Agenda 2010 oder die Operation des Patienten Deutschland

Die Betrachtung der momentanen Situation in Deutschland sollte mal von einer Warte angegangen werden, die zwar schon öfter angesprochen, aber nie zu Ende gedacht wurde. Politiker aller Schattierungen haben Deutschland schon als Patienten betrachtet, der geheilt werden soll und die Maßnahmen der Agenda 2010 sollen diesen Heilungsprozess in Gang setzen. Aber wie das gemacht wird, erinnert stark an die Art, wie ein Kleinkind, das zufällig an eine Pillenschachtel gekommen ist, versucht Onkel Doktor zu spielen. Ohne jede Kenntnis der Wirkungsweise sollen bittere Pillen geschluckt werden, die den Patienten letztendlich noch kränker machen oder massakrieren.

Will jemand Arzt werden, muss er zunächst die Anatomie des Körpers kennen, dann, nach bestandenem Studium unter der Anleitung eines erfahrenen Mediziners ein Praktikum (Assistenzarzt) in einem Krankenhaus absolvieren, indem er anhand der Symptome eines Kranken eine Diagnose stellt. Der verantwortliche Arzt bestätigt die Diagnose,ergänzt sie evtl. um Details, oder macht auf die Fehler aufmerksam, die dem angehenden Mediziner unterlaufen sind.

Anders macht man es bei unserem Staat. Da machen sich beim Patienten Deutschland schon seit Jahren Krankheitssymptome bemerkbar. Die Diagnose wird von Leuten gestellt, die nicht nur diesen Job nicht gelernt haben, sondern sich auch offensichtlich noch nie Gedanken über die Anatomie eines Staates gemacht haben. Gelegentlich werden für die Diagnose Fachleute herangezogen, aber nur solche, die ihre Inkompetenz bereits unter Beweis gestellt haben. Kenntnisse werden nicht aufgrund kluger Diagnosen oder erfolgter Lernprozesse, sondern aufgrund einer Verbandszugehörigkeit unterstellt.

Wie die Anatomie aussehen müsste, kann ich allerdings auch nur subjektiv schildern. Für mich wäre das Herz der Arbeitsmarkt bestehend aus Agrarwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen und Handel. Die Durchblutung des Herzens wird durch den Blutkreislauf (Arbeitnehmer) sicher gestellt. Finanzwirtschaft und Kapitalmarkt sind Teile des Verdauungstraktes, Industrieverbände und Gewerkschaften haben die Funktionen von Leber und Nieren. Sie sind die Organe, die eigentlich den Körper Deutschland entgiften und die Nahrungs- und Getränkezufuhr sichern sollten. Import und Export sorgen für die Sauerstoffzufuhr.

Nun liegt er da, der Patient und klagt über Probleme und um ihn herum stehen die Quacksalber. Für eine ernsthafte Untersuchung fehlen ihnen die Kenntnisse. Das einzige, was ihnen einfällt, ist ein Aderlass (Agenda 2010). Das hat man schon immer so gemacht, wenn man nicht weiter wusste und mit jedem Male wurde der Aderlass stärker durchgeführt. Gleichzeitig werden zusätzlich Blutegel (WTO, GATS) aufgesetzt und blutverdünnende Mittel verabreicht (Krankenkassenreform, Arbeitsmarktreform, Rentenreform). Teile des Operationsgebietes werden dann in ein größeres Operationsgebiet verlagert (Europäische Union), wo weitere Quacksalber mit genau so wenig Ahnung bereitstehen.

Der Aderlass, die Blutegel (Rogowski, Hundt, Ulla Schmidt, Wolfgang Clement und viele mehr) und die blutverdünnenden Mittel unterbinden die Sauerstoffzufuhr zum Herzen (Arbeitsmarkt), immer größere Teile des Gewebes sterben ab und der Infarkt ist vorprogrammiert. Dann endlich können unsere Quacksalber eine eindeutige Diagnose stellen: Operation gelungen, Patient tot!

Ernsthaft betrachtet muss man sich doch fragen, was eigentlich passiert. Unsere Marktwirtschaft schimpft sich zwar immer noch soziale Marktwirtschaft, aber diesen Anspruch hat sie längst auf dem Altar der Gier geopfert. Heute ist es purer Raubtierkapitalismus. Alle verantwortlichen Organe dieses Staates beten die immer wieder gleiche Leier herunter: Wir müssen die Wirtschaft stärken, damit wieder Wachstum entsteht. Wie kann man aber bei gesättigtem Markt weiteres Wachstum erzeugen? Schafft sich der Käufer weitere Fernseher an, um dem Wachstum gerecht zu werden? Die Antwort liegt woanders, es beginnt ein Verdrängungswettbewerb. Um eroberte Marktanteile zu halten und auch noch Wachstum zu demonstrieren, muss man kleinere Unternehmen aus dem Wettbewerb drängen. bei der Wahl der Mittel ist man dabei nicht zimperlich. Hinter den Kulissen der Öffentlichkeit wird mit brutalsten Mitteln agiert, auch illegalen. Kleine und mittelständische Unternehmen bleiben dabei auf der Strecke. Am deutlichsten erkennbar wird das im Lebensmittelhandel. Über 90 Prozent liegt bereits in den Händen von Aldi, REWE, Tengelmann, Spar, Lidl und Wall Mart. Ein Wachstum auf diesem Sektor ist nicht mehr möglich, also weicht man auf Bereiche aus, die nicht zum eigentlichen Kerngeschäft, dem Handel mit Lebensmittel gehören. Wie eine Krake strecken diese Unternehmen nun die Fangarme nach anderen Bereichen aus und nichts ist vor ihrer Gier sicher. Computer, Fahrräder, Wäsche Geschirr und und und...

Gleichzeitig versuchen sie, die Konkurrenz aus dem Geschäft zu drängen, indem sie sich gegenseitig unterbieten (zur zeit ganz konkret bei den Discountern Lidl und Aldi). Die Folgen sind klar absehbar, wir konnten Sie im Lebensmittelmarkt schon einmal beobachten. Alle kleinen Unternehmen werden in den Konkurs getrieben oder billig aufgekauft, Personal auf die Straße gesetzt, die Marktsegmente auf billig festgezurrt. Der Käufer hat keinen Einfluss mehr auf das Warenangebot. Diese Unternehmen operieren inzwischen weltweit und zerstören mehr und mehr alles, was sich ihnen in den Weg stellt oder aus ihrer Sicht nicht brauchbar ist. Sie arbeiten wie Viren, erst an die Rezeptoren (preiswerter Kauf) andocken, dann die Zerstörung beginnen. Was unsere Regierungen als Wachstum preisen, ist in Wirklichkeit Zerstörung. Für den Profit von ganz Wenigen wird nicht nur von unserer Regierung alles geopfert. Wohin man schaut, die Symptome sind gleich, nicht immer in der gleichen Ausprägung, aber sie sind da. Kurzzeitig profitiert der Käufer von solchen Geschäftspraktiken durch Preisvorteile. Dafür hat er später gegen das Preisdiktat von den Marktbeherrschern keine Chance.

Deshalb, lassen Sie sich nicht täuschen. Was man Ihnen als Experten serviert, sind Quacksalber, die zumeist mit dem Untersuchungsauftrag schon gesagt bekommen, was sie zu finden und zu sagen haben. Und WIR sind das ausführende Organ. Mit Schlagworten wie "Geiz ist geil" oder "Media Markt, ich bin doch nicht blöd" lockt man uns dazu, nur auf die Preise zu achten. Ist doch egal, dass die Produkte aus dem Ausland kommen und der deutsche Hersteller Konkurs angemeldet hat. Erst, wenn wir dann plötzlich selbst auf der Straße stehen, sehen wir die Ungerechtigkeit des Systems, nicht aber unseren Anteil daran. Wir steuern uns selbst in den Untergang, weil wir nur auf das hören, was man uns vorbetet und meist zu bequem sind, uns mit den Zusammenhängen zu befassen, die tatsächlichen Fehler zu erkennen und mit dem eigenen Verhalten gegen zu steuern.

WIR, wer ist das? Das sind SIE, Hilfsarbeiter, Straßenfeger, Müllmann, Arbeiter und Arbeiterinnen, Angestellte, Selbständige etc. WIR, dass sind die Leute, die mit Ihrem Fleiß, mit ihren Ideen, mit ihrer Schaffenskraft die Unternehmen erst zu dem gemacht haben, was sie heute sind. WIR, dass sind die Leute, die bei den Wahlen die Quacksalber erst in die Position gebracht haben, dass sie uns ausbeuten und sich selbst bereichern können.

WIR, das ist die Masse, sind die Menschen, die sich ständig ausbeuten lassen, die man herumschubst, die man nach Belieben in die Armut stürzt. Das geht nur, weil wir ängstlich und feige sind, nicht bereit, zu erkennen, dass wir die wirkliche Macht sind, wenn wir uns solidarisieren. Dazu müssen wir unsere Ohren nur weit öffnen und alles hören, was man uns sagt, nicht nur das, was gesprochen wird, sondern auch das, was nicht gesagt, aber zwischen den Zeilen steht. Aber wir dürfen es nicht aufsaugen wie ein Schwamm und es als der Weisheit letzten Schluss betrachten, sondern müssen es filtern durch unsere eigenen Vorstellungen, unser eigenes Wissen. Dann werden wir sehen, was übrig bleibt sind leere Worthülsen, inhaltloses Geschwätz, nur dazu aufgebracht, uns gefügig zu machen und uns wieder in das Heer der ahnungslosen und nicht denkenden Masse einzureihen. Nur dann sind wir manipulierbar.

Wollen Sie das?