen vom nicht im Bild sichtbaren Monitor oder einfach als Unterstützer mit der Unterschrift bei den Zeitungsbeilagen bestätigt, darauf hinweisen werden, dass wir nur unsere Gier, unsere Faulheit, unsere Lethargie und was weiß ich noch alles überwinden müssen und damit zum Aufschwung beitragen können. Sicher wird man uns dann sagen, dass wir nur den kommenden Schrökelismus (benannt nach Anhard Schrökel) unterstützen müssen. Wäre nicht alles umsonst, hätte die Kampagne 30 Millionen Euro gekostet. Wir können uns dann auf bekannte Gesichter freuen. Ob nun Katharina Witt (hat sich gut angepasst, die früher überzeugte Sozialistin), Sandra Maischberger (die mit dem tiefsinnigen Spruch "Ein Schmetterling kann einen Taifun auslösen" die erste Plattheit bereits herausposaunte, Ulrich Wickert, (einer der Profis unter den Ablesern), Günter Jauch, (der natürlich bestens beurteilen kann, wie sich ein Rentner oder Arbeitsloser fühlt) und noch eingige mehr. Die Initiatoren waren die Vorstandsvorsitzenden der 25 größten Medienunternehmen und realisiert wurde die Kampagne von, wie könnte es anders sein, Bertelsmann und den Werbeagenturen Jung von Matt und Kempertrautmann.
Am Sonntag um 19:56 Uhr wollen ZDF und ARD mit der Ausstrahlung beginnen, um 20:13 Uhr folgen dann die Privaten. Ab dann werden wir erfahren, was wir zu tun haben und was wir besser lassen sollten. Hätte ich nicht meinen Fernseher bereits abgeschafft, würde ich ihn um diese Zeit ausschalten, weil ja die Sehbeteiligung das Non Plus Ultra für Erfolg oder Nichterfolg einer Sendung ist.

Ich weiß natürlich nicht, was man alles loslässt, aber sicher kommen wieder Sprüche wie die vom gierigen Rentner, der, statt rechtzeitig in die Kiste zu hüpfen, doch tatsächlich von seinen eingezahlten Beiträgen etwas zurück haben will und damit der noch ungeborenen Jugend die Nahrung klaut. Sicher werden die Arbeitslosen erfahren, dass sie eben nicht mit ihrem faulen Hintern bis 10:00 Uhr im Bett bleiben dürfen, sondern sich selbst intensiv um Arbeit bemühen müssen und vor allem, dass sie endlich auch wieder "arbeiten wollen" lernen müssen. Die Arbeitnehmer werden wohl aufgeklärt, dass auch sie für den Aufschwung Opfer bringen müssen, indem sie beispielsweise ein paar Stunden die Woche unbezahlt mehr arbeiten, und mal eine Zeit lang auf Erhöhungen der Einkommen verzichten. Ein Euro Jobbern wird man erklären, wie schön es doch ist, seine Würde wieder bekommen zu haben und dafür auch noch einen Euro in der Stunde bekommt. Mit anderen Worten, es wird nichts anderes geboten werden, als das bereits seit einigen Jahren geschieht, lediglich die Verpackung wird geändert, die Sätze ein wenig umgestellt und, was ja besonders schön ist, man muss nicht erklären, warum das hilft. Wir müssen nur die Botschaften aufnehmen und glauben.

Die Vortragenden machen das natürlich umsonst, wie schon gesagt, völlig uneigennützig.

Wirklich? Ich glaube, die Teilnahme an dieser Aktion wird neue Werbeverträge, neue Sendetermine oder neue Kolumnen bringen, kurz, sich für die Protagonisten auszahlen, eben auf kleinen Umwegen.

Früher wurden wir mit Slogans wie "Der Kunde ist König" in die Geschäfte gelockt. Zwar wurde uns diese Illusion schnell geraubt, aber mal ehrlich, haben wir nicht immer, bevor wir in ein Geschäft eingetreten sind, die virtuelle Krone aufgesetzt?

Nun heißt es: "Du bist Deutschland. Wird man sich da nicht groß und mächtig fühlen? Und voller Erwartung auf den Silberstreif am Horizont warten? Es wird einige Zeit dauern, bis man feststellt, dass der "Silberstreif" in den Schatztruhen der Reichen und Superreichen landet, bevor auch nur ein Splitter auf uns abfällt (ich weiß, dass ist nur der pure Neid).

Ich aber glaube, wir sind erst wirklich gemeint, wenn eine Kampagne gestartet wird, die die Überschrift "Du bist ein Narr" trägt. Bis dahin werden uns nach schönster Hollywood-Manier Illusionen vermittelt, mit denen wir uns identifizieren sollen. Der Aufschwung, der ist bereits seit Jahren ausschließlich für die Schatztruhen der Reichen im Gange. Während man uns Rezepte vermittelt, wie Wachstum und Arbeitsplätze geschaffen werden sollen, wird nach eben diesen Rezepten der Arbeitsmarkt, die Rentenkassen, die Gesundheitsvorsorge und der Staatshaushalt immer schneller und immer rigider weiter ruiniert.

Ja, es geht ein Ruck durch Deutschland, immer und immer wieder. Und jedes Mal fallen ein paar von uns hinten runter, wie man bei Siemens, bei VW, bei der Deutschen Bank, bei DaimlerChrysler, bei der Telekom, bei der Bahn und bei vielen anderen feststellen kann. Und jedes Mal sind die Aktienkurse gestiegen. Sind Sie doch selber Schuld, wenn sie nicht im Besitz eines großen Aktienpaketes sind.

Freuen wir uns also darauf, wenn wir ab Sonntag "Deutschland sind".